Peter Grimm nennt die demonstrative Abwendung der AfD vom Bauhaus in Sachsen-Anhalt eine „Dummheit“. Das ist ein hartes Wort, aber kein falsches. Nur bleibt die interessante Frage gerade dort liegen, wo das Urteil endet. Denn wer das Bauhaus gegen seine politischen Gegner verteidigt, verteidigt damit noch keine gute Architektur. Und wer unter der Überschrift „Schöner bauen!“ einen politischen Feldzug gegen die ästhetischen Zumutungen der Gegenwart verkündet, legt einen Konflikt frei, der tiefer im institutionellen Gemäuer der Baukultur sitzt und älter ist als die Banner, unter denen er heute ausgetragen wird.
Wie tief dieser Konflikt im institutionellen Gemäuer sitzt, zeigt sich an einer seit Jahrzehnten geschlossenen Zirkulation ästhetischer Autorität: Hochschulen lehren, was Wettbewerbsjurys auszeichnen; Wettbewerbsjurys zeichnen aus, was Gestaltungsbeiräte bestätigen; Gestaltungsbeiräte bestätigen, was Hochschulen lehren.
So entsteht ein hermetischer Kreislauf der architektonischen Selbstbeglaubigung. Ein weißer Museumskubus kann drei Preise gewinnen und vor Ort dennoch dastehen wie das mausoleale Verwaltungsgehäuse eines stillgelegten Konzerns. Eine Fassade kann im Erläuterungsbericht „sensibel auf den Kontext reagieren“ und auf der Straße dennoch jedes Gespräch verweigern. Das Urteil des Publikums erscheint dann schnell als ungebildete Regung, während der Irrtum der Experten den Rang einer Theorie genießt.
Ästhetischer Monopolanspruch
Das eigentliche Problem liegt deshalb weniger im Gegensatz von Moderne und Tradition als in einem institutionell abgesicherten ästhetischen Monopolanspruch. Über Jahrzehnte wurde eine bestimmte Vorstellung des Zeitgemäßen nicht nur bevorzugt, sondern moralisch aufgeladen. Reduktion galt als Essenz, Ornament als Verbrechen, Wiedererkennbarkeit als Sentimentalität. Aus einer Methode wurde eine Orthodoxie. Ihr Weihrauch roch nach Zementstaub. Die AfD trifft also einen realen Nerv, wenn sie darauf verweist, dass sehr viele Menschen andere Straßen, andere Häuser, andere Plätze wünschen als jene, die der professionelle Betrieb ihnen regelmäßig als zeitgemäß erklärt. Diese Diskrepanz lässt sich nicht dadurch beseitigen, dass jeder Einwand gegen den Modernismus unter Kitschverdacht gestellt wird. Schönheit ist keine mathematische Größe, aber deshalb auch keine Halluzination. Geborgenheit lässt sich nicht normieren, doch ihre Abwesenheit ist erstaunlich zuverlässig spürbar.
Nur beginnt das Problem erneut, sobald aus der berechtigten Kritik ein staatliches Gegenbekenntnis wird. Im Regierungsprogramm ist von „anerkannter Bautradition“ die Rede. Anerkannt durch wen? Durch Ministerialbeamte, Kammern und Jurys? Durch konservativ besetzte Gestaltungsräte mit Lieblingsgesimsen? Oder durch demoskopisch vermessenen Volksgeschmack, der künftig zwischen Traufhöhe und Fensterteilung plebiszitär entscheidet? Wer die Herrschaft eines ästhetischen Priesterstandes beklagt, sollte nicht vorschnell einen neuen weihen. Auch die Mehrheit besitzt kein unfehlbares Organ für Schönheit.
Romanik und Barock, Neues Bauen und klassische Moderne gehören gleichermaßen zur Baugeschichte unseres Landes. Tradition ist kein Katalog, aus dem der Staat jene Seiten herausreißt, die zur Legislaturperiode passen. Sie lebt gerade davon, dass jede Generation das Palimpsest der Geschichte verändert, wiederentdeckt und überschreibt. Sobald eine Regierung festlegt, welche Form als „anerkannt“ gilt, wird aus Überlieferung Dekret.
Nur das Kostüm wechselt
Damit wäre wenig gewonnen. Jahrzehntelang hat der Architekturbetrieb bestimmte Formen mit dem Nimbus des Fortschritts versehen; die Gegenreaktion droht nun, andere Formen mit dem Nimbus der Heimat auszustatten. Der Mechanismus bleibt derselbe. Nur das Kostüm wechselt. Aus der Kritik an verordneter Moderne folgt keine verordnete Gegenmoderne. Ästhetischer Etatismus bleibt Etatismus – auch wenn er plötzlich Gesimse trägt. Gerade darin liegt die verführerische Falle des Kulturkampfes. Beide Seiten träumen heimlich vom selben Instrument: von der Macht, den eigenen Geschmack aus der Sphäre des Arguments in die Sphäre der Verfügung zu überführen. Die eine Seite besitzt dafür Lehrstühle, Preisgerichte und Beiräte, die andere hätte gern Erlasse, Förderrichtlinien und Traditionskataloge. Zwischen beiden steht der Bürger und wundert sich, warum ausgerechnet jene, die von Schönheit sprechen, so gern über Zuständigkeit reden.
Der Staat kann sehr wohl Einfluss auf gute Stadt nehmen. Aber nicht, indem er Fassadenstile tauft. Er kann Grundstücke so ordnen, dass wieder Häuser statt Großkörper entstehen; er kann Parzellen, Straßenräume und Plätze sichern, Nutzungen mischen, Erdgeschosse beleben, Dauerhaftigkeit belohnen und Materialien verlangen, die nach zwanzig Jahren altern statt verwesen. Er kann Wettbewerb erzwingen, wo heute Milieus einander bestätigen. Er kann dafür sorgen, dass ein Gebäude nicht nur einem Richtlinienkatalog genügt, sondern das Stadtbild prägt und Identität stiftet.
Dann darf ein moderner Bau modern sein und ein traditioneller traditionell. Ein weißer Kubus kann einen Ort schaffen. Eine klassische Fassade kann bloße Kulisse bleiben. Ein schlichtes Haus kann Würde besitzen; ein ornamentiertes kann sich zur steinernen Hochzeitstorte auftürmen, als hätte ein Zuckerbäcker den Bauplatz übernommen. Stil allein erlöst nichts.
Entscheidend ist, ob Architektur Maß hält, Übergänge schafft und dem Alltag Halt gibt; ob Häuser Nachbarschaft entstehen lassen oder sich als Solitäre verschanzen; ob Menschen sich einen Ort aneignen können oder bloß zwischen Nutzflächen untergebracht werden.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Dummheit: ausgerechnet aus der berechtigten Kritik am ästhetischen Dogma ein neues Dogma zimmern zu wollen. Das Bauhaus braucht keinen Denkmalschutz vor Kritik, die Tradition keinen staatlichen Vormund. Gute Architektur entsteht weder aus Sakralisierung noch aus Revanche. Die Alternative lautet nicht Bauhaus oder Tradition. Die Alternative lautet Pluralismus oder Dogma.
Daniel Yakubovich studierte Architektur an der Universität der Künste Berlin und ist beruflich mit öffentlichen Kulturbauten befasst. Auf pensarium.de, wo dieser Beitrag zuerst erschien, schreibt er über Architektur, Erinnerungskultur, Religion und die Formen politischer Ordnung.
Gedanken zum Kommentar von S. Malm:
Der Mathematiker Gauss hat einmal gesagt: „Die Mathematiker, die um des Abstrahierens Willen abstrahieren, sind meistens nur die mittelmäßigen.“
Warum soll ein guter Architekt Angst vor dem haben, was die Leute denken und fühlen?
Nur in einem machtgeprägten Umfeld hat schon verloren, wer ein Anliegen hat.
Die Zerrissenheitspflicht, die in der Moderne erteilt wird, ist ja selbst hohler Kitsch.
Ein Geschwurbel, das den Kern der Sache nicht trifft: Die Neubauten in Deutschland werden nämlich dynamisch hässlicher, so wie Köln, die Vorzeigestadt scheusslicher Nachkriegsarchitektur, laut dem Bonmot Henryk Broders. Was heutzutage an Einfamilienhäusern gebaut wird, sieht aus als wäre es aus Kinderbauklötzen gefertigt. Ich kenne keinen, dem diese primitiven Wohncontainer gefallen- ausser den Architekten selber, weil sie sich als Hohepriester des guten Geschmacks wähnen. Die AfD spricht hier wieder nur eine unangenehme Wahrheit an.
Mir fällt bei städtischer Architektur nur ein Wort ein: Gestaltungswille (und zwar des 19. Jahrhunderts).
Man fahre zum Beispiel nach Annecy. Dann wird einem klar, was damit gemeint ist.
Warum bekommen sie es heute nicht mehr hin, was früher möglich war? Die Antwort ist: wegen des kulturellen Marxismus*, der alles umfasst und sich seit 2 Generationen wie ein Mehltau über den Westen gelegt hat. Anstelle eines Stadtbildes hat man heute individuelle „ichIchIch“- Gebäude, maximal noch Viertel – aktuell im (renditeoptimierten) quadratisch-praktisch-hässlich Stil.
*Kuriosum: was haben die westlichen Bauhaus-Salonkommuninisten über den statlinistischen „Zuckerbäckerstil“ gelästert. Ich empfehle, mal die Berliner Stalinallee (heute: Karl-Marx-Allee) zu besuchen. Es ist eines der gesuchtesten Wohngegenden der Stadt.
@Th. Gerbert:
Manche, wenn nicht gar viele, mögen von Kulturgeschichte recht wenig verstehen. Wobei ich die Unwissenden und Verständnislosen eher in den Hochschulen und Redaktionsstuben verorten würde. Aber darum geht es nicht. Alles Verständnis nützt nichts, wenn niemand in einem Haus leben will oder ein öffentliches Gebäude nicht angenommen wird. Architekten bauen nicht für den Wettbewerb oder Fachzeitschriften . Sie bauen für andere Menschen.
Im Übrigen ist der Hang zum Kitsch und zur Heimeligkeit kein Alleinstellungsmerkmal der AfD. Man schaue sich nur einmal an, was Schwarze, Rote und Grüne mit den Bauten der Moderne im Osten angestellt haben. Dabei ist es vollkommen egal, ob es sich um die sozialistische (Gebäude des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten, Berlin, Josef Kaiser) oder die klassische (Stadt- und Bezirkskrankenhaus, Freiberg, Georg Salzmann) gehandelt hat. In Berlin listet der Denkmalschutz hunderte nach 1990 verlorene Objekte auf.
Bauhaus oder Betonklötze. Es ist alles häßlich was die Leute nicht selbst bauen. Massenunterkünfte nach DDR Stil sind nun mal hässlich. Ob Kunst oder irgendein Arcgitekten-Betonklotz. Individuelle Häuser sind schöner.
Der Bauhausstil ist nicht nur Architektur und Werkschule, sondern auch Industriedesign für Gebrauchsgüter.
Und wie in jeder ganzheitlichen Kunst gibt es eine Menge Geniestreiche, und eine Menge Schrott.
Im Jugendstil haben die Ikonen der Baukunst auch die Inneneinrichtungen entworfen, bis hin zum Türgriff. Und der Jugendstil galt auch lange nicht als Denkmalwürdig, heute ist die Secession auf den österreichischen Münzen, und Klimt einer der teuersten Maler der Geschichte.
Ignoranten wird es immer geben, so haben die Belgier das Maison du peuple abgerissen.
Was das Bauhaus betrifft: Das Gebäude muß man nicht mögen, aber was ist mit Wagenfelds Lampe und Teekanne, oder Breuers Sessel?
Die Opposition gegen die Moderne der 20er Jahre (Jugendstil und art deco werden dann folgen) und der Rückgriff auf Neogothik, Neobarok und mittelalterliche Fachwerkarchitektur als „deutsch“ hören sich für mich als false flag Aktion an. Da schiebt jemand „völkisches Denken“ und „gesundes Volksempfinden“ unter.
Hier wird doch wieder und erneut ein unwichtiger Nebenschauplatz aufgebauscht und eine Nebensache unberechtigt verurteilt, um die wirklichen Probleme nicht ansprechen zu müssen. Architektur hat einfach mit persönlichem Geschmack zu tun, über den sich bekanntermaßen trefflich streiten läßt. Aber das kann doch kein Hauptargument gegen oder für die Existenzberechtigung einer zur Volkspartei angewachsenen Bewegung sein!