Walter Krämer / 08.01.2019 / 16:00 / Foto: Gmhofmann / 3 / Seite ausdrucken

Unstatistik des Monats: „Sie sind wahrscheinlich HIV-Positiv“

Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. Das Motto lautete im Jahr 2018 „Know your status“. Ziel ist, dass bis zum Jahr 2020 etwa 90 Prozent aller Menschen ihren Immunstatus kennen. Seit Oktober dürfen dazu in Deutschland HIV-Schnelltests frei verkauft werden, die man in Apotheken, Drogerien oder über das Internet bestellen und anonym selbst durchführen kann. Man muss nur die Gebrauchsanweisung lesen, mit einer Lanzette die Haut an der Fingerspitze durchstechen und das Blut in ein Teströhrchen füllen. Dann wartet man 10 bis 15 Minuten und erhält schließlich das Ergebnis: positiv oder negativ. Leider wird aber nicht verständlich erklärt, was das Ergebnis bedeutet. Das wäre jedoch insbesondere für alle diejenigen wichtig, die ohne Arzt einen HIV-Selbsttest durchführen.

Angenommen, man möchte seinen Status wissen und bestellt online den von der Deutschen AIDS-Hilfe empfohlenen „autotest VIH“, der mit dem CE-Prüfzeichen der EU versehen ist, welches die Eignung für Laien bestätigt (www.autotest-sante.com). Das Testergebnis fällt positiv aus. Man liest in der Gebrauchsanweisung nach, was es bedeutet. Dort steht: „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv.“ Der gleiche Wortlaut findet sich bei anderen zertifizierten Schnelltests wie „INSTI“ und „Exacto.“ Ist ein positiver Test ein Todesurteil? Wie wahrscheinlich ist wahrscheinlich? Viele Menschen denken, das bedeutet, eher infiziert zu sein als nicht. Die Gebrauchsanweisung gibt zusätzlich auch in Zahlen an wie gut der Test ist: Sensitivität: 100 Prozent, Spezifität: 99,8 Prozent.

Man beachte die Falsch-Alarm-Quote

Die Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person positiv testet, falls sie HIV-infiziert ist. Die Spezifität ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Person negativ testet, falls sie nicht HIV-infiziert ist. In anderen Worten, die Falsch-Alarm-Rate beträgt nur 0,2 Prozent. Diese beeindruckende Genauigkeit beweist also, dass ein positives Ergebnis so gut wie sicher ist. So scheint es.

Wie hoch ist nun wirklich die Wahrscheinlichkeit HIV-infiziert zu sein, wenn ein positives Testergebnis vorliegt? Diese ist nicht 100 Prozent und auch nicht 99,8 Prozent. Sie ist auch nicht in der Gebrauchsanweisung zu finden, noch wird dort erklärt, wie man sie bestimmen könnte.

Eine Überschlagsrechnung kann die Antwort geben. In Deutschland leben laut dem Statistischen Bundesamt etwa 69 Millionen Menschen, die älter als 18 Jahre sind. Von ihnen sind geschätzt etwa 11.400 infiziert, ohne es zu wissen: davon 2.700 durch heterosexuelle Kontakte, die anderen durch Sex zwischen Männern oder intravenösem Drogengebrauch (www.rki.de). Von je 6.000 Deutschen ist also etwa einer infiziert (69 Millionen dividiert durch 11.400). Dieser wird mit Sicherheit (100 Prozent) positiv testen.

Unter den 5.999 Personen, welche nicht infiziert sind, erwarten wir jedoch weitere 12, die ebenfalls positiv testen. Das folgt aus der Falsch-Alarm-Rate von 0,2 Prozent. Das heißt, dass von insgesamt 13 Personen, die positiv testen, nur einer tatsächlich infiziert ist. „Sie sind wahrscheinlich HIV-positiv“ bedeutet also, dass die Wahrscheinlichkeit bei nur etwa 8 Prozent liegt, dass man infiziert ist. Anders ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit beträgt 92 Prozent, dass man nicht infiziert ist, wenn man im Schnelltest positiv testet. Bei Heterosexuellen ohne Risikoverhalten, dem größten Teil der Deutschen, ist die Wahrscheinlichkeit infiziert zu sein nochmals deutlich kleiner, sie liegt unter 5 Prozent.

Suizid nach fehlerhaftem Schnelltest?

Die Gebrauchsanweisung sagt, dass man sich bei einem positiven Test man so schnell wie möglich an einen Arzt wenden soll. Das ist sinnvoll. Nur zeigen Studien in Deutschland, dass beispielsweise die Mehrzahl der AIDS-Berater an Gesundheitsämtern selbst nicht gelernt haben, Gesundheitsstatistiken zu verstehen und glauben, dass es keine „Falsch-Positive“ gäbe. Deshalb wäre es umso wichtiger, in der Kommunikation und vor allem in der Gebrauchsanweisung klar zu sagen, was ein positives Ergebnis im Schnelltest wirklich bedeutet. In ähnlichen Situationen haben Menschen über Suizid nachgedacht und auch begangen – obgleich sie tatsächlich nicht infiziert waren – um Stigma und sozialer Diskriminierung zu entgehen, die immer noch mit AIDS verbunden sind.

HIV-Schnelltests können sinnvoll sein. Zum verantwortungsvollen Umgang mit ihnen gehört aber, den Menschen verständlich zu erklären, was ein positives Testergebnis wirklich bedeutet.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de .

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Torsten Gürges / 08.01.2019

Tja, an bedingten Wahrscheinlichkeiten, gerade wenn diese mit Prozentsätzen und nicht mit absoluten Zahlen bestimmt werden sollen, ist schon so mancher gescheitert. Andererseits: Ein Test, bei dem man bei einem positivem Ergebnis nachlesen kann: “Ihre Wahrscheinlichkeit infiziert zu sein beträgt 8%”, würde wahrscheinlich niemand ernst nehmen bzw. kaum jemand kaufen. Und das wäre schlicht nicht hinnehmbar, wenn doch das Prüfzeichen der EU darauf ist, das die Eignung für Laien bestätigt…

Werner Kirmer / 08.01.2019

Dann lest mal von Dr. Geerd Hamer Die erfundene Krankheit. Wann nehmen Menschen endlich selber die Verantwortung für ihren Körper in die Hände und hinterfragen kritisch die Behauptungen und Theorien der Schulmedizin?

Nikolai Alexander / 08.01.2019

Mir ist mal folgendes passiert: Ich hatte einmaligen ungeschützten Verkehr mit einer Dame und anschließend eine Pilzinfektion am Feuerwehrmann. Folgerichtig bin ich zum Urologen, dem ich wahrheitsgetreu davon berichtete. Das erste was der tat war natürlich einen HIV-Test anzuordnen, ohne meine Einwilligung zu erbitten, er teilte mir lediglich die Kosten mit. Ich sagte ihm dass ich den Test nicht gedenke durchzuführen, woraufhin sich dieser extrem darüber echauffierte wie verlantwortungslos ich doch sei. An dieser Stelle die Frage an den Leser: warum wollte ich den Test nicht durchführen(und vor allem nicht bezahlen)? Na was denken Sie? Lösung: Es braucht ein paar Wochen bis eine Infektion mit HIV feststellbar ist. Ich bin aber wenige Tage nach dem Akt zum Arzt, hätte ich mich bei der Dame angesteckt hätte das dieser Test eh nicht feststellen können. Auf die Nachfrage wie lange es braucht bis eine Infektion mit HIV durch einen Test feststellbar sei beruhigte sich der Arzt dann plötzlich schlagartig und seine anfängliche Empörung ward verschwunden. Seitdem vertraue ich Ärzten nicht mehr.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen

Es wurden keine verwandten Themen gefunden.

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com