Susanne Baumstark (Archiv) / 23.02.2018 / 14:00 / Foto: Marelise Wood / 9 / Seite ausdrucken

Zur Lage bei den Tafeln

Bei der Essener Tafel, die Lebensmittel an nachgewiesen bedürftige Menschen ausgibt, ist der Anteil der Migranten zuletzt auf drei Viertel geklettert. Ältere Tafel-Nutzerinnen und alleinerziehende Mütter sind in der Folge einem schleichenden Verdrängungsprozess zum Opfer gefallen. Der Vorstand hat deshalb beschlossen, vorerst nur noch deutsche Bedürftige als Neukunden aufzunehmen. Anders sei die Situation vor Ort nicht mehr händelbar. Der bescheuerte, längst kilometerweit zum Halse heraushängende „Nazi“-Vorwurf ließ freilich nicht lange auf sich warten. Die Stellungnahme der Tafel Deutschland ist hier zu finden.

Zum Verständnis der bundesweiten Lage bei den Tafeln seit September 2015 hier einige Meldungen: In Pinneberg ist die Zahl der Kunden bis Oktober 2016 um 100 pro Woche gestiegen: „Grundsätzlich macht sich der größere Andrang dahingehend bemerkbar, dass der Einzelne ab und an nicht mehr so viel bekommt wie früher … Einige, die schon lange zu uns kommen, sind natürlich nicht glücklich, dass sie wegen des großen Andrangs durch die Flüchtlinge zurückstecken müssen.“  

Für die Polizei ein „Einzelfall“ sei ein Vorfall bei der Crivitzer Tafel im Mai 2016: Rund 30 Zuwanderer sollen „Einheimische zurückgedrängt und geschlagen haben, um eher dranzukommen“. Die Ausgabe der Lebensmittel findet in der Folge unter Polizeischutz statt. Denn: „An der Ausgabestelle sollen sich Szenen wie bei einer Prügelei abgespielt haben: Es soll zu Fausthieben gegen Köpfe und Körper gekommen sein, eine ‚Krücke‘ habe Rippen getroffen.“ Laut Tafel-Betreiber hätten Flüchtlinge auch versucht, „das Eingangstor gewaltsam zu öffnen“. Mitarbeiter hätten Angst gehabt. 

Immer wieder kommt es zum Streit

Bei den Tafeln in Sachsen und Thüringen konnte der Bedarf trotz starken Zuwachses bis März 2016 noch gedeckt werden. Man könne aber verstehen, „dass andere Tafeln aufgeben oder Aufnahmestopps verhängen“. Beunruhigend sei: „Immer wieder kommt es zu Streit zwischen deutschen Hilfsbedürftigen und Asylbewerbern … Einige Flüchtlinge hielten sich nicht an die Ordnung, sie verstünden nicht, dass man sich in eine Schlange stellen muss … So mancher vergreift sich im Ton.“ In Oschatz sorge ein Türsteher für Ordnung. „Sie seien der Lage nicht mehr Herr geworden.“ Die meisten Flüchtlinge seien dankbar und friedlich. „Aber einige Asylbewerber schickten ihre Kinder vor, die unter die Tische kriechen und die Lebensmittel einfach selbst einpacken würden.“ Andere hätten Ehrenamtliche beschimpft.

In Worms wurde die Lage schon im Dezember 2015 prekär: „‘Mit mir nicht mehr!‘, ruft ein Ehrenamtlicher erbost … ‚Die Asylbewerber schubsen einfach‘, sagt eine 55-Jährige. ‚Sie reagieren gar nicht, sagen immer nur: ,Ich nix verstehen’ ... ‚Einfach kein Respekt‘, ist die einhellige Meinung unter Besuchern und Mitarbeitern.“ Zur Frage „Warum schlagen überhaupt immer mehr Asylbewerber bei der Tafel auf?“ heißt es: Der Unterstützungskreis Asyl habe in Worms die Selbstverpflegung der Asylbewerber durchgesetzt, „weil die Flüchtlinge offenbar kein Catering wollten, da es nicht ihren religiösen Traditionen und Geschmacksgewohnheiten entsprach“. Die Stadt meint dazu: „Die Regelsätze sind so bemessen, dass sich Leistungsempfänger Lebensmittel in regulären Geschäften kaufen können.“ Ob sie tatsächlich ausreichten, sei „eine Frage des Wirtschaftens“. Die Tafel sei nicht als Ergänzung der Transferleistungen gedacht: „Eine durchgängige Versorgung bei der Tafel ist nicht vorgesehen.“ Trotzdem stünden immer mehr Asylbewerber vor der Tür.

Die Situation bei den Oberbergischen Tafeln im März 2016: „Da kam es manchmal zu heftigen Konflikten, die oft gesellschaftlicher und religiöser Natur waren … Um das Konfliktpotenzial noch weiter zu dämpfen, stehe zusätzlich eine Aufsichtsperson der Tafel in der Schlange, um beruhigend auf die Wartenden einzuwirken … Der zusätzliche Zustrom durch Flüchtlinge bei den Tafeln zog einen Aufnahmestopp mit sich.“ 

Zunehmende Anfeindungen gegen ihre Helfer

Und schon im Februar 2015 beklagte die Leitung der Tafel in Bochum-Wattenscheid zunehmende Anfeindungen gegen ihre Helfer bis hin zu gewalttätigen Übergriffen. „Seit Mitte letzten Jahres sind 300 unserer 430 ehrenamtlichen Mitarbeiter ausgeschieden. Sie wollten diese Respektlosigkeiten nicht länger ertragen.“ Es tue leid, das zu sagen, aber es seien „fast ausschließlich Aussiedler aus Südosteuropa und zunehmend auch Flüchtlinge, die sich so benehmen“. Höhepunkt: „Ein junger Zuwanderer, der mehr als die ihm zugeteilten drei Äpfel haben wollte, schlug einem Helfer ins Gesicht … Zum Schutz der Tafel-Helfer und Kunden seien die Beamten nun regelmäßig vor Ort.“

In einem aktuellen Bericht zum 25-jährigen Jubiläum der Tafeln heißt es, diese seien zwar am Limit, die Situation habe sich aber wieder eingependelt. Viele Asylbewerber sind in andere Städte verteilt und andere blieben weg, weil sie mit den angebotenen Lebensmitteln nichts anfangen konnten. „Einige Flüchtlinge helfen sogar selbst bei der Tafel mit.“ In einem anderen aktuellen Artikel liest man: „In Zwiesel musste die Leitung die Zahl der Flüchtlingsfamilien, die Zugang haben, begrenzen. Zur Tafel in Regen kommen kaum noch Deutsche. Nur Einzelfälle?“ Nicht überall verlaufe das Miteinander gut. In Zwiesel hat die Leitung die Zahl der Flüchtlingsfamilien auf 15 begrenzt. Denn anfangs gab es Probleme mit Aggressivität und fehlendem Respekt vor weiblichen Helferinnen. „Deutsche werden hier jetzt zuerst bedient, um Sozialneid zu vermeiden.“

Die Entscheidung der Essener Tafel ist vor diesem Erfahrungshintergrund nachvollziehbar und ein Beispiel dafür, dass hochtrabende Ideen oftmals alltagspraktisch untauglich sind. 

Dieser Beitrag erscheint auch auf Susanne Baumstarks Blog Luftwurzel

Nachtrag 1: Die WAZ war vor Ort bei der Tafel in Essen  hier der Bericht.

Nachtrag 2: Inzwischen wurden diverse Fahrzeuge und den Eingang der Essener Tafel beschädigt.

Foto: Marelise Wood dvidshub via Wikimedia Commons

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Dr. Liu Mei / 23.02.2018

Empfehlung an die Gutmensch-Berufspolitiker: nicht schwadronieren, sondern jede Woche zwei Pflichtstunden an der Tafel leisten; das richtige Leben erfahren!

Simone Robertson / 23.02.2018

Passt den Verantwortlichen in der Politik bestimmt gut in den Kram, dass dreiviertel der Kunden Flüchtlinge sind…so kann man den Bürgern auch weiterhin erzählen: “Seht, unseren Armen geht es so viel besser als den Flüchtlingen, sonst würden ja mehr Rentner als Flüchtlinge anstehen”.  Ich staune direkt, das noch nirgendwo gelesen zu haben!

Martin Landvoigt / 23.02.2018

Wer eben, wie wohl die meisten Deutschen, eher wenig von den Tafeln wissen, muss sich fragen, wie sich derartiges ereignen konnte. Dachten wir nicht immer, dass die ‘Schutzsuchenden’ hinreichend versorgt werden? Was wollen sie dann an den Tafeln? Und wieder das Problem der Differenzierung: Es mag auch unter den neu Hinzugezogenen, unter denen es sicher auch ein gerüttelt Maß an echten Flüchtlingen und anständigen Menschen gibt, diese gesamtheitlich diskreditiert werden, weil es eben auch viele gibt, die eben nicht das Mindestmaß der Integration betreiben. Weder will man dann die ‘Guten’ unter den seit Kurzem hier lebenden mit inhumaner Härte begegnen, noch mit dieser Begründung jedem Unverschämten eine Carte Blanche geben.

Jürgen Heidemann / 23.02.2018

Guten Tag, das macht deutlich, dass Essen nicht allein da steht. Ich finde es besonders schlimm, dass dort ehrenamtliche Helfer, die Gutes tun wollen, Angst haben müssen und hinwerfen.  Nachvollziehbar, würde mir vermutlich auch so gehen. Das fällt alles unter Merkels Motto “Ihr schafft das schon”. Hat Sie natürlich anders gesagt, aber genau das gemeint. Wie aus solchen Leuten, denen offenbar die Grundlage für ein zivilisiertes Zusammenleben in unserem Sinne fehlt hier mal Facharbeiter werden sollen, bleibt dann auch ihr Geheimnis.

Richard Loewe / 23.02.2018

ich habe in anderen Berichten auch schon das Wort “Kunde” gelesen. Das ist natürlich orwellsche Newspeak, denn “Kunden” zahlen für eine Leistung. Auf der anderen Seite drückt Kunde vermutlich besser die Haltung der muslimischen Abholer von Leistungen: die kommen schließlich ins dar al harb, um es zum dar al islam zu machen und dafür müssen die Rundumversorger dankbar sein. Wenn die Rechtgläubigen dann später die Mehrheit sind, werden sie sich dann großzügig zeigen und den christlichen und jüdischen Ungläubigen die Wahl zwischen dem islam und dem Tod geben. Atheisten, Buddhisten, Sikhs etc. können leider nicht mit soviel Dankbarkeit rechnen, denn für sie sieht der Weg allahs (shari’a) nur Option 2 vor. Es wäre interessant zu wissen, wieviele Tafel-Freiwillige zu Hause bleiben.

Elmar Schürscheid / 23.02.2018

Im roten Lübeck ist es das gleiche, nur traut sich hier noch niemand etwas zu sagen. Doch, so langsam kommt Bewegung in die Sache. Auch in anderen sozialen Bereichen klingelt so langsam der Wecker. Bin gespannt wie lange der soziale Frieden noch hält?

Christoph Kaiser / 23.02.2018

Ein weiteres Beispiel, wie ein zunehmend “würdelos” werdender Sozialstaat seine Schützlinge gegeneinander ausspielt. Dort, wo jede Würde untergraben ist (...als was soll man dieses Tafelkonstrukt sonst bezeichnen), liegen die Nerven blank!

Anders Dairie / 23.02.2018

Man soll Merkel keine Vorwürfe mehr wegen Selfies machen.  Die meisten Deutschen sind in ihrer Art weitaus dümmer.  Das gesparte Geld geht in den Nachzug des allerletzten und entferntesten Familienmitglieds.  Damit die Ausbeutung anderer perfekt wird.  Was mich ärgert ist die Tatsache, dass denen nicht mitgeteilt wird, dass eine Tafel eine Einrichtung auf Basis des Glaubens an christl. Nächstenliebe ist.  Die Beschenkten meinen oft, wir wären ihnen als Dhimmies die Gaben schuldig.  Dhimmies sind nach koranischem Verständnis Ungläubige, als Haussklaven. Deren Respekt fehlt wohl deswegen.  Der gegenüber Frauen sowieso.

Frank Hilgers / 23.02.2018

Da ja kein Anspruch auf Lebensmittel von der Tafel besteht, haben die Mitarbeiter es doch selbst in der Hand ob sie sich weiter beleidigen lassen oder Störenfriede des Hauses verweisen.

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