Rainer Bonhorst / 04.06.2019 / 16:00 / Foto: U.S. N.A.R.A / 10 / Seite ausdrucken

Zwei Frauen werden gegangen

„Na, da macht euren Dreck alleene.“ Ob Friedrich August von Sachsen das wirklich gesagt hat, bleibt umstritten. Aber er hat entsprechend gehandelt, als im November 1918 die Soldatenräte das Ruder übernahmen und ihn nicht mehr brauchten. Der Spruch macht den Sachsenkönig jedenfalls verbal zum Vater aller Rücktritte. Heutzutage haben wir es mit zwei Rücktritts-Müttern zu tun. Andrea Nahles sagte im zeitgemäß übertragenen Sinn „und tschüss“. Die sonst so kühle Theresa May weinte. Kann man die beiden Dahingegangenen vergleichen? Haben wir hier womöglich ein politisches Genderthema? Schauen wir mal.

Während Angela Merkel, die scheinbar ewige, einer allmählichen Göttinnendämmerung entgegen wandelt, ereilte die britische Konservative und die deutsche Sozialdemokratin ein vorzeitiger politischer Tod. Die Todesursache ist in beiden Fällen die gleiche: Die Frauen rangen jeweils mit einer Partei, die an lebensgefährlichem Schüttelfrost erkrankt ist, gegen den sie kein Mittel fanden. Die Unmöglichkeit ihres Heilungsauftrags war aber schon erkennbar, als sie ans jeweilige Krankenbett gerufen wurden.

Gerufen wurden sie, weil sich niemand sonst fand, der die unmögliche Aufgabe übernehmen wollte. Und dann haben sich beide auch noch ungeschickt angestellt, was den Krankheitsverlauf noch beschleunigt hat. Schließlich ging es – vor lauter Panik – gar nicht mehr darum, eine Heilung zu versuchen. Im Vordergrund stand am Ende die Frage, wie wird man die Ärztin, die es nicht bringt, wieder los wird.

Angeekelt, wie der Sachsenkönig

Die englischen Torys, unheilbar über den Brexit zerstritten, schürten den internen Streit fast nur noch mit dem Ziel, die ungeliebte Theresa May raus zu drängen. Die aber blieb noch eisern am Krankenbett, als jeder andere längst die Flucht an die frische Luft ergriffen hätte. Darum am Ende ihre Träne. Andrea Nahles versuchte es mit Gewaltkuren und verbalen Beschwörungen – ohne Erfolg. Sie wartete, anders als Theresa May, nicht darauf, als Gedemütigte weggeekelt zu werden. Sie machte es, selber angeekelt, wie der Sachsenkönig. Als robuste Eifeltochter weinte sie auch keine öffentliche Träne und sagte sogar zu den Journalisten, die sie nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst haben: „Macht's gut.“ Ein ziemlich cooler Abschied. Alle Achtung.

Und die verlassenen Parteien? Bei den britischen Konservativen drängt sich ein halbes Dutzend von sich selbst Überzeugter danach, ihre darnieder liegende Partei wieder aufzurichten. Man darf gespannt sein, wer es wird und ob es klappt. Meine Prognose: ein hoffnungsloser Fall, wer immer es versucht. Nicht mal Voodoo kann zusammenhalten, was nicht mehr zusammengehört.

Bei der SPD versucht man es mit Handauflegen. Die drei, die jetzt das verlorene Ruder übernehmen wollen, wollen es gar nicht übernehmen. Sie haben ihre Flucht aus der Verantwortung schon angekündigt, als sie die kurzfristige Scheinverantwortung übernommen haben. Und dann? Wer wagt es Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in diesen Schlund? Obwohl da unten kein goldener Becher lockt? Wer auch immer: viel Vergnügen.

Der Britin Theresa May weinte keiner eine Träne nach, außer sie selbst. Andrea Nahles wird mit wunderbar unernsten Anerkennungsformeln- und herrlich zerknirschten Abschiedsworten ins Privatleben geschickt. Kann man sagen, dass typischerweise zwei Frauen in eine mission impossible geschickt wurden, weil sich kein Mann ins Feuer traute? Sicher, aber ihre ebenso grandios gescheiterten Vorgänger waren Männer. Von Friedrich August ganz zu schweigen. Nein, ein Frauenthema sind diese Geschichten des Scheiterns wohl kaum. Und Theresa Mays Tränen? Typisch weiblich? Die sind auch kein Beitrag zur Genderdebatte. Nirgends wird so viel geheult wie beim Männerfußball. 
 

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Leserpost

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E Ekat / 04.06.2019

Sind beides Frauen, die nicht geliefert haben. Das war es aber schon. Die eine hat rumgesägt, bis sie selber auf dem Thron saß. Aber nicht liefere. Die andere hat nicht liefern können, was aber mitnichten an ihr oder den Torys lag. Was May aus Brüssel zurückbringen konnte hätte ihr Land weiterhin an die EU gebunden. Dazu kann man sich getrost einmal schlau zu machen versuchen, wenngleich man sich anschließend öffentlich dann dazu nicht mehr wird äußern können. Ein Knebel-Vertrag. Dies wollte die Theresa May nicht wahrhaben. Viele wollen Vieles heutzutage nicht mehr wahrhaben. Frauen weinen, dann wenn sich Enttäuschung Bahn bricht. Nur der bescheuerte Trump hat das Spielchen kapiert.

Stefan Lanz / 04.06.2019

Ein für mich inhaltlich nicht stimmiger Artikel… Aber darüber weinen werde ich trotzdem nicht. Ich werde ihn auch meine Frau lesen lassen. Und wenn diese auch nur mit den Schultern zuckt, statt zu weinen, werde ich mich nochmals schriftlich zu Wort melden…

Angela Seegers / 04.06.2019

Also, liebe Mitforisten, ich finde, dass es gar nicht um den Beginn und das Ende der Ära Nahles oder May geht, sondern um das Bemühen beider eine Lösung hinzukriegen. Und dabei sind beide (überwiegend von Männern) gemobbt worden. Und jetzt ist es wieder keiner gewesen und alles geht seinen Gang. Ist doch ekelhaft, wie Menschen behandelt werden und behandeln. Nun wird einer fragen: wer ist der gemeinste? Das fiese Spiel ist es. Warum das Spiel? Das weiß keiner so genau, das ergibt sich, beim Ringen um die Macht. Nur wer weiß, wie machtlos wir letztendlich alle sind, braucht das fiese Spiel nicht mehr. Trotzdem Chapeau beiden Frauen, dass sie so lange durchgehalten haben.

Wolfgang Kaufmann / 04.06.2019

Friedrich der Große sah sich als erster Diener seines Staates. Was für ein Unterschied zu den Pattex-Damen, die erst trotzig alle Kritik beiseitewischen und am Ende eingeschnappt das Handtuch werfen. – Nein meine Damen, hier geht es nicht um euch und um eure Befindlichkeit oder Empfindlichkeit. Nahles hat den Arbeiter mit ihrer Kindergartensprache verhöhnt; die Pseudointellektuelle gab ein keifendes und schreiendes Zerrbild des Malochers. Und Theresa May hat nicht geliefert, was die Briten bestellt haben. Eine hätten wir noch, deren MHD längst abgelaufen ist; wie bei Friedrich werden Freudenrufe durch Berlin hallen, wenn sie ihre letzte Periode hinter sich hat. – In allen drei Fällen wären alte weiße Männer die besseren Nachfolger.

Rudhart M.H. / 04.06.2019

Vorsicht! Wenn Frauen sich selbst Künstlernamen geben! Ich sage nur Malu oder Ska. Das grenzt an Potsdam Institut und Munich Re. Total durchgeknallt und völlig überschätzt. Zuerst natürlich von sich selbst ! Und immer dran denken , das Licht am Ende des Tunnels könnte auch der Gegenzug sein.

Bernd Ackermann / 04.06.2019

Theresa Mays Vorgänger hat nicht geheult, David Cameron sagte, ganz im Stil des Friedrich August von Sachsen, “Why should I do all the hard shit?”  Das frage ich mich übrigens inzwischen auch jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe. Allerdings würde mir mein Abgang nicht mit Steuergeld versüßt, so wie der von Frau Nahles, sie wird auch in Zukunft gut von uns versorgt werden.

Peter Oberem / 04.06.2019

Nacheinander zwei Kommentare von Herrn Bonhorst, die mich ratlos machen.

Volker Kleinophorst / 04.06.2019

Die eine weint, die andere ist beleidigt. Fehler haben sie keine gemacht? Ich bin nicht überrascht. Andrea Nahles und cool passt nicht in einen Satz. Man muss sich nicht beim (politischem) Tod oder Scheitern von Krethi und Plethi eine Laudatio abringen. Geheult beim Männerfußball. Ich bin seit Kinderzeiten Fan. Geheult habe ich noch nie, kann mich auch an keine große “Haben wir geheult”-Spiele erinnern. Das ist was für “klemmsch…e” Ultras, die sich dann ihre Gefühle hinterher wieder aus den Leib prügeln müssen. Ich lach mir heute noch nen Ast, beim Anschauen des Zusammenschnitts von 7:1 wegen des Geflennes der Brasilianer, als die Sambatruppe von der deutschen Elf so richtig auf die Nuss kriegten. Was stimmt, das Geflenne der Spieler, das hat definitiv zugenommen. Ich sehe da einen Zusammenhang zu den traumatisierenden Frisuren. ;) Frauen im Minenfeld, weil kein Mann sich traut? Die Frauen wollen doch die Macht, oder? Jeden Tag hauen sie raus, wie viel besser sie einfach ALLES können? Schon kleine Mädchen pusten die Backen auf.  Frau, der totale Durchblick qua Geburt.  Leider haben Sie in der Breite nix drauf, noch weniger als wir. Umgeben tut sich Quotilde nur mit Luschets und Heikos. Mehr Mann ist nicht drin. Das ist die traurige Wahrheit. Wie auf dieser Seite heute zu lesen, Sarrazin würde den Job machen. ich würde sicher deswegen nicht gleich SPD wählen, wär aber ein Anfang sich als Partei mal wieder mit Realitäten statt Ideologie zu befassen. Zu den großen SPD-Politikern gehört bisher keine… Das ist nicht gut so, wird sich aber alsbald nicht ändern. Und daran tragen die “Männer” in der SPD nicht die Schuld. Nach dem der tödliche Irrsinn feministischer Politik immer deutlicher wird, dem Mann auch dafür die Schuld zuzuschieben, ist wirklich billig. Ich wäre übrigens auch bereit in die Hände zu spucken. No Problem. Aber nicht in der Flüchtlingshilfe. Doch wenn es darum geht, wie wir die Kontrolle im Land zurückgewinnen, kann man auf mich zählen.

Petra Wilhelmi / 04.06.2019

Tja, der Gendergaga fordert seine Opfer, die sich selbst zu Opfern gemacht haben. Ach, da hat die kleine May aber geweint. Wie kann man nur. Kein bisschen Reststolz, wenn man schon den Abtritt vom Amt verpasst hat, sollte man schon haben. Aber da weint sie, wie ein kleines Mädchen, der man die Puppe weggenommen hat. Wirklich, die Quotenfrauen, die sich in Selbstüberschätzung auf irgendwelche Posten stürzen, bestätigen damit jedes Vorurteil über Frauen, dass die nichts können. Die meisten heutigen Männer, die am Ruder sind, können es ebensowenig, aber denen kommt niemand mit der Quote oder mit dem hirnrissigen Slogan: Jetzt sind wir Frauen mal dran. Die haben i.d.R. gelernt, aussichtslose Positionen gar nicht erst anzustreben. Einen Brexit-Deal mit der EU hätte niemand erreichen können, da die EU gar nicht gewillt war zu verhandeln, sie wollte nur abstrafen.

Claudius Pappe / 04.06.2019

Wer hat denn diese Frauen ins ” Unglück” gestürzt ? Sie selbst, sie waren von der Macht und von Selbstüberschätzung besessen. Wie ich schon mal schrieb: Nahles wäre im wirklichem Leben maximal Kindergartenhelferin in einer schlechten Kita geworden, trotz ” Gute Kita Gesetz”. Wer meint, im selbstgebauten, gleichberechtigtem Wolkenkukuksheim ohne Qualifikation die Leiter ganz nach oben erklimmen zu müssen, der fällt schnell hinunter. Gescheitert sind sie allerdings an Merkel und dem ” Frauen an die Macht ” Wahn. Nun also der Dreier mit der Dreyer….................viel Spaß SPD !

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