Ulli Kulke / 14.12.2016 / 16:30 / Foto: Vaishal Dalal / 5 / Seite ausdrucken

Keine Nachrichten mehr über Fälle von Mord und Totschlag!

Hoch schlugen vergangene Woche die Wellen um die Frage: Sollen die Medien bei Gewalt- und anderen Verbrechen die Herkunft der Täter oder Verdächtigen benennen, falls es sich um Migranten oder Flüchtlinge handelt, oder sollen sie ihr Wissen darum gegenüber ihren Lesern oder Zuhörern lieber zurückbehalten, so wie es der Presserat – in der Regel – anmahnt. Die Argumente dagegen und dafür sind auf breiter Basis ausgetauscht.

Es werde bei der Benennung nur ein „Generalverdacht“ gegen Ausländer geschürt heißt es hier, daraus werde Hetze produziert, dies dürften Zeitungen und Funkhäuser nicht zulassen. Dort wirft man ein: Die Menschen hätten ein umfassendes Interesse an der ganzen Wahrheit, ein Verschweigen falle nur auf die Medien zurück, der Begriff der „Lügenpresse“ oder „Lückenpresse“ erhalte nur neue Nahrung, die Menschen wüssten selbst am besten, wie sie mit der Wahrheit umzugehen haben.

Ganz am Rande: Eines kann man heute hinzufügen: In dem Fall, um den diese Diskussion in der vergangenen Woche so heiß lief, beim Sexualmord in Freiburg nämlich, kam jetzt allerhöchstwahrscheinlich eine Weiterung ans Licht: Dass der Verdächtige erst vor zwei Jahren bereits wegen einer ähnlichen Tat in Griechenland, bei der das Opfer nur zufällig überlebte, zu zehn Jahren(!) Gefängnis verurteilt worden war – damals auch schon als 17jähriger. Erkannt aber wurde er jetzt als dieser mutmaßliche Täter, eben weil Medien darüber berichteten, dass es sich in Freiburg um einen Flüchtling aus Syrien gehandelt hatte.

Der Presserat verlangt hier von den Medien ein durchaus paternalistisches Verhalten ihren Konsumenten, ihren Kunden gegenüber, denen – oder doch einem wesentlichen Teil von ihnen – man keinen vernünftigen Umgang mit der Wahrheit zutraut. Cui bono – wem nützt die Wahrheit? Das Spiel um diese Frage ist altbekannt, der Kommunismus bekannte sich offen dazu.

Problemkieze raus aus den Negativschlagzeilen

So, wenn wir aber schon einmal dabei sind: Warum geht man dann nicht gleich weiter, und fragt: Soll man den Lesern und Zuschauern überhaupt Nachrichten über einzelne Morde und Totschlagsdelikte zumuten, über Gewaltverbrechen, über konkrete, gerade geschehene Taten, mit Angabe von Ort und Zeit und all den anderen Details? Oder wäre es nicht besser, solche Nachrichten zurückzuhalten, und die Fälle später in die allgemeine Kriminalstatistik einfließen zu lassen, die man natürlich veröffentlichen dürfte. Eine Selbstbeschränkungs-Erklärung von Presse, Funk und Fernsehen wäre möglich. Vielleicht initiiert von einer entsprechenden Erklärung des Presserates?

Gründe dafür, auch hier Zurückhaltung zu üben – jedenfalls analog zu den Befürchtungen um die Erweckung jenes „Generalverdachtes“ –, ließen sich zur Genüge finden. Problemkieze wären nicht ständig in den Negativschlagzeilen, dortige Bewohner wären so besser vor jenem Generalverdacht geschützt. Nachahmungstäter (wie jetzt womöglich im Fall jenes Berliner U-Bahn-Treppenschubsers) würden nicht mehr animiert. Wenn wir andererseits nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Nachrichten über Gewalttaten fragen, stellen wir fest: Es gibt keinen. Na bitte.

Warum nicht gleichermaßen auch auf die Prozessberichterstattung verzichten. Etwaige Häufungen von Namen, die auf eine bestimmte Herkunft schließen lassen, kämen nicht mehr vor. Die – in den Augen Vieler ja komplett haltlosen – Befürchtungen in der Bevölkerung vor wachsender Kriminalität würden an Nahrung verlieren. Die Menschen in den Eigenheimsiedlungen würden nicht mehr um den Schlaf gebracht durch Nachrichten über Wohnungseinbrüche in der Nachbarschaft.

In den Medien der DDR kamen Mord und Totschlag fast nie vor

Ob auf Berichte über Taten oder über die Prozesse danach, das bedeutendste Argument für den Verzicht darauf, ganz im obigen Sinne: Rechte Hetzer könnten Mord, Totschlag, spontane Gewaltaktionen, Einbrüche, Diebstähle nur noch erheblich schwerer für ihre Propaganda nutzen, weil nur noch die zusammenfassenden –­ und um alle möglichen verfälschenden Nebeneffekte bereinigten Statistiken ­– herausgegeben würden.

Man sieht, wenn wir schon auf die Nennung der Herkunft von Verdächtigen und Tätern bei einzelnen Taten verzichten sollen, so gäbe es analog dazu genauso gute Gründe, die Taten selbst ebenfalls sehr verantwortungsvoll und im Sinne des gesellschaftlichen Friedens mit dem Mantel des Schweigens zu verhüllen.

Ein absurder Gedanke? Vielleicht. Neu wäre er nicht, und deshalb womöglich auch für alle Zukunft nicht ausgeschlossen. In den Medien der DDR jedenfalls kamen Mord und Totschlag oder andere schwere Gewaltverbrechen im Landes selbst so gut wie gar nicht vor. Zwar waren diese tatsächlich nicht so verbreitet wie im Westen, es gab für die Täter schließlich nach westlichem Maßstab so gut wie nichts zu holen. Aber sie geschahen durchaus.

Doch die Morduntersuchungskommissionen waren angehalten, neben der Aufklärung genau solches Gewicht auch auf die Vertuschung der Vorgänge gegenüber der Öffentlichkeit zu legen (siehe hier und hier). Es sei denn, bei den Taten konnte irgendein Ursprung im Westen, im Kapitalismus, behauptet werden, dann sah die Sache schon ganz anders aus. Da nannte man dann voller Begeisterung auch die Herkunft der Täter. Das Motto: Ein Sozialist tötet nicht, bricht nicht ein und stiehlt nicht. Eher schon war Eigentum Diebstahl.

Der Leser ahnt es womöglich: All diese Vorschläge sind nicht ganz ernst gemeint. Sie sollen lediglich aufzeigen, wohin es führen kann, wenn der Paternalismus, den man den Medien gegenüber ihrer Öffentlichkeit abverlangt, erst einmal Einzug hält. Das Zeitalter der Aufklärung wäre ein anderes. Und der Begriff des „Postfaktischen“ hätte zudem eine weitere Bedeutung.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ulli Kulkes Blog Donner + Doria hier.

Leserpost (5)
Andreas Rochow / 15.12.2016

Danke für die sehr gut nachvollziehbare Argumentation. Die Antithese ist auch hier eine erhellende Methode der Logik. Im Fazit ist der Hinweis auf die DDR-Medienpraxis durchaus berechtigt. Den Ostalgikern sollte man an diesem konkreten Beispiel deutlich entgegenhalten: “Es war nicht alles gut.”

Andreas Lang / 14.12.2016

Genau! Nichts mehr berichten, dann geht es uns allen viel besser! Wie sagte doch Andrea Nahles? Ich glaube es war ” ich mach mir die Welt, vide-vide-vit, wie sie mir gefällt!”. Beste Grüße aus Bayern!

Holger Wirth / 14.12.2016

Sehr geehrter Herr Kulke, Ihr Vorschlag ist inkonsequent. Warum nicht gleich vollständig auf Nachrichten verzichten. Er reicht doch über die Erfüllung des Fünfjahrplanes und die Ergebnisse der Friedensfahrt zu berichten. Gruß aus Dresden

Dirk Jäckel / 14.12.2016

ZEIT online hat es übrigens bis jetzt nicht für nötig erachtet, über die wichtigen neuen Erkenntnisse bzgl. “Jugendlichem” aus Iran oder Rumänien oder Afghanistan (er gab alles an)  zu berichten. Welch bitterer intellektueller - und letztlich auch ethischer - Niedergang einer einst großen seriösen Zeitschrift!

Anne Koenen / 14.12.2016

Ein weiterer Vorschlag: sollte man nicht, um Diskriminierungen zu vermeiden und üble Vorurteile nicht zu züchten/zu bestätigen, bei der Nennung von Straftätern auf die Angabe des Geschlechts verzichten? Warum gilt die penetrante (sorry) Nennung des Geschlechts nicht als anstößig? Und bei den Bildern könnte man so pixeln, dass das auch nicht mehr erkennbar ist. Man sieht, hier ist noch viel machbar.

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