Sich wehren findet erstmal im Kopf statt

Beim Lesen des Beitrags „Stark nachgefragt: Weibliche Wirkungstreffer“ sind mir einige Gedanken gekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Ja, der Staat hat die Sicherheit seiner Bürger zu wahren, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, das macht die Kernkompetenz eines organisierten Gemeinwesens aus. Auch ich musste erleben, dass das Gegenteil eingetreten ist. In der Justiz und Polizei wurde das Personal fleißig abgebaut. Fachleute warnten vor den Folgen, egal, es wurde trotzdem eingespart, koste es, was es wolle. Der erste Kriminalitätsschub kam mit der EU-weiten Öffnung nach Osteuropa – die Grenzkriminalität stieg stark an. Unruhe zog in viele Städte und Dörfer ein, nach dem fünften Einbruch war keine Versicherung mehr bereit, die Schäden zu regulieren.

Ich weiß noch, wie verblüfft ich war, als bei einer Gewerkschaftsversammlung der damalige Innenminister von Brandenburg erklärte, dass man diese Steigerungsrate bei Einbrüchen nicht auf dem Schirm hatte und trotzdem Personal abgebaut hat. Da kommt man sich echt veralbert vor. Hatte der politische Überbau tatsächlich gedacht, aus Osteuropa reisen nur reiche Touristen, Pflegekräfte und Nuklearmediziner ein? Wohl kaum. Die Kollateralschäden wurden billigend in Kauf genommen. Den Preis dafür zahlen die „kleinen Leute“ sowie die klein- und mittelständischen Unternehmer.

Die zweite Welle kam 2015 mit der Grenzöffnung. Nachdem es nicht mehr zu verheimlichen war, dass die Gewaltkriminalität durch den Ansturm junger Männer anstieg, rückte man kleinlaut mit dem Einmaleins der Kriminologie für arme Leute heraus: „Junge Männer begehen weltweit die meisten Straftaten“. Menschen, die diesen Fakt 2015 betonten, wurden damals schnell in die Rassistenecke verortet. Ab 2017, als die Anzahl schwerer Straftaten durch die Zugewanderten nicht mehr zu verheimlichen war, kam man auf die Idee, die Kriminalitätszahlen zu interpretieren. Man soufflierte der Öffentlichkeit an allen Fronten, dass die bevorzugten Opfer von „Flüchtlingen“ andere Flüchtlinge wären. Bei diesem Argument hat es mich jedes Mal geschüttelt. Als ob das Leben eines anderen „Geflüchteten“ weniger wert wäre als das eines deutschen Staatsbürgers. Ich nenne das „unfreiwilligen Rassismus“.

Das Gefahrenpotenzial steigt für die Schwächsten

Um es auch aus meiner Wahrnehmung heraus konkret zu sagen: Die Gewaltkriminalität ist – entgegen der vorhergehenden Tendenz in Deutschland – durch einen kriminellen Teil der Flüchtlinge stark angestiegen, wenn auch regional unterschiedlich. Freilich wird das nur zähneknirschend zugegeben, und wenn man damit an die Öffentlichkeit geht, dann wird stark interpretiert und besänftigt.

Friedrich von Schillers „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben“, gilt nun auch für Frauen. Darüber hinaus ist das Gefahrenpotenzial für die Schwächsten der Gesellschaft  gestiegen, dazu zähle ich neben Frauen und Kindern auch Obdachlose und Senioren. Sie haben völlig Recht, die Politik reagiert mit Parolen. Oder mit verstärkten Einstellungen durch abgesenkte Auswahlbedingungen in den Polizeidienst, nicht nur in Berlin. Die übliche „Argumentation“ lautet: „Eine huntertprozentige Sicherheit kann es nicht geben“. Oder: „Das subjektive Sicherheitsempfinden durch Kriminalitätsfurcht entspricht nicht der Realität.“ 

Unsere Gesellschaft hat sich stark verändert; nicht nur der Ton ist rauer geworden. Behörden und Institutionen fragen bei der Polizei verstärkt nach „Deeskalationskursen“ an. Eine eingebildete Gefahr wird sie dazu nicht veranlassen. Ebenso bitten Kindergärten, Schulen und Senioreneinrichtungen um Unterstützung für Eigensicherungsmaßnahmen bei möglichen Risikoszenarien. Ich selbst habe 15 Jahre lang ausgebildete Polizisten in Tages- und Wochenseminaren in Theorie und Praxis trainiert. Ähnliches trifft auch auf insgesamt 3,5 Jahre in der polizeilichen Gewaltprävention zu, in der ich Menschen aller Altersgruppen beraten und mit einfachen, praktischen Handhabungen fit gemacht habe.

Aber auch ich selbst musste mehrere gefährliche Situationen überstehen und meistern. Leider habe ich immer wieder feststellen müssen, dass man Menschen regelrecht abgewöhnt hat, Gefahren zu erkennen, ein entsprechendes Verhalten zu decodieren und dabei intuitiv die richtige Entscheidung zu treffen. Kinder müssen zum Beispiel stundenlang „brav“ auf harten Schulbänken zubringen. Ihr Bewegungsdrang wird nicht selten unterdrückt. Zappeligen Jungen und Mädchen wird kein außerschulischer Sport mehr nahegelegt; sie werden stattdessen lieber einem Arzt vorgestellt, der ADHS diagnostiziert und Ritalin verschreibt. Nebeneffekt ist, dass dieses leistungssteigernde Mittel (mit teils erheblichen Nebenwirkungen) unter der Hand an andere Schüler weitergegeben wird. Doping ab Stunde Null, statt ausgleichenden Sports.

Wichtig ist, überhaupt etwas zu tun

Dann gibt es noch Personen, die haben nie gelernt „Nein“ zu sagen, sie sind die ersten Opfer – nicht nur für Gewalttäter. Und das betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Wenn ich mit Kindern oder Erwachsenen übe, dann versuche ich nur, die in unseren Genen angelegte Wehrhaftigkeit wieder zu aktivieren und dekonditionierte Fähigkeiten wieder bewusst zu machen und an die Oberfläche zu holen. Dazu gehört auch das von Wolfgang Röhl in seinem oben genannten Beitrag angeführte Kratzen, Beißen oder um sich Schlagen. Ich halte nichts von Trainingsmaßnahmen, die eher eine Scheinsicherheit versprechen. Deshalb bin ich gegen komplizierte Techniken, die man tausende Male trainieren muss und immer noch nicht weiß, ob eine Anwendung auf der Straße Erfolg hätte.

Der Nachteil verschiedener Kampfsportarten ist im Gegensatz zum Boxen, dass es kein weitestgehend ungeschützter Vollkontaktsport ist. Man kann demzufolge nicht genau einschätzen, ob der Fußtritt in die Weichteile oder der Schlag auf beide Ohren, beim Angreifer eine Wirkung erzielt. Es wäre nicht der erste Fall, in dem die Schockphase beim Verteidiger oder der Verteidigerin eintritt, da die Abwehrhandlung keine Wirkung erzielt hat.  Nur einfachste Handhabungen sind in Hochstresslagen abruf- und anwendbar, es sei denn, man ist ein Profi und trainiert diese entsprechend im Grenzbereich.

Und trotzdem ist es gut, eine Sportart, auch eine solche, zu betreiben. Kampfsport, wie jeder andere Sport, erhöht nicht nur das eigene Körperbewusstsein, sondern verbessert auch das Denkvermögen. Ein nicht zu unterschätzender Fakt. Denn bei dysfunktionalem Stress durch einen Angriff werden erhebliche Ressourcen im Gehirn blockiert. Gut, wenn man dann trotzdem noch ausreichend ideelle Reserven hat, um sich muskulär zu verteidigen. Die Erstarrung durch eine Schockphase verkürzt sich gleichfalls, das kann entscheidend sein. Es ist nicht so wichtig, einen Schlag perfekt auszuüben, zumal wenn der trainierte Ellenbogenschlag misslingt. Sollte er dennoch gelingen, kann in einer Notwehrsituation der Nutzen gar nicht hoch genug gewürdigt werden.

Wichtig ist jedoch, überhaupt etwas zu tun und überlebenswichtige Aktivitäten vorzunehmen. Wenn man diese wegkonditioniert hat, sollte es völlig legitim sein, diese wieder ins seelische und körperliche Lot zu holen. Denn dass Gefahren nur eingebildet seien, der Staat schon dafür sorge, dass Kriminalität nur andere Kriminelle an „gefährlichen Orten“ treffen würde, ist eine gern verbreitete Illusion, die eher zu Pippi Langstrumpf passt als ins Jahr 2018.

Überraschungsmoment, Schlag, Flucht

Weil ich gerade etwas von einer Fachfrau gelesen habe: Eine andere Variante ist die Mär, man soll sich lieber dem Täter gegenüber widerstandslos verhalten und auch kein Pfefferspray einsetzen. Das trifft auch zu, wenn man in einen Pistolenlauf schaut oder ein Messer am Hals hat. Es ist richtig, Geld und Wertsachen sind ersetzbar, aber Leben und Gesundheit nicht. Aber…

Ansonsten sind sich die führenden Experten aus dem verhaltensorientierten Eigensicherungsbereich einig: Werde aktiv, tue etwas!“ Demzufolge ist der vorher genannte Ratschlag der „Expertin“ aus meiner Sicht falsch. Pfefferspray kann ebenso wie schreien, kratzen oder um sich schlagen dazu dienen, jemanden kurzzeitig in die Defensive zu drängen, um danach sofort zu flüchten.

Natürlich muss die praktische und rechtliche Handhabung des Sprays beachtet werden, auch darf man nicht erst anfangen, in der Handtasche danach zu kramen. Pfefferspray sollte immer am gleichen Ort der Kleidung aufbewahrt werden. Pfefferspray wirkt nicht sofort! Daher muss als nächster Schritt der Tatort durch wegrennen sofort verlassen werden. Hierzu ist kein Kampfsporttraining erforderlich, jedoch geistige Entschlossenheit. Überraschungsmoment schaffen, Schlag und Flucht. Ich fasse zusammen:

  • Es ist tatsächlich besser, einer Gefahr vor vornherein aus dem Wege zu gehen. Lernen, das Verhalten anderer bewusst zu decodieren. Das ist nicht schwer, erfordert nur Aufmerksamkeit, Intuition und Konzentration.
  • Ist die Fähigkeit zum „Nein“ sagen, schreien, rennen und gegebenenfalls um sich schlagen vorhanden? Leider haben das viele Menschen verlernt. Das Üben (ich spreche bewusst nicht von „trainieren“) geht auch gemeinsam mit den Kindern als Spiel ganz hervorragend.
  • Ein Gesetz der Straße lautet: Der Schnelle frisst den Langsamen, nicht der Stärkere den Schwächeren. Den Schock überwinden, aktiv werden, die eigene Wehrhaftigkeit abrufen und an sich glauben. Das hat der Menschheit seit Jahrtausenden das Überleben gesichert. Diese Anlagen tragen wir alle in uns! Eine Chance ist immer gegeben.
  • Abstand halten, soviel Distanz wie nur möglich, ein angefasst werden so gut wie es geht vermeiden. „Eine Armlänge Abstand“ ist in Mitteleuropa üblich zum Beispiel beim entspannten bürgerlichen Umgang im Büro oder beim Einkaufen, jedoch nicht in einer Konfliktsituation. Wenn keine größere Distanz mehr möglich, dann:
  • Überraschungsmoment schaffen. 70 Prozent aller Vergewaltigungen bleiben im Versuch stecken, weil sich das Opfer heftig gewehrt hat. Nach dieser Aktivierungsphase kann es nur eins geben: flüchten, schreien und kreischen. Das mögen Täter nicht, diese wollen keine Aufmerksamkeit.
  • Es gibt bei einer Gewalttat tatsächlich keine hundertprozentige Garantie, ungeschoren davon zu kommen. Durch diese Verhaltensgrundlagen kann jedoch jeder seine Chancen von anfänglich 50:50 stark zu seinen Gunsten erhöhen.
  • Kampfsporttechniken trainieren? Dann sollte man darauf achten, dass diese einfach(st) anzuwenden, aber effektiv sind. Sie müssen immer wieder trainiert, das heißt konditioniert werden. Man sollte aber nicht überrascht sein, wenn diese auf der Straße nicht die Wirkung zeigen, die man sich im Training  erhofft hat. Durch weiteres Spezialwissen können Chancen erhöht werden. Getötet werden kann man trotzdem, wie tragische Beispiele zeigen, nur die Chancen hierzu verringern sich deutlich. Vorzugsweise etwas für Profis, die damit meistens ihr Geld verdienen und für „Otto Normal“ nicht erforderlich.
  • Unabhängig von der gestiegenen Gewaltkriminalität war es schon immer sinnvoll, daran zu denken, dass da draußen auch Personen unterwegs sind, die nichts Gutes im Schilde führen. Deshalb muss man nicht schizophren werden. Das eigene „gelassene Gefahrenbewusstsein“ verkürzt die Schockphase im Fall des Falles ungemein.
  • Der Staat wird viele Jahre benötigen, wieder mehr Sicherheit zu schaffen. Hoffen wir es. Die Verbesserungen durch die zusätzlichen Neueinstellungen in der Polizei werden erst in etwa zehn Jahren wirksam sein, denn erst einmal gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Pension.
  • Es macht Sinn, nicht nur verbesserte Schlösser in sein Wohneigentum einzubauen. Ebenso ist es sinnvoll, sich auf Gefahrensituationen physisch und psychisch vorzubereiten. Hierzu ist kein spezielles Training notwendig. Kampfsport ist zusätzlich sehr nutzbringend, wenn man die Möglichkeiten und Grenzen einschätzen kann. Gute Trainer wissen das, sie trainieren nicht nur Techniken, sondern wenden auch ein nachhaltiges praktisches Verhaltenstraining an.

Wer nicht zuhause bleibt, ist selbst schuld?

Das Einwirken auf die Politik ist genauso sinnvoll wie die Eigenvorsorge. Kampfsport kann ein Weg sein, muss es aber nicht. Beides hat seine Berechtigung. Die Probleme sind aus meiner Sicht weniger die Tippgeber oder Trainer, sondern manche überangepassten Medien, die daraus selektiv politisch korrekte Empfehlungen und Artikel zaubern. Natürlich ist die Gewaltkriminalität durch Flüchtlinge gestiegen. Bunte Bändchen oder nur mehr eine Armlänge Abstand sind für mich lebensfremder Aktionismus. Es kann aber noch schlimmer kommen:

Der Innenminister vor NRW, Herbert Reul, ging in „ZDF heute in Deutschland“ vom 16.03.2018 auf die dramatische Steigerung von Messerattacken ein:

„Polizisten schützen wir dadurch, dass wir sie mit Schutzwesten ausstatten. Und Bürgerinnen und Bürger werden einfach sensibler sein müssen. Man muss nicht unbedingt Menschen nah an sich heranlassen.“

Heißt decodiert, dass, wer nicht zuhause bleibt, selbst schuld ist, wenn er ein Messer zwischen die Rippen bekommt. Eine Statistik über Delikte mit dem Messer wird präventiv erst gar nicht geführt, sonst würde man schnell auf eine dramatische Steigerung der Zahlen kommen. Auch eine spezielle Art, mit Straftaten umzugehen. Das, was man Bürgern gern unterstellt, ist man selbst: „subjektiv“.

Steffen Meltzer, Buchautor von Schlussakkord Deutschland – Wie die Politik unsere Sicherheit gefährdet und die Polizei im Stich lässt und „So schützen Sie Ihr Kind! Polizeitrainer vermittelt Verhaltensrichtlinien zur Gewaltabwehr

Foto: Marelise Wood dvidshub via Wikimedia Commons

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Leserpost (6)
Gabriele Schulze / 03.04.2018

In dem Buch eines Kriminalbeamten über Gefahrenabwehr habe ich einen hilfreichen Gedanken gefunden: ganz zentral geht es darum, Spielverderber zu sein. Das kann sich als Grundeinstellung in manchen Situationen bewähren, erfordert natürlich bewußte Dekonditionierung. Wenn ich mir mich und meine Landsleute angucke, stelle ich immer wieder fest, wie gern wir doch “lieb” sind. Schrecklich! Ja, das Selbsterhaltungs-Genprogramm muß reaktiviert werden.

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