Rainer Grell / 04.04.2017 / 16:30 / Foto: André Zehetbauer / 1 / Seite ausdrucken

„Wer nennt zwei Monologen Gespräch?“ – Schiller, Goethe, Talkshow

Von Rainer Grell.

Wer weiß eigentlich noch, was eine Xenie ist? Das Land der Griechen ist zwar allgegenwärtig, aber mit der Seele suchen wir es schon lange nicht mehr, und Griechisch ist auch längst out. Doch zum Glück gibt’s ja Wikipedia und dort lesen wir: „Xenien (griech.), ursprünglich „Gastgeschenke“, nannte der römische Dichter Martial (1. Jahrhundert n. Chr) das 13. Buch seiner Epigramme, die als Begleitverse zu Geschenken gedacht waren. Johann Wolfgang von Goethe übernahm diesen Titel im ironischen Sinne für Distichen [Distichon = zweizeilige Versform], die er gemeinsam mit Friedrich Schiller verfasst hatte. Die Xenien erschienen in Schillers Musenalmanach auf das Jahr 1797. Die Manuskriptabschrift mit insgesamt 676 Xenien ist noch heute erhalten.“

Goethe hat uns seine Gastgeschenke als „Zahme Xenien“ hinterlassen, was durchaus ironisch gemeint war. So las ich während meines Jurastudiums, das allerdings schon Jahrzehnte zurückliegt, mit heimlichem Vergnügen diese keineswegs zahmen Zeilen:

Im Auslegen seid frisch und munter,
legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.

Gleichzeitig bemühten sich Professor Dr. Karl Larenz und andere vergeblich, mich von der „Unentbehrlichkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft“ (1966) zu überzeugen. Da war der Erste Staatsanwalt Julius von Kirchmann mit seiner 1847 gehaltenen Rede über „Die Werthlosigkeit der Jurisprudenz als Wissenschaft“ schon erfolgreicher.

Entgegen der Meinung von Jost Müller-Neuhof im "Tagesspiegel" dichtete Goethe übrigens seinen flotten Zweizeiler nicht im Faust, sondern eben in seinen „Zahmen Xenien“. Im „Faust“ hört sich das so an:

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Zeitlos und deshalb aktuell

Um was geht es hier eigentlich? Als ich neulich zum x-ten Mal in den „Xenien von Schiller und Goethe“ blätterte, kam mir ganz plötzlich in den Sinn, wie zeitlos und deshalb aktuell einige dieser Gastgeschenke der beiden „Klassiker“ doch sind. Und an den Freuden dieser kleinen „Entdeckung“ möchte ich die "Achse"-Leserinnen und -Leser gerne teilhaben lassen. Wer hier aussteigen möchte, sollte sich vorher noch schnell diesen wunderbaren Satz des großen Sir Winston Churchill zu Gemüte führen: “The farther backward you can look, the farther forward you can see.” (Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter kann man vorausschauen.)

Also, los geht’s mit der ersten Xenie:

Ob die Menschen im ganzen sich bessern? Ich glaub es, denn einzeln –
Suche man, wie man auch will – sieht man doch gar nichts davon.

Wir haben uns eben evolutionär seit der Steinzeit nicht groß weiterentwickelt, wie der Ameisenforscher Edward O. Wilson erkannt hat.

Einer, das höret man wohl, spricht nach dem andern, doch keiner
Mit dem andern; wer nennt zwei Monologen Gespräch?

Heute nennt man das Talkshow

Heute nennt man das Talkshow, wobei die Teilnehmer dort häufig nicht einmal einer nach dem anderen, sondern alle gleichzeitig reden. Dabei wusste schon der persische Dichter Saadi im 13. Jahrhundert:

Einen Anfang hat die Rede,
und ein Ende –
gestatte ihr, dass sie
von selber ende!
Bist du ein Mann von Bildung und Verstand,
zerschneidest du nicht fremder Worte Band.

„Von Bildung und Verstand“ – mein Gott, wie altmodisch das klingt, richtig spießig.

Toren hätten wir wohl, wir hätten Fratzen die Menge,
Leider helfen sie nur selbst zur Komödie nicht.

Hierzu habe ich vor fast 40 Jahren am Rande notiert: „Lage bis 1978 unverändert“. Ganz schön arrogant finde ich das heute. Oder?

Liegt der Irrtum nur erst, wie ein Grundstein, unten im Boden,
Immer baut man darauf, nimmermehr kömmt er an Tag.

Falsche Zitate sind unsterblich

Hierzu ein kleines Erlebnis aus meiner Studienzeit. Bei der Vorbereitung einer Hausarbeit im bürgerlichen Recht stieß ich in einem BGB-Kommentar auf das Zitat einer Reichsgerichtsentscheidung, das sich bei der Nachprüfung leider als falsch erwies. Vielleicht ein Zahlendreher beim Band der Entscheidungssammlung oder bei der Seite, dachte ich und probierte beides aus. Fehlanzeige. In einem anderen Kommentar fand ich dasselbe (falsche) Zitat. Auch in dem renommierten Kommentar von Staudinger sowie im nicht weniger angesehenen (mittlerweile eingestellten) Reichsgerichtsräte-Kommentar – dasselbe Ergebnis. Sollten die etwa alle voneinander abgeschrieben haben? Neugierig geworden, verfolgte ich das falsche Zitat durch die gesamte Kommentarliteratur zurück, die mir das Juristische Seminar der Uni Freiburg bot, und landete schließlich beim Planck‘schen Kommentar, von 1905, wenn ich mich richtig erinnere (fünf Jahre nach Inkrafttreten des BGB erschienen). Damals kannte ich diese Xenie noch nicht. Aber als ich sie zum ersten Mal las, fiel mir gleich diese Begebenheit ein.

Als weiteres Beispiel mag der hohe Eisengehalt von Spinat dienen, der angeblich durch ein versehentlich falsch gesetztes Komma entstand (statt 2,9 mg 29 mg; nach anderer Version kam der Irrtum dadurch zustande, dass der Eisengehalt von getrocknetem Spinat ungeprüft auf frischen übertragen wurde, dessen Eisengehalt jedoch wesentlich niedriger liegt) und ganze Generationen von Kindern zur Verzweiflung trieb. Daran konnte selbst der „Spinatmatrose" Popeye nichts ändern.

Und der oft so tröstliche Erich Kästner nimmt uns hier jede Illusion:

Irrtümer haben ihren Wert;
Jedoch nur hie und da.
Nicht jeder, der nach Indien fährt,
entdeckt Amerika.

Zsa Zsa Gabor gekannt?

Bei der folgenden Xenie könnte man meinen, die beiden Dichter hätten Zsa Zsa Gabor gekannt (die achtmal verheiratet war und dadurch zur Millionärin wurde):

Viele rühmen, sie habe Verstand; ich glaubs: für den einen
Den sie jedesmal liebt, hat sie auch wirklich Verstand.

Und hier könnten Peter Sloderdijk und Richard David Precht Pate gestanden haben:

Philosophen verderben die Sprache, Poeten die Logik,
Und mit dem Menschenverstand kommt man durchs Leben nicht mehr.

Endlich ist es heraus, warum uns Hamlet so anzieht,
Weil er, merket das wohl, ganz zur Verzweiflung uns bringt.

„Coito, ergo sum“

Nun, Hamlet war bekanntlich Däne, und stand uns deshalb wohl näher als etwa Romeo oder gar Othello. Unabhängig davon ist Hamlet eine wahre Zitaten-Fundgrube und auch mit sonstigen Shakespeare-Zitaten kann man auch heute noch punkten. Guckst du hier: 'Brush up your Shakespeare' (aus dem Musical 'Kiss me, Kate, von Cole Porter. Wer’s lieber auf Deutsch möchte, wird hier fündig). Noch mehr dürfte uns Schiller liegen, dessen Sentenzen nicht selten für Volksweisheiten gehalten werden („Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“, „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ usw.).

Denk ich, so bin ich. Wohl! Doch wer wird immer auch denken!
Oft schon war ich und hab wirklich an gar nichts gedacht.

Spaß muss sein, hat hier offenbar das geniale Dichterpaar gedacht. Und Spaß ist es auch, der aus dem „Cogito, ergo sum“ von Descartes heute mehr und mehr ein „Coito, ergo sum“ macht. Oder, auf Talkshow-Niveau: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“

Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung,
Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.

Gegen Kants Tugendlehre

Diese Zeilen habe ich lange nicht verstanden, bis mir, im bereits fortgeschrittenen Alter, ein belesener Dozent während einer Fortbildungsveranstaltung erklärte, dass diese Xenie gegen Kants preußische Tugendlehre gerichtet sei. Danach sei nur das tugendhaft, was uns schwer fällt. Deshalb müssen wir „unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit“ tun. Ich habe diese Erklärung nie nachgeprüft, aber sie hat mir eingeleuchtet und tut es immer noch.

Nimmst du die Menschen für schlecht, du kannst dich verrechnen, o Weltmann,
Schwärmer, wie bis du getäuscht, nimmst du die Menschen für gut.

Der persische Dichter, Philosoph, Mathematiker und Astronom Omar Chajjam formulierte in einem seiner berühmten „Rubaijat“ (Vierzeiler) den gleichen Gedanken rund 700 Jahre früher so:

Das Weltrad hat stets Böses nur im Sinn,
Was es auch bringt, bleibt doch nicht dein Gewinn.
Und legt es wirklich mal ein Zuckerstück
Dir in den Mund, schlucks nicht, ‘s ist Gift darin.

Wen wundert’s, musste doch Gott selbst erkennen, „daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden, und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar (Genesis 6, 5).

Mit Humor nahm’s dagegen Erich Kästner, indem er „Für Stammbuch und Stammtisch“ schrieb:

Freunde, nur Mut!
Lächelt und sprecht:
„Die Menschen sind gut,
bloß die Leute sind schlecht.“

Doch zurück zu den Xenien:

Wo ich den deutschen Körper zu suchen habe, das weiß ich,
Aber den deutschen Geist, sagt mir, wo findet man den?

Ein gestohlener Brief

Tja, heutzutage findet man den deutschen Körper in einem der 8.700 Fitnessstudios, deren Mitgliederzahlen gerade die Zehn-Millionen-Grenze überschritten haben, und den deutschen Geist in den zahlreichen Talk-, Casting- und Kochshows. Die Anspruchsvolleren suchen und finden ihn auf der "Achse". Manche landen auch irrtümlich bei Günther Jauchs Quizshow „Wer wird Millionär?“ Hauptsache Show!

Und zum Schluss:

Was ist das schwerste von allem? Was dir das leichteste dünket:
Mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir liegt.

Diesen Gedanken hat Edgar Allan Poe (der leider nur 40 Jahre geworden ist) in seiner Detektivgeschichte "The purloined letter" aufgegriffen ("Der entwendete Brief"). Ob er dabei von dieser Xenie inspiriert wurde, habe ich leider nicht herausfinden können. Die Geschichte entstand 1844, also zwölf Jahre nach Goethes Tod. Es geht um einen kompromittierenden Brief, den Minister D. aus den königlichen Gemächern gestohlen hat und der trotz intensiver polizeilicher Nachforschungen bei ihm nicht gefunden werden kann. Aber nicht etwa, weil er besonders gut versteckt war, sondern weil er sich offen im obersten Fach eines vergammelten Kartenhalters (card-rack) befand. Auguste Dupin, Poes genialer Sherlock Holmes, findet ihn natürlich trotzdem und kassiert dafür 50.000 Francs vom Pariser Polizeipräfekten. Dieser „hat es nie für wahrscheinlich oder auch nur für möglich gehalten, dass der Minister den Brief direkt unter jedermanns Nase hingelegt hat, um eben jedermann davon abzuhalten, ihn zu bemerken“. Achse-Leserinnen und -Leser sehen natürlich den aktuellen Bezug, auch ohne dass ihnen ein Preisgeld winkt.

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Leserpost (1)
H. J. Zerche / 04.04.2017

Danke dafür,  dass ich nun ungefähr weiss, was Xenien sind.  Ich erinnere mich genau, dass sie im Abi nie vorkamen. War der Lehrer der Trottel oder ich? “Weil ich ein bescheidner Kerl bin, ist immer der andere schuld.”

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