Die neue Zeit durch eine alte Linse betrachten

Meine Urgroßtanten, Hanna und Hermine Verse, betrieben jahrzehntelang eine Hutmacherei und einen eleganten Laden in Berlin, am Kurfüstendamm 211, dort, wo heute die Maison de France steht. Ein paar Häuser weiter hatte Hitlers Leibarzt Theodor Morell seine Praxis, Kudamm 216, in der belle etage. Die Zeiten in Berlin sind immer politisch. Und so schwärmten auch die „Tanten“ - eine von beiden, Hanna, durfte ich noch kennen lernen -  für Hitler. Das lag sicher auch an den guten Geschäften, die sie machten. Viktor der Kowa und Ilse Werner, die Musik macht, bis ihr der Hut hoch geht (Link: ), waren Kunden der „Tanten“, er brachte seine Frau Michi Tanaka mit, auch Paul Kemp und seine Frau Fita Benkhoff ließen sich sehen, und manchmal gab es den Ausstattungsauftrag für einen ganzen UfA-Film, einen wie den köstlichen „Amphytrion“, in dem auch Kemp und Benkhoff zu sehen sind. Benkhoff besingt darin ab 42 min 42 sec... einen Hut!

Kosmopoliten mit Zeichenblock und Kamera

Zu Friedenszeiten waren auch die reichen Nazis Kosmopoliten. Nationalsozialistische Avantgarde-Frauen waren erstaunlich emanzipiert, und so reisten die hutmachenden „Tanten“ jährlich nach Paris und Mailand zu den Modemessen, sie kamen sogar bis Casablanca. Das taten sie nie ohne Zeichenblock und Kamera. Wunderbare Zeichnungen und Aquarelle sind dabei entstanden, ich besitze eine nordafrikanische Landschaft, die Hanna aquarelliert hat. Und auch technisch waren die „Tanten“ auf der Höhe ihrer Zeit. Hermine besaß seit 1932 eine Leica II und Hanna zog 1936 mit einer Contax II nach: nationalsozialistische Moderne.

Die Fotos hat ein anderer Zweig der Familie bekommen, da waren die Kameras schon lange a fond perdú. Denn als es den Tanten ab 1943 in Berlin zu gefährlich wurde, lagerten sie nach und nach zuerst ihre Stoffe und, Ende 1944, dann auch die Kameras und Objektive aus zu meinem Großvater, in die Altmark. Großvater, der Landarzt, bespöttelte gern die ewigen Junggesellinnen. Da Hanna das moderne Klientel bediente und Hermine eher für die traditionellen Kunden entwarf, sagte er zu ihnen: „Hanna, du repräsentierst das Neue, dein Stil ist Paris. Hermine, du bist eher Alt-Potsdam.“ Selbst die „Tanten“ mussten lachen. Großvater war ihnen dennoch suspekt, er besaß gute Kontakte zum Widerstand und machte in seinen vier Wänden aus seinem Standpunkt keinen Hehl, als es im Sommer 1940 spät abends im Nebenraum zu laut um die Erfolge Hitlers ging, wie Sebastian Haffner sie beschreibt. Aus dem Munde der „Tanten“ klangen sie wie ein Wunder. Da sagte Großvater ebenso laut: „Ich kann das nicht mehr hören mit denen und ihrem ewigen Hitler, wann reisen die endlich ab?“

Die Atmosphäre beim Frühstück am nächsten Morgen, so überlieferte Großmutter, war eisig, und die Tanten reisten tatsächlich ab, zu Großvaters Erleichterung. Ihre Stoffe und Kameras lagerten sie trotzdem aus, zu Großvater, in den Keller. Als Großvaters Haus am 11. April 1945 örtliches US-Hauptquartier wurde, da stiegen die Befreier auch hinunter in den Keller, schlitzten kurzerhand die Stoffballen der „Tanten“ mit dem Bajonett auf, in denen die Kameras mitsamt Zubehör sicher verwahrt waren, und alles, was von ihnen blieb, war ein Zettel mit Unterschrift, Stempel und dem Text: confiscated, required by U.S. Forces. So erging es, nebenbei, auch Teilen von Großvaters Weinbeständen. Auf dem Piano, das ich geerbt habe, sieht man heute noch die Flecken der dort von den Amerikanern festgetropften Kerzen, damit sie nach Stromsperre dort noch den Sieg feiern konnten. Davon gibt es sicher noch irgendwo in den USA alte Familienfotos, die mit den Kameras der „Tanten“ aufgenommen sind.

Alte Kameras werden billig

Als ich 2003 nach Hannover zog, war ich begeistert, denn dort gab es damals gleich drei oder vier Fotofachgeschäfte, die alte Kameras verkauften. Ich erinnerte mich der Familiengeschichte, und so kam zunächst die Contax II wieder in den Familienbesitz, mit dem unvergleichlichen Sonnar 1,5/5 cm , für ganze 150 Euro. Leider war der Verschluss defekt. Kurze Zeit später lernte ich über den Wirtschaftsberater und Headhunter, der später meiner Karriere als Arzt erheblichen Schub verlieh, einen anderen Arzt kennen, für den ich Praxisvertretungen machte. Bei einem Hausbesuch nördlich von Winsen/Aller las ich am Eingang zu meiner Verblüffung „Zeiss Ikon Service“. Vierzehn Tage später funktionierte die Contax wieder. Die brüchigen Seitenbänder ihres vertikalen Rollo-Verschlusses in der Tradition des Ottomar" target="_blank" >https://de.wikipedia.org/wiki/Ottomar_Ansch%C3%BCtz">Ottomar Anschütz waren durch unzerstörbare neue ersetzt, aus irgendetwas, wahrscheinlich Kevlar.

Ich stöberte im Internet und stieß auf das Portrait-Sonnar 2/8,5 cm. Es kostete zehnmal soviel Euro wie seine Brennweite. Aber, Vorsicht, seit die Preise wieder sehr deutlich anziehen, sind auch Fälschungen auf dem Markt. Damals allerdings wechselten alle auf digital, die alte Technik war nichts wert. Ich besuchte eine Fortbildung in Köln, und für weitere 150 Euro war auch die Leica wieder im Familienbesitz, voll funktionsfähig.

Ich machte mir einen Jux, kaufte ein altes Fotobuch von Hans Windisch, „Die neue Foto-Schule“ von 1937. Es wirkt heute noch erstaunlich modern. Meiner damaligen Freundin ging ich bald danach damit auf die Nerven, dass ich mit der Contax ohne Belichtungsmesser fotografierte und bessere Ergebnisse lieferte als sie mit ihrer digitalen Nikon. Kein Wunder. Ich benutzte uralte, ausgereifte Technik, und sie das Neue, Digitale, das erst ein paar Jahre auf dem Markt war. Mutter lud mich 2005 nach Dresden ein, und natürlich musste die Contax mit, sie stammte ja von dort. Sieben Jahre vor Mutters Tod schoss ich dort ihr schönstes Portrait, mit dem Sonnar 2/8,5 cm, auf den Stufen den wieder erstandenen Frauenkirche. Sie hat den Wind im Haar und diesen entschlossenen Blick in die Ferne, den viele konservative Frauen haben, der so attraktiv ist wie der von Che Guevara, und den man nur mit einer alten, unvergüteten Carl-Zeiss-Jena-Linse so schön einfangen kann.

Flirrender Unschärfebereich

Aber auch ich bin faul geworden, seither. Ich habe mir Digitalkameras angeschafft, alle paar Jahre eine neue. Mit einer spottbilligen, winzigen Canon habe ich die schönsten Bilder gemacht, mit den teureren nicht. Lange habe ich mich gefragt, woran das liegt, bis es mir klar wurde: Die kleine Canon hat eine ziemlich miese Optik, der Fokus ist knackscharf, die Ränder sind unscharf. Der Unschärfebereich, das „Bokeh“ ist flirrend und seidig, so als fotografierte ich mit einer der alten Linsen bei offener Blende. Wahrscheinlich war die Kamera so billig, weil ein Dreilinser vor dem Chip klebt, der seinen ganzen Zauber im unteren Zoom-Bereich, an Vollformat gemessen also bei 100 mm, entfaltet, wenn man die ISO-Zahl schön unten hält und die Kamera, die alles automatisch macht, zu offener Blende zwingt. Seither begleitet mich die alte digitale Canon auf Reisen. Man kann sie überall mit zwei AA-Batterien bestücken.

Die alten Linsen, darunter auch ein Goerz Dagor 6,8/10,5 cm mit M39-Anschluss für die Leica und das wunderbare Biotar 2/5,8 cm mit M42-Anschluss für meine Contax S, standen lange ungenutzt herum in einer knallvollen, nur leidlich musealen Vitrine. Adapter für Digitalkameras gibt es schon eine ganze Weile, aber mit den kleinen Chips von Micro-Four-Thirds oder APS-C kriegst du immer ungefähr die zweifache Brennweitenverlängerung, aus deinem Weitwinkel wird ein kurzes Tele, aus deinem Normalobjektiv ein etwas längeres, und das nervte mich. Ich bin auch nicht Krösus, die zweitausend Euro für eine digitale Vollformatkamera habe ich nicht in der Kleingeldbörse für ein selten genug ausgeübtes Hobby.

Die Rettung der alten Linsen

Doch, Rettung naht: Der nächste Generationswechsel. Die Profis werfen ihre gut zehn Jahre alten Vollformatkameras auf den Markt, weil sie nur 12 Megapixel haben. Das reicht mir völlig, ich will keine Werbebanner auf Hauswänden anbringen, nur gute Fotos fürs Album schießen, mit meinen alten Linsen. So erwarb ich kürzlich eine digitale Vollformatkamera für 250 Euro, dazu drei Adapter, M42 auf Canon EOS, M39 auf M42 und Contax-Messsucher auf M39. Juchhu! Nahezu alle meine alten Linsen sind mit etwas Herumgefrickel wieder einsatzbereit vor einer digitalen Vollformatkamera. Mit den technischen Details der Kamera muss ich mich auch kaum herumschlagen. Zeitautomatik, fertig. Scharf stellen muss ich selbst, die Blende wählen auch, wie früher. Die lustige neue Technik, die mir das Denken abnimmt, ist auf das reduziert, was ich will: das Ergebnis selbst bestimmen.

Das Ergebnis selbst bestimmen? Ach, ja... auch die Nazi-„Tanten“ sind wieder bei mir. Kaum war die Krieg zu Ende, da holten sie ihre Stoffe ab, anstelle der Kameras leider nur den Zettel, den die Amerikaner da gelassen hatten, und sie sagten zu Großvater: „Wie hast du das alles bloß ahnen können?“ Großvater soll nichts geantwortet haben. Erst, als sie wieder einmal abgereist waren, um ihr Geschäft im zertrümmerten Berlin alsbald zum Wirtschaftswunder zu führen, soll er, Jahre später, gesagt haben: „Sie sind auf die Füße gefallen wie die Katzen. Die Zeichen der Zeit muss man in der Politik anders erkennen und festhalten als in der Mode. Da geht mir glatt der Hut hoch.“

Das rate ich auch allen Freunden der Politik wie denen der klassischen Fotografie: Die neue Zeit durch eine alte Linse betrachten. Solche Aufnahmen werden einfach schöner. Und plausibler.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (3)
Klaus Reichert / 17.02.2018

Schöner Text. Die dreissiger Jahre Technik - das war lange vor meinen fotografischen Anfängen in den Siebzigern. Aber halt, meine ältesten Gläser sind Yashica ML Optiken von 1979, z.B. das 50 mm, f1.7. Und das sind Carl Zeiss Lizenzbauten, das Kamera Gehäuse von Yashica (FR II) ist eine Contax Lizenz mit horizontalem Tuchverschluss - alles also noch so ziemlich die gleiche Technik, mit der Zeiss / Contax vor dem Krieg zu Weltmarken wurden. Heute verwende ich die alten Optiken immer noch gerne auf der digitalen Vollformat - DSLR, genau wie der Autor. Sie mögen kein Streulicht (Vergütung!), sonst sind die Ergebnisse aber wunderschön.

Christoph Horst / 17.02.2018

Ein schöner Artikel über ein schönes Hobby. Empfehlenswert für Freunde alter Objektive sind auch einige Fabrikate aus der ehemaligen Sowjetunion, hergestellt von Krasnogorski sawod (KMZ). Dieses Unternehmen, das es heute noch gibt, begann laut Wikipedia nach Kriegsende “mit der Produktion von Objektiven nach Vorlagen von Zeiss, deren Hauptwerk in Jena von der Roten Armee eingenommen und teilweise als Reparationsleistung abtransportiert worden war.” Unter Bokeh-Fans besonders beliebt ist das Helios 44-2 58 mm f2, ein Nachbau des von Ihnen zurecht gerühmten Biotar 58 f2. Die Russen haben die Vorlage allerdings nicht originalgetreu nachgebaut - möglicherweise unter dem Einfluss hochprozentiger Getränke entstand ein Objektiv, dessen “swirly” Bokeh man nur als psychedelisch bezeichnen kann. Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Die Linse wurde als Kit-Objektiv millionenfach hergestellt, weshalb auch heute noch gut erhaltene Exemplare für fünfzig bis hundert Euro leicht zu finden sind. Klasse ist auch das Tair 11A 135 mm f2.8 desselben Unternehmens mit 20 (!) Blendenlamellen. Man sieht daran: Auch im real existierenden Sozialismus entstanden hochwertige Produkte! Mir kommt die Brennweitenverlängerung an einer APS-C-Kamera (ungefähr 1,5) übrigens durchaus entgegen: So werden aus den 58 mm etwa 87 mm, und das ist doch eine schöne Porträt-Brennweite. Aber jeder, wie er’s mag.

Detlef Wilke / 17.02.2018

Frau Özuguz hat doch proklamiert, daß es gar keine deutsche Kultur gibt, also jenseits der Sprache. Wer hat nun recht?

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