Gastautor / 29.05.2017 / 06:05 / Foto: Kate Holt/AusAID / 2 / Seite ausdrucken

Wachstumsmärkte in Afrika?

Von Volker Seitz.

Die bundeseigene Gesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) sieht in Afrika immer wieder enorme Geschäftschancen. Zwar hat der gesamte Kontinent hohen Nachholbedarf, aber Afrika ist nicht homogen, jedes Land, jede Region muss einzeln betrachtet werden. Vorsicht mit kühnen Prognosen. Wie viele Artikel und Bücher über den Aufstieg Afrikas, angetrieben von hehren Absichten, sind schon geschrieben worden. In Anlehnung an Karl Kraus sage ich, man kann den Kontinent derzeit nicht hoch genug überschätzen und gute Aussichten sind wertlos. Es kommt darauf an, wer sie hat. An sachkundigen Experten herrscht hierzulande Mangel. Nichts ersetzt den Augenschein.

In der Afrikanischen Union sind jetzt (mit Marokko) 55 afrikanische Staaten Mitglied. Es sind Länder mit etwa 2000 verschiedenen Sprachen und ebenso vielen Völkern, die teils sehr unterschiedlich sind. Aber in vielen Staaten ist die Strom- und Wasserversorgung auf wenige Stunden am Tag beschränkt. Weit über die Hälfte aller Afrikaner hat keinen Zugang zum Stromnetz. Düstere Aussichten für wirtschaftlichen Fortschritt. Weitere Investitionshemmnisse sind die Korruption, mangelhafte Infrastruktur und fehlende qualifizierte Arbeitskräfte. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder eine qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht.

Wirtschaftsboom ist in vielen Ländern die Angelegenheit eines festgefügten, familiär und finanziell verbundenen Leitungspersonals, das von der breiten Bevölkerung abgeschirmt ist. 
Auf dem Africa CEO Forum in Genf im März 2015 erklärte der britisch-sudanesische Milliardär Mo Ibrahim, dass er in vielen afrikanischen Ländern seine Investitionstätigkeit eingestellt hat. Er wies auf den Nachholbedarf im politischen Bereich hin. Regierungsvertreter müssten leichter zur Rechenschaft gezogen werden können, um die Korruption einzudämmen. Mo Ibrahim kennt die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Afrika sehr gut. Er vergibt den sehr angesehenen Preis für gute Regierungsführung.



Die großen Märkte existieren zweifellos, aber oft sind Zugang und Entwicklung verbarrikadiert. Es liegt immer an den politischen Akteuren. Politische Instabilität, Sicherheitsprobleme und Gesundheitsrisiken schrecken ab. Hohe Bestechungsgelder und stundenlange Wartezeiten an Kontrollpunkten bremsen den Handel. Es blüht der Schmuggel. Waren, Menschen und Kapital können sich nicht frei über Grenzen bewegen, die Regierungen konkurrieren anstatt zu kooperieren. Aufgrund der politischen Konflikte handeln viele afrikanische Länder heute mehr mit Europa, China oder den USA als mit ihren direkten Nachbarn. Die größten Chancen Afrikas bestehen, wenn der afrikanische Binnenmarkt besser entwickelt wird. Der Handel zwischen den afrikanischen Ländern liegt bei gerade einmal 11,3 Prozent des afrikanischen Gesamthandels. (Zum Vergleich Asien 50 Prozent und Europa 70 Prozent).

Warum hat der deutsche Mittelstand so wenig Interesse an Afrika?

Es müssen größere grenzüberschreitende Räume geschaffen werden. Von der Kräftebündelung könnten alle Staaten profitieren. 

Das Geschäftsvolumen zum Beispiel deutscher Maschinenbauer auf dem Kontinent ist überschaubar. Nach Angaben des Branchenverbandes VDMA gingen 2015 Maschinen im Wert von 4,2 Millionen Euro nach Afrika. Das sind gerade einmal 2,7 Prozent der Branchenexporte. Chinesische und indische Hersteller sind oft günstiger. Gut verkauft werden Nahrungsmittel-und Verpackungsmaschinen sowie Bau- und Baustoffmaschinen. Warum hat der deutsche Mittelstand so wenig Interesse an Afrika?

Ein Grund könnte sein, dass der „Doing Business Report“ der Weltbank die meisten Staaten auf den letzten Plätzen 100 bis 180 platziert. Auch bei Menschenrechten kann sich die Wirtschaft nicht wegducken. Wenn heute gern von nachhaltiger Produktion die Rede ist, dann kommen auch die politischen Standards im Investitionsland in den Blick. Wichtig ist auch die Sicherheit in einem Land. Beispiel Nigeria: Die größte Volkswirtschaft südlich der Sahara bemüht sich um Investitionen. Gleichzeitig sind große Teile des Landes der Kontrolle des Staates entglitten. Wichtig sind die Effizienz von Institutionen, Infrastruktur, das makroökonomische Umfeld, Gesundheit und Ausbildung, Funktionsweise des Marktes, Geschäftsqualität und Innovationskraft. Hinzu kommt die Marktgröße der Nachbarländer. Ein Risiko könnte sein, dass ein Machtwechsel bestehende Verträge durchkreuzt. Alles hängt vom guten Willen einer Regierung ab.

Warum wohl sind nur 17 von 3,8 Millionen deutschen Unternehmen in Kenia aktiv? Erst 2,8 Prozent aller Handelsimporte – überwiegend Fahrzeuge – stammen aus Deutschland. Die meisten Unternehmen verkaufen ihre Produkte, nur Beiersdorf lässt vor Ort produzieren. Der Handel Deutschlands mit den Staaten südlich der Sahara bewegt sich derzeit bei den Exporten auf dem Niveau des Wirtschaftsaustauschs mit Dänemark. 

Laut Bundesbank-Statistik gibt es nur etwas mehr als 9 Milliarden Euro Direktinvestitionen aus Deutschland in Afrika, das ist gerade einmal rund ein Prozent aller deutschen Direktinvestitionen auf der Welt. Etwa 800 Unternehmen mit deutschem Kapital sind in Afrika aktiv. Der Entwicklungsforscher Jann Lay vom GIGA-Institut für Afrika Studien in Hamburg meint, dass aus Sicht der Unternehmen lohnenswerte Projekte fehlen, bei denen das Verhältnis von Chance und Risiko stimmt.

Bei vielen Projekten verlieren Investoren bald die Geduld herauszufinden, wer was bei wem und wie viel verdienen will. Wenn Geschäftsleute es versäumt haben, sich rechtzeitig über die Geschäftspartner und die vertraglichen Grundlagen kundig zu machen, führt dies häufig zu schwerwiegenden Konsequenzen. Wer investieren möchte, sollte nicht mit Schreibtischkenntnissen nach Afrika kommen. Ein möglicher Investor muss sich professionell bei Wahl der Geschäftspartner, bei der Vertragsgestaltung beraten und eine Risikoanalyse erstellen lassen, und er muss sich Zeit lassen, um gute Marktkenntnisse und das Verständnis für die Anforderungen vor Ort zu erwerben. Zuverlässiges und zugleich aktuelles Datenmaterial von offiziellen Quellen sind faktisch nur für wenige Länder und Branchen verfügbar.

Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen

Ohnehin müssen Investoren oft Pionierarbeit leisten und brauchen insbesondere bei unvorhersehbaren Behördenregelungen Geduld. Im Vertrag muss ausdrücklich festgeschrieben werden, welches Recht bei Uneinigkeit angewendet werden soll. Es ist empfehlenswert, auf kurzfristige Vorteile und Abkürzungen zu verzichten. Sehr wichtig ist es, die Kundenbedürfnisse des Landes zu kennen, die sich erheblich vom Westen unterscheiden können. So spielt zum Beispiel in Afrika Design (noch) eine geringe Rolle, wichtiger ist es, dass ein Gerät robust ist. Wenn Mitarbeiter entsandt werden, schadet es nicht zu wissen, dass Luanda (Angola) und Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) im weltweiten Vergleich sehr hohe Lebenshaltungskosten haben. Die angolanische Hauptstadt Luanda hat laut einer Studie der Unternehmensberatung Mercer nach Hongkong die höchsten Lebenshaltungskosten der Welt. Eine Zweizimmerwohnung kostet durchschnittlich 5000 Euro Monatsmiete.

Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen, vor allem in kleinen Ländern wie Ruanda, Botswana, Mauritius, Senegal, Seychellen, Namibia. Das sind Länder, die gezielt daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. In diesen Ländern gibt es zupackende Regierungen, die das System wirklich reformieren wollen. Es gibt Geschäftschancen für beratende Ingenieurbüros, für Lieferungen und Investitionen im Transport und Infrastruktursektor, im Energiesektor (erneuerbare und dezentrale Energietechnik), in der Landwirtschaft (u.a. Landmaschinen), Wasser/Abwasser, Medizintechnik und Nahrungsmittel. Energieeffizienz-Technologien, CO2-Minderung und Klimaschutz können hohe Wirkungen entfachen. Einige Unternehmen – wie zum Beispiel das Bauunternehmen Bilfinger, Maschinenhersteller wie Liebherr oder Ingenieursbüros wie Lahmeyer – sind bereits seit Jahrzehnten mit Geduld und Fingerspitzengefühl erfolgreich in Afrika aktiv. Erfolgreich sind die Firmen, wenn sie Fachkräfte für die Bedienung und Wartung in dem Land ausbilden. Afrika ist kein Markt, auf dem Investoren mit raschen Erfolgen rechnen können. Bei Ausschreibungen von größeren Projekten ist es meist sinnvoll, sich bei erfahrenen Unternehmen als Sublieferant einzubringen.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Kate Holt/AusAID CC BY 2.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (2)
Eduard Müller / 29.05.2017

Maschinen im Wert von 4,2 Mio Euro? Wenn das knapp 3 % unserer Exporte sind, frage ich mich warum Deutschland Exportweltmeister sein soll….

Stefan Hundhammer / 29.05.2017

Geht es hier um Entwicklungshilfe, die deutsche Firmen leisten sollen, oder darum, daß Afrika für deutsche Firmen Potential für Gewinn und Markteinteile bieten könnte? Wenn es das letztere wäre, wäre verwunderlich, warum das nicht zum Selbstläufer würde, falls die Rahmenbedingungen stimmen. Aber offensichtlich stimmen sie eben gerade nicht, offensichtlich ist das Risiko zu hoch. Und dieses Risiko beinhaltet instabile Machtverhältnisse, die Möglichkeit von Staatsbankrott und galoppierender Inflation, Rechtsunsicherheit (wer weiß, ob eine Nachfolgeregierung sich für Verträge interessiert, die mit der vorherigen Regierung geschlossen wurden? Ob Besitzverhältnisse von ausländischen Firmen respektiert werden?), allgegenwärtige Korruption (mit den dazugehörigen Rechtsrisiken - man wird ggf. nach deutschem Recht wegen Bestechung verurteilt, die aber dort ggf. notwendig ist und erwartet wird). Dabei sind mangelnde Infrastruktur (Verkehrswege, Strom, Wasser, Internet) und Bildungsniveau der Arbeitskräfte vor Ort noch gar nicht berücksichtigt. Ich fürchte, der Autor sieht das zu sehr aus der Perspektive der Entwicklungshilfe und nicht aus unternehmerischer Sicht.

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