Claudio Casula / 20.11.2020 / 11:00 / Foto: Beckilee / 6 / Seite ausdrucken

Schwarzbuch Mittelstand

Damals, in den 1980er Jahren, als Thilo Schneider ein Teenager war, der wohlbehütet zwischen Samstagsbad und Rudi-Carrell-Show aufwuchs und – wie unsere ganze Babyboomer-Generation – ein sorgloses Leben in ziemlicher Sicherheit führte, war der Alltagswahnsinn von heute noch nicht abzusehen. Wer konnte sich schon vorstellen, dereinst in einem Lokal Scheußlichkeiten wie glutenfreie Karotten-Spinat-Quiche oder eine Limo in der Geschmacksverirrungsvariante Mango-Holunder-Gurke vorzufinden? Oder am Telefon vom Anbieter ein „Private-Talk-and-Walk-Package inklusive 120 Freischwimmer-Minuten in alle deutschen Schwimmbäder, ein Monatsabo der Zeitschrift Frau am Herd via Download oder Read-per-view und eine warme Mahlzeit in einer Bahnhofsmission Ihrer Wahl“ offeriert zu bekommen?

Schon, dass Sie jetzt überlegt haben, ob hier ein kleines bisschen übertrieben wurde oder nicht, zeigt, wie nah Thilo Schneider an der Realität dran ist. Giordano Brunos „Se non è vero, è molto ben trovato” (Wenn es nicht wahr ist, so ist es sehr gut erfunden) könnte auf seine Geschichten gemünzt sein.

Die vom Leben rechts überholte und vom Alltag gebeutelte Mittelschicht schlägt in diesen Storys in Gestalt eines mittelalten weißen Mannes zurück. Er kämpft die großen Kämpfe (wie mit dem moralisierenden Ordnungshüter, der es nicht beim Ausstellen eines Knöllchens belassen will, oder mit der zerberussischen Domina von der Versicherung eines Schadensverursachers) und die kleinen – etwa mit den Kindern darum, mal den Müll rauszutragen, oder mit dem bedauernswerten ersten Freund der halbwüchsigen Tochter, dem man als Vater erst mal zeigen muss, wo der Frosch die Locken hat.

Die Welt, durch die sich der Kishon von Aschaffenburg mannhaft schlägt, wird von der buckligen Verwandtschaft bevölkert, aber auch von Schnorrern, langweiligen Facebook-Kontakten und einem schwulen Installateur. Und, seien wir ehrlich: Jeder von uns kennt solche Geschichten. Plötzlich entfällt einem unmittelbar vor dem Geldautomaten die PIN-Nummer. Oder die Planung eines Silvesterabends um zehn Ecken herum wird zur echten Herausforderung:

Der Dieter hat mir dann erklärt, dass er gerne an Silvester etwas macht und wir gerne kommen könnten, wenn er etwas mache, denn eigentlich mache er jedes Jahr etwas, nur dieses Jahr wüsste er es noch nicht, weil eventuell Klaus, der Bruder seiner Frau, der Sonja, aus den Staaten rüberkäme, aber er wisse noch nicht, ob das klappt, Klaus hätte sich da noch nicht geäußert, das wäre mehr so vage gewesen, aber wenn Klaus käme, könnte Dieter nichts machen, weil er den dann vom Flughafen abholen müsse. Ich frage, ob er Klaus nicht anrufen könne, aber wenigstens im Moment ginge das nicht, weil es in den Staaten irgendwie 28 Uhr zwoundfünfzig wäre und Klaus wahrscheinlich noch oder schon schliefe. Ich erkläre Dieter, dass es eigentlich an ihm hinge, ob Sandra und Thomas inklusive Mitternachtsgulaschsuppe zu mir kämen, weil, wenn er nichts machen würde, sie gerne kämen, ansonsten aber ihm den Vorzug geben würden. Dieter meint, dass ihn das ja eigentlich einen Scheißdreck angeht, ob ich meine Mitternachtsgulaschsuppe bekäme und setzt spöttisch hinzu, er könne mir ja die Telefonnummer von Klaus geben, dann könne ich ja bei Klaus nachfragen, was jetzt ist, und da ich gerne Planungssicherheit habe, bitte ich ihn um jene Telefonnummer, die er mir zu meiner Verblüffung auch gibt.

Noch schlimmer ist da nur noch die Übertragung der Daten vom alten aufs neue Smartphone, inklusive dafür notwendigem Zugriff auf nicht mehr auffindbare PINs, PUKs, Passwörter und ähnliche Zumutungen.

Das ist immer wieder amüsant, und Achgut-Leser, die Thilo Schneiders mit reichlich Ironie und Selbstironie gewürzten Geschichten kennen, dürften sich freuen, diese und andere, als „Sit-down-Comedian“ im Sessel vorgetragenen Humoresken nun endlich zwischen zwei Buchdeckeln versammelt zu sehen und daheim oder mobil zu genießen, wobei Sie ein häufiger nicht zu unterdrückendes Kichern während der Lektüre einplanen sollten. Mir jedenfalls ging es so, obwohl ich das Buch gleich einige Male gelesen habe – ich habe es nämlich lektoriert. Und mich dabei nicht im Geringsten gelangweilt, schon deshalb nicht, weil einige durchaus kreative Wortschöpfungen die Arbeit so überraschend wie abwechslungsreich gestalteten. Der geneigte Leser wird sich ähnlich gut unterhalten fühlen.

Thilo Schneider: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22,00 €

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Leserpost

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Gunther Lotze / 20.11.2020

Ich lese andauernd MITTELSCHICHT!? Wer ist damit gemeint? Die Handwerksbetriebe (Deutschlands traditionelle Mitttelschicht ) sicher nicht.  Die ersticken zur Zeit im Geld und wissen nicht mehr, was sie noch aufstecken sollen. Seit dem ersten Lockdown veranstalten die Kurzarbeiter und die, die jeden Monat am 1. aufs Konto gucken, ob der Staat pünktlich überwiesen hat,  einen regelrechten Run, das leichtverdiente Geld und die Ersparnisse (aus Angst?) zu verbauen. ZONE auf höherem Niveau. Ich kolportiere einen Ein-Mann-Elektromeister, dem es bis Ende 2019 so lala ging und der seit dem Frühjahr nicht mehr weiß, wen er zuerst bedienen soll.

HaJo Wof / 20.11.2020

Ds mag ja alles sehr amüsant sein, aber in einer Zeit, in der Mittelstand und Mittelschicht (ich weiß, das sind zwei verschiedene Dinge, deshalb nenne ich auch beide) von einer (wie meine Frisörin, Inhaberin mehrerer Salons, die inzwischen stinksauer ist, sie nennt:) SED-Schlampe vorsätzlich, wissentlich und in schlimmster Absicht zerstört werden, mag ich weder über Mittelstand noch über Mittelschicht lachen, nicht mal lächeln. Zu langer Schachtelsatz? Egal. Stilmittel halt. Mit jedem Lockdown wird die deutsche Wirtschaft, ganz besonders der Mittelstand,  ein Stück mehr zerschlagen, und damit ist auch ein enormer Teil der Angehörigen der so genannten Mittelschicht in Gefahr, in die Armut abzusacken. Der soziale Bodensatz der Gesellschaft wird größer. Auch das ist Absicht der Merkelbande. Wer um die eigene Existenz kämpfen muss, hat weder Zeit noch Energie, sich um Politik zu kümmern. Ich bin ein sehr humorvoller Mensch, das ist genetisch bedingt, wir saugen den Humor mit der Muttermilch und der Vaterstadt auf. Die von Merkel nebst Handlangern angerichtete Schei++e kann ich inzwischen aber beim besten Willen nicht mehr komisch finden. Humor ist hier nicht mehr angebracht,

Erha Longfield / 20.11.2020

20. November 2020 Mit Mittelstand kann doch nur politisches Mittelmaß gemeint sein, sonst müßten Parteien die den mal vorgaben zu vertreten, höhere Wählerzahlen generiert haben. Unpolitisch wie er ist, läuft er gleich einem Esel dem man eine Möhre vorbindet, jeder bördlichen Empfehlung hinterher in der Hoffnung, mal einen öffentlichen Auftrag abzustauben.

Stefan Riedel / 20.11.2020

Hallo, wie heißt diese schwedische Tussi überhaupt? Gerda oder doch Gräte? Egal!  Jawohl, meine Herr, so haben wir es gern! Jawohl! Lest Schneider.

PALLA, Manfred / 20.11.2020

Die “GleichBerechtigung” von zusammen-gesetzten HauptWörtern ist auch “eine” meiner Missionen - also bei der o.g. “G…V…VerIrrung” kann man dies bereits anwenden - Und zu Telefonaten in “abseitige” ZeitZonen könnte ICH hier und heute “meine” exclusive ERFINDUNG an ALLE globalen TelefonGesellschaften anbieten (Preis ist VerhandlungsSache !!!) - aufgemerkt: “AN-RUF-BE-ANTWORTER” nenne ICH diese NEUESTE KommunikationsHilfe !?!  - bitte keinen Applaus - In welcher “ZeitZone” bin ICH hier eigentlich gelandet ?!?  ;-)

Volkmar Pätzold / 20.11.2020

Alles richtig. Ein sehr unterhaltsames Buch aus der Sicht eines “Alten, Weisen Mannes”, der ich auch selbst einer bin und vieles eigentlich genauso sehe. Nur die Reisegeschichten gingen mir echt gegen den Strich. Man darf als Deutscher in anderen Ländern nicht erwarten, daß man sich dort teilweise genauso bekloppt verhält, wie wir Deutschen. Leider versuchen wir diese Länder immer aus unserer Sicht zu sehen: Pünktlichkeit, Mülltrennung usw. Warum versuchen wir Deutschen und Europäer anderen unsere leider rot-grün und inzwischen auch schwarz-ökologische Sicht aufzuzwingen. Andere Länder, andere Sitten.

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