Henryk M. Broder / 28.10.2012 / 17:35 / 0

Der Pawlowsche Leser

Einige meiner treuesten Leser verhalten sich wie die Pawlowschen Hunde. Das war schon beim SPIEGEL so, und das ist auch bei der WELT nicht anders. Sie denken Tag und Nacht rund um die Uhr an die entrechteten Palästinenser, leiden mit ihnen und versäumen keine Gelegenheit, sich mit den Opfern der zionistischen Unrechtspolitik zu solidarisieren. Am liebsten würden sie das nächste Schiff nach Gaza besteigen oder den nächsten ICE nach Hebron. Aber sie tun es nicht, denn sie haben daheim eine wichtige Aufgabe zu erfüllen - irgendjemand muss die Welt über die Verbrechen der Zionisten aufklären.

Nun schreibe ich ab und zu über den Kampf um Palästina, die Israelis, die Araber und deren Verbündete. Und ich freu mich jedes Mal schon im voraus über den Shitstorm, der dann losbricht, zeigt er doch, dass die Deutschen aus der Geschichte gelernt haben. Sie achten darauf, wie Wolfgang Pohrt mal geschrieben hat, dass die Juden nicht rückfällig werden. Zum Beispiel so. Aktuell gibt es nach Angaben des UN-Flüchtlingskommissars weltweit etwa 50 Millionen Flüchtlinge. Aber nur die etwa 800.000 vertriebenen Palästinenser, deren Zahl sich seit Ende der 40er Jahre auf eine wundersame Weise verfünffacht hat, lassen Franz Alt nicht schlafen, Norbert Blüm nicht kegeln, Rupert Neudeck nicht schweigen und Konstantin Wecker nicht schnaufen. Obwohl die Palästinenser die einzigen Flüchtlinge sind, um die sich eine spezielle Agentur kümmert, während alle anderen Flüchtlinge vom United Nations High Commissioner for Refugees betreut werden. Der übrigens den Begriff “Flüchtling” viel enger auslegt als seine Kollegen bei der UNRWA, die umso mehr Mitarbeiter beschäftigt, je mehr Flüchtlinge sie versorgen muss.

Aber das ist es nicht, was meine Pawlowschen Leser umtreibt. Sie reagieren direkter. Schreibe ich z.B. über Island, raten sie mir, mich mit dem Schicksal der Kinder in Gaza zu beschäftigen, die kein Pferd haben. Schreibe ich über polnische Delikatessen in Krakau, werde ich daran erinnert, was es alles in Nablus nicht gibt. Ich kann schreiben worüber ich will, die Pawlowschen Leser finden immer einen Weg nach Palästina. Wenn sie nicht darüber räsonieren, ob ich für den Mossad oder die CIA unterwegs bin. Zuletzt habe ich über eine Kleinstadt in West Virginia geschrieben. West Virginia hat, wie wir alle wissen, eine lange gemeinsame Grenze mit Deutschland auf der einen und Israel auf der anderen Seite. Und deswegen ist es nur logisch, dass der Pawlowsche Leser gleich zur Sache kommt:

Wusstet Ihr das Mr.Broder 3 fach Staatsbürger ist?? warum wird es bei diesem Menschen zugelassen und bei anderen nicht?? Vielleicht weil Jude undso, damit Freifahrtschein??

Jeder Jude hat Recht auf die israelische Staatsangehörigkeit. Das gilt nicht für Christen oder Muslime. Selbst die Menschen die aus ihren Dörfern vertrieben wurden haben nicht dieses Recht.

Da muss ich was klarstellen. ich habe nicht drei Pässe sondern drei Dutzend. Demnächst kommt noch einer aus Costa Rica dazu. Und der bayerische Ministerpräsident Seehofer hat mir außerdem die Ehrenbürgerschaft des Freistaates versprochen.
Aber das ist noch streng geheim.

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