Volker Seitz / 15.02.2018 / 11:01 / Foto: Tim Maxeiner / 4 / Seite ausdrucken

Entwicklungshilfe für Verantwortungslose

BMZ Minister Gerd Müller gibt seinem Aufsatz für die Wirtschaftswoche den Titel „Schluss mit unserem Kolonialismus". Er schreibt: „Ob Kaffee oder seltene Rohstoffe – wir leben auf Kosten Afrikas". Ferner prangert er „Kinderarbeit zu Sklavenlöhnen" an. „Diese Zustände müssen wir ändern – und zwar sofort und dauerhaft.

Jeder wünscht sich, dass Kinder in Afrika eine schöne und unbeschwerte Jugend verbringen. Leider verkennt diese Betrachtung völlig die Realitäten vor Ort. Auch in Europa war lange Zeit zum Beispiel Kinderarbeit in der Landwirtschaft normal. Oftmals ist dies die einzige Chance, Hunger und bedrohlicher Armut zu entkommen.

Anders müssen wir das bei ausbeuterischer Kinderarbeit beurteilen, die unter gefährlichen Bedingungen stattfindet, etwa in Steinbrüchen. Da hat Herr Müller recht. Da im Kongo unter den 140.000 Arbeitern etwa 40.000 Kinder in den Minen arbeiten, die ohne Rücksicht auf Gesundheit das Produkt manuell aus dem Boden holen müssen, verweigern inzwischen viele Unternehmen aus ethischen Gründen den Kauf des Metalls aus dem Kongo. Sie weichen auf andere Länder wie China, Kanada, Russland und Australien aus.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt, dass der Familienclan des aktuellen Staatschefs Kabila Anteile an mindestens 70 Firmen und mehr als 120 Lizenzen zum Abbau von Bodenschätzen hält. Das Vermögen von Joseph Kabila wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt. EU und die USA haben gegen hochrangige Mitglieder der Regierung Kabila Sanktionen verhängt. Von Minister Müller habe ich noch nie eine öffentliche Kritik an den Machtverhältnissen im Kongo gehört. Dann müsste er konsequenterweise jede Entwicklungshilfe für das Land einstellen. Allein aus Deutschland fließen derzeit jährlich etwa 265 Millionen Euro in den Kongo. Gebracht hat es bislang wenig.

Was bedeutet die Arbeit konkret für die betroffenen Kinder? 

Eine Studie der Tulane University zeigt, dass in Côte d’Ivoire und Ghana nur ein kleiner Teil der Kinder durch den Kakaoanbau vom Schulbesuch abgehalten wird. Missbräuchliche Kinderarbeit oder Sklaverei stehen in beiden Ländern unter Strafe. Die Kinder werden keineswegs für alle Arbeiten auf den Pflanzungen eingesetzt. Vielmehr helfen sie bei Tätigkeiten, die viele Arbeitskräfte erfordern, wie der Vorbereitung des Bodens, der Ernte, die sich auf eine Haupt- und eine Nebenerne beläuft, und bei der Weiterverarbeitung der Kakaobohnen nach der Ernte. Nur vergleichsweise wenige Kinder helfen beim Einpflanzen der Setzlinge oder bringen Düngemittel aus. Nicht jede Form von Arbeit ist für Heranwachsende schädlich, so auch die UNICEF. Viele Kinder wollen auf dem Feld oder im elterlichen Betrieb mithelfen und können dabei einiges lernen.

Dirk Messner leitet das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn. In seinem Interview mit der Süddeutschen Zeitung-Online, „Der Westen hat als Vorbild dramatisch gelitten“ finden sich richtige Einschätzungen und Aussagen sowie einige wichtige Vorschläge, die bei Umsetzung durchaus Fortschritt bedeuten könnten. Was Messner aber nicht sagen sollte (was bei seinem Job aber nachvollziehbar ist): Er redet neuerdings von WIR. Das war nicht immer so. In dem etwas älteren Artikel „Afrikaner wenden sich gegen Entwicklungshilfe“ auf der Homepage von 3sat wird er mit der Aussage zitiert: „Entwicklung muss in den Ländern selbst initiiert und angestoßen werden, man kann von außen nur unterstützen.“

Es geht vor allem um die eigene Verantwortung der Länder selbst. Nicht wir machen Entwicklung dort, sondern die Regierungen, Parlamente, Gesellschaften und Eliten müssen sich um ihre eigene Entwicklung kümmern, müssen die Voraussetzungen für Entwicklung schaffen; dann können wir sie dabei unterstützen. Der Anstoß für Reformen muss aus dem Inneren des Kontinents kommen. Und multilateral ist keineswegs ein Allheilmittel, vielleicht sogar im Gegenteil.

Nicht Kapital fehlt, sondern förderungswürdige Projekte

Angesichts der enttäuschenden Bilanz der bisherigen Entwicklungspolitik sollte deren Kurs grundlegend geändert werden. Geberfunktionäre verdienen – zumal im Ausland – reichlich Geld, und viele von jenen, die die Hilfe in Empfang nehmen, wissen es in der Regel so anzustellen, dass ihre persönlichen Interessen dabei nicht zu kurz kommen. Ich bin der Meinung, dass die milliardenschwere staatliche Hilfe stark zurückgefahren werden sollte. Es fehlt nicht an Kapital, sondern an förderungswürdigen Projekten.

Es sollten nur noch in wenigen Ländern eigene Anstrengungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Landwirtschaft unterstützt werden. Bildung spielt eine enorm wichtige Rolle in der Armutsbekämpfung. Nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, kennt seine Rechte und kann sie einfordern, nur er hat die Chance, eine besser bezahlte Arbeitsstelle zu finden. 

Eine geradezu leidenschaftliche Zuneigung gegenüber Afrika zeigt der ehemalige Bundes- und IWF-Präsident Horst Köhler seit langem. Er spricht von großem Respekt vor Afrika und seinen Menschen. Allerdings ist seine oft gehörte Feststellung, afrikanische Eigenverantwortung bedeute „vor allem Selbstverpflichtung unsererseits“ rätselhaft. Auch Köhler sagt gerne WIR. Das ist sicher gut gemeint, aber damit schwingt er sich zu dem auf, der andere entwickeln will. Er müsste aus Erfahrung wissen, dass das nicht geht, dass wir niemanden – und für andere nichts – entwickeln können außer uns selbst.

„Diese bemutternde Haltung, die in den Dritte-Welt-Kreisen des Nordens seit Jahrzehnten verbreitet ist, steht im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip, das verlangt, dass helfende Agenturen – private oder staatliche – keine Aufgaben übernehmen dürfen, die vom Entwicklungsland selbst erfüllt werden können“, sagt Kurt Gerhardt, der Koordinator des Bonner Aufrufs.

Wir fördern Verantwortungsverweigerung

Das Bewusstsein der Eigenverantwortung ist in Afrika weitgehend zerstört worden, weil ausländische Helfer zu viel Verantwortung an sich gezogen haben. Je mehr Verantwortung wir aber für die Entwicklung Afrikas übernehmen, desto mehr fördern wir Verantwortungsverweigerung der dafür in erster Linie Zuständigen. Afrika ist reich an Bodenschätzen, reich an fruchtbaren Böden und reich an Talenten seiner Bewohner. Trotzdem kommt dieser Kontinent, vor allem wegen der rasanten Bevölkerungszunahme, nicht auf die Beine.

Europa muss endlich Tabugrenzen überschreiten. Nur wer eine verantwortliche Familienplanung aus eigener Verantwortung betreibt, sollte Hilfe bekommen. Afrika selbst, das heißt Regierungen und Gesellschaften, müssen sich diesem traditionsbeladenen Thema stellen. Wir müssen ihnen deutlich machen, dass Maßnahmen gegen das rasante Wachsen der Bevölkerung zu ihrer eigenen Verantwortung gehören.
  
Die Prosperität des Südens sollte nicht länger als Bringschuld begriffen werden, die der Norden mit immer mehr Kapitaltransfers abzugelten hat, sondern als selbst zu lösende Aufgabe. Die Diskussion muss auch in afrikanischen Medien geführt werden, auch wenn man damit bei all jenen Gesinnungsethikern aneckt, die Verantwortung für Armut und Unterentwicklung ausschließlich im Norden vermuten.

Der Aktivismus der guten Gesinnung

Was wir in Afrika erleben, ist das Versagen der afrikanischen Regierungen und der von konsequenter Selbstüberschätzung getragene Versuch der Entwicklungshilfe, das auszugleichen. Obwohl jedes Jahr Milliarden für Entwicklungshilfe in Afrika ausgegeben werden, erheben Mantra-artig mehr oder weniger prominente Menschen, frei von Zweifeln, ihre Stimme und behaupten, dass Afrika unsere Hilfe brauche.

Es fehlen vielen afrikanischen Politikern – wie ich sie kennengelernt habe – Organisationskompetenz, Selbstbewusstsein und Leitziele. Sie arbeiten nicht zäh und schrittweise daran, das Notwendige zu verwirklichen. Es fehlt am Willen zur Wohlstandssteigerung für einen großen Teil der Bevölkerung. Es sollte keine Entwicklungshilfe mehr an Länder gehen, die nicht bereit sind, ihre Einkünfte, insbesondere aus Bodenschätzen, offenzulegen. 

Infrastrukturprojekte sollten nur noch nur in Ländern finanziert werden, in denen bereits früher errichtete Anlagen dauerhaft instand gehalten werden. Gefördert werden sollten nur noch diese Projekte, weil dadurch möglichst viele Menschen Arbeit finden. 

Oft sprechen afrikanische Regierungen von eigenen Zielen, die aber kaum einer hat, näher ausführt oder gar präzise bestimmt. Von Gerechtigkeitserwägungen inspirierte Mitsprachemöglichkeiten der Bevölkerung gibt es nicht. Während die Bevölkerung in den Industrienationen glaubt, mit „Entwicklungszusammenarbeit“ Armut zu lindern und der Gerechtigkeit zu dienen, machen sich die Helfer vor Ort nur selten Illusionen. Aber diese Diskrepanz wird in Deutschland nicht öffentlich diskutiert.

Der Aktivismus der guten Gesinnung muss mit einem Fragezeichen versehen werden. Ich bezweifle, dass bisher aus den Erfahrungen die richtigen Schlüsse gezogen werden. Da wir keine große Rücksicht auf die Realitäten in den verschiedenen Ländern nehmen, befreit de facto die aktuelle Entwicklungshilfe die meisten Staatschefs von der Verantwortung gegenüber ihrem Volk. 

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“.  Das Buch ist vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (4)
Thomas Scholz / 15.02.2018

Wer hat denn bei diesem Aufsatz Herrn Müller die Feder geführt? Vermutlich ein um politischen Einfluss lobbysierender Mitarbeiter von Oxfam.

Albert Pflüger / 15.02.2018

Ich unterstütze die Aussagen des Artikels vollständig. Allerdings vermute ich, daß die beschriebenen Zustände (Verantwortungslosigkeit, Planlosigkeit auf Nehmerseite) nicht in jedem Falle ungewollt sind. Menschen mit altruistischer Fassade nutzen nur allzugern die Möglichkeiten, die sich aus ihrer verliehenen Finanzkraft ergeben. Der jüngste Oxfam-Skandal ist da nur einer, der halt aufgeflogen ist. Gerade Charity-Organisationen ziehen Minderleister und Opportunisten genauso magisch an, wie Idealisten. Die Cleveren schauen auf den eigenen Geldbeutel, die Minderleister schauen auf ihre Bedeutung, und die Idealisten reiben sich auf. Politisch werden die Gegebenheiten genutzt, um korrupte Mehrheiten von Drittwelt-Diplomaten einzukaufen, wenn es um die Durchsetzung bestimmter Ziele in den Vereinten Nationen und ihren Untergliederungen geht. Die Agenda dort wird zum Teil von einer Bürokratenkaste bestimmt, die weit überdurchschnittlich mit Homosexuellen besetzt ist und solche grundstürzend wichtigen Dinge wie Gender Mainstreaming, Inklusion und Diversity in den Beschlüssen verankert, die dann in die Heimatländer “durchgeschleift” werden. Für die Eliten in den Entwicklungsländern gibt es zwei Möglichkeiten, zu Reichtum zu kommen. Sie können, falls vorhanden, sich die Bodenschätze unter den Nagel reißen, indem sie für die Konzerne aus den Industriestaaten Lizenzen ausstellen und die Angelegenheit militärisch absichern, oder sie können sich Hilfsgelder direkt einsacken, falls Bodenschätze nicht zur Verfügung stehen. Wie man in Zimbabwe sehr schön sehen konnte, sind diese Leute nicht mal dann dazu in der Lage, ihre Länder zu entwickeln, wenn eine Entwicklung hin zu einer produktiven Landwirtschaft bereits stattgefunden hat und Bodenschätze vorhanden sind. Sie interessieren sich einfach nicht für das Volk. Wirklich schade, daß ich keine Lösung weiß. Vermutlich gehen Mikrokredite in die richtige Richtung, die denjenigen gegeben werden, die eine produktive Idee haben. Das ist eine Lösung, die recht viel Arbeit macht, aber billig und erfolgreich ist. Und sie umspielt elegant die Korrupten, die müssen dann mühsam in kleinen Rinnsalen angeln, statt ihr Netz einfach in den fetten Strom reinzuhängen. Was ein Fortschritt wäre.

Enrique Mechau / 15.02.2018

Seit ich (72) denken kann werden uns gebetsmühlenartig Bilder von “armen, kleinen, hungernden Kinder dunkler Hautfarbe” gezeigt und wir pumpen Milliarden und Aber Milliarden in die sogenannten Entwicklungsländer. Der Erfolg ist gleich Null. Wenn das Geld nicht sofort von den jeweiligen Potentaten auf “Anderkonten” verschoben, oder/und von den jeweiligen Regierungen “Zweckentfremdet” wird, bleibt sicher nur ein kümmerlicher Rest der für die “tollen” Projekte verwendet werden kann. Alle Soforthilfen in Form von Lebensmitteln, Medikamenten, Bekleidung führen nur zu einem kurzfristigen “Wohlbefinden” der beschenkten und werden unmittelbar in die Erzeugung neuer Generationen umgewandelt, was nur zu einer weiteren Bevölkerungszunahme und somit zu weiteren “hungernden” führt. Da nutzt es auch sehr wenig, wenn ein paar “Veganer” erklären wenn wir alle Veganer würden reiche das Essen für alle. Na ja, vielleicht für ein paar Jahre. Und dann? Wenn die Menschheit sich nicht umgehend entschließt ihr schädliches Reproduktionsverhalten aufzugeben ist diese derzeit “führende” Spezies in ein paar Generationen am Ende.

Detlef Dechant / 15.02.2018

Mein Schwiegersohn war für eine NGO jahrelang im Tschad, Südsudan und Indonesien unterwegs. Ich hatte ihm einmal gesagt, dass ich nicht mehr an NGOs spende, wenn ich sähe, wer und was mit diesem Geld “gefördert” wird. Zu meinem Erstaunen stimmte er mir zu. Er könne mich verstehen, er habe ja vor Ort erlebt, wie das Geld versickere!

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