Rainer Grell / 14.12.2016 / 06:15 / Foto: Bundesarchiv / 3 / Seite ausdrucken

Die Kunst, richtig zu beleidigen

Als meine Frau noch als Lehrerin arbeitete, hatte sie auch einige Ausländer in der (zweiten) Klasse, darunter einen Serben namens A... und einen Jungen aus Eritrea namens B.... Einmal kamen ein paar Schüler zu ihr und erzählten ganz aufgeregt: „Du, der A... hat den B... beleidigt.“ Was hat er denn gemacht? „Er hat zu B... gesagt ‚Du Albaner!‘.“ Der Kleine aus Eritrea konnte mit dieser Beleidigung allerdings nichts anfangen; denn was für den Serben Ausdruck höchster Verachtung war (wahrscheinlich aufgrund von Erzählungen im Familienkreis) bedeutete für ihn nichts weiter als irgendein Wort.

§ 185 Strafgesetzbuch bestimmt: „Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Das Gesetz setzt also voraus, dass klar ist, was eine Beleidigung ist: Die Kundgabe der Mißachtung eines anderen, die bewusste Verletzung seiner Würde.

Deshalb werden gern Tiernamen als Beleidigung gewählt; letztlich, um dem anderen sein Menschsein abzusprechen (Himmler sah in den Juden „Läuse“, die man demzufolge zwischen den Fingernägeln zerknacken konnte): Du Rindvieh, du Schaf, du Esel, du Kamel, du Trampeltier, du Affe, du dumme Sau, du blöde Gans, du dumme Kuh, usw. usw. Bei Beleidigungen wird zumeist geduzt, egal ob man das „Opfer“ im zivilen Umgang duzt oder siezt.

„Bulle“ ist kein Schimpfwort mehr

Manchmal ändert sich auch die Bewertung eines Ausdrucks. So führte vor Jahren noch die Bezeichnung eines Polizisten als „Bulle“ zur Bestrafung wegen Beleidigung, während sich inzwischen die Polizisten selbst so bezeichnen. Seit 1975 verleiht der Bund Deutscher Kriminalbeamter jährlich den „Bullen-Orden“ („Bul le Mérite“) für Verdienste um die innere Sicherheit.

Wenn man auf der Menschebene bleibt, wählt man Ausdrücke, die dem anderen jeglichen Verstand absprechen: Du Idiot oder, noch besser, du Vollidiot, du Spinner, du Trottel (Volltrottel), du Spasti, du Gehirnamputierter ...usw.

Und neuerdings: du Vollpfosten. Der Ausdruck Vollpfosten ist ein Schimpfwort für eine Person, die sich durch besondere Dummheit auszeichnet. Man vermutet eine Bezugnahme auf die intellektuellen Fähigkeiten des Bezeichneten, die nicht größer seien als die eines stehenden Holzstücks. Der Fußball-Bundesligaspieler Arjen Robben vom FC Bayern München wurde 2011 vom DFB-Sportgericht für die Verwendung des Wortes gegenüber einem Schiedsrichter für zwei Spiele gesperrt und musste 15.000 Euro Geldstrafe zahlen (Wikipedia).

Mangel an Argumenten

Im Grunde ist jedes Wort für eine Beleidigung geeignet, dass die Nichtachtung und Verachtung des anderen zum Ausdruck bringt: Du Arschloch, du erbärmlicher Haufen Scheiße, du Pissnelke, du Klaubacke und eben auch du Albaner.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat sogar ein kleines Buch über „Die Kunst zu beleidigen“ verfasst; denn: Wenn einem die Argumente ausgehen, sollte man zur Beleidigung greifen, war seine Empfehlung. Oder wie es sein Kollege Jean-Jacques Rousseau ausdrückte: „Beleidigungen sind die Argumente jener, die über keine Argumente verfügen.“

Allerdings ist das „kleine Brevier sprachlicher Grobheiten“ Schopenhauers aus heutiger Sicht nur zur Beleidigung auf hohem intellektuellem Niveau geeignet. Der Herausgeber des Büchleins, Franco Volpi (Professor an der Universität Padua, gestorben 2009 im Alter von 57 Jahren) schreibt über den großen Philosophen („Die Welt als Wille und Vorstellung“):

„Ohne Scheu vor Grobianismus“

„Beeinträchtigt durch seine misanthropische, sarkastisch-pessimis­tische, jähzornige Charakteranlage wurde nicht nur das Familienleben, sondern ebenso sein gesellschaftlicher und beruflicher Verkehr und überhaupt sein Verhältnis zu Mitmenschen und Zeitgenossen.“ Und: „Mit zunehmendem Alter steigerte sich die Unduldsamkeit Schopenhauers gegenüber all dem, was ihm in der Welt verkehrt zu sein schien. Er nahm kein Blatt mehr vor den Mund, und ohne Scheu vor Grobianismus griff er des Öfteren zum allerletzten Kunstgriff, zur treffsicheren Waffe des Beschimpfens und Beleidigens.“

Kostproben aus dem Brevier:

„Die Heilige Schrift. Man kann nicht zweien Herren dienen: also entweder der Vernunft oder der Schrift.“

„Der kategorische Imperativ (1) – ein Ruhepolster für Esel.“

„Journalisten. Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist: – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen ‚Tagelöhner‘ (2).“

„Der Lärm. Der Lärm ist die impertinenteste aller Unterbrechungen, da er sogar unsere eigenen Gedanken unterbricht, ja, zerbricht. Wo jedoch nichts zu unterbrechen ist, da wird er freilich nicht sonderlich empfunden werden.“

„Koitus und Schwangerschaft. Der Koitus ist hauptsächlich die Sache des Mannes; die Schwangerschaft ganz allein des Weibes.“

Der berühmte Unbekannte

Ein anderer Vertreter der Kunst, richtig zu beleidigen, war der amerikanische Schriftsteller und Journalist Ambrose Bierce (1842-1913/14), der über sich selbst spottete „Mein Ruf als unbekannter Autor ist weltweit.“ Sein "Wörterbuch des Teufels" ("The Devil’s Dictionary") liest sich heute noch sehr amüsant. Auch hieraus ein paar Kostproben:

„Frau, die – In allen bewohnbaren Weltteilen anzutreffendes Raubtier, ansatzweise domestizierbar; gehört zur Gattung der Katzen. Geschmeidig und anmutig in seinen Bewegungen, besonders die amerikanische Unterart (Felis pugnans). Allesfresser; ihm kann das Nichtsprechen beigebracht werden.“

„Friede, der – In der Weltpolitik eine Periode des Betruges zwischen zwei Perioden des Kampfes.“

„Gattentreue, die – Perverse Neigung zur eigenen Ehefrau.“

„Kanone, die – Instrument zur Korrektur von Staatsgrenzen.“

„Kirche, die – Ort, wo der Pfarrer Gott anbetet und die Frauen den Pfarrer.“

Mit Nazi-Vergleichen ins Fettnäpfchen treten

Bei Politikern sind Nazi-Vergleiche sehr beliebt, obwohl man damit meistens ins Fettnäpfchen tritt. Denn die Vergleiche mit den schlimmsten Massenmördern der Geschichte sind im Regelfall unsensibel, dumm oder unverschämt, wie es in einer Pressekritik heißt.

Der Liedermacher Wolf Biermann verstieg sich in der Talkshow „Günther Jauch“ zu dem zweifelhaften Satz über Russlands Präsidenten Wladmir Putin: „Er ist nicht mal fähig, wie Adolf Hitler, eine Autobahn zwischen Sankt Petersburg und Moskau zu bauen.“ Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte 2003 zu dem SPD-Europapolitiker Martin Schulz: „In Italien wird gerade ein Film über die Nazi-Konzentrationslager gedreht, ich schlage Sie für die Rolle des Kapo vor. Sie wären perfekt.“

Altkanzler Helmut Schmidt sagte 2008 der „Bild am Sonntag“: „Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch.“ 1982 hatte Lafontaine über Schmidt gesagt: „Helmut Schmidt spricht weiter von Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit. Das sind Sekundärtugenden. Ganz präzise gesagt: Damit kann man auch ein KZ betreiben.“ Und der so geachtete Willy Brandt giftete im Mai 1985 über den Wahlkampfmanager der CDU, Heiner Geißler: "Ein Hetzer ist er! Seit Goebbels der schlimmste Hetzer in diesem Land!"

Jeder wie er kann

In gleicher Weise hatte Konrad Adenauer (CDU) so schon gegen Kurt Schumacher (SPD) gewettert und Altkommunist Herbert Wehner (SPD) gegen Franz Josef Strauß (CSU). Im Oktober 1986 sagte Bundeskanzler Helmut Kohl in einem Interview mit dem US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" über den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow: „Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der sich auf Public Relations versteht. Goebbels, einer von jenen, die für die Verbrechen der Hitler-Ära verantwortlich waren, war auch ein Experte in Public Relations."

Als Altkanzler verglich Kohl 2000 die Boykottaufrufe der SPD gegen die Spendenaktion der CDU mit dem Boykott jüdischer Geschäfte in der Nazizeit. CSU-Politiker Edmund Stoiber sagte 1979 über Demonstranten, die Eier auf Franz-Josef Strauß warfen, die Leute würden sich benehmen wie „die schlimmsten Nazi-Typen in der Endzeit der Weimarer Republik“. Nur wenig später sagte Stoiber: „Nationalsozialisten waren in erster Linie Sozialisten.“ Na ja, jeder so, wie er eben kann.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner wollte sich nicht in diese Reihe einordnen lassen und verglich deshalb den Bundestag einmal mit der DDR-Volkskammer: „Das ist nicht nur Politik wie in der DDR-Volkskammer. Das sind auch Abstimmungsergebnisse wie in der Volkskammer."

Da kann man mit dem Komponisten Johannes Brahms (1833-1897) nur sagen: „Falls es hier jemanden gibt, den ich noch nicht beleidigt habe, den bitte ich um Entschuldigung.“

(1) Der kategorische Imperativ des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."

(2) Tagelöhner sind Menschen, die keine feste Arbeit haben, sondern nur tageweise beschäftigt werden.

Foto: Bundesarchiv CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia

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Ottfried Kunkelsdorf / 14.12.2016

Hier werden teilweise Beleidigungen mit Polemiken verwechselt. Z. B. die Aussagen Lafontaines über Schmidt und retour. Im Übrigen ist eine Beleidigung das, was der tatsächlich oder vermeintlich Beleidigte dafür hält - manche Leute sind eben über Gebühr empfindlich, andere eher dickfellig. Leider ist seit langer Zeit eine Sache ganz verschwunden, durch die allgemeine Proletarisierung. Nämlich der Umstand, das man früher eigentlich nur innerhalb und unterhalb seiner Klasse beleidigen konnte. Wenn hingegen ein Proletarier oder Kleinbürger einen Bürger beleidigte, dann juckte den das meist nicht, denn die Beleidiger standen tiefer. Beleidigte ein Bürger einen Adligen, dito. Diese geistige Souveränität ist leider schon lange verlorengegangen.

Peter Müller / 14.12.2016

So weit, so unterhaltsam. Ich bin allerdings erstaunt, daß man glaubt, kategorischen Imperativ und selbst Tagelöhner erklären zu müssen.

Hans Meier / 14.12.2016

Meinen herzlichen Dank. Sie haben an diesem Tag eine sehr gute Arbeit getan, bravo!

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