Roger Letsch / 28.10.2018 / 14:00 / Foto: Letsch / 14 / Seite ausdrucken

1000 Meisterwerke: Antifa-Kunst für die Galerie

Dresden, Litfaßsäule, Papier auf Leim, Digitaldruck. Titel des Plakats: „Steht zusammen, schlagt zurück“ (hier zu sehen in seiner ganzen Pracht). Dem Betrachter bietet sich ein räumlich klar gegliedertes Arrangement von Akteuren, wobei sich die im Vordergrund befindlichen Texte dominant verhalten, was durch die Verwendung von Versalien (schreien, brüllen) noch verstärkt wird. Die negative Stimmung wird durch eine Neigung von 3° (schief, ungerade) weiter vergrößert. Der Subtext „Für eine organisierte Arbeiterjugend“ deutet auf einen Mangel hin, nämlich den von Einigkeit und Stringenz. Die am unteren Bildrand angebrachten sechs Logos, die allesamt sehr unterschiedlich und unähnlich ausfallen, einzeln betrachtet jedoch von starkem Narzissmus und Größenwahn zeugen, unterstreichen die Zerrissenheit.

So gibt sich etwa das Chapter aus Münster nicht mit den verordneten obligatorischen Insignien „Hammer und Sichel“ zufrieden, sondern ergänzt das Symbol eigenmächtig durch eine Feder, was auf einen größeren Anteil revoluzzender Studenten im Kader der Antifa schließen lässt. Man kann nur hoffen, dass es sich bei diesen Studenten um Töchter und Söhne der Arbeiterklasse handelt, weil sie sonst der reaktionären und privilegierten Intelligenz zuzurechnen sind und im Klassenkampf nichts zu suchen haben.

In der Mitte des Meisterwerkes wird der Betrachter von einer Figurengruppe aus drei Personen bedroht, der gewählte Blickwinkel lässt die Vermutung zu, man wolle die Gesellschaft, der der Betrachter ja angehört, unterschiedslos und ohne viele Worte in die Knie zwingen. Denn Münder zum Reden und Disputieren hat der Künstler den Protagonisten nicht gegeben und zudem deren Gesichtsfeld durch Sturmmaske und schlechtsitzenden Bettbezug eingeschränkt.

Als Kontrast zu der zur Schau getragenen kommunistischen Gesinnung der Dargestellten stattete der Künstler die Szene mit Attributen des Kapitalismus aus (Adidas-Klamotten, Jeans, Arbeitshose mit Reflektoren, wie die Berufsgenossenschaften sie für Tätigkeiten im Freien fordern) und drückt ihnen ein Symbol der Meinungsfreiheit (Megafon) in die Hand. All das hätten sie im Kommunismus natürlich nicht bzw. würde es ihnen umgehend abgenommen (Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit). Dass alle drei Figuren diesen dialektischen Konflikt mühelos auszuhalten scheinen, deutet auf eher unterdurchschnittliche kognitive Ausstattung oder aber überdurchschnittlich erfolgreiche Gehirnwäsche hin.

Pionierhalstuch am Hinterkopf verknotet

Zentraler Akteur der Szene ist jedoch ein kleines rotes Büchlein, die „Worte des Vorsitzenden Mao Tsedong“, das in genialer Symbiose mit den maroden, formatfüllenden DDR-Plattenbauten im Hintergrund kommuniziert. Diese Verbindung zeigt in bedrückender Weise, was dem Betrachter mit dem Kommunismus winkt und was ihm blüht: ideologische Gleichschaltung und Unterdrückung sowie sozialistische Mangelwirtschaft und Hässlichkeit. Die Dargestellten selbst sind sich ihrer Rolle und der Endstation dieser Umwandlung nicht bewusst, was man daran erkennt, dass die Mao-Bibel-Schwenkerin ihr Pionierhalstuch am Hinterkopf verknotet hat, anstatt den Knoten vorn am Hals zu tragen. Sie kennt schlicht die Symbole nicht, was angesichts ihres Alters nicht verwunderlich ist, jedoch andererseits ein düsteres Bild von der Qualität unseres Bildungssystems zeichnet.

Wer aber ist der unbekannte Meister, dem wir dieses dystopische und verstörende Kunstwerk verdanken? Nur dem eingeweihten Blick offenbart sich die seitlich rechts angebrachte Signatur, in der ein gewisser „Ali Höhler“ vortäuscht, im Sinne des Presserechts verantwortlich für den Inhalt des Werkes zu sein. Historiker erkennen natürlich sofort, dass es sich hierbei um ein Ablenkungsmanöver unter falscher Flagge handelt und viel über die Intentionen des Künstlers und dessen Schulbildung aussagt.

Der angegebene Albrecht (Ali) Höhler (1898−1933) war nämlich Mitglied des paramilitärischen „Kommunistischen Rotfrontkämpferbundes“ und wurde bekannt für den Mord an einem Nazi namens Horst Wessel, dessen Tod die Faschisten unter Hitler zum Opfermythos verklärten. Einen Ali Höhler wird es im Jahr 2018 jedoch unter der angegebenen Berliner Adresse (Karl-Marx-Straße, ist ja klar) nicht geben. Die Camouflage des Künstlers und seiner Adidas-Revoluzzer zeigt, dass man glaubt, heute noch die Machtergreifung Hitlers von 1933 verhindern zu können. Und zwar durch die Diktatur eines Stalin oder Mao. Dass man sich in ähnlicher Weise wie Höhler berechtigt fühlt, „proletarische Abreibungen” zu verteilen und dabei das Gewaltmonopol des Staates oder die Justiz lächelnd zu ignorieren, darf angenommen werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Unbesorgt

Foto: Letsch

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Dieter Helbig / 28.10.2018

Sehr geehrte Frau Karla Kuhn, haben Sie allen Ernstes den tieferen Sinn des Artikels nicht verstanden? Was, um alles in der Welt, hat Sie zu diesem mehr als merkwürdigen Leserbrief veranlasst? Herr Letsch, Ihr Beitrag ist in vieler Hinsicht eine gelungene Sache, was man vom Auslöser ja nun in keiner Weise behaupten kann. Man ist immer mehr geneigt, solche Ausreißer für extreme Satire zu halten, weil es einem einfach nicht in den Kopf will, dass solch ein Irsinn von Leuten verzapft wird, die noch einen winzigen Anteil von Resthirn in dem Körperteil haben, der Ihnen von einer großzügigen Natur gegeben wurde, damit nicht Regen oder Feinstaub in den Hals rieseln können. Aber offensichtlich sind all diese einschlägigen Erscheinungen traurige Realität. Wenn ich nicht Enkelinnen hätte, würde ich mich resignativ damit trösten, dass ich ob meines Alters von solchen Umtrieben bald gnädig erlöst werde, ja das sogar zu begrüßen, weil es ja kaum noch zum Aushalten ist. Aber es bleibt die bange Frage, was aus dem eigenen noch nicht verstrahlten Nachwuchs wird, wenn solche Personendarsteller entscheidend die Regie übernehmen? Sollte man nicht doch langsam auf die baldige Ankunft eines soliden Meteoriten hoffen, der dies Elend beendet und Chancen auf Neues, gar Besseres eröffnet?

Werner Arning / 28.10.2018

Ein paar verwöhnte Jugendliche halten sich für Vertreter der Arbeiterschaft, für Revolutionäre, die den Kapitalisten das Fürchten lehren. Für Rotfrontkämpfer, die im Sinne Maos der Bourgoisie den Garaus machen. Die etwa Brillenträger, weil sie als belesen gelten, totschlagen? Stellt ihr euch so euren „Widerstandskampf“ vor? Hausfrauen, die bei der AfD mitmachen, einschüchtern? Spielt lieber Fußball oder helft Papa im Garten, aber lasst die Menschen in Ruhe.

Michael Guhlmann / 28.10.2018

Ali Höhler wurde zu Gefängnis (oder Zuchthaus, das weiß ich nicht mehr) verurteilt. Nicht lange nach der Machtergreifung korrigierten Kameraden von Horst Wessel das zu Weimarer Zeit ergangene Urteil, indem sie ihn aus der Haftanstalt holten. Einige Zeit später, schreibt Deschner, fand ein Förster in einem Wald östlich von Berlin den “schrecklich zugerichteten” Leichnam Höhlers.

Hans-Peter Hammer / 28.10.2018

@ Peter Zentner Nicht nur mit der labia majora pudendi der jungen Dame haben Sie recht, auch ihre mammae werden durch Aufnahmewinkel und Beleuchtung hervorgehoben und dienen als Blickfang – somit eindeutig sexistisch! (Ob solche Werbung in Neukölln und Prenzlauer Berg wohl unbeanstandet durchginge? - Mit hoher Wahrscheinlichkeit schon, denn a. ist es Wahlwerbung, und b. für die eigene politische Richtung! Da wird man nicht zimperlich sein!) Und da Sie schon denn Bogen zu #metoo spannten! Es ist dem „Künstler“ hier wahrlich eine – ihm selbst wahrscheinlich unbewußte – Offenlegung gelungen: Es dreht sich beim #metoo zugrundeliegenden Genderismus alles um die labia majora pudendi und mammae!

Lutz Muelbredt / 28.10.2018

Ein Viertel Jahrhundert Berlin hat mich gegen diese Art von Meisterwerken an vielen Ecken und Litfaßsäulen immun werden lassen. Wenn an Stelle der stattlichen Dame in der Mitte der steinewerfende Taxifahrer Josef abgebildet wäre, könnte man den Herrschaften noch eine gewisse Selbstironie bescheinigen aber so scheinen sie nicht einmal Humor zu haben.

D. J. Katz / 28.10.2018

Eine großartige Bildinterpretation, bei deren Lesen ich zum einen die prägnante Titelmelodie der Serie “1000 Meisterwerke” im Ohr und zum anderen so manche Seminararbeit aus Studienzeiten, in der die Kunst der wissenschaftlichen Beschreibung geübt wurde, vor Augen hatte. Damals ging es keineswegs immer um Geniestreiche; auch triviale Bildwerke erhielten häufig die höheren Weihen stundenlanger Interpretationen durch eine ernsthaft bemühte Runde, die sich dabei - und das war der eigentliche Lerneffekt - selber tüchtig auf den Arm zu nehmen lernte. Denn nicht immer wollte oder konnte der Künstler dem Betrachter etwas sagen. Da mochte der Wissenschaftler noch so viel behaupten, zu erkennen. Bei diesem Plakat hingegen kann Trivialität nicht im Entferntesten diagnostiziert werden. Es handelt sich um ein geradezu geniales Werk von zutiefst sublimer Symbolik. Mein geschultes Auge sah es natürlich sofort; eine rasche Testanordnung am Computer bestätigte mir, dass ich das Sehen noch nicht verlernt habe. Legt man eine die Fibonacci-Folge darstellende Spirale mittig passend auf die Komposition von Ali Babas-Höhler und verschiebt sie um wenige Schritte nach links (sic!)  oben (sic!) , landet man auf dem ausgeprägten Camel Toe der Revolutionsbraut. Sogleich - und das ist das wahrhaft magische - tut sich eine Geruchshalluzination auf, die eindeutig an Fisch erinnert. Nicht Kopf oder Schwanz, sondern Filet. In feiner Sahne. Vielleicht ein wenig zu lange gereift. DAS muss man erst einmal hinbekommen! Das ist ganz große Kunst für ALLE Sinne. Tünnes und Schäl rechts und links der zentralen Gestalt sind quasi nur Staffage; für so etwas gab es früher in den großen Maler-Werkstätten extra angestellte Hiwis, die in die meisterlichen Landschaftskompositionen eines Canaletto, Piranesi, Carobubo (auch Picasso genannt), Malewitsch oder Mondrian zwecks Auflockerung ein paar Esel, Schafe oder auch einige lustige Dorfdeppen platzierten. Große Kunst!

Torsten-Egbert Czarnetzki / 28.10.2018

Man darf doch, heutzutage selbst bei allerbestem Willen nicht, von unserer studierenden Jugend zusammenhängendes Denken erwarten; Das würde den Blick auf # und Co verhindern. ;)

Werner Geiselhart / 28.10.2018

Das Plakat wär doch was für Steinmeiers Büro. #wirsindnochmehrverblödete

Wilfried Cremer / 28.10.2018

Da ist nicht nur eine optische Annäherung an die Kollegen mit dem Koran.

Peter Zentner / 28.10.2018

Mal abgesehen von der politischen Plumpheit dieses Kunstwerks: Auffällig an der Dame in der Mitte ist die Hose, die kein Schneider und keine Modekette der Welt jemals so anfertigen würde. Warum betont das Beinkleid die labia majora pudendi so prominent, bildet diese plastisch nach? Und jedes weibliche Wesen, sofern nicht als Bordsteinschwalbe tätig, würde so eine Hose nicht mal fürs “Dschungelcamp” anziehen. || Hat etwa der linientreue Künstler Hand angelegt, um die museal-maoistische Masche durch ein zeitgeistiges #metoo aufzumotzen?

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