Volker Seitz / 07.08.2018 / 13:00 / 10 / Seite ausdrucken

Warum Migranten jetzt nach Spanien kommen

Nachdem der neue sozialistische Regierungchef in Spanien, Pedro Sanchez, das private Rettungschiff „Aquarius“ in Valencia (Das viel näher gelegene Tunis wurde in diesem konkreten Fall erst gar nicht angesteuert.) einfahren ließ, haben sich die Migrantenströme von Italien nach Spanien verlagert. Insbesondere Algeciras wurde wie vor einigen Jahren Lampedusa zum Brennpunkt der Migrantenkrise. Bürgermeister Landaluce erinnert daran, dass sich in Lampedusa zeitweise mehr Migranten als Einwohner aufhielten. Allerdings setzt man in Madrid darauf, dass die Migranten bald weiterziehen. „Von zehn bleibt nur einer in Spanien. Die anderen hat Europa absorbiert“ sagte ein Flüchtlingshelfer der F.A.Z. („Sie fürchten sich vor nichts mehr“)

Die EU kündigte am 1. August 2018 an, dass die Regierung in Rabat stärker unterstützt werden soll. Plötzlich kam bis zum Wochenende kein Boot mehr aus Marokko.

Wenn das Königreich wieder Druck auf Spanien und Europa ausüben will, gelingt es immer wieder einigen hundert Einwanderern, die hohen Grenzzäune zu überwinden oder sogar mit Booten das spanische Festland zu erreichen und Strandbesucher zu überraschen. Marokko strebt ein Freihandelsabkommen mit der EU an. Das aber hat der Europäische Gerichtshof wegen der von Marokko besetzten Westsahara ausgeschlossen. Außerdem soll Europa mehr zahlen, damit Marokko Ceuta und Melilla abschottet. Landwirtschaftsminister Aziz Ajanuch erhöht den Druck: „Warum sollen wir damit fortfahren, den Gendarmen zu spielen?“

Der langjährige Afrikakorrespondent der Los Angeles Times, David Lamb, schrieb schon 1994 in seinem Buch „Afrika Afrika“

„Tragischerweise ist Afrikas Flüchtlingproblem eher die Sorge internationalen Gemeinschaft als die der afrikanischen Regierungen. Dasselbe gilt für Nahrungsmittelknappheit, Bevölkerungswachstum und die Nöte, die durch Dürre und andere Naturkatastrophen verursacht werden. Es ist für die meisten afrikanischen Regierungen in der Tat vorteilhaft, ihre Länder in einem ständigen Ausnahmezustand zu halten, weil sie dann die Krise zu einer unverhofften Geldquelle machen und unterdrückerische Maßnahmen im Namen des Überlebens der Nation rechtfertigen können. In einem besonders schlechten Erntejahr verkaufte beispielsweise Kenia 80000 Tonnen Weizen an Sambia und erklärte wenig später, dass eine Hungersnot drohe. Westliche Spendenorganisationen sprangen in die Bresche und alle Beteiligten waren glücklich: Kenia strich den Gewinn aus dem Verkauf an Sambia ein, erhielt umsonst Weizen, um die entstandene Lücke aufzufüllen, und musste sich nicht mit der anstrengenden Planung der Lagerung und der Verteilung seines Weizens befassen; die Hilfsorganisationen waren wieder einmal in der Lage, ihre Existenz mit Statistiken über die Anzahl der Menschen zu rechtfertigen, die sie vor dem Hungertod bewahrt hatten.“ (Seite 241)

„Sie wollen sich nur bereichern“

Diese Einstellung hat sich seither nicht geändert. Der 31. Staatengipfel der Afrikanischen Union (AU) in Mauretanien im Juli 2018 hatte ganz andere Themen auf der Agenda als die Ursachen für das Flüchtlingsproblem, das Bevölkerungswachstum oder die Nahrungsmittelsicherheit.

Weder den entrückten afrikanischen Machthabern noch der Afrikanischen Union (AU) ist der tausendfache Tod im Mittelmeer besonderen Aufhebens wert. Warum fragt niemand Afrikas Staatsführer, weshalb sie außerstande sind, Verantwortung für ihre Bevölkerung zu übernehmen? Vielen afrikanischen Autokraten sei es schlicht egal, ob ihre Bürger im Meer ertrinken würden, sagte der kenianische Publizist Koigi Wamwere. "Sie sind weder am Allgemeinwohl interessiert noch daran, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern, sie wollen sich nur bereichern", ergänzt der Ex-Minister, der für seine kritischen Überzeugungen in Kenia elf Jahre im Gefängnis saß. 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird am 21. September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

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Leserpost

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Beatrice Schönweh / 07.08.2018

Und wer hat’s erfunden - auch mal wieder die europäische Christenheit. Das waren die ersten, angefangen 1913 mit dem Übervater des modernen Gutmenschentums Albert Schweitzer und seinem Lambarene Projekt. In den 50er bis 70er Jahren vornehmlich Miserior und Caritas. Das wäre mal breit zu thematisieren, das ist verbrecherisch.

Sabine Schönfelder / 07.08.2018

Wie soll man sich als Retter in der Not aufspielen, wenn keine vorhanden ist und man von afrikanischen korrupten Staatschefs übertölpelt wird. Man macht eine Tugend daraus und ignoriert die Realität. Die Sorgen der Bevölkerung bleiben, die korrupten Staatsführer werden noch reicher und die deutsche Moral wird aufgerüstet durch großartige Hilfspakete. Es ist ein Glanzstück politischer Heuchelei. Jeder bedient sein Ego und der arme Afrikaner guckt in die Tonne bis er sich entschließt nach Deutschland zu migrieren und hier geht die Heuchelei weiter… .

Detlef Dechant / 07.08.2018

Lieber Herr Seitz, durch eigene Erfahrungen, Erlebnisse und aus vielen Gesprächen mit afrikanischen Freunden - auch aus diplomatischen Kreisen - kann ich Ihre Einlassungen immer wieder nur bestätigen. Im Zuge meiner Redaktion der Unterrichtsmaterialen der Reihe Themen und Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung, “Afrika verstehen lernen” (2007), habe ich von einigen Beteiligten auch schon ähnliches gehört.

Marc Jenal / 07.08.2018

Für jeden anderen Kontinent stellt sich die Diskussion der “Hilfe” um Afrikas eingeschlagenen Kurs des unkontrollierten Bevölkerungswachstums zu unterstützen gar nicht. Es gilt selbstverständlich Selbstverantwortung und die seit Jahrhunderten natürliche Kontrolle des Wachstums durch Sterben, wie das seit jeher stattfindet in millionenfachem Ausmass, jedes Jahr und überall, wo die Bevölkerung konstant mehr wächst, als sie sich versorgen kann. Nur Europa scheint damit seit Neuestem ein Problem zu haben. In einem Anfall von fanatischem Grössenwahnsinn, meint man einen Teil dieser jedes Jahr hinzukommenden Millionen aufnehmen und finanzieren zu müssen. Anforderungen werden keine gestellt, weder vor, noch nach der Einwanderung. Von einem Willen die Zuwanderung als wichtigstes Steuerungsmittel zu nutzen, für Mangelberufe und in Sozialisierung sowie Ausbildung für Gesellschaft und Arbeitsmarkt verträgliche Zuwanderer zu wählen, die bereits gezielt vor der Zuwanderung Sprachkenntnisse erworben haben, ist nichts feststellbar. Dies geht nun schon einige Jahre so. Worauf dies langfristig hinaus läuft bezüglich Stabilität, Sicherheit, Finanzierung von Sozial- und Altersvorsorge, gated communities, usw. kann sich jeder selbst ausmalen und in Ländern mit entsprechender Zusammensetzung der Bevölkerung oder bereits in Gebieten/Vorstädten Europas mit entsprechenden Parallelgesellschaften wunderbar beobachten. Meine Motivation in einer Gesellschaft, welche die eigenen Steuern, Sozialhilfe und Altersvorsorge nicht zweckmässig und für Bezugsberechtigte ausgibt, mehr als notwendig zu arbeiten und Steuern zu zahlen ist mittlerweile gegen Null gesunken. Den Zuwanderern mache ich keinen Vorwurf, an ihrer Stelle würde ich dasselbe tun. Was mich wundert ist, dass die Bürger so mancher europäischer Länder, nicht mehr bereit sind vorausschauend zu handeln, damit auch nachfolgende Generationen noch die Möglichkeit haben mit einem Minimum an Wohlstand und Sicherheit ihr Dasein zu fristen.

Frank Box / 07.08.2018

“Warum Migranten jetzt nach Spanien kommen” - Die südeuropäische Linksregierung lockt sie an, der grüne Merkelstaat übernimmt sie und versorgt sie bis an ihr Lebensende mit unserem Geld. Wer was dagegen sagt, wird in den Merkelmedien als Rassist beschimpft. Wer dagegen auf der Straße demonstriert (Merkel muss weg), bekommt Besuch (Brandsatz ins Kinderzimmer) von der Merkel-SA (früher: Antifa).

Bernhard Freiling / 07.08.2018

Das sind Verhältnisse, über die man besser nicht nachdenkt, weil: Sie werden sich einfach nicht ändern lassen - es sei denn, mit Gewalt.  Viele Staaten gewähren Entwicklungshilfen, die dann unter Anderen von den NGOs verwaltet und disponiert werden. Die kommen ihrer Aufgabe nur unzureichend nach, weil auch deren männlichen Mitglieder lieber mit der einheimischen Bevölkerung Bunga Bunga machen, statt ihren Job zu tun. Die in prekär gemanagten afrikanischen Staaten tätigen NGOs haben sich längst mit den dort Herrschenden gemein gemacht. Wie die dortigen Despoten sind sie Parasiten, die uns im Nacken sitzen und uns ein schlechtes Gewissen einreden. Soll ich jetzt weiter denken?  Dies würde zwangsläufig dazu führen, annähernd alle NGOs in die Nähe von mafiösen Strukturen zu rücken. Ob es um die “Seenotrettung” geht, um die Versorgung “unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge” oder um den Betrieb von “Flüchtlingsunterkünften”. Keine dieser sogenannten humanitären NGOs ist wirklich daran interessiert, die Um-und Zustände zu verbessern. Im Gegenteil.  Je chaotischer das Umfeld wird, umso größer wird deren Einfluß. Deren größten Chaoten werden dann von noch größeren Chaoten der Regierungen als “Experte” bezeichnet und um Rat angegangen.  Einzig ein Reset auf den 0-Punkt und völlige Entmachtung der NGOs verspräche Erfolg.

Stefan Bley / 07.08.2018

Am Beispiel des Getreideverkaufes von Kenia kann man sehen, daß die Gutmenschen noch viel Dümmer sind als angenommen. Wie man sich so bereitwillig dabei verarschen lassen kann das Geld der Anderen auszugeben ist schon grosses Kino.

Fritz kolb / 07.08.2018

Am Ende der deutschen Helferkette steht der gemeine Steuerzahler, auch kurz der deutsche Michel genannt. Ungefähr 15 Millionen gibt es davon im Land. Mit seinem Geld wird der ganze Laden finanziert. Und solange er nicht dagegen stimmt, hauen Kipping, Merkel, Nahles und Göring-Eckhard die Kohle weiter schamlos raus. Ist ja auch nicht das eigene Geld der Damen.

Karla Kuhn / 07.08.2018

“Weder den entrückten afrikanischen Machthabern noch der Afrikanischen Union (AU) ist der tausendfache Tod im Mittelmeer besonderen Aufhebens wert. Warum fragt niemand Afrikas Staatsführer, weshalb sie außerstande sind, Verantwortung für ihre Bevölkerung zu übernehmen? Vielen afrikanischen Autokraten sei es schlicht egal, ob ihre Bürger im Meer ertrinken würden, sagte der kenianische Publizist Koigi Wamwere. „Sie sind weder am Allgemeinwohl interessiert noch daran, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern, sie wollen sich nur bereichern“, ergänzt der Ex-Minister, der für seine kritischen Überzeugungen in Kenia elf Jahre im Gefängnis saß.” Trotz dieser Einstellung sollen weiterhin Millionen Euro nach Afrika fließen ?? Hat die Jahrzehnte lange Unterstützung überhaupt Früchte getragen ? ALLE Hilfen gehören auf den Prüfstand und sollten in Zukunft nur noch zweckgebunden ausgezahlt werden.

Andreas Rühl / 07.08.2018

Ich fürchte, dass es umgekehrt auch nicht anders aussieht, dass heisst, dass sich die Staatschefs so für ihre Bevölkerung sorgen wie die Bevölkerung um das Wohl ihres Landes. Nämlich gar nicht. Was vermutlich daran liegt, dass die Familien-, Clan- und Stammeszugehörigkeit wichtiger ist, weil man auf dieser Ebene vielleicht tatsächlich Schutz und Unterstützung findet, den ansonsten niemand gewähren kann, schon gar nicht “der Staat”. Eine wirtschaftliche Entwicklung, die kontinuierlich die Menschen ökonomisch befreit, wäre also von Nöten. Oder einfach gesagt (Kommunisten bitte Ohren zuhalten, jetzt wird es schlimm!): Die Menschen in Afrika müssten durch “entfremdete” und schlecht bezahlte Lohnarbeit eigenes Geld verdienen. Dann wird die Familie, der Clan oder der Stamm nach und nach unbedeutend. Man müsste sich aber um den Staat kümmern, denn nur der kann in einer entwickelten Ökonomie die erforderliche Sicherheit, Freiheit, die Rechtsordnung aufrecht erhalten. Das war bei uns ja nicht anders. In dem Moment, in dem die Lohnarbeit über das Arbeiten für Kost und Logis siegt, kurzum, in dem Moment, wo die Fabrikarbeit die Menschen mit “eigenem” Geld und damit Freiheit versorgt, entsteht das Bedürfnis nach einem Nationalstaat und kann sich auch durchsetzen. Die bürgerliche Freiheitsbewegung allein hat das nicht geschafft. Erst als sich die Liberalen und die Vertreter der Arbeiter zu verbünden drohten, wurde er Realität, weil Bismarck nicht beide Geister zugleich unter Kontrolle halten konnte. Kurzum: Es müssen Fabriken her, in denen die Afrikaner zu absoluten Minilöhnen unter (für uns) “menschenunwürdigen” Bedinungen für die erste und zweite Welt Produkte herstellen, als “Lohnsklaven”. Dann geht es aufwärts. Siehe auch: Korea (Süd).

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