Oliver Zimski / 03.10.2016 / 06:20 / 0 / Seite ausdrucken

Alles so schön schwarz hier

Von Oliver Zimski.

Es ist schon einige Jahre her, dass ich dem Gespenst zum ersten Mal begegnete. Von Kopf bis Fuß schwarz vermummt, schlurfte es mir am helllichten Tag auf dem Gehweg meines Südberliner Kiezes entgegen. Als wir auf einer Höhe waren, geschah etwas völlig Unerwartetes. Das Gespenst machte eine elegante Drehung, tänzelte in meine Richtung und lüftete Gewand und Schleier. Zum Vorschein kam eine wunderschöne Frau, reich geschmückt wie in Tausendundeiner Nacht, die mir mit verführerischem Lächeln zuhauchte: „Enjoy difference!“

Aber nein, so war es leider doch nicht, das war nur der feuchte Traum aus dem berühmt-berüchtigten „Toleranz“-Werbeclip von Pro 7. In Wirklichkeit blieb der Umhang geschlossen und schleifte über den Boden, durch Staub und Straßendreck. Vor sich her schob das Gespenst einen Kinderwagen, ein paar Meter hinter ihm lief ein etwa zweijähriger Junge. Im Vorübergehen suchte mein Blick instinktiv einen Gesichtsausdruck, einen wenigstens flüchtigen Blick zurück, aber ich sah nur schwarz, bis auf einen schmalen Schlitz für die Augen, die das Gespenst starr auf das Mobiltelefon in seiner Hand gerichtet hielt, und selbst diese Hand war mit einem schwarzen Handschuh bedeckt.

Ich schaute der unheimlichen Erscheinung hinterher, und mir wurde bewusst, dass ich soeben einer der angeblich „nur 100 Vollverschleierten“ begegnet war, die unter 82 Millionen Menschen in Deutschland leben, einem folkloristischen Randaspekt der muslimischen Vielfalt in unserem Land, völlig harmlos, nicht der Rede wert und schon gar kein Grund, um negative Gefühle aufkommen zu lassen.

Seltsam nur, dass es heute, ein paar Jahre später, allein in meinem näheren Wohnumfeld sicher ein Dutzend dieser schwarz oder dunkelbraun Verschleierten gibt, immer mit kleinen Kindern um sich herum, meist mit Handy am Ohr, aber nie im Gespräch oder Kontakt mit anderen Menschen. Hin und wieder ist auch ein männlicher Schatten dabei, gern in T-Shirt, kurzen Hosen und Sportschuhen. Obwohl mittlerweile sogar über ein Verbot der Vollverschleierung in öffentlichen Einrichtungen diskutiert wird, behaupten die Islamlobbyisten und ihre zahllosen Unterstützer unverdrossen in den Medien, es handele sich um „nur 100 Frauen in ganz Deutschland“. Was bedeuten würde, dass gut zehn Prozent davon allein in meinem kleinen Kiez beheimatet sind.

Neulich stand eine von ihnen vor mir bei Lidl an der Kasse. Schlagartig vereiste die Atmosphäre, Mienen erstarrten, Gespräche verstummten, doch die Kassiererin bewältigte die Situation mit routinierter Höflichkeit. Sie war freundlich, aber natürlich war es keine herzliche Freundlichkeit. Jemand, der sein Gesicht nicht zeigen will, erregt nach hiesiger kultureller Tradition Misstrauen, außerdem sind wir als Menschen Resonanzwesen, daran gewöhnt und darauf angewiesen, in der Mimik unseres Gegenübers lesen und auf deren Ausdruck reagieren zu können. Niemand lächelt einen Stein an.

Was denkt ein Gespenst?

Dabei verbirgt sich hinter dem schwarzen Stoff kein Stein, sondern eine lebendige Frau mit Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Ängsten. Nur, was denkt und empfindet sie? Stellt es sie wirklich zufrieden, dass sie zwar andere sehen, aber nicht selbst gesehen werden kann? Fühlt sie sich vielleicht gefangen und zugleich überlegen? Wenn sie nicht von den Blicken fremder Männer getroffen werden will – wie denkt sie dann über unverschleierte Frauen? Hält sie sie für „Schlampen“ oder gar „Nutten“? Was antwortet sie ihren Kindern, wenn die sie fragen, warum sie sich beim Rausgehen verhüllt? „Papa verlangt es von mir, damit mich kein anderer Mann sehen kann.“ Oder: „Wir leben hier unter Ungläubigen und müssen uns vor deren Blicken und Nachstellungen schützen.“ Welche Auswirkungen hätte eine solche Antwort auf ihre Kinder, die ja in Kindergarten und Schule auf die Kinder der „Ungläubigen“ stoßen? Wie können sich ihre Kinder später in eine Gesellschaft integrieren, die zu verachten sie von früh auf gelernt haben?

Leider habe ich – solange ich nicht selbst zum Islam konvertiere und eine (oder mehrere?) dieser Frauen eheliche – keine Chance, Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Kein Roman oder Film bringt mir das Innenleben von Vollverschleierten nahe. Wo sich der konservative Islam ausbreitet (und ein anderer ist leider nirgendwo auf der Welt in Sicht), sind individuelle Lebensäußerungen verpönt, verkümmert auch künstlerische Kreativität jeder Art. Hinzu kommt, dass sich die Masse der konformistischen Soziologen, Meinungsforscher und Journalisten nicht für die Verschleierten interessiert, sondern allein für die Reaktionen der nichtmuslimischen Mehrheitsbevölkerung auf sie, deren vermeintlichen „Rassismus“, „Islamophobie“ und „Fremdenfeindlichkeit“.

Zweierlei „Respekt“

Als „bunte Bereicherung“ soll man die schwarzen Gespenster empfinden, mit denen es keine gemeinsame Sprache, keine Begegnungsmöglichkeit, keinen Austausch, ja nicht einmal gegenseitigen Sichtkontakt gibt. „Respekt“ soll man ihnen entgegenbringen, und den erhalten sie ja auch. Allerdings keinen Respekt im herkömmlichen Sinne, der an die uns verborgene bleibende Würde, Persönlichkeit oder Lebensleistung dieser Frauen geknüpft ist, sondern einen mafiösen „Respekt“, aus Angst und dem Recht des Stärkeren geboren. Denn jeder in Deutschland weiß, dass eine Verschleierte keineswegs für sich allein steht, sondern für eine ganze Gruppe von Männern – Ehemann, Vater, Brüder, Cousins – mit denen man sich besser nicht anlegt. Deshalb wird sie überall wie ein rohes Ei behandelt. Deshalb auch sind die Medien so „sensibilisiert“. Reißt einmal im Jahr irgendwo in Deutschland ein Betrunkener einer Voll- oder Halbverschleierten das Kopftuch weg, so schafft es dieser Vorfall mühelos in die Tagesschau und sämtliche überregionalen Zeitungen.

Natürlich ist die Floskel von den „nur 100 Frauen in ganz Deutschland“ eine der vielen schönfärberischen Lügen über den hiesigen Islam. In Wahrheit dürften es – die zahlreichen Vorstufen der Vollverschleierung mit eingerechnet – längst Zehntausende sein, und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Und nein, sie sind keineswegs mit christlichen Nonnen gleichzusetzen. Nonnen sind (oder eher: waren) meist Frauen, die eine bewusste Entscheidung für ein spirituelles, Gott und den Mitmenschen gewidmetes Leben getroffen haben. Das Signal, das die halb- und vollverschleierten Musliminnen an ihre Umgebung aussenden, ist keines von Spiritualität oder Nächstenliebe, sondern eines der Abgrenzung und Verachtung. Ihre Vermummung ist ein klares Statement gegen die Gesellschaft, in der sie leben und von deren Sozialleistungen sie großenteils profitieren.

Nun gibt es ja viele andere Gruppen, die ebenfalls am selbstgewählten gesellschaftlichen Rand leben: Grufties, Nichtwähler, Reichsbürger, Anhänger aller möglichen religiösen Sekten. Soll also jeder nach seiner Fasson selig werden, wie einst Friedrich der Große meinte? So einfach ist es leider nicht. Der muslimische Bevölkerungsanteil in Deutschland wächst stetig, die Verschleierten sind darin keineswegs isoliert, sondern Trendsetter, zudem holt sich unser Land momentan im Rahmen seiner „Willkommenskultur“ jede Menge Nachschub. Und da den Verschleierten von den hinter ihnen stehenden Männern als einzige Bestimmung aufgegeben wurde, Hausfrau und Mutter zu sein, bekommen sie massenhaft Kinder. Nach allen bisherigen Erfahrungen werden viele dieser Kinder für eine Gesellschaft verloren sein, die aus Bequemlichkeit und Feigheit darauf verzichtet, jenseits von abgenutzten Phrasen wie „Toleranz“ und „Respekt“ gemeinsame verbindliche Werte zu formulieren und durchzusetzen.

Preußen und Azteken

Einen Fremden behandeln wir auch deshalb freundlich und respektvoll, weil wir die Hoffnung hegen, dieser Fremde sei eigentlich wie wir, könne irgendwann einer von uns werden, oder wir könnten uns zumindest gegenseitig anregen. Das ist eine anthropologische Konstante, die sich durch alle Epochen und Kulturen der Menschheitsgeschichte zieht. Die politische Forderung nach einer pauschalen „Fremdenfreundlichkeit“ gegenüber Einwanderern, die erkennbar zeigen, dass sie dauerhaft fremd bleiben wollen, ist völlig absurd und ohne jedes historisches Vorbild. Die sprichwörtliche Toleranz Friedrichs des Großen, der von der Pest und dem Dreißigjährigen Krieg entvölkerte Landstriche Preußens mit Zuwanderern aus halb Europa besiedelte, war an die Bedingung gebunden, diese müssten loyale Untertanen (heute würde man sagen: Mitbürger) werden, eine Bedingung, die die dankbaren Migranten der damaligen Zeit freiwillig und innerhalb kürzester Zeit erfüllten.

Man muss schon sehr weit in der Geschichte zurückgehen, um einen Vorgang zu finden, der an die kopflose und ignorante Verherrlichung alles Fremden erinnert, wie sie derzeit deutsche Staatsräson ist. In seinem über 30 Jahre alten, lesenswerten Buch „Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen“, beschreibt der bulgarische Soziologe Tzvetan Todorov, wie der aztekische Herrscher Montezuma die Eroberung seines Landes durch die Spanier unter anderem deshalb zuließ, weil er sie für „unbekannte Götter“ hielt und völlig blind für ihre Eigeninteressen und wahren Beweggründe war. Das Schicksal der Azteken ist bekannt und sollte heute nicht nur den Deutschen, sondern allen Westeuropäern zu denken geben.

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

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