Gastautor / 08.09.2020 / 17:00 / 4 / Seite ausdrucken

Zwischen Denk- und Küchenräumen

Von Deborah Ryszka.

Man sollte ein Buch nicht nach dem Bekanntheitsgrad seiner Verfasser beurteilen. Prominenz spricht nicht unbedingt für die Qualität, eher für die Akzeptanz in der breiten Bevölkerung. Und wir wissen: Exzeptionelles war nie ein Massenphänomen. Aber nach der Lektüre von „Denkräume – Von Orten und Ideen“ der beiden Herausgeberinnen Simone Jung und Jana Marlene Mader erahnt man, vorsichtig gesprochen, warum man zu recht von den beiden Autorinnen in der öffentlichen Topographie nicht so viel hört. Mit ihrer Auswahl an Beiträgen besteigen die beiden weder den Mount Everest des intellektuell-spritzig Stimulierenden noch erreichen sie den Meeresgrund der tiefen, emotionalen Wallungen.

Wirklich viel bleibt beim intellektuell anspruchsvollen Leser daher nicht hängen. Schade. Denn der Grundgedanke der Autorinnen, wie im Vorwort zu lesen, ist nicht schlecht: „Wir laden andere ein, über ihre persönlichen und damit besonderen Orte des Denkens und Schreibens zu reflektieren.“ Vor dem Hintergrund der Verengung des öffentlichen Meinungskorridors, der Polarisierung unterschiedlicher Meinungen, der zunehmenden Schwierigkeit, miteinander in den Diskurs zu treten, hätten klare und kritische Worte hierzu nicht fehlen dürfen. Vergegenwärtigt man sich aber, dass Simone Jung Seminare wie „Debattenkulturen – Mit Rechten reden“ und Vorträge wie „Im Spannungsfeld von antagonistischen und agonalen Konfliktstrukturen. Zur Inszenierung von Kulturkämpfen in Massenmedien“ anbietet, weiß man, warum eben jene wichtigen Worte fehlen.

Zu viele unwichtig-intime Informationen

Wie dem auch sei. Trotz dieser Makel erfüllt das 412 Seiten starke Buch, was es verspricht: Journalisten, Wissenschaftler und Schriftsteller reflektieren über ihre Denkräume und lassen den Leser hieran teilhaben. Hierzu gehören namhafte Wissenschaftler wie der Philosoph Bernhard Waldenfels und der Soziologieprofessor Dirk Baecker, die Schriftstellerinnen Carolin Emcke und Kathrin Passig oder die Journalistin Mesale Tolu. Ingesamt 31 Beiträge umfasst das Buch, das nach sechs inhaltlichen Kapiteln sortiert ist. Während sich das erste Kapitel mit grundsätzlichen Aspekten zu „Denkräumen“ auseinandersetzt, beziehen sich die Beiträge des zweiten Blocks auf den universitären Kontext. Wiederum andere gehen auf das literarische Milieu ein, andere entwickeln ihre Gedanken in Bezug zu Arbeit und Alltag. Die Stadt als Denkraum spielt auch eine wichtige Rolle. Ebenso das „Im Dazwischen“.

Trotzdem wirken viele Beiträge, als ob sie zwischen Tür und Angel fabriziert worden sind. Andere erscheinen wie Tagebucheinträge, um das eigene Erlebte biografisch zu verorten. Und bei manchem Text fühlt man sich einfach nur wie ein ungewollter Voyeur. Zu viele unwichtig-intime Informationen werden dem Leser preisgegeben. „Die beiden Küchen sind jeweils 2,23 Meter breit, 3,75 lang, an der kurzen Seite die Tür, […]“ oder „In Küche P gibt es auf dem Küchentisch (IKEA Norden) [...]“. Wirklich? Was interessiert es den Leser, wie das Interieur der Küchen zweier Autorinnen en détail aussieht? Es geht in dem Buch um Denkräume, nicht um Küchenräume.

Besser in einen guten Scotch investieren

Aber glücklicherweise tauchen neben diesem plumpen Seelenstriptease hier und dort auch stilvolle Gedankenenthüllungen auf. So beschäftigt sich Diedrich Diederichsen mit dem „Oberstübchen“ als Denkraum und kommt zu der Schlussfolgerung: „Die Räume des Denkens sind also jene, in denen etwas zu viel ist.“ Oder aber Sven Hanuschek, der über den Espresso, seinem persönlichen Denkantrieb, den Leser in eine kleine Geschichte des Kaffees entführt. Oder der sich in philosophischen Höhen abspielende Beitrag von Bernd Bösel, der in aller Leichtigkeit Hannah Arendts Gedanken berührt.

Wer nicht die Möglichkeit hat, bei einer Tasse Espresso in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer Personen einzutauchen, dem bietet „Denkräume“ zu erfahren, wie andere denken, wo sie am besten denken können oder auch was sie so denken. Wer jedoch mehr erwartet, kann die 15 Euro, die dieses Buch kostet, besser woanders investieren. Zum Beispiel in einen guten Scotch. An der Bar (nicht in der Küche!). Mit Freunden. Und einem eigenen interessanten Denkraum inklusive. Das ist der „place to be“.

„Denkräume – Von Orten und Ideen“ von Simone Jung und Jana Marlene Mader (Hg.), 2020 Hamburg: Rowohlt, hier bestellbar.

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Leserpost

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maciste rufus / 08.09.2020

maciste grüßt euch. ich persönlich denke, daß lehren und ideologien des raumes zukünftig durchaus wieder an bedeutung gewinnen werden. ob mit oder ohne “geist”, bleibt für das ergebnis letztlich unwesentlich. zur lektüre empfehle ich werke der us-amerikanischen geostrategen und zum “geistigen” einstieg jörg baberowskis schrift “räume der gewalt” (da kam einer der sache ziemlich nahe). battle on.

Rolf Lindner / 08.09.2020

Bekomme seit einiger Zeit so etwas als Jahrbuch geschenkt. Nennt sich “Denkanstöße”. Blätter sogar manchmal darin. Das meiste ist Seelenmüll oder Propaganda gegen Rechts. Hoffe die Schenkerin liest diese Zeilen nicht.

Peter Ackermann / 08.09.2020

Nun hätte sicher der Durchschnittsleser (wie z.B. ich) nach kurzer Recherche bzgl. Erzeuger und Produkt nicht erwartet, dass da etwa z.B. eine Beschreibung mit der Klasse eines Raymond Chandler (der IKEA sicher nicht erwähnt hätte, hätte es es damals bereits gegeben) vorzufinden wäre; aber wer, in Herrgotts Namen, hat Sie, Deborah Ryszka, dazu verdonnert, wertvolle Lebenszeit mit dieser Lektüre zu vergeuden? Sollten äußere Einflüsse gewirkt haben (ich möchte nicht an Selbstverletzung denken), vielleicht noch Arbeits- oder Familienrecht (etc) greifen, würde ich an Ihrer Stelle dringend aktiv werden! Dennoch, oder gerade, vielen Dank für Ihren mutigen Blick in diese 412 Seiten abgeholzten Waldes. P.S.: Bezüglich Belangloses Grundeinkommens Nun hätte sicher der Durchschnittsleser (wie z.B. ich) nach kurzer Recherche bzgl. Erzeuger und Produkt nicht erwartet, dass da etwa z.B. eine Beschreibung mit der Klasse eines Raymond Chandler (der IKEA sicher nicht erwähnt, hätte es es damals bereits gegeben, hätte) vorzufinden wäre; aber wer, in Herrgotts Namen, hat Sie, Deborah Ryszka, dazu verdonnert, wertvolle Lebenszeit mit dieser Lektüre zu vergeuden? Sollten äußere Einflüsse gewirkt haben (ich möchte nicht an Selbstverletzung denken), vielleicht noch Arbeits- oder Familienrecht (etc) greifen, würde ich an Ihrer Stelle dringend aktiv werden! Dennoch, oder gerade, vielen Dank für Ihren Mut zum Blick in diese 412 Seiten abgeholzten Waldes. P.S.: Bezüglich Belanglosem Grundeinkommens (so sollte es richtig heißen) werden Sie sicher noch Gelegenheit haben, Ihre Hypothesen zu verfeinern; Sie sind ja noch jung…;-)

Harald Unger / 08.09.2020

Die Denkräume des Gebiets tragen meist den Namen jenes u.a. Eroberers von Konstantinopel*: “Fatih Moschee”. Eroberer Moschee. In den dortigen Denkräumen, die traditionell auch Waffenkammern sind, wird aktuell die Zukunft der Westeuropäer angedacht, in der gedanklichen Einstimmung der neuen Herren, die im Koran angeordnete Denke anzupacken und zu vollenden. - - - *Im Jahre 1453 wurde die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel von einer islamisch-osmanischen Armee belagert. Während dieser Belagerung erschöpften sich Byzantiner und christliche Mönche trotz des Ernstes der Lage in Debatten über magische und religiöse Formeln. - - - Im selben Jahr, 1453, eroberte Sultan Mehmed II. mit seinen Truppen erfolgreich Konstantinopel und verwandelte die Stadt in ein islamisches Istanbul. Islamische Historiker nennen solche Debatten darum seit jener Zeit “byzantinisches Geschwätz”.  - - - Übrigens, dieses “verwandelte” vollzog sich in Denkräumen, die in einem gewissen Gegensatz zur gefälligen Selbstbespiegelung der versammelten Autoren der “Denkräume” stehen. Aber bei den Fatihs allerhöchste Aktualität genießen.

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