Peter Grimm / 14.02.2019 / 14:00 / Foto: Pixabay / 31 / Seite ausdrucken

Strafrabatt für Reifeverzögerte

Deutsche Gerichte haben ja schön öfter in Fällen von Mord und Totschlag bei Menschen, die in einem islamischen Kulturraum sozialisiert wurden, besondere Milde walten lassen. Insbesondere bei sogenannten „Ehrenmorden“ gab es oft Strafrabatt, weil der Täter die Schwere der Tat in seinem kulturellen Verständnis gar nicht habe ermessen können, schließlich hätte er ja nach den Wertvorstellungen seiner Welt völlig legitim gehandelt.

Wurden solche Urteile der breiteren Öffentlichkeit bekannt, so ernteten sie viele empörte Reaktionen der kulturell eher hier Beheimateten. Schlimm genug, dass sich Menschen, die hier leben wollen, unangefochten an ein Wertegerüst klammern, das mit einer aufgeklärten westlichen Gesellschaft vollkommen unvereinbar ist und die gewalttätige Durchsetzung eigener Regeln fördert. Doch dass diese Täter dann auch noch Straferlass für die Pflege ihrer kruden Weltanschauung bekommen, ist schwer verständlich. Deshalb mündete die Aufregung über ein entsprechendes Urteil sehr oft in den letzten Jahren in diverse Politiker-Beschwörungen, dass es so einen Strafrabatt nicht mehr geben dürfe.

Inzwischen sind solche Äußerungen seltener zu hören – vielleicht, weil ein Teil der einstigen Empörung einer resignierten Gewöhnung beim Publikum gewichen ist. Ob sich beispielsweise noch jemand über das folgende Stuttgarter Urteil im Verfahren gegen einen 20-jährigen afghanischen Asylbewerber aufregen wird?

Dem Gerichtsbericht der Lokalpresse kann man entnehmen: Der junge Mann hatte eine Freundin in Plüderhausen, die sich allerdings wohl von ihm getrennt hatte. Als die 19-Jährige dann auch noch zusammen mit einem anderen jungen Mann in der Stadt gesehen wurde, sah der Afghane seine Ehre verletzt. Er musste handeln, also steckte er sich ein 17 Zentimeter langes Messer ein und machte sich nachts auf den Weg zur Wohnung der Familie der Ex-Freundin. Dort stieg er in ihr Zimmer ein, doch sie war noch unterwegs. Dafür traf er auf den Vater und soll ohne Vorwarnung siebenmal auf ihn eingestochen haben. Nicht nur für die Staatsanwaltschaft, sondern auch für die Richterin war dies offenbar eindeutig ein Mordversuch, den der Vater des Mädchens glücklicherweise überlebte. Im Gerichtsbericht der Badischen Neuesten Nachrichten heißt es:

“Es war Ihnen vollkommen gleichgültig, wohin sie treffen, ob Sie ihn tödlich verletzen, sagte die Richterin. Ebenso wie die Staatsanwaltschaft sieht sie das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt: Das Opfer habe nicht mit einem Einbrecher gerechnet, wehrlos war der unbewaffnete, unbekleidete Mann in der Nacht sowieso.

Bessere Begründungen beruhigen

Gegen den jungen Afghanen wurde nach Jugendstrafrecht verhandelt. Die Staatsanwaltschaft forderte für die Bluttat eine Haftstrafe von zehn Jahren, der absoluten Höchststrafe im Jugendstrafrecht. Doch das Gericht mochte dem nicht folgen. „Sie waren verzweifelt, Sie waren in Ihrer Ehre gekränkt und Sie waren wütend.“, wird die vorsitzende Richterin zitiert. Die Höchststrafe sah das Gericht nicht als angemessen an, wie die Badischen Neuesten Nachrichten weiter berichten:

„Die Kammer ging  anders als Jugendgerichtshilfe und Staatsanwaltschaft  von einer Reifeverzögerung beim Angeklagten aus, der mit 16 Jahren aus Afghanistan nach Europa floh. Schon viele Jahre zuvor habe er sich weitestgehend alleine durchschlagen müssen: Mit acht Jahren schickten ihn die Eltern auf eine Schule in eine entfernte Stadt, wo er selbst Geld dazu verdienen musste.“

Er ist nicht reif genug, zu erkennen, dass man nicht einfach auf Menschen einsticht, weil er sich allein durchschlagen musste und immerhin selbstständig genug war, von Afghanistan nach Deutschland zu kommen?

Ja, genau deshalb hielt das Gericht eine Strafe von sechs Jahren und zehn Monaten Haft für angemessen. Das klingt immerhin besser, als wenn man den Strafrabatt nur mit dem Verständnis für die verletzte Ehre und seinen traditionellen Ehrbegriff begründet hätte. Möglicherweise hat jeder, der an solch mörderischen Ehrbegriffen hängt, eine „Reifeverzögerung“. Sollten wir dann nicht mal über das Reifeverzögerten-Problem reden, das wir in diesem Lande haben?

Aber warum eigentlich, wenn sich doch inzwischen kaum noch jemand drüber aufregt? Vielleicht gibt es auch deswegen keine große Erregung mehr, weil die Strafnachlässe heutzutage einfach besser begründet werden.

Am Ende scheint das Strafmaß in diesem Falle ohnehin nicht so wichtig zu sein. Noch einmal der Gerichtsbericht:

„Laut Richterin wird der Angeklagte nicht die komplette Strafe absitzen, sondern wegen der Tat aus Deutschland ausgewiesen werden. Der Asylantrag des Mannes war zuvor abgelehnt worden, ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht aber bis heute nicht beendet. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.“

Der Beitrag erschien auch hier auf sichtplatz.de

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Claudius Pappe / 14.02.2019

Frau Schulze, das war gut, und ich ergänze:...…………..Nicht der alte weise(weiße) Mann ist schuld, sondern die alte weiße Frau im kragenlosen Blazer.

Markus Sommer / 14.02.2019

Warum werden diese Richter eigentlich nicht mit vollem Namen benannt, schließlich sprechen sie ihre Urteile doch „im Namen des Volkes“. Wer mit fetten Bezügen solche Urteile spricht, sollte auch dem Volk gegenüber mit seinem Namen für sein Handeln gerade stehen.

Rafael Rasenberger / 14.02.2019

Was mich in höchstem Maße beunruhigt, ist etwas auf den ersten Blick triviales… einige Richter heutzutage scheinen den eigentlichen Grund der Existenz des gesamten Rechtsystems vergessen zu haben: Vigilantismus zu verhindern, denn eine fortschrittliche, humanistische Gesellschaftsordnung ist mit Vigilantismus nicht denkbar. Dazu müssen zuallererst die Rachegelüste des Geschädigten ausreichend befriedigt werden - sonst kommt der Geschädigte oder dessen Angehörige zwangsläufig auf dumme Gedanken. Deshalb erhält der Angeklagte nach Feststellung der Schuld nunmal eben eine STRAFE, bei minderen Vergehen etwa ein Bußgeld… er muß also Buße tun. So ist das vom Prinzip her aufgebaut. Wir haben das ganze Mittelalter bis in das Barock hinein an Systemen herumgefeilt, die sicher stellen sollen, daß Selbstjustiz nicht ausgeübt wird. Die wohl letzte Form der gesellschaftlich akzeptierten Selbstjustiz - das Duell - ist erst vor knapp 200 Jahren “aus der Mode” gekommen. Beim Duell hat man zwar nicht “seine Brüder geholt”, aber seine “Ehre” verteidigt… kommt einem irgendwie bekannt vor ;-) Alles, was bei Gericht NACH der Strafe kommt, wie die Wiedereingliederung des Verurteilten in die Gesellschaft nach Verbüßen seiner Strafe, ist ein nettes “Goodie”, eine gute Zusatzidee, aber eben nicht der Kern. Einige Richter stellen diese Zusatzideen über ihre Hauptaufgabe - und unterminieren damit die Stabilität unserer Gesellschaft. Ich kann nicht ausreichend betonen, wie gefährlich das ist.

Rex Schneider / 14.02.2019

Wie steht’s eigendlich mit ehemaligen DDR-Bürgern, ich bin auch traumatisiert, hatte eine schwere Kindheit und war 21 Jahre meines Lebens in russischer Erbkriegsgefangenschaft. Bin ich als gedienter in fremden Streitkräften, mehr Schläfer oder Opfer? Also Strafrabatt für Ossis ist ein muss.

Reinhold Schmidt / 14.02.2019

@Thomas Lang: Man könnte jetzt auch gerne einen alten Sponti-Spruch anbringen: “Was lange gärt, wird endlich Wut.” Dieser Hoffnung kann man sich bei den Zuständen hier im Kartoffel-Land langsam nicht mehr verschließen.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen

Es wurden keine verwandten Themen gefunden.

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com