Henryk M. Broder / 31.01.2020 / 12:00 / Foto: Acgut.com / 47 / Seite ausdrucken

Zwei Tröpfe, ein Brei

Immer, wenn ich von West- nach Ostberlin rübermache, höre ich zur Einstimmung den Deutschlandfunk oder Deutschlandfunk Kultur. Und werde nur selten enttäuscht. Vorgestern zum Beispiel gab es im DLF kurz hintereinander gleich zwei Interviews, die das Adjektiv "relevant" verdienen. Eines mit Norbert Röttgen, dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, über den Friedensplan für den Nahen Osten von Donald Trump, und eines mit dem Berliner Lyriker Max Czollek über die Politik des Erinnerns anlässlich der Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Schwer zu sagen, welches besser war. Mir haben beide gut gefallen. Ich schaue ja auch gerne im Dschungelcamp vorbei, weil ich "sprachlose Schwätzer" mag, die von nix eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung haben.

Röttgen hatte bei den Landtagswahlen 2012 die CDU-NRW in die schwerste Niederlage ihrer Geschichte geführt, gab aber seinen Sitz im Bundestag nicht auf. Er machte es sich auf einem der hinteren Plätze bequem, nur um zwei Jahre später als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses reanimiert zu werden. Während der Auszeit hatte er, so heißt es auf Wikipedia, "die Außenpolitik zu seinem politischen Schwerpunkt", also Steckenpferd, erklärt. Inzwischen ist er nicht nur Experte für Außenpolitik, er kennt sich auch im Völkerrecht aus. Weswegen er in dem Interview mit dem DLF sagte, der Trump-Plan werde "keinen Beitrag zum Frieden zwischen Israel und Palästina leisten", "die völkerrechtliche Lage der besetzten Gebiete, der besiedelten Gebiete durch israelische Siedler in dem besetzten Gebiet" sei "nach ganz überwiegender Meinung völkerrechtswidrig".

Ja, die Basis ist die Grundlage des Fundaments und Logorrhoe ist etwas anderes als Diarrhoe, hört sich aber manchmal ähnlich an. 

Sehr schön ist auch die Passage, in der Röttgen von "Provokationen an die palästinensische Seite" spricht. Da hat er recht. Die Serie der Provokationen begann mit der Gründung des Judenstaates im Herzen der arabischen Nation, sie wurde fortgesetzt mit einem halben Dutzend von Kriegen, die Israel schamlos zu seinen Gunsten entschied, und sie geht weiter mit der Weigerung der Israelis, das Rückkehrrecht von inzwischen über fünf Millionen "Flüchtlingen" in ihre Heimat anzuerkennen. Kein Wunder, dass die Palästinenser sauer sind, so sauer, dass sie nicht einmal mitbekommen haben, dass sich die arabische Welt nicht mehr für sie interessiert. Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, ist freilich eine treue Seele und lässt seine Mündel nicht im Stich. 

Eine sado-lyrische Meisterleistung

Das zweite Int mit dem Berliner Lyriker Max Czollek war dagegen etwas komplexer, schon deswegen, weil er sich Quellen aneignete, ohne die Urheber zu nennen. Man nennt so etwas die "Methode Guttenberg" oder einfach "Klauen". Er tut so, als habe er die Begriffe "Gedächtnistheater" und "die Wiedergutwerdung der Deutschen" erfunden, dabei stammt der eine von Michal Bodemann und der andere von Eike Geisel. Im Gegenzug hält er sich strikt an die Regeln des Gender-Zwangs und unterscheidet nicht nur zwischen "Juden und Jüdinnen", sonder auch zwischen "Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen", eine sado-lyrische Meisterleitung. 

Zum Schluss fällt Czollek über Philipp Amthor her, der es gewagt hatte, ausgerechnet am 27. Januar, "am Tag der Erinnerung an eines der größten Menschheitsverbrechen, das jemals begangen wurde, von Deutschen, explizit von Deutschen zu sagen, Antisemitismus ist vor allem ein Problem des muslimischen Kulturkreises". 

Ganz so hatte es Amthor nicht gesagt, da musste Czollek schon ein wenig nachhelfen, aber was Amthor gesagt hat, war richtig. „Klar ist auch, das darf man nicht vergessen, dass Antisemitismus natürlich vor allem in muslimisch geprägten Kulturkreisen besonders stark vertreten ist.“ Nur hätte er es nicht ausgerechnet am 27. Januar sagen sollen, dem Tag, an dem der "deutsche Sündenstolz" (Hermann Lübbe) zur Höchstform aufläuft. Da mag man sein antisemitisches Erbe mit niemand teilen. 

Morgen mach ich wieder rüber nach Ostberlin. Mal hören, was der Deutschlandfunk so zu bieten hat. 

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Leserpost

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Wilfried Cremer / 31.01.2020

Das Palästina-Elend ist genauso inszeniert wie das des Bettlers, der sein Bein so einklemmt, dass es ab zu sein scheint. (Mir versperrt das DLF-Haus übrigens den Blick auf Mekka.)

Thomas Taterka / 31.01.2020

” Nationalsozialistinnen ” ? - Das war das Zauberwort : ich kann wieder lachen !  Danke sehr.

Frank Volkmar / 31.01.2020

“Ich schaue ja auch gerne im Dschungelcamp vorbei, weil ich „sprachlose Schwätzer“ mag, die von nix eine Ahnung, aber zu allem eine Meinung haben.” Danke für den Artikel Herr Broder. Vielleicht schauen sie auch noch einmal beim DLF vorbei wegen ihrem Interesse für “sprachlose Schwätzer”. Heute früh war da Lars Klingbeil zu Gast betreffs der Zusammenkunft der Generalsekretäre der “lupenreinen Demokraten” am runden Tisch zum Thema Gewalt gegen Politiker. Das natürlich ohne AfD. Eine Analyse dieses Interviews unter Berücksichtung der dort vom Interviewer angeführten Feststellung, das die AfD häufigstes Opfer von Gewalttaten ist, zusätzlich mit der von Frau Merkel in Davos geforderten Dialogbereitschaft der gesellschaftlichen Akteure würde mich brennend interessieren.

Martin Schnmitt / 31.01.2020

Hat Amthor seine Aussage nicht schon wieder etwas relativiert zwischenzeitlich? Vermutlich nicht nur auf den Druck von außen (Linke und Grüne), sondern wahrscheinlich von seiner eigenen Partei. Jämmerlich, ein halbes Kind spricht mutig Wahrheiten an und wird sofort von den “Erziehungsberechtigten” dafür gemaßregelt.

Sabine Schönfelder / 31.01.2020

Lieber Herr Broder, in Ihrem persönlichen literarischen Kontext erhält selbst die größte Pfeife aus dem agitativen Herzen des Deutschlandfunks eine gewisse Sinnhaftigkeit, eine kleine bescheidene Aufgabe, als Impulsgeber eines sprachlichen Feuerwerks, voll trefflicher Broderscher Ironie bei gleichzeitiger Aufklärungsarbeit. Gerade die intellektuelle Redundanz Ihrer vermeintlichen Opfer, schärfen Ihre unnachsichtige Beobachtungsgabe und führen den Leser in Zustände höchster Verzückung. Wer immer wissen möchte, was ein ausgewachsener Vollpfosten ist, der lese Ihren Artikel. Da lernt er gleich zwei kennen. Gott segne Sie.

Mathias Rudek / 31.01.2020

Lieber Herr Broder, besser hätte es in ihrem Artikel keiner formulieren können. Als regelmäßiger DLF und DLF-Kultur-Hörer weiß ich ja, was gerade so “up to date” ist und welche Spielformen und Töne des politischen Mainstreams auf der Klaviatur der politsch verantwortlichen Redaktionsteams so angeschlagen werden. Ich habe mich über ihre Formulierungskunst wieder einmal mehr köstlich amüsiert. Ich hoffe die Inkubationszeit dieser politischen Verwirrungen wird nicht mehr allzu lange dauern; vielleicht trägt ja das Corona-Virus dazu bei.

Jens Richter / 31.01.2020

Wie ich gerne zu sagen pflege: die Deutschen haben keinen Humor, sie sind Humor.

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