Walter Krämer / 21.09.2022 / 16:00 / Foto: Tim Maxeiner / 8 / Seite ausdrucken

Armuts-Statistik: Beratungsresistente Tagesschau

Was jeder Student der Statistik oder Wirtschaftswissenschaften im ersten Semester lernt, bleibt den Redakteuren der Tagesschau ein großes Geheimnis: dass man das Phänomen der Armut niemals am mittleren Einkommen einer Gesellschaft festmachen darf.

Denn wenn man das verdoppelt, bleibt die Armutsquote, definiert als Prozentsatz aller Menschen unterhalb eines gewissen Prozentsatzes des Durchschnitts – aktuell 60 Prozent, warum, weiß nur der liebe Gott allein –, trotzdem immer gleich. Laut Tagesschau vom 19.9.2022 beträgt dieser für Kinder und Jugendliche derzeit 20,8 Prozent. Und sie bliebe auch bei 20,8 Prozent, wenn die OPEC oder der Sultan von Brunei an das Einkommen aller Bundesbürger eine null dranhängte.

Am Tag darauf schloss sich fast die gesamte deutsche Medienlandschaft dieser Jeremiade an. Nicht ohne zu betonen, dass hier neue Höchststände erreicht worden seien (was nicht stimmt, die Quote liegt konstruktionsbedingt seit Jahren bei 20 Prozent plus/minus einem Prozentpunkt und liegt aktuell statistisch nicht unterscheidbar leicht höher als letztes Jahr).

Diese geradezu unglaubliche und auch durch mehrfache sachliche Richtigstellung, etwa durch die Unstatistik des Monats, nicht zu korrigierende Dürftigkeit der Armutsberichterstattung in den deutschen Medien missachtet völlig die von mehreren Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften herausgearbeiteten Kriterien, nach denen ein Mensch als arm zu gelten hat (und die durchaus über das materielle Existenzminimum hinausgehen): Teilhabe am sozialen Leben etwa, sich ohne zu schämen in der Öffentlichkeit bewegen zu können, keine Angst vor Sklaverei und Unterdrückung. Und im Licht der aktuellen Heizprobleme: im Winter nicht zu frieren. Ein Defizit in einer dieser Lebenssphären macht dann jemand arm. Oder, wie das der unvergleichliche Adam Smith schon 1776 in seinem Klassiker „An Inquiry into the Nature an the Causes of the Wealth of Nations“ formulierte:

„Unter lebenswichtigen Gütern verstehe ich nicht nur solche, die unerlässlich zum Erhalt des Lebens sind, sondern auch Dinge, ohne die achtbaren Leuten, selbst der untersten Schicht, ein Auskommen nach den Gewohn­heiten des Landes nicht zuge­mutet werden sollte. Ein Leinenhemd ist beispielsweise, genau genommen, nicht unbedingt zum Leben nötig, Griechen und Römer lebten, wie ich glaube, sehr bequem und behaglich, obwohl sie Leinen noch nicht kannten. Doch heutzutage würde sich weithin in Europa jeder achtbare Tagelöhner schämen, wenn er in der Öffentlichkeit ohne Leinenhemd erscheinen müsste.“

Auf einmal arm, nur weil ein Krösus neu in die Gemeinde zieht...

Das Leinenhemd von Adam Smith ist heute vielleicht ein Smartphone oder – für Jugendliche – eine Play-Station, aber die zentrale Aussage bleibt: Ob jemand arm ist oder nicht, hängt nicht vom Einkommen der anderen ab. Denn dann wird man unter Umständen auf einmal arm, nur weil ein Krösus neu in die Gemeinde zieht: Das mittlere Einkommen nimmt zu und ehe man bis drei zählt, liegt man unter 60 Prozent des Durchschnitts.

Den gröbsten Unfug kann man zwar durch Wahl des Medians – der Wert, der in der Mitte liegt – anstatt des arithmetischen Mittels als Durchschnittsgröße verhindern, aber das zentrale Dilemma bleibt: Auch wenn es allen besser geht, bleibt die Zahl der Armen immer gleich. Wie bei einem Schiff in einer Schleuse, wo der Teil unterhalb der Wasserlinie alias die Armutsquote immer der gleiche bleibt, ganz gleich wie hoch das Wasser in der Schleuse alias der Wohlstand steigt, ist die Armut hier in die Statistik automatisch eingebaut.

Anders als die deutsche Medienlandschaft hat die deutsche Sozialgerichtsbarkeit dieses Dilemma durchaus erkannt und baut seit langem die korrekten Kriterien in ihre Urteile zu Sozialhilfeansprüchen ein. Ich erinnere mich an einen Fall aus den neunziger Jahren, da wollte ein Kläger die Kosten für einen Fernseher übernommen haben. Denn ohne einen Fernseher wäre ihm eine Teilnahme am sozialen Leben verwehrt. Diesen Anspruch erkannte das Gericht an, fügte aber hinzu, dafür genüge ein Schwarzweiß-Fernseher.

Heute ist daraus vielleicht ein funktionierender Zugang zum Internet geworden. Der Punkt ist, man kann sich durchaus auf Kriterien einigen, die für ein Entkommen aus der Armut unerlässlich sind. Aber diese Kriterien haben mit einem bestimmten Prozentsatz vom Durchschnittseinkommen nicht das Allergeringste zu tun. 

Ein weiteres statisches Defizit der Armutberichterstattung speziell für Kinder und Jugendliche ist das geistlose Festmachen von Armut am Einkommen der Eltern. Selbst wenn man den Abstand des Familieneinkommens von 60 Prozent des Durchschnitts als Armutskriterium begründen könnte, hat das mit der Armut der Kinder allenfalls indirekt zu tun. Jeder Beobachter mit einem Minimum an Welterfahrung kennt wohlhabende Familien mit verwahrlosten Kindern wie auch Familien unterhalb der offiziellen Armutsgrenze, deren Kinder behütet und glücklich aufwachsen. Wann hört dieser Unfug mit der medialen Armutsberichterstattung endlich auf?

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

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Werner Arning / 21.09.2022

Es handelt sich um Ablenkungsmanöver. Ablenken von echten Problemen, hin zu konstruierten Problemen. Klassischer Fall von Propaganda. Scheinbar wird sich um Arme gesorgt, in Wirklichkeit wird Armut durch politisches Handeln geschaffen. Das Bemänteln dieser Methode übernimmt der Staatsfunk frei Haus. Oh Pardon, nein, er ist ja nicht frei.

U. Langer / 21.09.2022

Sehr geehrter Herr Prof. Krämer, ihre Frage “Wann hört dieser Unfug mit der medialen Armutsberichterstattung endlich auf?” kann ich nur negativ beantworten: in absehbarer Zeit wohl nicht. Das Bildungsniveau nimmt in Deutschland kontinuierlich ab und ich glaube, dass mind. 90% aller Journalisten keine Ahnung von Mathematik haben und schon an der Prozentrechnung scheitern. Bei Politikern liegt dieser Prozentsatz bestimmt noch 20% höher :). PS: Um den Unsinn mit der Armutsstatistik zu erkennen, muss man nicht Statistik studiert haben. Eigentlich müsste ABI reichen - ja hätte hätte Fahrradkette.

W. Renner / 21.09.2022

Die Bundesregierung arbeitet nach Kräften daran, dass alle bald nichts mehr haben, ausser offenen Strom- und Gasrechnungen natürlich. Dann können die Parteibuch-Hofberichterstatter von der Aktuellen Kamera stolz berichten, dass die Armutsquote unterhalb eines Durchschnitts erfolgreich auf Null reduziert wurde. Nebenbei kann Robert, die lauwarme Luftmühle noch als Erfolg verbuchen, dass die Anzahl der Insolvenzen ebenfalls auf Null gesenkt wurde, da alle bereits vorher aufgehört haben zu arbeiten.

Thomin Weller / 21.09.2022

Seit über 20 Jahren manipuliert die politische Verbrecherbande eher Kaste alle Statistiken zum Nachteil der gesamten Bevölkerung und erfüllt damit den StGB Tatbestand einer Verschwörung ud Verbrechen gegen das Volk. Nicht nur der Mathematiker Bosbach auch der Erfolgsautor von Schirach erkannte es nicht als einziger und setzt auf Grundrechte 2.0 bsp. “Artikel 4 - Wahrheit Jeder Mensch hat das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen.” Die Welt staunt über die Dummheit der deutschen Bevölkerung das sie sich das alles gefallen lässt. China ist vor Jahren angetreten in ihem Land die Armut auszugleichen und hat sehr große Erfolge erzielt. Der Wertewesten ist neidisch, die Politik der Verbrecherbanden entsprechend—Militär. Eine Deutsche Demokratie zum totlachen—>“Recht ist der Fortschritt des Faustrechts in Paragraphen, die Maske der Gewalt eine Prozedur, bei der die Willkür als Kür auftritt.”  Kh. Deschner PS “....die deutsche Sozialgerichtsbarkeit dieses Dilemma durchaus erkannt und baut seit langem die korrekten Kriterien in ihre Urteile zu Sozialhilfeansprüchen ein.” Der Autor sollte sich einmal richtig damit befassen. Gerade diese SGB Rechtsprechung ist bundesweit die größte Kakophonie und wird aktiv z.B. durch SPD ANahles verhindert, der RA Thome(Tacheles) kann vieles berichten.

Fred Burig / 21.09.2022

Bei der “geistigen Armut” sieht es etwas anders aus. Da kann man Zahlen ins Verhältnis setzen, wie man will - die grünen Ökofaschisten tummeln sich da immer repräsentativ im Vorderfeld! MfG

Jan Blank / 21.09.2022

Gottlob funktioniert diese Klippschulstatistik ja auch andersrum! Oder will jemand bestreiten, dass Bill Gates und sein mexikanischer Aushilfsgärtner im statistischen Durchschnitt beide Multimilliardäre sind ? In den “Tagesthemen” sah ich neulich im Zuge der Wettervorhersage, im unten durchlaufenden Tickerband, den Stadtnamen: Strahlsund. Tja nun.  Eigentlich tröstlich, dass der ÖR so viele Rotgrüne in seine beschützte Werkstatt aufnimmt. Nicht auszudenken, wenn diese Überflieger Brücken oder Kraftwerke zu bauen hätten…...

Marcel Seiler / 21.09.2022

So ist es, wenn man Lobbygruppen die Berichterstattung überlässt. In diesem Fall sind es die Lobbygruppen der Wohlfahrtsverbände, deren Bedeutung mit jedem von ihnen erfolgreich ausgestoßenem Schrei “Es gibt Armut” noch wächst. Die Wohlfahrtsverbände sollten den ersten Preis der Werbe-Branche erhalten.

Frank Kutschke / 21.09.2022

Das mit dem Median fand ich sehr schön entlarvend. Die Anzahl derer, die unter dem Median derer sind, die unter dem Median aller sind, sollte man regelmäßig möglichst exakt berechnen und in der Tagesschau berichten. Die Politik muss dann “alle Hebel in Bewegung setzen”, um diese Anzahl zu drücken. Man darf köstlich gespannt sein, wie das klappt. :)

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