Gastautor / 22.04.2021 / 06:08 / Foto: Pixabay / 71 / Seite ausdrucken

Wer ist leichtgläubiger: Feine Leute oder gemeines Volk?

Von Rob Henderson.

Beim Argumentieren benutzen viele einen Trick. Man muss nicht unbedingt beweisen, dass etwas falsch ist. Man muss nur zeigen, dass es mit einem niedrigen sozialen Status verbunden ist. Umgekehrt funktioniert es auch: Man muss nicht beweisen, dass etwas wahr ist. Man muss nur zeigen, dass es mit einem hohen sozialen Status verbunden ist. Und wenn Menschen mit niedrigem Status die Wahrheit sagen, verbessert es den eigenen Status, zu lügen.

In den 1980er Jahren entwickelten die Psychologen Richard E. Petty und John T. Cacioppo das „Elaboration Likelihood Model“, um zu beschreiben, wie das Überzeugen funktioniert. „Elaboration“ bedeutet hier, wie sorgfältig eine Person über eine Information nachdenkt. Wenn die Motivation und die Fähigkeit zum sorgfältigen Denken vorhanden sind, ist die „Elaboration-Wahrscheinlichkeit“ hoch. Das bedeutet, dass Menschen wahrscheinlich auf die relevanten Informationen achten und Schlussfolgerungen ziehen, die auf der Stärke der Argumente oder der Botschaft beruhen. Wenn die Wahrscheinlichkeit einer Elaboration hoch ist, ist eine Person bereit, ihre kognitiven Ressourcen zu verwenden, um ihre Meinung zu überdenken.

Zwei Wege des Überzeugens

Die Theorie ist, dass es zwei Wege oder zwei „Routen“ gibt, um andere zu überzeugen. Der erste Typ, der als „zentrale“ Route bezeichnet wird, beruht auf einer sorgfältigen und umsichtigen Abwägung der Botschaften, die wir hören. Wenn wir diese zentrale Route nehmen, werten wir die präsentierten Informationen aktiv aus und versuchen zu erkennen, ob sie wahr sind oder nicht.

Wenn die „periphere“ Route genommen wird, achten wir mehr auf Umstände neben den tatsächlichen Informationen oder Inhalten oder der Botschaft. Zum Beispiel könnten wir jemandes Argumentation danach bewerten, wie attraktiv er ist oder wo er ausgebildet wurde, ohne den tatsächlichen Wert seiner Botschaft zu berücksichtigen.

Wenn wir eine Botschaft über die periphere Route aufnehmen, sind wir tendenziell passiver als bei der zentralen Route. Leider wird die periphere Route häufiger benutzt, da wir einer immer größeren Menge an Informationen ausgesetzt sind. Die renommierten Psychologen Susan Fiske und Shelley Taylor haben Menschen als „kognitive Geizhälse“ charakterisiert. Sie schreiben: „Die Fähigkeit des Menschen, Informationen zu verarbeiten, ist begrenzt. Daher nimmt er Abkürzungen, wann immer er kann.“ Wir sind faule Kreaturen, die versuchen, so wenig geistige Energie wie möglich aufzuwenden. Menschen sind in der Regel weniger motiviert, eine Meinung zu hinterfragen, wenn sie von einem Experten stammt. Wir interpretieren solche Botschaften über die periphere Route.

Das ist ein Grund, warum Medien häufig Experten einstellen, die ihre politischen Werte widerspiegeln. Diese Experten verleihen den Ansichten, für die sich das Unternehmen einsetzt, Glaubwürdigkeit. Interessanterweise scheint Fachwissen die Überzeugungsarbeit nur dann zu beeinflussen, wenn die Person als Experte identifiziert wird, bevor sie ihre Botschaft kommuniziert. Untersuchungen haben ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand einer Nachricht glaubt, nicht erhöht wird, wenn ihm erst nach dem Hören der Nachricht mitgeteilt wird, dass die Quelle ein Experte ist.

Dies funktioniert auch umgekehrt. Wenn jemandem vor der Nachricht mitgeteilt wird, dass eine Quelle kein Experte ist, ist er der Botschaft gegenüber eher skeptisch. Wenn ihm aber nach der Nachricht mitgeteilt wird, dass der Urheber kein Experte war, hat dies keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass er der Information glaubt.

Dies deutet darauf hin, dass unsere Motivation, die „zentrale“ Route zu nehmen, verringert wird, wenn etwas von einem Experten stammt. Wir sind dann nicht mehr auf der Hut. Wenn die Motivation und/oder Fähigkeit, Argumente zu verarbeiten, abnimmt, werden periphere Merkmale für die Überzeugungsarbeit wichtiger. Das ist nicht unbedingt ein gutes Zeichen.

Wenn wir jedoch unsere Meinungen neu überdenken, indem wir den tatsächlichen Wert einer Argumentation abwägen (zentrale Route), halten diese aktualisierten Überzeugungen, verglichen mit denen durch periphere Verarbeitung geformten, tendenziell länger an und sind robuster gegen Angriffe. Wenn wir durch sorgfältige und umsichtige Überlegungen zu einem Ergebnis kommen, ist diese Ansicht dann widerstandsfähiger gegenüber Veränderungen.

Das bedeutet, dass wir leichter über die periphere Route manipuliert werden können. Wenn wir über die periphere Route von etwas überzeugt wurden, wird ein Manipulator erfolgreicher die periphere Route nutzen, um diese anfängliche Überzeugung auch wieder zu ändern.

Soziale Konsequenzen unserer Ansichten

Aber warum ist das wichtig? Weil wir uns selbst besser kennenlernen und uns vor Manipulationen schützen können, wenn wir verstehen, wie und warum wir zu unserer Meinung kommen. Die Begründer des Elaboration Likelihood Model schrieben: „Letztendlich vermuten wir, dass Einstellungen für richtig oder angemessen gehalten werden, sofern sie als vorteilhaft für das physische oder psychische Wohlbefinden der eigenen Person angesehen werden.“ 

In seinem Buch The Social Leap schreibt der Evolutionspsychologe William von Hippel: „Ein wesentlicher Grund, warum wir so große Gehirne entwickelt haben, ist die Navigation in unserer sozialen Welt… Ein Großteil des Wertes, der in der sozialen Welt existiert, wird durch Konsens geschaffen und nicht in einem objektiven Sinn entdeckt… unsere kognitive Maschinerie wurde so entwickelt, dass sie nur teilweise durch die objektive Realität eingeschränkt wird.“ Unser soziales Gehirn verarbeitet Informationen nicht nur, indem es die Fakten untersucht, sondern auch die sozialen Konsequenzen dessen berücksichtigt, was mit unserem Ruf passiert, wenn wir etwas glauben.

Tatsächlich suggerierte der bekannte Psychologe Leon Festinger in seiner einflussreichen Theorie der sozialen Vergleichsprozesse, dass Menschen die „Richtigkeit“ ihrer Meinung bewerten, indem sie sie mit den Meinungen anderer vergleichen. Wenn wir sehen, dass andere die gleichen Überzeugungen wie wir haben, steigt unser eigenes Vertrauen in diese Überzeugungen. Dies ist einer der Gründe, warum Menschen dazu neigen, Überzeugungen zu verbreiten, die nicht mit empirischen Mitteln überprüft werden können.

Kurz gesagt, Menschen haben einen Mechanismus im Kopf. Der hindert sie daran, etwas zu sagen, das ihren Status senken könnte, selbst wenn es wahr ist. Und es treibt sie dazu, etwas zu sagen, das ihren Status verbessern könnte, selbst wenn es falsch ist. Manchmal können lokale Normen dieser Tendenz entgegenwirken. In bestimmten Gemeinschaften (z.B. Wissenschaftler) können Mitglieder durch das Ausdrücken der Wahrheit Status erlangen. Wenn die Norm jedoch gelockert wird, streben die Menschen möglicherweise standardmäßig nach Status über Wahrheit, wenn Status den größeren Wert besitzt.

Außerdem glauben wir eher an etwas, von dem wir wissen, dass es mit einem Statusverlust einhergehen könnte, wenn wir nicht daran glauben, um uns vor eben diesem Verlust zu schützen. Die Sorgen um unseren eigenen Ruf leiten unsere Meinungen und führen uns zu einer populären Überzeugung, um unsere sozialen Positionen zu bewahren oder zu verbessern. Wir fragen uns implizit: „Was sind die sozialen Konsequenzen, wenn man diese Meinung vertritt (oder nicht vertritt)?“

Aber unser Ruf ist nicht das Einzige, was zählt, wenn wir über unsere Meinung nachdenken. Ebenso wichtig ist der Ruf Anderer. Wenn wir über den peripheren Weg unsere Überzeugungen gewinnen, spielt für die Entscheidung, ob wir etwas glauben wollen oder nicht, nicht nur eine Rolle, ob viele Menschen daran glauben, sondern auch, ob der Befürworter der Überzeugung eine angesehene Person ist. Wenn viele Menschen etwas glauben, steigt unsere Wahrscheinlichkeit, diese Sache zu glauben. Und wenn eine hochrangige Person etwas glaubt, neigen wir ebenfalls eher dazu, es auch zu glauben.

Renommierte Vorbilder

Es beginnt schon in der Kindheit. In ihrem kürzlich erschienenen Buch Cognitive Gadgets schreibt die Oxford-Psychologin Cecilia Hayes: „Kinder zeigen Prestige-Voreingenommenheit; Es ist wahrscheinlicher, dass sie jemanden nachahmen, der bei Erwachsenen einen höheren sozialen Status hat – zum Beispiel ihren Schulleiter – und nicht eine andere, ebenso vertraute Person, die genauso alt ist und das gleiche Geschlecht hat wie der Schulleiter.“ Hayes zitiert eine Studie von Nicola McGuigan aus dem Jahr 2013, in der festgestellt wurde, dass fünfjährige Kinder „selektive Kopierer“ sind. Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder eher ihren Schulleiter imitieren als eine ebenso vertraute Person des gleichen Alters und Geschlechts.

Menschen bevorzugen es im Allgemeinen, angesehene Personen nachzuahmen statt gewöhnliche. Aus diesem Grund haben Eliten einen übergroßen Einfluss auf die Kultur, und es ist wichtig, ihre Ideen und Meinungen zu hinterfragen. Zum Beispiel haben die Meinungen meines Freundes, der bei McDonald's arbeitet, weniger Einfluss auf die Gesellschaft als die Meinungen meines Freundes, der bei McKinsey arbeitet. Wenn man irgendeine Art von Bedeutung hat, wird man unvermeidlich zu einem Vorbild, dem andere, einschließlich Kinder, eher nacheifern.

Tatsächlich postuliert der kanadische Anthropologe Jerome Barkow, dass Menschen auf der ganzen Welt aus den Medien bekannte Prominente für angesehener halten als hochgeachtete Mitglieder ihrer eigenen lokalen Gemeinschaften. Die Menschen auf dem Bildschirm scheinen attraktiv, reich, beliebt und mächtig zu sein. Barkow schreibt: „Auf der ganzen Welt lernen Kinder nicht von Mitgliedern ihres eigenen Umfelds, sondern von Medienvertretern, die sie als prestigeträchtig empfinden. Das lokale Prestige wird herabgesetzt.“ Da dieses Phänomen weiter zunimmt, haben die Meinungen und Handlungen der global bekannten Prominenten immer mehr Einfluss.

Natürlich kopieren Menschen andere mit hohem Status nicht nur, um ihren eigenen Status zu verbessern. Wir neigen nämlich zu der Ansicht, dass angesehene Leute auch kompetentere Leute sind; Prominenz erscheint als ein Indiz für Befähigung.

In einem kürzlich erschienenen Artikel über prestige-basiertes soziales Lernen haben die Forscher Ángel V. Jiménez und Alex Mesoudi geschrieben, dass die direkte Beurteilung von Kompetenz „auffällig und teuer sein kann. Stattdessen können soziale Lernende sich die Mühe abkürzen, indem sie Schlüsse aus dem Aussehen, der Persönlichkeit, dem materiellen Besitz, usw. der Vorbilder ziehen.“

Zum Beispiel arbeitete ein Militärfreund von mir als Tutor für reiche Schüler. Er selbst ist nicht so wohlhabend wie sie, und er erzählte mir, dass er 200 Dollar bezahlt hat, um seine alten Kopfhörer durch AirPods zu ersetzen, damit die Kinder und ihre Familien glauben würden, er sei in der gleichen sozialen Position wie sie und daher qualifiziert, sie zu unterrichten.

Prestige-Paradox

Was uns zu der Frage bringt: Wer ist am anfälligsten für Manipulation durch periphere Überzeugung? Es mag intuitiv so erscheinen, dass Menschen mit weniger Bildung manipulierbarer sind. Untersuchungen legen jedoch nahe, dass dies möglicherweise nicht der Fall ist. Personen mit hohem Status sorgen sich mehr darum, wie Andere sie sehen. Dies bedeutet, dass gebildete und/oder wohlhabende Menschen besonders anfällig für periphere Überzeugungsmethoden sind.

In der Tat hat der Psychologieprofessor Keith Stanovich, im Zuge seiner Forschungen zu „Myside Bias“, geschrieben: „Wenn man eine Person mit hoher Intelligenz ist, wird man mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit als die durchschnittliche Person erkennen, dass man seine Überzeugungen von den sozialen Gruppen abgeleitet hat, zu denen man gehört. Weil diese zu seinem Temperament und seinen angeborenen psychologischen Neigungen passen.“ Studenten und Absolventen von Spitzenuniversitäten sind anfälliger für einseitige Vorurteile. Es ist wahrscheinlicher, dass sie „Beweise auf eine Weise bewerten und erzeugen und Hypothesen auf eine Weise testen, die an ihren eigenen früheren Überzeugungen, Meinungen und Einstellungen ausgerichtet ist“.

Dies ist nicht nur in unserer Zeit so. William Shirer, der amerikanische Journalist und Autor von The Rise and Fall of the Third Reich, beschrieb seine Erfahrungen als Kriegskorrespondent im nationalsozialistischen Deutschland. Shirer schrieb: „Oft hatte ich Gespräche in einem deutschen Haus oder Büro oder manchmal ungezwungenen mit einem Fremden in einem Restaurant, einer Bierhalle oder einem Café. Dabei hörte ich die ausgefallensten Behauptungen von scheinbar gebildeten und intelligenten Personen. Es war offensichtlich, dass sie Unsinn wiederholten, den sie im Radio gehört oder in den Zeitungen gelesen hatten. Manchmal war man versucht, das zu sagen, aber man stieß auf solche Ungläubigkeit, als hätte man den Allmächtigen gelästert.“ 

Ebenso haben Forscher in einer faszinierenden Studie über den Zusammenbruch der Sowjetunion herausgefunden, dass Menschen mit Universitätsabschluss zwei- bis dreimal häufiger als Abiturienten die Kommunistische Partei unterstützt hatten. Angestellte unterstützten die kommunistische Ideologie im Vergleich zu Landarbeitern und angelernten Arbeitern ebenfalls zwei- bis dreimal stärker.

Die gleichen Muster kann man heute in den USA beobachten. Der demokratische politische Analyst David Shor hat festgestellt: „Hochgebildete Menschen neigen dazu, ideologisch kohärentere und extremere Ansichten zu vertreten als Menschen aus der Arbeiterklasse. Wir sehen dies in Umfragen und ideologischer Selbstidentifikation. Wähler mit Hochschulabschluss bezeichnen sich mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit als moderat.“

Eine mögliche Begründung dafür ist, dass wohlhabende Mitglieder der Gesellschaft überall und zu allen Zeiten eher dazu in der Lage sind, Dinge zu sagen, die dazu dienen, Status zu bewahren oder mehr davon zu erlangen. Eine Reihe von Studien von Forschern der University of Queensland ergab, dass „im Vergleich zu Personen der unteren Klasse Personen der oberen Klasse ein größeres Verlangen nach Wohlstand und Status haben… es sind diejenigen, die von an Anfang mehr haben (d.h. Individuen aus der Oberschicht), die ebenfalls danach streben, noch mehr Wohlstand und Status zu erlangen.“

Eine neuere Reihe von Studien, die von Cameron Anderson an der Universität von Berkeley durchgeführt wurden, ergab, dass die soziale Klasse, gemessen an Bildung und Einkommen, mit dem Wunsch nach sozialem Status korreliert. Menschen mit mehr Bildung und Geld stimmten eher Aussagen zu wie „Ich habe gerne Einfluss auf die Entscheidungsfindung anderer Menschen“ und „Es würde mir gefallen, eine Position von Prestige und sozialem Ansehen zu haben“.

Abneigung gegen sozialen Statusverlust

Wer fühlt sich am meisten bedroht, seinen Ruf zu verlieren? Es stellt sich heraus, genau solche Leute. Eine Umfrage des Cato-Instituts in Zusammenarbeit mit YouGov stellte einer repräsentativen Stichprobe von 2.000 Amerikanern verschiedene Fragen zur Selbstzensur. Sie stellte fest, dass höher gebildete Menschen am meisten besorgt sind, aufgrund ihrer politischen Ansichten ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder Beschäftigungsmöglichkeiten zu verpassen. Von den Teilnehmern mit High-School-Abschluss oder geringerer Qualifikation hatten nur 25 Prozent Angst, aufgrund ihrer politischen Ansichten entlassen zu werden oder ihre Beschäftigungsaussichten zu beeinträchtigen, im Vergleich zu 34 Prozent der Hochschulabsolventen und erstaunlichen 44 Prozent derer mit einem weiteren akademischen Grad.

Die Ergebnisse einer aktuellen Arbeit der Politikwissenschaftler James L. Gibson und Joseph L. Sutherland mit dem Titel „Keeping Your Mouth Shut: Spiraling Self-Censorship in the United States“ stimmen mit denen von Cato / Yougov überein. Sie stellen fest, dass die Selbstzensur in die Höhe geschossen ist. In den 1950er Jahren, auf dem Höhepunkt des McCarthyismus, gaben 13,4 Prozent der Amerikaner an, dass sie sich „weniger frei fühlten, ihre Meinung zu äußern als früher“. 1987 waren es 20 Prozent. Bis 2019 gaben 40 Prozent der Amerikaner an, dass sie sich nicht frei fühlten, ihre Meinung zu sagen. Dies ist auch keine Parteifrage. Gibson und Sutherland berichten: „Der Prozentsatz der Demokraten, die sich Sorgen machen, ihre Meinung zu sagen, ist nahezu identisch mit dem Prozentsatz der Republikaner, die sich selbst zensieren: 39 bzw. 40 Prozent.“

Besonders ausgeprägt ist der Anstieg in der gebildeten Klasse. Die Forscher berichten: „Es ist auch bemerkenswert und vielleicht unerwartet, dass diejenigen, die sich selbst zensieren, keine Personen mit begrenzten politischen Ressourcen sind. Selbstzensur tritt am häufigsten bei Personen mit dem höchsten Bildungsniveau auf. Diese Erkenntnis legt einen sozialen Lernprozess nahe, bei dem diejenigen mit mehr Bildung die sozialen Normen, die vom Ausdruck der eigenen Ansichten abschrecken, besser kennen.“

Hochgebildete Menschen drücken anscheinend öfter Dinge aus, an die sie nicht unbedingt glauben, weil sie befürchten, ihren Arbeitsplatz oder ihren Ruf zu verlieren. Innerhalb der Oberschicht geben die wahren Gläubigen das Tempo vor, und diejenigen, die Angst vor dem Verlust ihrer sozialen Positionen haben, machen mit.

Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass Bildung negativ mit dem eigenen Machtgefühl korreliert. Je mehr Bildung jemand hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass er Aussagen wie „Selbst wenn ich sie ausspreche, hat meine Meinung wenig Einfluss“ und „Meine Ideen und Meinungen werden oft ignoriert“ zustimmt. Zugegebenermaßen ist die Korrelation ziemlich klein (r = 0,15). Dennoch ist der Befund signifikant und widerspricht dem, was die meisten Menschen wohl erwarten würden.

Untersuchungen von Caitlin Drummond und Baruch Fischhoff von der Carnegie Mellon University ergaben, dass Menschen mit mehr Bildung, wissenschaftlicher Ausbildung und wissenschaftlicher Kompetenz in ihren Ansichten zu wissenschaftlichen Themen abhängig von ihrer politischen Identität stärker polarisiert sind. Zum Beispiel sind die Menschen, die am meisten wegen des Klimawandels besorgt sind, Demokraten mit Hochschulabschluss. Die Menschen, die es am wenigsten interessiert? Republikaner mit Hochschulabschluss. Im Gegensatz dazu unterscheiden sich weniger gebildete Demokraten und Republikaner in ihren Ansichten über den Klimawandel nicht so stark voneinander.

Ebenso hat der Soziologe Musa Al-Gharbi in dem Artikel „Academic and Political Elitism“ Forschungsergebnisse zusammengefasst und geschrieben: „Im Vergleich zur allgemeinen Öffentlichkeit ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass kognitiv anspruchsvolle Wähler ihre Positionen zu Themen auf der Grundlage von parteipolitischen Hinweisen darauf bilden, was von ihnen aufgrund ihrer Identität als Demokraten, Republikaner etc. erwartet wird, was sie denken ‚sollen'“.

Hohe Bildung und niedrige Meinungen

Es ist auch nützlich zu verstehen, wie gut gebildete Menschen andere und ihre sozialen Beziehungen sehen. Betrachten wir eine Arbeit mit dem Titel „Seeing the Best or Worst in Others: A Measure of Generalized Other-Perceptions“ unter der Leitung von Richard Rau an der Universität Münster. Rau und seine Kollegen waren daran interessiert, wie verschiedene Faktoren die Wahrnehmung anderer Menschen beeinflussen.

In der Studie schauten sich die Teilnehmer in sozialen Netzwerken Profile von Personen an, die sie nicht kannten. Sie sahen sich auch kurze Videosequenzen an von unbekannten Personen, die eine neutrale persönliche Erfahrung wie das Reisen zur Arbeit beschreiben. Anschließend wurden die Teilnehmer aufgefordert, die Personen in den Social-Media-Profilen und -Videos zu bewerten. Die Teilnehmer wurden gefragt, inwieweit sie Aussagen wie „Ich mag diese Person“ und „Diese Person ist kaltherzig“ zustimmten. Anschließend beantworteten die Teilnehmer verschiedene demografische und Persönlichkeitsfragen über sich selbst.

Einige Ergebnisse waren nicht besonders überraschend. Die Forscher fanden zum Beispiel heraus, dass Menschen, die die Persönlichkeitsmerkmale Offenheit und Verträglichkeit aufwiesen, tendenziell günstigere Ansichten über andere haben. Ernüchternder ist jedoch, dass Hochschulbildung durchweg mit einer weniger positiven Meinung von anderen Menschen verbunden war. In der Arbeit steht: „Um die Gefühle, Verhaltensweisen und sozialen Beziehungen von Menschen zu verstehen, ist es von zentraler Bedeutung, zu wissen, welche allgemeine Meinung sie über andere haben. Je besser eine Person gebildet ist, desto negativer ist ihre Wahrnehmung von anderen.“

Wohlhabende Menschen sorgen sich am meisten um Status, glauben, dass sie wenig Macht besitzen, haben Angst, ihren Arbeitsplatz und ihren Ruf zu verlieren und haben weniger positive Ansichten über andere. Kurz gesagt, können Meinungen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt Status verleihen. Und die Personen, die eher bestimmte Meinungen äußern, um ihren Status zu erhalten oder zu verbessern, sind auch diejenigen, die sich bereits auf der oberen Stufe der sozialen Leiter befinden.

Durch diesen fehlgeleiteten Gebrauch von Intellekt und Zeit seitens hochgebildeter und wohlhabender Menschen kann es zu unangenehmen Konsequenzen kommen. Es ist nicht gut, wenn die begünstigtsten Mitglieder der Gesellschaft mehr Zeit damit verbringen, mit gedämpfter Stimme zu sprechen oder Angst haben, ihre Meinung zu sagen, oder gar in Kulturkriege verwickelt sind. Das ist alles Zeit, in der sie ihre geistigen und wirtschaftlichen Ressourcen nicht für die Lösung schwerwiegender Probleme aufwenden können.

Aliens und unser Affenhirn

Das Fermi-Paradox wurde nach dem italienisch-amerikanischen Physiker Enrico Fermi benannt. Kurz gesagt, beschreibt es einen offensichtlichen Widerspruch. Es ist eine Tatsache, dass das Universum fast 14 Milliarden Jahre alt ist, Milliarden von Sternen und Planeten vorhanden sind und sich intelligentes Leben auf der Erde relativ schnell entwickelt hat. Daraus folgt, dass es viele andere erdähnliche Planeten geben müsste, die ebenfalls intelligentes Leben entwickelt haben. Warum haben wir dann aber noch keins gefunden?

Der Psychologieprofessor Geoffrey Miller schlug als Erklärung vor, dass intelligente Arten im Laufe ihrer technologischen Entwicklung mehr Zeit auf ihre eigene Unterhaltung als auf interstellare Raumfahrt verwenden. Anstatt tatsächlich zum Mars zu fliegen, verbringen sie dann möglicherweise mehr Zeit damit, durch Filme, Videospiele und VR nur so zu tun, als würden sie zum Mars fliegen.

Vielleicht ermöglichen uns solche Technologien noch etwas anders, ebenso Aufregendes: Stammeskriege. Eingetaucht in die sozialen Medien denkt unser Affenhirn, dass man an Bedeutung gewinnt, obwohl uns nächste Woche schon alle wieder vergessen haben und zur nächsten Runde Klatsch und Tratsch übergehen werden. Die fortgeschrittene Technologie beutet dafür das Hirn von Ideologen aus, und diese schaffen ein Klima, in dem Menschen zu viel Zeit damit verbringen, verschiedenen Ideologien Gefolgschaft zu schwören, statt neue Ideen und Technologien zum Wohle der Menschheit zu entwickeln.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Quillette und wurde für Achgut.com aus dem Englischen übersetzt.

 

Rob Henderson ist Doktorand an der Universität Cambridge. Er hat einen BS in Psychologie von der Universität Yale und ist ein Veteran der U.S. Air Force. Sie können ihm auf Twitter folgen unter @robkhenderson.

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Leserpost

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Hans-Peter Dollhopf / 22.04.2021

Herr Mathes, es sind bestimmt nicht nur 1 bis 2, sondern vielleicht sogar bis zu zehn Prozent, auf die Sie sich irgendwie verlassen können. Und die anderen, denen muss man ihre individuelle Zeit zum dafür Reifwerden lassen.

Hans-Peter Dollhopf / 22.04.2021

Herr Kief, es ist nun eine halbe Stunde vor 12 a.m. und langsam schließt sich auf Achgut das Kommentar-Tor für heute. Ich fand es toll, wie sie hier um Verständnis warben. Hat mich erfreut.

Jens Schmidt / 22.04.2021

Das ist mir auch aufgefallen. In meinem Uni-Freundeskreis sehr viele Mitläufer und verängstigte junge Leute, die sich auch noch impfen lassen, obwohl sie nur ein sehr geringes Risiko haben. Beim Klima genau das gleiche. Ab und an postet jemand in unsere Gruppe eine Einladung zum “Klima-Streik” oder irgendwelche Demos. Ich bin mir sicher, würde jemand ein Link für eine Anti-Corona-Maßnahmen-Demo reinstellen, der Shitstorm wäre gewiss. Es gibt aber noch ein paar Hoffnungsträger, die das ganze ebenfalls kritisch sehen, allerdings halten sie ihren Mund und hängen das nicht an die große Glocke. Viele Bekannte mit Ausbildung oder im Handwerk geben einem immer noch die Hand zur Begrüßung. Hingegen lassen sich manche Frauen nicht mal mehr umarmen. Wenn das alles mal vorbei sein sollte, brauchen wir eine Marketingkampagne für körperliche Nähe.

Sabine Heinrich / 22.04.2021

@Andreas Hofer ;-) Ich habe nur die wenigen letzten Kommentare gelesen und stimme Ihnen vollkommen zu: Viele auch der sogenannten einfachen Leute würden - so mein Eindruck - die Kritiker, die Demonstranten, die Quer- und Überhauptdenker - am liebsten weggefegt sehen…“Die sollte man doch…” Und sie würden keinerlei Skrupel haben - aufgehetzt wie sie sind - Ihnen, mir und ähnlich Denkenden Schlimmes anzutun - zumal viele, die sich nicht in sogenannten höheren Positionen befinden, Minderwertigkeitsgefühle uns gegenüber haben und es auskosten würden, endlich ihren geballten Frust an uns auslassen zu können. Hat schon unter Hitler funktioniert, in der DDR, in jeder anderen Diktatur, in der den “Verlierern” oder denen, die sich als solche fühlen, den “Bücklingen” endlich das Gefühl von Macht geschenkt wird.

Dieter Kief / 22.04.2021

Gabriele H. Schulze - diese Studien gehen auf Durchschnitte. Man wird immer Ausnahmen finden. Außerdem wirken sie nur kontrastiv: Also eine Gruppe übertrifft mit Blick auf Eigenschaft x die andere Gruppe. Das ist hier aber sehr eindeutig belegt: Schlauere neigen - im Schnitt! - zu angepassterem Verhalten als Normalos. Das ist die Pointe des gesamten Artikels.

Hans-Peter Dollhopf / 22.04.2021

Die Nachteile der “peripheren” gegenüber der “zentralen” Route wurden bereits vor zwei Jahrtausenden erörtert: “Die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden ... Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen ... Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe.”

Werner Arning / 22.04.2021

Der „Mitteldumme“ möchte gerne zu den „Intelligenten“ gezählt werden und übernimmt deshalb ungeprüft deren Ansichten und Standpunkte. Diese erfährt er über die Medien. Er wiederholt die gehörten Ansichten und kann sich aus dieser gesicherten Position heraus, eine abschätzige Meinung über Andersdenkende, ohne diese überhaupt anzuhören, oder zu verstehen zu versuchen, erlauben. Der „Mitteldumme“ rechnet sich zu den „Intelligenten“. Er lernt deren Argumente mehr oder weniger auswendig. Weniger beeinflussbar sind diejenigen, die gar nicht erst anstreben, zu den Intelligenten zu gehören. Sie neigen zwar zu einem gewissen Fatalismus, geben ihre Meinung seltener preis, halten sich für weniger schlau, bewahren sich jedoch ein gesünderes Misstrauen in Bezug auf die Meinung des „Intelligenten“, als es der „Mitteldumme“ tut.

Jan-Hendrik Schmidt / 22.04.2021

Erklärt auch den Grund, warum die stigmatisierte AfD im einflussreichen Großbürgertum weniger wohl gelitten ist, als bei den Kleinbürgern und Arbeitern. Darüber hinaus wird auch klar, warum sie überhaupt stigmatisiert wird.

Dieter Kief / 22.04.2021

Äh, ja: “Ivy” ist die Abkürzung für Intellectual yet idiot - also promoviert aber blöd - - - aber die Ironie ist hier eine doppelte, will ich zur allgemeinen Erbauung noch anfügen, weil die Ivy-League eine Reihe von Elite-Unis an der Ostküste bezeichnet - darunter Princeton, Harvard und Yale: Dieser Ivy-Spott zielt also nach ganz oben.

Thomas Taterka / 22.04.2021

Dank seiner Millionen wurde Karl Lagerfeld zu einer Autorität der “Normalen” . Mit seiner Mode, seinen Fotos wäre ihm das nie gelungen . Er wäre einfach der Paradiesvogel der feinen Leute geblieben und hätte sich diesen letzten Luxus niemals leisten können , die Presse hätte ihn als Überläufer ans Kreuz genagelt. - Wer ist also leichtgläubiger? Das gemeine Volk oder die feinen Leute ?

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