Quentin Quencher / 14.03.2016 / 11:00 / 0 / Seite ausdrucken

Du Miststück. Meine Depression und ich.

Als ich Alexander Wendts neues Buch aus seiner Verpackung befreite, tat ich dies mit leicht zittrigen Händen. „Du Miststück“ heißt es, „Meine Depression und ich“ erklärt der Untertitel. Ja, es betrifft auch mich, auch ich habe so ein „Miststück“ an der Backe. Jetzt ist es raus. Und nun kann ich nicht über dieses Buch berichten, ohne auch gleichzeitig von mir zu erzählen. Zumindest am Anfang dieses Textes, am Ende spiele ich keine Rolle mehr, dann rückt das Buch wieder in den Mittelpunkt, denn je mehr weiter ich darin las, um so ruhiger wurden meine Hände. Ich will versuchen diese Wandlung von der nervösen Aufgeregtheit hin zu einem Lächeln zu beschreiben.

Ziemlich am Anfang beschreibt der Alexander - ich duze ihn jetzt ganz einfach und nenne nur den Vornahmen, in der Klapse machen das Patienten auch so - einen Baum, eine Eiche, die von weitem „dicht belaubt und kraftvoll“ erscheint. Aus der Nähe aber ist zu erkennen, dass eine wilde Weinranke den ganzen Baum überwuchert. Es sind eigentlich zwei Wesen.

Klick machte es in meinem Kopf, ich kann hier nicht weiter lesen, so dachte ich. Mein Baum kommt mir in den Sinn. Eine einsame Buche auf einer leichten Anhöhe zwischen Wolfschlugen und Grötzingen. Kein Wein oder etwas ähnliches stört diesen Baum, kraftvoll steht er in der Landschaft. Falls ich mich mal aufhängen will, so dachte ich oft wenn ich dort vorbeikam, dann ist das ein schöner Baum dafür. Dann aber wurde dieser Platz, mit der alten Bank unter dem Blätterdach, zum Lieblingsrastort einer meiner Töchter. Eine Geschichte über Feuerkäfer erzählte sie mir, und wie diese gegen die Spinnen kämpfen. Irgendwelche rote Käfer, vielleicht sind es Asseln, die dort am Stamm krabbelten, faszinierten sie.

Von da an war der Baum als Ort meines Finales gestorben. Von nun an wollte ich nur noch verschwinden, mich im Nichts auflösen, um mit meinem Tod nicht irgendwelche mir nahestehenden Menschen zu belasten. Dass solche Gedanken bei Depressiven völlig normal sind, ahnte ich wohl, bei Alexander konnte ich es nun nachlesen. Und viel mehr noch, von berühmten depressiven Person wird berichtet, von Churchill bis Kierkegaard, mit ihren teilweise schrulligen Eigenheiten, über die wir heute lachen, die das selbst aber sicher gar nicht lustig fanden. Es waren jeweils nur Verhaltensweisen um mit ihrem ganz persönlichen Miststück fertig zu werden.

Überhaupt, das Buch ist voll gespickt mit Infos. Über Medikamente, das Prozedere in einer psychiatrischen Klinik oder die Geschichte der Depression, wie sie früher wahr genommen wurde, welche Behandlungsmethoden es gab, und Vergleiche zu Riten und Techniken in den Religionen. Nur, um ehrlich zu sein, dies fällt mir erst jetzt auf, während des Lesens nicht, da diese Infos in die Geschichte des Alexander Wendt eingewoben sind. Am Anfang machte ich mir noch Notizen, markierte Textstellen, schließlich wollte ich ja eine Rezension schreiben. Ist das hier eine Rezension? Ich habe keine Ahnung, ich weiß nicht wie man Rezensionen schreibt und berichte einfach.

Die letzte Markierung ist auf Seite 73, danach habe ich mir auch keine Notizen mehr gemacht. Die Geschichte des Alexander Wendt und sein Kampf mit seinem Miststück zog mich so in den Bann, dass ich vergaß was ich vorhatte. Eigentlich kann das Buch als Roman gelesen werden, es fehlt nichts, insbesondere die Komik nimmt einen besonderen Platz ein. Das Miststück auslachen, Alexander kann das. An den kleinen Tricks, durch die ihm das gelingt, lässt er uns teilhaben.

Heute noch werde ich meinen Baum aufsuchen, die Buche mit den Feuerkäfern, und ich werde lächeln über meine früheren düsteren Gedanken dort. Natürlich werde ich auch meine Tochter in den Arm nehmen, die mich wahrscheinlich mit ihrer Geschichte vom Kampf der Feuerkäfer mit den Spinnen vor dummen Handlungen bewahrt hat. Alexanders Buch hat mich sehr bewegt, ich danke ihm dafür.

Alexander Wendt: Du Miststück. Meine Depression und ich

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