Gunnar Heinsohn / 14.08.2015 / 15:25 / 8 / Seite ausdrucken

Afrikanerpolitik: Wie wäre es mit ein paar nüchternen Zahlen und Fakten?

Von 1977 bis 1995 ist Jacques Chirac Bürgermeister von Paris und regiert dann bis 2007 Frankreich. Schon im Juni 1991 beklagt er das Schicksal seiner Nation, die – wie Nicolas Sarkozy 2007 ergänzt – die Immigration wie eine Invasion „erleide“ und deshalb auf eine „selektive Einwanderung“ (immigration choisie ) umschalten müsse:

„Nicht Ausländer sind unser Problem, sondern ihre Überdosierung. […] Es macht einfach weniger Probleme, Arbeiter aus Spanien, Polen und Portugal bei uns zu haben, als Muslime und Schwarze. […] Ein französischer Arbeiter mit seiner erwerbstätigen Frau hat 15.000 Franc […] und sieht im Treppenhaus […] eine Familie mit Vater, drei bis vier Frauen und zwanzig Sprösslingen, die zusammen 50.000 Francs als Sozialhilfe beziehen. Wenn man dann noch den Lärm und den Geruch hinzunimmt, muss der französische Arbeiter einfach ausrasten. […] Es ist keineswegs Rassismus, das anzusprechen. Wir haben einfach nicht mehr die Mittel, um die Familienzusammenführungen zu bezahlen“ .

Europaweit empören diese Sätze und Frankreich zahlt weiter. Allerdings springen von 1991 bis 2015 auch die Staatschulden von 35% auf 95% des Bruttoinlandsprodukts und viele der Sprösslinge von damals leben von Hilfe oder kämpfen gar für das Kalifat. Am 9. August 2015 liefert Großbritanniens Außenminister Philip Hammond aus Singapur ein Interview, das im Duktus eigenständig ist, in der Sache aber eng bei Chiracs Drehbuch bleibt:

„So lange zu allem entschlossene Migranten dort [in Calais] marodieren, ist der Tunnel bedroht. […] Diese Situation halten wir nicht durch. Europa kann sich nicht schützen. Es kann seinen Lebensstandard und seine sozialen Errungenschaften nicht bewahren, wenn es Millionen afrikanische Migranten absorbieren muss“ .

Vor einem Vierteljahrhundert, als der Konservative Chirac spricht, treibt Margareth Thatcher die britische Staatsverschuldung auf 32 Prozent herunter. Heute wird Frankreich sozialistisch geführt und ist moralisch zutiefst erschüttert über das einmal mehr konservativ regierte London, wo Premier David Cameron Migranten sogar mit dem Skandalwort „Schwarm“ belegt. Der schlage in Form von Meteoriten doch von oben zu und reise – wie Kommentatoren spotten – nicht aus dem Untergrund an. Als Heuschreckenwolke, die alles Lebenswichtige rastlos verzehre, sei das Wort noch widerwärtiger und ebenfalls unzutreffend, weil man doch immer noch in Saus und Braus lebe. Doch ächzt bei allem Groll zwischen den Hauptstädten jetzt auch London unter einer Staatsverschuldung von 93 Prozent.

Als schändlich gelten Camerons Sorgen auch in Deutschland, wo man allein 2015 eine halbe Million Flüchtlinge erwartet . Was seien dagegen die 24.000 Asylanten, die 2014 England erreichen? In Calais strebten lediglich 3.000 Mann in den Kanaltunnel, während man zwischen Rhein und Oder alle sieben Tage 10.000 Fremde zusätzlich aufnehme. Leicht reden habe Berlin, mögen die Verbündeten denken. Schließlich steigt die bundesdeutsche Staatsverschuldung zwischen 1990 und 2015 „nur“ von 536 Milliarden auf 2,2 Billionen €uro (48% auf 71 % BIP).

Sind die ehemaligen Kolonialherren womöglich besser informiert über den Schwarzen Kontinent als Berlin? Schnellt auch im gefürchteten Afrika etwas nach oben, während die Schulden der 500 Millionen EU-Europäer explodieren? Durchaus! So klettert die Bevölkerung von gut 600 Millionen seit Chiracs Einlassungen auf knapp 1,17 Milliarden bis zu Hammonds Interview. 2050 sollen es 2,4 Milliarden sein. Möchten heute aus dem afrikanisch-arabischen Raum rund 540 Millionen Menschen auswandern, wollen dann 950 Millionen weg, falls die für 2009 erhobenen Wanderungswünsche (Subsahara 38%; arabischer Bogen 23% ) nicht weiter ansteigen. Wahrscheinlich ist das bei Kriegsindex-Werten zwischen 3 und 7 nicht. Auf 100 Alte (55-59 Jahre) folgen dabei nicht 70 oder 80 Pazifisten (15-19 Jahre) wie in Deutschland oder Österreich, sondern 300 bis 700 wütende Jünglinge. Sowie die zur Gewalt greifen, transformieren sich ihre Mitbürger aus potentiellen Wirtschaftsflüchtlingen zu völkerrechtlich geschützten Asylberechtigten aus Kriegsgebieten.

Aufschlussreicher für die Prognose zukünftiger Wanderungen ist die Jugend unter 18 Jahren, die den Lebenskampf noch vor sich hat. Allein im Subsahara-Raum umfasst sie heute 540 Millionen (24% Weltanteil), während für 2050 eine Milliarde erwartet wird (37%). Bei den Kindern unter 5 Jahren sollen 2050 bereits zwei Fünftel der Menschheit afrikanisch sein . Das liegt nicht allein an Geburtenraten von (2015) immer noch 4,7 pro Frauenleben (D: 1,4), sondern auch an der fallenden Kindersterblichkeit. Die stetig verbesserte medizinische Versorgung soll das Durchschnittsalter von 45 Jahren (1970) über 60 (heute) auf 70 gegen 2050 heben .

2007 – Sub-Sahara-Afrika hat 790 Millionen Einwohner – will Sarkozy die Europäische Union auf einen gemeinsamen Kurs zur Abschottung ihrer Außengrenzen einschwören. Er scheitert. 2015 steht Sub-Sahara-Afrika bei 910 Millionen Einwohnern. Das sind seit 2007 sieben Niederlande zusätzlich. Die Subsahara-Staaten exportieren – zumeist mit Fremdhilfe abgebaute Rohstoffe – im Preis von 350 Milliarden Dollar (2014 ) und schaffen damit nur gut die Hälfte der 17 Millionen Niederländer (670 Mrd. Dollar ). London ahnt, dass niemals weniger, sondern immer nur mehr Afrikaner von Europa träumen und Cameron kappt die Zugänge auf die Britischen Inseln. Er will nicht scheitern, weil er die 2016er Volksabstimmung über ein Verbleiben seines Landes in der EU gewinnen möchte.

England kann aufgrund seiner Insellage Illegale durch Einsatz der Staatsgewalt zurückhalten und zugleich Gegendruck ins Leere laufen lassen. Das dürfte vor allem osteuropäische EU-Mitglieder weiter ermutigen, sich ebenfalls gegen die ihnen zugedachten Aufnahmequoten zu wehren. Für die verbleibenden Westeuropäer müssen die Quoten entsprechend hochgefahren werden. Ob dann in Angriff genommen wird, was man Sarkozy vor acht Jahren verwehrt?

Wer auf ein Einknicken Londons hofft, übersieht den dort heiß im Nacken verspürten Atem aus Übersee. Denn kein westeuropäisches Land verliert mehr Kompetenz als Großbritannien mit seinen 64 Millionen Einwohnern. Dabei geht es nicht um die gut 600.000 Pensionisten in Südeuropa. Schmerzhafter wirken die 2,3 Millionen in den ehemaligen Kronkolonien Australien, Kanada und Neuseeland. Diese Kompetenzfestungen (Grenzen offen nur für Könner und militärisch gesichert) suchen bis 2050 rund 25 Millionen Neubürger und lassen nicht nur aus Europa, sondern auch aus Afrika nur Leute herein, die mit ihrer “Kreativität, Energie und Produktivität das Wirtschaftswachstum”  vorantreiben können. Aus seiner Pigmentierung soll niemand Vorteile ziehen dürfen. Am kühnsten träumt Australien, das– bei einer ungenügenden Geburtenrate von 1,77 (2014) – von 24 auf 35 Millionen zulegen will . Kanada (1,59 Kinder pro Frauenleben) – strebt von 36 auf 50, Neuseeland (2,05) von 4,5 auf 5 Millionen.

Kann das alte Mutterland seinen Lebensstandard und den Frieden seiner Städte nicht bewahren, braucht es lediglich einen etwas längeren Umzug für das Erreichen sicherer Häfen. Hoffen können darauf allerdings nur Qualifizierte, vor deren Abwanderung London mit allem Recht zittert. Eben deshalb will es jetzt selbst Kompetenzfestung werden. Falls die Inseln ihre Attraktivität für die eigenen Leistungsträger zurückgewinnen, werden sie auch für Suchende auf dem Kontinent interessant. Dort dürfte das Auseinanderdriften der Unbeweglichen und der Zukunftsverteidiger erst richtig Fahrt aufnehmen.

Leserpost (8)
Julian Huber / 17.08.2015

Herr Hallmoser, Inwiefern ist denn Bevölkerungsdichte ein relevanter Faktor für irgendentwas. Zieht unsereiner aufs Land nur weil es dort viel Platz gibt. Das Problem das Heinsohn anspricht ist die rasche Vermehrung, die durch schlechte “Jobchancen” Emigrationsdruck verursacht. Den dortigen (paar wenigen) Milliardären die sie ansprechen kann das Schicksal ihrer, wie sie sagen “schwarzen Brüder” nur egal sein. Was sollen die denn machen mit einem “Volk”, das bis 2050 von einer auf zweieinhalb Milliarden anschwillt. Ansonsten gebe ich ihnen vollkommen recht. Woher kommt der “kollektive Wahn”, wie sie sagen, zu glauben, man könne unsere oder deren Probleme auch nur tangieren, indem man da ein paar aufnimmt. Heinsohn plädiert schon länger dafür die Grenzen nach da unten dicht zu machen und nur noch “nützliches Personal” zu rekrutieren, bestenfalls über die Botschaften, die wir dort unten ohnehin schon haben. Unsere politische Öffentlichkeit versagt ganz erbärmlich, wenn sie diese Sache nur mit geheucheltem Mitleid hinnimmt. Die einzige “Erklärung” die mir dafür einfällt nennt sich Sozialindustrie. Was halten sie davon.

Gernot Meyer / 15.08.2015

Herr Heinsohn liefert immer wieder beeindruckende nackte Zahlenwerke. Und vielen ist klar, daß die ungefilterte Migration in einer Katastrophe enden wird. Die große Frage ist: woher kommt der unbedingte Wille zur kollektiven Selbstvernichtung?  Der keine Argumente kennt, sondern offenbar nur ungehemmten Selbsthaß.

Edward Shell / 15.08.2015

Sarkozy:“Wenn man dann noch den Lärm und der Geruch hinzunimmt, muss der französische Arbeiter einfach ausrasten.” Ich erinnere mich an ein kurzes Pressestatement vom RECHTSpolitischen Sprecher der CSU-Fraktion, Hans-Peter Uhl, der mit angewiderter, hassverzerrter Mine fast das gleiche aber noch ungleich widerwärtiger, äußerte. Leute,die solche Sachen an die Öffentlichkeit geben,sind Nazispinner. Ebenso die,die sowas in seriöser Weise zitieren. Soweit meine Einschätzung…

Julian Huber / 15.08.2015

“Die stetig verbesserte medizinische Versorgung soll das Durchschnittsalter von 45 Jahren (1970) über 60 (heute) auf 70 gegen 2050 heben.” Da muss ein Fehler drin sein. Nigeria beispielsweise hat heute ein Medianalter von etwa 18 Jahren. Selbst Deutschland liegt momentan bei etwa 45. Ansonsten der gewohnte wirtschaftsdemographische Blickwinkel Heinsohns; eine von Fakten her geschriebene Analyse, der man letztlich kaum etwas entgegensetzen kann. Gerade eine gemeinsame Grenzpolitik der EU-Staaten erscheint als Kernaufgabe, mit der diese “europäische Idee” enorm an Glaubwürdigkeit gewinnen könnte. Die Zitate aus den Politikerinterviews überraschen mich doch durch ihre Deutlichkeit, sind allerdings, wie der Autor anmerkt, aus dem vergangenen Jahrhundert. Wäre soetwas hierzulande von Politikern in Spitzenpositionen auch nur denkbar.

Marcus Junge / 14.08.2015

Und was haben die Verbrecher Chirac und Sarko dann gemacht? Die Flutung des Landes lief unter Chirac so richtig zu großer Form auf, dabei lag es ja wohl in seiner Hand dagegen tatsächlich Maßnahmen zu ergreifen. Und Sarko? Bei der EU abgeblitzt, bombardiert er also aus Frust Libyen und öffnet daher die Schleusen für den Massenzustrom über das Mittelmeer? Außerdem greift die Sache mit der “EU ist schuldig” viel zu kurz. Gerade damals lagen noch viele Kompetenzen in den Ländern und nicht in Brüssel. Die haben die Verbrecher ja erst nach Brüssel abgegeben. Es beklagt sich also ein Teil der Ursache über die eigene Wirkung. Das sollte man immer bedenken.

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