Gastautor / 05.01.2013 / 10:35 / 0 / Seite ausdrucken

Liebe Frankfurter Rundschau!

Detlef zum Winkel

Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft

Es spricht für sich, daß die Frankfurter Rundschau mit einem Wutanfall auf die Entscheidung des Simon Wiesenthal Zentrums reagiert, Jakob Augstein auf eine Liste von Antisemiten zu setzen. Das SWC steht nicht in dem Ruf, daß es sich von persönlichen Diffamierungen beeinflussen läßt oder selber Stimmungsmache betreibt. Statt mit Beschimpfungen zurückzuschlagen, sollten Sie – und wir alle – lieber darüber nachdenken, was uns die Institution SWC eigentlich sagen will. Hat ihre Entscheidung vielleicht etwas damit zu tun, daß antisemitische Klischees seit geraumer Zeit wieder auf dem Vormarsch und in allen Bereichen der Gesellschaft anzutreffen sind, wie sozialwissenschaftliche Studien, zuletzt von der Friedrich-Ebert-Stiftung, belegen?

Und hat dieses bedrohliche Comeback einer mörderischen Ideologie, die doch längst erledigt sein sollte, vielleicht auch etwas zu tun mit einer jahrelang kampagnenartig vorgetragenen Polemik gegen Israel, die sich keineswegs mit Kritik an der Regierung Netanjahu begnügt, sondern in den immer wieder kehrenden Vorwurf mündet, das kleine Land sei eigentlich die Ursache der Nahostkrise und gefährde den Frieden auf der Welt. Journalisten, Politiker, Schriftsteller, Kabarettisten nehmen an dieser Polemik teil, nicht immer ganz so emotional wie jetzt Herr Bommarius, aber doch immer öfter. Unter ihnen hat sich Herr Augstein ausdrücklich als Sprachrohr platziert. Ob Absicht oder nicht – seine Rolle besteht gerade darin, jenes „gesunde Volksempfinden“, mit dem sich die genannten Studien beschäftigen, zu legitimieren. Nichts anderes tut er, wenn er glaubt, verkünden zu können, den Vorwurf des Antisemitismus brauche man heute nicht mehr ernst zu nehmen.

Darüber hat auch die FR Anlaß, selbstkritisch nachzudenken. Sie machen es sich zu einfach, Herrn Broder die Schuld an allem zu geben, und Sie schlagen eine mehr als bedenkliche Richtung ein, wenn Sie ihn zum Denunzianten erklären und ihren Ärger darüber erkennen lassen, daß er „frei herumlaufen“ darf. Mit mehr als bedenklich meine ich, daß diese Richtung nach rechtsaußen geht. Der Beifall der Stammtische ist Ihnen sicher – aber Sie sind nun einmal nicht die Zeitung, die an den Stammtischen herumgereicht wird.

Was die publizistische Arbeit Broders betrifft, kann man sich an Polemik oder Ironie erfreuen, so wie ich es tue, oder man läßt es eben bleiben. Über die inhaltliche Substanz seiner Beobachtungen der deutschen Politik und Gesellschaft bin ich im Lauf der Zeit zu der Meinung gekommen, daß er eher nicht Recht hat. Das, was er geißelt, ist meistens noch schlimmer, als es in seinen schärfsten Kritiken erscheint. Hoffen wir also, um zum Simon Wiesenthal Zentrum zurückzukommen, daß wir nicht in ein paar Jahren sagen müssen: Augstein junior ist mit Platz neun noch gut weggekommen.

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