Maxeiner & Miersch / 14.10.2013 / 07:47 / 4 / Seite ausdrucken

Die Satten und die Toten

„Gen-Gemüse in Bio-Babybrei gefunden“. Solche und ähnliche Schlagzeilen konnten wir diese Woche lesen. Es wird allmählich eng für die Anhänger der reinen Bio-Lehre und Fundamentalgegner der Gentechnik. Denn was da gefunden wurde kam nicht etwa zufällig hinein. Es handelt sich um Spuren von CMS-Pflanzen. Die Abkürzung steht für „Cytoplasmatisch-männliche Sterilität“. Arten, die dieses Merkmal aufweisen, sind nicht in der Lage sich selbst zu bestäuben. Das Phänomen kommt bei etwa 150 Pflanzen natürlicherweise vor und ist bei Züchtern sehr beliebt, weil sie sich besonders leicht mit anderen Sorten kreuzen lassen. Daraus gingen viele der ertragreichen Hybride hervor, die heute die Welternährung sichern. China konnte seinen Reisertrag mit ihrer Hilfe von 1975 bis 2000 verdoppeln. Millionen Menschen wären ohne sie verhungert.

CMS-Pflanzen werden auch im Biolandbau eingesetzt, etwa bei Möhren, Blumenkohl oder Brokkoli. Nun kann Cytoplasmatisch-männliche Sterilität nicht nur natürlich entstehen sondern auch im Labor. Aber darf das sein? Was bedeutet natürlich kreuzbar? Ist es für Gentechnik-Gegner akzeptabel wenn durch CMS-Technik Sonnenblumen-Gene in Chicorée übertragen werden? Ist es noch im Rahmen der reinen Lehre, wenn man statt Sorten verschiedene Arten kreuzt? Darüber ist eine ist ein Glaubenskrieg in der Bio-Gemeinde entbrannt.

Man kann das von der witzigen Seite betrachten, das Lachen vergeht allerdings, wenn es auf Kosten Dritter geht. Und das ist beim „Goldenen Reis“ der Fall, den Greenpeace seit Jahren mit irreführender Propaganda bekämpft. Die besonders Vitamin A-reiche Züchtung entstand mit Hilfe gentechnischer Methoden ( seine goldgelbe Färbung stammt von dem darin enthaltenen Beta-Carotin). Vitamin-A-mangel ist in armen Ländern sehr verbreitet. Laut WHO werden alljährlich 500 000 Menschen, hauptsächlich Kinder, davon blind. Die Hälfte von ihnen stirbt. Doch Versuchsanpflanzungen werden zerstört und der Anbau mit allen Mitteln sabotiert. Patrick Moore, einem der Gründer von Greenpeace, ist jetzt der Kragen geplatzt und er organisiert überall auf der Welt Demonstrationen vor Greenpeace-Einrichtungen wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit.“ Denn was Greenpeace tut ist genauso als hätte man seinerzeit den Einsatz neuer Sorten in China verhindert.

Erschienen in DIE WELT am 11.10.13

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Leserpost (4)
Gerd Wöbken / 15.10.2013

@Alexander Bertram “...dass diese versuchen, Menschen aufzuwecken, nachzudenken, denn Menschen denken nicht mehr genügend…” Aber nur dann wenn dieses Nachdenken in die “richtige” Richtung weist. Wenn die ganze Nachdenkerei z.B. dazu führt, dass man Gentechnik für ne tolle Sache hält, ist’s mit dem goutieren des Nachdenkens bereits vorbei, oder?

Henryk R. Chrusciel / 14.10.2013

Vor fast 40 Jahren gab es eine große Protestbewegung gegen den Weltkonzern Nestlè unter dem Motto “Nestlè tötet Babys”. In einem Gerichtsurteil wurde festgehalten, “dass die Methoden beim Verkauf von Babynahrung in der Dritten Welt „unethisch und unmoralisch“ seien, „den Tod oder bleibende geistige und körperliche Schäden Tausender von Kindern verursachen“, Mütter irreführten, indem „als Krankenschwestern getarnte“ Verkäuferinnen dem Babymilchgeschäft „einen wissenschaftlichen Anstrich geben.” (siehe wikipedia - Nestlé tötet Babys) Wäre es nicht angemessen, eine Aktion “Greenpeace tötet Babys” in’s Leben zu rufen?

Gerhard Sponsel Lemvig / 14.10.2013

Früher hat man die “Gentechnik” Züchtung genannt. Um neue Mitglieder zu “züchten” spielt diese Sekte, mit gut organsieierten Demos vor ihren Niederlassungen, mit der Angst des Gutbürgers. Business as usual !

Alexander Bertram / 14.10.2013

Wir werden Gentechnik an Pflanzen, Tieren, Mensch nicht verhindern können. Genauso wenig, wie wir verhindern können, dass unsere Daten „abgegriffen“ und verwendet werden, ob nun zu guten oder schlechten Zwecken. Auf kurzer Sicht werden viele, viele Menschen satt, wir haben nur noch schöne, große, gesunde und schlanke Menschen. Wir können mit Location Based Services weltweit sofort in jedem Ort das passende Hotel, Restaurant und sogar Freunde finden. Das ist das Gute ? Wissen wir, was „hinten rauskommt“ ? Milliarden, Abermilliarden gesunder, schöner Menschen, die Energie, Essen etc. benötigen ? Ich sehe in der Gentechnik, genau wie in Big Data oder auch der Atomkraft eher das Nützliche, was ich aber, obwohl ich viele der Aktionen für naiv halte, nicht unbedingt goutiere bzw für mich nicht relevant erachte, hoffe bzw an Greenpeace, Occupy oder auch die 70.000 Unterschriftensammler gegen Überwachung schätze, dass diese versuchen, Menschen aufzuwecken, nachzudenken, denn Menschen denken nicht mehr genügend :-). Alle diese Initiativen haben kein Allheilmittel und unterschiedliche Motive, sie regen aber Menschen zu mehr Bewusstsein an - hoffe ich ;-). So wie zweihundert Jahre später Maschinenstürmer belächelt werden, haben sie zumindest bewirkt, dass man nicht einfach alles so hinnahm … Lassalle … Und um es auf Ihr Lieblingsthema zu übertragen, es damit abzutun, weil sich dreißig Jahre lang das Klima nicht verändert hat und es deshalb keine Erwärmung gibt und geben kann / darf, ist umgekehrt genauso polemisch und naiv ;-)

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