Was Südafrika in der Wirklichkeit ausmacht, würde man im Denksport als hilfreiches Paradoxon bezeichnen. Zum einen ist es, durch seine politische Stabilität und das interkulturelle Auskommen zwischen Schwarz und Weiß, weiterhin ein Sonderfall in Afrika, zum anderen hofft man es zum Vorbild einer postkolonialen modernen Gesellschaft ausbauen zu können.
Beide Faktoren fußen gleichermaßen auf Realitäten und Mythen. Das gilt auch für die Politik. Südafrika gehört zu den Staaten, die weltweit viel mehr an Aufmerksamkeit finden, als ihrer tatsächlichen Bedeutung angemessen wäre. Wenn es um Südafrika geht, wird die halbe Welt umgehend zum Beobachter, um nicht zu sagen zum Kontrolleur. Die Weltöffentlichkeit gibt gerne gute Ratschläge.
In diesen Ratschlägen sind auch die südafrikanischen Mythen gut aufgehoben. Zum Teil besser als in Südafrika selbst. Denn auch dort meldet sich, trotz aller Ausnahmebereitschaft, von Zeit zu Zeit die Realität mit ihren Dringlichkeiten zu Wort.
Geht man diesen auf den Grund, wird man schnell feststellen, dass die vermeintliche Stabilität des Landes auf einem generellen Status quo beruht, der einem unausgesprochenen und ebenso allgemeinen Waffenstillstand gleichkommt.
Dazu gehört, dass die Abschaffung der Apartheid kaum ein soziales Problem gelöst hat, sie hat bloß die Voraussetzungen dafür geschaffen, über die man bisher nicht hinausging. Wohlweislich? Südafrika ist auch heute noch eine Gesellschaft mit krassen sozialen Gegensätzen, die behelfsmäßig mit dem Mythos der „Regenbogennation“ überbrückt werden. Diese Ponton-Politik äußert sich ideologisch in zwölf Amtssprachen und real in der Partizipation der schwarzen Führungsschicht am Geschäftsleben und nicht zuletzt am Segen des Verwaltungsapparats.
In einer Gesellschaft, deren Wirtschaftskonstellation nicht ausreicht, um dem Einzelnen den freien Aufstieg zu ermöglichen, ist die Partizipation an der Macht Verlegenheitslösung oder Brachialkonzept, sie führt allenfalls zur Verbreitung von Korruption. Sie ist eines der Hauptprobleme in Südafrika.
Dieses hat mit Mandela die politischen Reformen der neunziger Jahre zwar vorbildlich durchgeführt, sie sind aber über sich selbst nicht hinausgekommen. Wer den politischen Bereich verlässt, ist bald mit dem alltäglich Ungelösten und Unlösbaren konfrontiert. Der Mythos Mandela hat vieles möglich gemacht, aber noch mehr scheint er künstlich verdeckt zu haben.
Man kann es auch so sagen: In Südafrika ist alles beim alten, und doch nichts, wie es einmal war. Die Gesellschaft ist zwar verwaltungsmäßig demokratisch strukturiert, aber sie wird von einer Übermacht regiert, vom ANC. Dieser hält sich zwar an die Verfassung, aber er regiert seit 1994 mit einer Zweidrittelmehrheit. Diese Zweidrittelmehrheit ist nicht allein das Ergebnis politischer Arbeit, sondern vielmehr des Doppelcharakters des ANC. Er verkörpert den Mythos der schwarzen Befreiungsbewegung und tritt als politische Partei auf. Folgerichtig konkurriert der Mythos mit dem Programm, ersetzt es mitunter.
Was folgenreicher ist: Die Partei wird mehr von ihrem Mythos zusammengehalten als von ihrer politischen Arbeit. Das lässt sich auch an ihren Führungsgestalten nachweisen. In der chronologischen Reihenfolge: Mandela, der Märtyrer und Prophet, Mbeki, der Intellektuelle mit dem Machtkalkül, und schließlich der aktuelle Wahlsieger, der Aufsteiger und Populist Zuma.
Die Erben von Mandela haben mit diesem offenbar wenig gemeinsam. Weder Mbeki noch Zuma erinnern an seine Statur. Mandela war ein Glücksfall für Südafrika an der Schwelle des Zusammenbruchs der Apartheid. Sein Mythos und die dazugehörende politische Abgeklärtheit haben das Land effektiver vor dem Abgrund bewahrt als die Räson der am Machtkampf Beteiligten. Das war gut für den Augenblick, heute ist es eher eine Hypothek.
Südafrika gilt heute zwar als ein Schwellenland, in dem die Industrialisierung fuß gefasst hat und laufend neuen Mittelstand und damit nicht zuletzt Stabilität produziert, aber die traditionellen afrikanischen Vorstellungen von den agrarisch bestimmten Lebensgrundlagen sind weiterhin wirksam. Offen ist die Frage, ob man um eine Landreform, die Länder wie Zimbabwe in den Abgrund gestoßen hat, herumkommt.
Südafrikas Probleme sind unterhalb des Mythos sozialer Natur. Die Townships gibt es immer noch. Sie werden zwar nicht mehr von der Polizei reglementiert, umso mehr jedoch vom Einkommen und vom sozialen Status. Mit den wachsenden „homelands“ der Unterschicht, vor den Toren der urbanen Zentren, wird selbst eine wohlwollende Regierung nicht fertig.
Der weitaus größte Blockierer aller Beschäftigungs- und Sozialprogramme ist und bleibt die unkontrollierte demographische Entwicklung. Bei einer Verdoppelung der Bevölkerung in einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten lässt sich die soziale Frage nicht lösen. Südafrika ist ein Opfer des „youth bulge“, der zu schnellen Verjüngung der Bevölkerung. Das verstärkt das Protestpotential und schwächt auf Dauer auch die Mythen und damit die gesellschaftliche Ausgleichsfähigkeit.
Die Folgen zeigen sich in einer erschreckend hohen Kriminalität, in Drogenexzessen, und vor allem in der Verbreitung von AIDS und dem leichtfertigen und unverantwortlichen Umgang damit, inklusive seitens der Regierung.
Die aktuellen Wahlen und ihr Ergebnis werden nicht viel verändern. Der ANC bleibt souveräne Regierungspartei. Mbekis Abspaltung hat sich als bedeutungslos erwiesen. Der Held des Tages heißt Jacob Zuma. Und er ist auch der größte Risikofaktor im Spiel zwischen Mythosfeier und Realpolitik.
Der Mann repräsentiert als Aufsteiger die Hoffnungen der Unterschicht mit allen Widersprüchen, die einen solchen Helden zu begleiten pflegen. Verfahren wegen Vergewaltigung und Korruption sind im Sande verlaufen, sie wurden dem bekennenden Polygamisten von seinen Anhängern auch nicht übelgenommen. Wo Mandela das moralische Vorbild sein konnte, ist Zuma ein praktisches. Sein Mythos reduziert sich auf den Kämpfer, auf sein viel zitiertes Lieblingslied: „Bring mir mein Maschinengewehr“. Ob dieser Sieg des ANC auch ein Gewinn für Südafrika ist?
Ein anderer Sieg ist es bestimmt, nämlich jener der größten Oppositionspartei, der Demokratischen Allianz, die sich mit ihrer neuen Führungsfrau Helen Zille um 5% verbessern konnte. Ihr Radius allerdings ist zweifach beschränkt. Sie gilt als Partei der Weißen und zunehmend auch der Mischlinge, und sie hat ihre Basis in der Westkapprovinz. Dort ist sie mit 50% stärkste politische Kraft und wird auch die Provinzregierung stellen. Helen Zille, eine Nichte des Berliner Milieumalers Heinrich Zille und Tochter von Emigranten aus dem Dritten Reich und selbst seinerzeit kritische Journalistin im Apartheidstaat, ist seit zwei Jahren Bürgermeisterin von Kapstadt.
Die Westkapprovinz ist die Ausnahme innerhalb der Ausnahme Südafrika. Sie ist das Ergebnis einer besonderen Geschichte aber auch ein Versprechen für die Zukunft. Dieses Versprechen kann nur eingelöst werden, wenn sich in der liberal ausgerichteten DA Mittelschicht und Unternehmertum tatsächlich interethnisch zusammenfinden. Ob sie an gesellschaftlicher Bedeutung zunehmen werden, hängt von der Gesamtentwicklung ab und über die entscheidet der ANC. Und die Demographie.