Rainer Grell / 08.11.2016 / 14:32 / Foto: Elvert Barnes / 0 / Seite ausdrucken

Glut statt Asche bewahren: Was ist konservativ?

Der „Achse“-Leser Ernst Siebert kommentierte meinen Beitrag zu der „guten alten Zeit“ mit der schönen Äußerung eines Unbekannten: „Konservativ sein heißt, die Glut und nicht die Asche zu bewahren.“ Statt Glut liest man auch manchmal „Flamme“ (erinnert mich an Heinrich Heine: „Ich bin das Schwert, ich bin die Flamme“). Egal. Jedenfalls hat dieser Leserkommentar mich ermutigt, mich endlich als Konservativer zu outen; denn hinter so einer Fahne (Glut oder Flamme meine ich) kann man marschieren, ohne gleich Angst zu haben, mit faulen Eiern oder Tomaten beworfen zu werden. Oder täusche ich mich da?

„Gerade wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf.“ Dieser Satz stammt nicht von dem Konservativen Konrad Adenauer oder seinem „Enkel“ Helmut Kohl, sondern von dem langjährigen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt.

„In Berlin wurde jetzt die erste Bibliothek des Konservatismus eröffnet. Sie repräsentiert einen Querschnitt durch das konservative Denken in Deutschland, Europa und der Welt und wird 60.000 Bände umfassen“, meldete die „Welt“ am 26. November 2012. Na so was! Ich traute meinen Augen nicht. Hatte doch der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, mir mit Schreiben vom 4. März 2010 mitgeteilt: „Mit dem Begriff konservativ können gerade mal 30 Prozent etwas Positives anfangen, die allermeisten haben bei dem Begriff eher negative Assoziationen.“ Deshalb, so Kauder weiter, möchte er deutlich machen, „dass das ‚C’ [in CDU] etwas Modernes, Zukunftsweisendes und nichts Konservatives ist.“

Na klar, „modern“ will jeder sein, weil das so schön unverbindlich ist, während „konservativ“ als politisch igitt empfunden wird. Konservative sind Verlierer, modisch gesprochen „Loser“ (“Only losers spell it ‘loosers’.” Vgl. „Wer nämlich mit h schreibt ist dämlich.“). Und jetzt lautet die Schlagzeile in der „Welt“: „Der wahre Konservative ist für den Fortschritt offen“. Und die „Welt“ vom 29. März 2013 (Online-Ausgabe am Karfreitag) titelte sogar: „Wer konservativ sein will, muss progressiv denken“.

Die Eiche und das Schilfrohr

Nach meiner Ansicht beruht das schlechte Image des Konservativen auf einer historischen Sicht. Die Konservativen wollten die alte Ordnung bewahren bezihungsweise wieder herstellen und stemmten sich gegen politische und soziale Veränderungen. In diesem Sinne entstand in der Weimarer Zeit sogar der paradoxe Begriff der Konservativen Revolution, deren Anhänger sich für einen autoritären Staat eingesetzt und die liberalen Werte der Weimarer Demokratie abgelehnt haben. In diesem Verständnis ist der Begriff konservativ auch für mich negativ besetzt.

Doch niemand zwingt uns zu dieser historischen Betrachtungsweise. Eine konservative Haltung ist ganz einfach ein Produkt der Vernunft, sie entspricht der Logik der Evolution, ist also zeitlos. Das Prinzip der Evolution bedeutet nicht, wie es oft fälschlich kolportiert wird, das Überleben des Stärkeren. Darwins „survival of the fittest“ bezeichnet das Überleben desjenigen, der am besten angepasst ist, an seine Umwelt, an die Anforderungen, die diese an ihn stellt und die sich ständig ändern („neue Herausforderungen“). Alles, was dieser Anpassung dient, wird bewahrt; was ihr im Wege steht, dagegen weiterentwickelt, verbessert.

Im sozialen Umfeld geschieht dies natürlich in wesentlich kürzeren Schritten als in der Natur. Anpassung bedeutet nichts anderes als Flexibilität. Dass „Biegsamkeit“ eher das Überleben sichert als „Starrheit“, hat der Meister der Fabel, Jean de La Fontaine, in seinem wunderbaren Vergleich von der Eiche und dem Schilfrohr („Le chêne et le roseau“) dargestellt, indem er dieses zur Eiche sagen lässt: „Glaub, minder drohet mir des Windes Toben; ich bieg’, ich breche nicht“ („Je plie, et ne romps pas). Die Eiche dagegen wird schließlich vom Sturm entwurzelt.

Wer wird denn ein Schulsystem ändern, das sich über Jahrzehnte bewährt und dem Land einen respektablen Platz im Bildungsranking gesichert hat? Kein Konservativer, nur ein Ideologe, also jemand, der nicht mehr selbständig denkt, der nicht die Wirklichkeit sieht, sondern seine Vorstellung von ihr. Wer wird denn eine „Energiewende“ einleiten, nur weil es am anderen Ende der Welt ein Erdbeben und einen Tsunami gegeben hat, die beide in unseren Breiten nicht oder nicht in dieser Heftigkeit auftreten können? Kein Konservativer, nur ein Ideologe. Wer wird denn Länder in die Europäische Union aufnehmen, die wirtschaftlich, sozial und politisch weit unter dem Standard liegen? Kein Konservativer, nur ein Ideologe, für den der Schein mehr zählt als die Realität.

Der Sklave kann sich befreien, der Tote nicht

Warum gibt es trotzdem so wenige Konservative, also Vernünftige? Die Antwort ist einfacher als gedacht: Wer biegsam ist, kann leicht verbogen werden. Wer sich anpasst, wird schnell zum Mitläufer. Es ist das Trauma der Nazizeit, dass immer noch unser Denken prägt. Nicht dem Angepassten, der überlebt hat, gilt unsere Bewunderung, sondern dem Widerstandskämpfer, dem Unbeugsamen, der lieber sein Leben opfert, anstatt seinen Nacken zu beugen: „Lever dod as Slav“. Dieser ehrenhafte friesische Wahlspruch übersieht leider nur, dass der Sklave sich befreien kann, der Tote aber nicht.

Diese Haltung ist also eher etwas fürs Jenseits als fürs Diesseits. Hier geht es um Überlebensstrategien, individuelle, aber vor allem kollektive. „Fit für die Zukunft“ wird eine Gesellschaft nicht durch Traumtänzerei, durch sozialistische Sprüche, die nur solange funktionieren, wie eine solide kapitalistische Basis da ist. Schon Heinrich Heine spottete:

Franzosen und Russen gehört das Land.
Das Meer gehört den Briten,
Wir aber besitzen im Luftreich des Traums
Die Herrschaft unbestritten.

Das hat sich bis heute nicht geändert. Links nennt man diese Traumtänzerei, die sich ausbreitet wie eine Epidemie. Doch wie sagte ein kluger Anonymus: „Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, hat keinen Verstand.“

Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, dass nicht ohne weiteres klar ist, was erhaltenswert ist und was weiter entwickelt werden muss. Doch es gibt kein besseres System, dies zu diskutieren und um Lösungen zu ringen, als die Demokratie. Und wer’s nicht in den Bundestag, ein Landesparlament oder einen kommunalen Rat geschafft hat, kann sich auch auf einem Forum wie der „Achse des Guten“ einbringen. Also los: Nehmt Euch ein Beispiel an dem alten (er war damals 93) Stéphane Hessel (gest. 2013 mit 95) und „Empört Euch!“ (Indignez vous!). Wobei man inhaltlich natürlich nicht Hessel folgen muss, sondern sein eigenes Urteil zugrunde legen sollte.

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