Henryk M. Broder / 03.07.2007 / 23:20 / 0 / Seite ausdrucken

Horst-Eberhard, die Friedfertigen, die Friedlosen und ich

Ausgerechnet ein achgut-Leser aus Brasilien schickt mir einen Link zu einem Artikel in der FR, der kleinsten Qualitätszeitung der Welt, und fragt, ob ich ihm sagen könnte, warum der Aufsatz von Horst-Eberhard Richter mit einem Bild von mir illustriert wird, obwohl ich in dem Text nicht genannt werde. Ich kann nicht, denn erstens lese ich die FR nur, wenn ich den Grevenbroicher Anzeiger nicht bekommen kann, und zweitens soll doch die FR Texte von Richter bebildern, womit sie mag, sie werden dadurch weder besser noch schlechter. Aber dann, von Eitelkeit und Neugierde getrieben, schleiche ich mich doch zur Papiertonne im Hof,  denn ich weiß, im „Gartenhaus“ wohnt ein GEW-Lehrer, der die PDS wählt und die FR abonniert hat. Und tatsächlich, nach kurzem Wühlen finde ich die FR vom 13.6. und da auf Seite 34 den Richter-Text: „Die Krankheit der Friedlosigkeit“. Im Vorspann steht: „Kinder, die gedemütigt werden, entwickeln als Erwachsene oft Selbsthass. Den bekämpfen sie, indem sie andere verletzten.“
Bis dahin nahm ich an, H.E. Richter würde über Carlos, Christian Klar oder Osama Bin Laden schreiben – wie sie wurden, was sie sind. Als Kinder gequält und gepeinigt, als Erwachsene grausam und gnadenlos.
Aber dann ging es mit diesem Satz weiter: „Dieser Mechanismus greift auch in der Auseinandersetzung mit dem Islam.“ Es musste also eine Analyse der Befindlichkeit von G.W. Bush, T. Blair und Charles Manson sein.
Der Artikel war mit drei Bildern illustriert, einem großen und zwei kleinen. Das große Bild zeigte einen knienden Moslem, die Hände zum Gebet gefaltet, unter dem Bild stand: „Feindseligen ist der Friedfertige ein Dorn im Auge: Betender in Afghanistan“.  So also verbringt der Bilderbuch-Afghane seinen Tag: mit Beten. Und deswegen ist dieser Friedfertige den Feindseligen ein Dorn im Auge.
Darunter war „Der Autor“  zu sehen: „Horst Eberhard Richter ist Psychoanalytiker. Der emeritierte Professor ist einer der Pioniere psychoanalytischer Familienforschung und -therapie, Mitbegründer der deutschen Friedensbewegung und Autor zahlreicher Bücher.“
Und darunter war noch ein kleines Bild, auf dem ich mich erkannte. Neben dem Bild stand: „Henrik M. Broder schreibt häufig polemisch über den Islam. Mit seinen Thesen setzt sich Richter kritisch ausein- ander, ohne den streitbaren Autoren allerdings beim Namen zu nennen. Broder erhält am 24. Juni in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis. Die Ehrung ist umstritten, weil er mit seinen Texten stark polarisiert. Der Focus-Herausgeber Helmut Markwort hatte ihn für den Preis nominiert.“
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/dokumentation/?em_cnt=1153218&em_cnt_page=1
Dass die FR ihre Leser darüber informierte, über wen Richter schrieb, ohne den Gegenstand seiner morbiden Zuneigung beim Namen zu nennen, fand ich mehr als fair, aber war es wirklich nötig, meinen Vornamen falsch zu schreiben? Schließlich hat nicht jeder das Glück, Horst-Eberhard zu heißen. Ein wenig seltsam fand ich auch, dass die FR, die gerne meinungsstark und meinungsbildend sein möchte, offenbar der Ansicht ist, nur Autoren, die nicht polarisieren, sollten mit Preisen geehrt werden.
Denn Richter polarisiert nicht. Er bedient eine Klientel, die „Frieden“ sagt und „Unterwerfung“ meint und die sich mit jedem Taliban arrangieren würde, nur um in Ruhe „Wetten, dass…“ zu Ende sehen zu können. Richter beschäftigt sich nicht nur mit der Psyche der „krankhaft Friedlosen“, die hassen müssen, „um nicht vom verdrängten Selbsthass aufgefressen zu werden“,  er sagt auch, wie es der aggressive Westen immer wieder schafft, die Friedfertigen so weit zu bringen, dass sie ausrasten müssen. Nämlich so:
„Der Westen panzert sich mit immer neuen Sicherheits- und Überwachungsgesetzen. Gleichzeitig weidet er sich an der im Schutz der Pressefreiheit entfachten islamischen Wut über den vielfachen Nachdruck der Bilder, die Mohammed als Terroristen karikieren. “Wir kommen in die Hölle, wenn wir dagegen nichts tun!”, soll einer der beiden libanesischen Kofferbomben-Attentäter von Köln zu seinem Mittäter gesagt haben - laut NDR-Magazin Panorama, das den einen Täter in Beirut interviewen konnte. Also hatte die westliche Provokation funktioniert, aber mit welchem schrecklichen Risiko!“
Ja, das ist Psychoanalyse auf Al-Kaida-Niveau. Schon auf die Einladung zu einem friedlichen Dialog auf gleicher Augenhöhe, die am 11.9.2oo1 in New York per Luftpost ankam, hat der Westen aggressiv reagiert. Seitdem panzert er sich mit immer neuen Sicherheits- und Überwachungsgesetzen und macht es Ärzte-Kollegen von Dr. Richter extrem schwer, ihre humanitären Missionen in die Tat umzusetzen. Derweil er sich an der islamischen Wut „weidet“, die er selbst „entfacht“ hat, indem er Kofferbomber-Attentäter vor die Alternative stellte: Hölle oder Inter-Regio.
Richter seinerseits hat schon immer das akademische Mittelmaß verkörpert, das seine Relevanz aus dem „Engagement“ der Protagonisten bezog.  Deswegen wird er immer wieder als „Mitbegründer der deutschen Friedensbewegung“ genannt. Das ist nicht viel, aber allemal mehr als sein wissenschaftliches Oeuvre hergibt.
Nachdem ich den Text über die Friedfertigen und die Friedlosen gelesen hatte, fiel mir die einzige Begegnung ein, die ich mit Richter hatte. Es war zur Zeit des ersten Golfkrieges, wir waren beide Gäste in einer Talk-Show des SFB. Danach gab es das übliche gesellige Zusammensein in einer Kneipe, bei dem all das gesagt wurde, was uns in der Sendung nicht eingefallen war. So plauderten wir hin und her, bis ich bemerkte, den Europäern wäre es nur recht, wenn Saddam den Job vollenden würde, den die Nazis nicht zu Ende bringen konnten, die nächste Endlösung der Judenfrage würde im Nahen Osten stattfinden.
Worauf Frau Richter, die ihren Mann auch ins Studio begleitet hatte, ausrastete. Sie bekam einen Wein- und Schreikrampf, der einige Minuten anhielt. Horst-Eberhard saß ihr gegenüber, er hätte nur aufstehen und um den halben Tisch gehen müssen, um seine Frau zu beruhigen. Er tat es nicht. Ganz friedfertig saß er da und wartete ab, bis sie sich ausgeweint hatte.

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