Peter Grimm / 09.11.2016 / 11:30 / Foto: David R. Tribble / 14 / Seite ausdrucken

Alarm, Schock und Schadenfreude

Was wurde hierzulande nicht alles geschrieben, gesprochen, gedruckt und gesendet, um allen Menschen zu erklären, welch ein unwahrscheinlicher Irrsinn es wäre, wenn die US-Amerikaner Donald Trump zu ihrem Präsidenten wählten, einen Mann, der doch so rassistisch, ausländerfeindlich und frauenfeindlich ist. Man wusste auch schon vorher, wer Trump denn wählen würde: Abgehängte, frustrierte ältere weiße Männer. Hätte diese Analyse gestimmt, dann wäre die Wahl allerdings anders ausgegangen. Oder ist der weiße Mann doch noch so stark?

Ein Sympathieträger ist der neue Präsident eigentlich nicht. Selbst unter seinen Wählern dürften ihn  nur die Wenigsten tatsächlich für vertrauenswürdig halten. Aber ein Votum für Trump war die einzige Möglichkeit der Wähler, deutlich zu sagen, dass sie gegen ein „weiter so“ sind. Das kennen Wähler hierzulande inzwischen auch: Sie haben die Wahl zwischen etablierten Parteien, die ausgerechnet auf den in der Gesellschaft am stärksten umstrittenen Politikfeldern einen einheitlichen Block bilden, und einer „Alternative“, die zwar so manchem Irrlicht eine politische Heimat scheint, aber derzeit als einzige Möglichkeit zu einer Wahl-Gegenstimme wahrgenommen wird.

Gern wurde der „typische“ amerikanische Trump-Wähler mit dem „typischen“ deutschen AfD-Wähler verglichen. Es ist sicher ein Schock für die politische Klasse hierzulande, dass dieses Klientel zu einer Stimmenmehrheit anwachsen kann. Es wäre eine heilsame Lehre aus dem amerikanischen Wahlergebnis, dass politische Verantwortungsträger, die die Gesellschaft nur noch so behandeln, wie eine Gouvernante ein widerspenstiges Kind, so viel Frust produzieren, dass eine solche Mehrheit möglich wird. Aus der Sicht des wählenden Souveräns ist das irgendwann nur noch ein Akt der Notwehr. Die Verantwortung handelnder Politiker ist es, die Wähler nicht dahin zu treiben.

Doch zurück zu Trump. Die EU-Granden sind geschockt. Deutsche Politiker sind geschockt. Nicht nur, weil eingetreten ist, was sie nicht wahrhaben wollten. Ein US-Präsident Trump hat auch angekündigt, die USA würden sich weniger als Weltpolizist in der Welt engagieren. Die Europäer sollten sich beispielsweise selbst mehr um ihre Sicherheit kümmern. Eigenverantwortung? Das klingt gerade für Apparatschiks eher bedrohlich.

Wenn man nun die ersten Reaktionen der Geschockten sieht, dann stellt sich auch eine gewisse Schadenfreude ein. Die mildert den Schock des Autors dieser Zeilen ob des Trump-Sieges ein wenig. Manches hat durchaus Unterhaltungswert. Beispielsweise Grünen-Chef Cem Özdemir, der allen Ernstes erklärte, die Vereinigten Staaten würden sich unter Trump vom Rest der Welt verabschieden. Es mutet einigermaßen komisch an, wenn gerade diejenigen darüber wehklagen, dass sich die USA aus „dem Rest der Welt“ zurückziehen, die früher eher dem „Ami go home“ nahestanden.

Und vielleicht sollten wir zur Kenntnis nehmen, dass genau dieser Rückzug aus dem „Rest der Welt“ auch viele Wähler, die nicht zum Kreis der alten weißen Männer gehören, zur Stimmabgabe für Trump bewogen hat. Glaubwürdig waren beide Kandidaten nicht, aber Trump versprach weniger militärisches Engagement im Ausland, also weniger Krieg. Das mag weltpolitisch falsch sein, aber es hat viele Stimmbürger überzeugt. Das nämlich sollte der „Rest der Welt“ einfach anerkennen: Das ungeliebte Ergebnis ist zunächst einmal eine souveräne Entscheidung der Amerikaner. Sie werden sich des Präsidenten Trump nach einem politischem Versagen auch wieder zu entledigen wissen, ganz ohne unsere Hilfe.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Georg Dobler / 09.11.2016

Steinmeier am Tag nach Trumps Wahl “Das Ergebnis ist anders als die meisten in Deutschland sich das gewünscht haben.” Können wir Deutschen die Wahl nicht anfechten? Das kann nicht gehen, dass Amerikas Wähler anders entscheiden als es unsere Leitmedien, Herr Kleber, Frau Slomka und Kollegen der ARD es uns monatelang vorgekaut haben. Und was wenn im Herbst 2017 die Deutschen auch nicht wie in den von Ihnen per monatlichem Einzug finanzierten Medien vorgegeben entscheiden? Was sagt dann Herr Steinmeier? Ich will meiner Regierung helfen, deshalb mein Vorschlag als unendgeltlicher Ghostwriter: „Das Ergebnis ist anders als die meisten Fernsehanstalten und politisch folgsam korrekten Zeitungen in Deutschland sich das nach unermüdlicher Arbeit gewünscht haben.“

Klaus Klinner / 09.11.2016

Die Medien überbieten sich in krampfhaften Versuche uns - dem nicht denken könnenden Bürger, der nicht der “Elite” angehört -  das Wahlergebnis zu “erklären”. Eigentlich ist es ganz einfach: Die Amerikaner haben nicht für oder gegen eine Person entschieden, sondern sie haben versucht - ob es gelingt weiß man nicht - eine sogenannte und selbsternannte “politische Elite” abzuwählen, von der sie sich demokratisch nicht vertreten sehen. Nicht mehr und nicht weniger. Das zuzugeben ist natürlich auch für deutsche Politiker ein Ding der Unmöglichkeit - von der Linkspartei bis zur CDU.

Tom Knorke / 09.11.2016

Einen Vorteil bietet die US Verfassung den Amerikanern gegenüber unseren - der Präsident ist isoliert von der Mehrheit im Kongress. Die mangelnde Unterstützung der Republikaner für Trump war kein Nachteil für ihn, sondern im Gegenteil fast eine Garantie der Wahl. Die Abgeordneten im Kongress sind den Wählern unmittelbar verpflichtet. Es gibt keine Listen über die ungewählte doch noch ins Parlament einziehen. In den USA braucht man die Mehrheit hinter sich. Die vorhandene Gewaltenteilung in den USA führt dazu, dass die Wähler Trump wählen konnten, ohne ihn in eine all zu mächtige Position zu bringen. In Deutschland gibt es diese Möglichkeit defakto nicht. Man muss der AfD auch den Schlüssel für das Parlament überreichen und damit die volle Gestaltungsfreiheit. Weil Trump die in einem echten Rechtsstaat eben nicht hat, konnte er gewinnen. Die Stärke der US Verfassung und die Schwäche des Grundgesetzes finden sich in der Gewaltenteilung. Wie wäre wohl das letzte Jahr verlaufen, hätten wir einen Bundestag unabhängig von der Regierung, den Wählern unmittelbar verpflichtet und auf Mehrheiten angewiesen?

Herbert Dietl / 09.11.2016

“Trump versprach weniger militärisches Engagement im Ausland, also weniger Krieg. Das mag weltpolitisch falsch sein, ...”??? Echt der Hammer.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen

Es wurden keine verwandten Themen gefunden.

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com