Air Tuerkis, Gastautor / 09.06.2018 / 11:00 / Foto: Pixabay / 24 / Seite ausdrucken

Der Clausewitz für Israel-Debatten

Von Air Tuerkis

Nach dem 2. Weltkrieg 

  • mussten 11.900.000 Deutsche ihre Heimat in Osteuropa verlassen und in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik fliehen. Beim letzten Schlesiertreffen erschienen wenige tausend Personen – ohne die Frage der Rückkehr zu stellen. Gut, Deutschland hat den Krieg verloren.
  • musste Polen ein Drittel seines Staatsterritoriums an die Sowjetunion abgeben. Polen hat keinen Krieg verloren. Über 1,5 Millionen Menschen wurden umgesiedelt – nicht einmal die PiS denkt heute daran, die Rückgabe dieser Gebiete zu fordern.
  • mussten aufgrund von antisemitischen Ausschreitungen im Nahen Osten 820.000 arabische Juden ihre Häuser und ihren Besitz verlassen – niemand spricht über sie, es gibt keine UN-Organisation, die sich ihrer annimmt.

Nach den UN-Zahlen zu urteilen, flohen 1948 in der Folge des (von arabischer Seite begonnenen) Israelischen Unabhängigkeitskrieges 726.000 Araber aus Israel. Heute, 70 Jahre später, wollen deren Nachkommen immer noch zurückkehren, und Israel wird immer noch nicht anerkannt. Die Führung der dortigen Araber, allen voran der Großmufti von Jerusalem, sind allerdings Kriegsverlierer, weil sie mit den Nazis gegen die Engländer gekämpft haben und sich an der Endlösung der Judenfrage beteiligen wollten.

Es gibt heute 5 Millionen registrierte „palästinensische Flüchtlinge“. Die Palästinenser sind das einzige Volk der Welt, das den Flüchtlingsstatus vererben kann. Sie sind auch das einzige Volk der Welt, das ein eigenes UN-Flüchtlingshilfswerk besitzt. Über eine Milliarde Euro jährlich steht diesem zur Verfügung, und es beschäftigt knapp 30.000 Menschen. Wegen dieser „Flüchtlinge“ opfert die Hamas jährlich zig Menschenleben und hält einen Konflikt jetzt schon 70 Jahre am Schwelen, wie es wohl einmalig auf der Welt ist.

Die Frage, warum die UN dieser Propagandamaßnahme der Hamas so sehr Glauben schenkt und sich so sehr für die palästinensische Sache einsetzt, erörtern die beiden von Mena-Watch.com und achgut.com bekannten Autoren Florian Markl und Alex Feuerherdt in ihrem 12 Kapitel und 333 Seiten umfassenden Buch „Vereinte Nationen gegen Israel“.

Dabei kann man den Titel „Vereinte Nationen gegen Israel“ zweifach deuten: Einerseits, wie die Organisation UN einen Kampf gegen Israel führt, andererseits wie es die Staaten selbst von Lateinamerika bis Japan und von Großbritannien bis Südafrika sind, die aktiv antiisraelische Politik betreiben, und dass sich in der Tat die verschiedensten Nationen dieser Welt in der Ablehnung Israels vereinigen.

Solche Bücher sind in deutscher Sprache selten

Das Buch gibt uns einerseits einen Überblick über das Verhältnis zwischen UNO und Israel und geht immer wieder auf Abstimmungen und Resolutionen der UN und all ihrer Institutionen ein, beschreibt andererseits aber auch sehr detailliert die Geschichte Israels seit seiner Gründung.

Gerade weil ausführliche Beschreibungen der israelischen Geschichte in deutscher Sprache selten sind, ist dieses Buch um so wichtiger. Von der Gründung Israels und der dem vorausgegangenen Bewegung bis zum Gaza-Krieg 2014 werden wir sehr genau über die relevanten Ereignisse des Nahost-Konflikts aufgeklärt.

Sehr interessant ist der Abschnitt über die Gründungsgeschichte Israels, in dem klargestellt wird, dass die jüdische Bewegung keine mächtigen Verbündeten besaß, dass die jüdischen Milizen sich die Existenz ihres Staates selbst erkämpfen mussten, dass Großbritannien und große Teile der Welt die Gründung des Staates verhindern wollten und dass selbst von den USA in den Gründungsjahren kaum Unterstützung zu erwarten war.

So kam es in der britischen Kolonialzeit in Palästina (auch nach 1945 noch) zu antisemitischen Ausschreitungen der britischen Truppen. Bis zuletzt versuchte das Vereinigte Königreich, sich mit den Arabern gut zu stellen, da dies für die weiteren arabischen Kolonien der Briten sehr entscheidend war – das Schicksal des jüdischen Volkes schien dagegen eher bedeutungslos.

Und auch die legendäre UNO-Resolution von 1947, die das sich auflösende britische Mandatsgebiet Palästina zwischen Juden und Arabern aufteilte, war keinesfalls selbstverständlich: Das US-Außenministerium arbeitete vehement gegen den jüdischen Staat – am Ende setzte sich der Präsident allerdings gegen das traditionell antizionistische Ministerium durch. Großbritannien enthielt sich am Ende der Stimme, und Griechenland stimmte sogar dagegen.

Das Zeitfenster für den jüdischen Staat war nur 1947 offen

Das eigentliche Wunder war allerdings, dass das außergewöhnliche Ereignis eintrat, dass der Ostblock mit der westlichen Welt stimmte und somit der Widerstand der arabischen Nationen überstimmt werden konnte.

Diese UNO-Resolution 181 (II) war dann auch alles, was die UNO jemals für Israel getan hat. Diese Resolution wurde verabschiedet zu einem Zeitpunkt, als die UN 57 Mitgliedsstaaten besaß, ein sehr großer Teil also aus den westlich-demokratischen Staaten bestand, und außerdem die Welt unter dem Eindruck der Shoa eine Lösung für die Juden und die „displaced persons“ in Europa suchte. 

Infolge der Dekolonisierung kamen viele weitere, meist undemokratische Staaten hinzu, so dass bei den heutigen 193 Mitgliedstaaten der Anteil an demokratischen Staaten weitaus niedriger ist. 1947 war demnach der einzige Zeitpunkt, an dem sich eine Mehrheit für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in der UN finden ließ!

Im Bürgerkrieg, der nach jener Resolution anbrach, gelang es den jüdischen Hagana-Milizen (dem Vorgänger der heutigen israelischen Armee) ohne nennenswerte Unterstützung aus dem Westen, geschweige denn von der UN, den Angriff aller (!) Anrainerstaaten abzuwehren und den Staat Israel auszurufen. Mit der Anerkennung der USA unmittelbar danach begann die Existenz des Staates Israel.

Markl und Feuerherdt räumen mit der Meinung auf, dass der Westen solidarisch zu Israel stünde. Bei einer Resolution beispielsweise, die Israel als Hauptschuldigen für die Unterdrückung der palästinensischen Frauen ausmachte (nicht etwa die radikal-islamische Regierung dort), fiel der deutschen Delegation nichts Besseres ein, als sich zu enthalten. Israel war das einzige Land, das für Frauenunterdrückung verantwortlich gemacht wurde. Deutschland ist sich also nicht sicher, ob Israel nicht doch der größte Frauenunterdrücker der Welt ist. – Wahnsinn!

Dunkle Flecken auf der deutschen Weste

Als 1973 arabische Staaten begannen, ihren Ölexport als Druckmittel in der Israelpolitik zu benutzen, beugte sich Europa in Appeasement-Manier dem Willen der Araber: Die arabischen Staaten griffen Israel im Jom-Kippur-Krieg hinterhältig an. Israel erhielt keinerlei Unterstützung vom eingeschüchterten Europa. Frankreich und Großbritannien verhängten sogar ein Waffenembargo gegen Israel während des Krieges – aus Angst, die arabischen Staaten würden ihren Ölexport einstellen. Als die USA schließlich helfen wollten, verboten nahezu alle europäischen Staaten, die Transportmaschinen zur Rettung Israels in Europa zwischenlanden zu lassen. Man flog schließlich – nach portugiesischer Sondergenehmigung – über einen Inselflughafen auf den Azoren. Die arabischen Staaten wurden ohne Schwierigkeiten vom Ostblock beliefert. Deutschland beugte sich damals, genau wie es sich heute dem antisemitischen Willen des Iran beugt. 

Die UN folgt oftmals vollkommen blind den arabischen Vorschlägen und Werturteilen. So beschloss die UN in Resolution 3379 am 10. November 1975, dass Zionismus allgemein als Rassismus zu sehen sei. Regelmäßig wird Israel von der UN verurteilt – insgesamt öfter als alle anderen Staaten zusammen. Laut der UN ist Israel also der schlimmste Menschenrechtsverletzer der Welt.

Diese antizionistische Mehrheit in der UN kontrolliert logischerweise auch die UN-Institutionen. Markl und Feuerherdt belegen, wie stark das UNO-Flüchtlingshilfswerk in Palästina personell mit der Hamas verflochten ist: Bei einer internen Vertreterwahl erhielt die Hamas-Liste beispielsweise die übergroße Mehrheit der Sitze. In palästinensischen Schulen, die vom Westen finanziert werden, wird anti-israelische Propaganda verbreitet und der Hass auf Juden geschürt.

Angesichts dieser abwegigen Tätigkeiten und Resolutionen der UN hinterfragen Markl und Feuerherdt folgerichtig das Konzept der „Vereinten Nationen“ als Ganzes. Die These, dass nur, weil die Mehrheit der Länder der Welt etwas beschließt (die Mehrheit der Länder der Welt ist nämlich meistens nicht demokratisch oder freiheitlich), sei etwas richtig und würde ein allumfassendes Moralurteil darstellen, ist abwegig: „Es gehört zu den großen Irrtümern, die UNO für etwas Grundgutes, Vernünftiges und Überparteiliches zu halten und in ihr gewissermaßen die globale Hüterin der Menschenrechte zu sehen“

Ich persönlich habe dieses Buch sehr gerne gelesen – es liefert so viele Fakten, so viele Zahlen und Daten, dass es sicherlich einen wichtigen Beitrag zum Israel-Diskurs leistet und ein idealer Clausewitz für Israeldiskussionen ist. Markl und Feuerherdt gelingt es, in so breiter Aufstellung den internationalen Antisemitismus anzugreifen, dass es nach dem Lesen des Buches kaum mehr möglich ist, die internationale Ablehnung Israels und die Befangenheit der UN zum Nah-Ost-Konflikt zu bestreiten.

Der Autor ist 15 Jahre alt, Gründer der klassisch-liberalen Schülergruppe LJB und gibt in diesem Zusammenhang den Schülerblog apollo-news.net heraus.

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Leserpost (24)
Thomas Roth / 09.06.2018

Es ist ein Lichtblick, dass es fünfzehnjährige gibt, die solcher Analysen fähigcsind. Mehr davon!

Judith Hirsch / 09.06.2018

Ich bin mir sehr sicher, dass die Linkspartei nicht für offene Grenzen wäre, wenn die Flüchtlinge Juden wären.

Hans-Peter Dollhopf / 09.06.2018

Nicht: “Hamas ... hält einen Konflikt jetzt schon 70 Jahre am Schwelen”, sondern: “Hamas ... hält einen Konflikt aus dem Jahr 1948 am Schwelen”. Die Hamas wurde 1987 gegründet.

Lisa Tischler / 09.06.2018

Man sollte das Buch lesen, wenn man sich mit Israel, seiner Geschichte, der Position der Vereinten Nationen gegenüber einem demokratischen Staat und auch der Position Deutschlands gegenüber Israel auseinandersetzen will. Der Autor fässt für mich das Buch beeindruckend zusammen. Ich bin jetzt noch mehr interessiert daran, dass Buch selbst zu lesen. Denn ich sehe darin einen wichtigen Ansatz, darauf aufmerksam zu machen, dass die UN als ein demokratische Gremium, nicht unbedingt auf der Seite von demokratisch, freiheitlichen Nationen - in dem Fall Israel - steht.

Maximilian Lohmeyer / 09.06.2018

Ein sehr guter Artikel. Die UN ist sinnvoll und etwas gutes. In wiefern eine UN, die Saudi-Arabien zum Vorsitz des Menschenrechtsausschusses macht, aber noch eine moralische Instanz ist, ist anzuzweifeln. Deutschland in seinem internationalismus (alles, nur kein böser Nationalstaat) sieht das natürlich nicht so. Ich wette, wir werden mit dem deutschen Sitz im Sicherheitsrat nur eine Stimme mehr gegen Israel haben. Aber gute Rezension. Hab mal über den Blog geguckt, der sieht sehr ordentlich aus!

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