Hunderttausende ausgemusterte Romane, Erzählungen, Sachbücher und Bildbände aus dem „Leseland DDR“ wurden von „Bücherpfarrer“ Martin Weskott geborgen und in einer Scheune gelagert – und massenhaft von glücklichen Findern davongetragen oder in alle Welt verschickt.
Der 23. April wird nunmehr weltweit als Tag des Buches, der Kultur des geschriebenen Wortes und der Autorenrechte begangen. In der DDR hingegen gab es den bereits 1947 ausgerufenen Tag des (freien) Buches am 10. Mai, mit dem an die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen erinnert wurde. Das sah dann so aus, dass wir Verbandsmitglieder zu organisierten Veranstaltungen in Bibliotheken und kulturellen Einrichtungen ausschwärmten, denn dergleichen gehörte zum staatlich verordneten Antifaschismus, der ursprünglich immerhin besser war als alles, was heute unter der schwarzen Fahne der Antifa geschieht. Unsere Kolleginnen lasen bei solchen Anlässen meist aus dem Tagebuch der Anne Frank, während wir Victor Klemperers „LTI“ vorzogen. Das tat ich auch. Ein eigener Beitrag war unerwünscht, das Honorar vortrefflich und die anschließende Diskussion wenig anspruchsvoll, weil niemand darüber sprach, dass Bücher in der DDR nicht verbrannt, sondern schon als Manuskripte zensiert wurden, sofern man überhaupt eine Veröffentlichung erwog.
Während einer solchen Veranstaltung steckte mir jemand wortlos einen Text von Erich Kästner zu. Kästner war in Deutschland geblieben und sah die eigenen Bücher brennen, als am 10. Mai 1933 Studenten deutscher Hochschulen Scheiterhaufen für die Werke humanistischer Schriftsteller entzündeten: „Hinter dem Lessingtheater kamen sie – links, zwei, drei, vier, links, zwei, drei, vier – angetrottet. Studenten in SA-Uniform zogen als Prätorianergarde voraus. An der Spitze, wo die Fahne oder der Schellenbaum hingehören, trug einer den von einer Bronzebüste heruntergeschlagenen Kopf Magnus Hirschfelds hoch auf einer Stange. Er schwenkte ihn, vor der geistigen Elite des Dritten Reichs marschierend, wie eine Kampftrophäe; und das Bild hätte nicht scheußlicher sein können, wenn Hirschfelds wirklicher, blutiger Kopf aufgespießt durch Berlin geschleppt worden wäre.“
Diesen Text las ich nun oft, die Szene sah ich viele Jahre später wieder, wenn auf dem Bildschirm Horden von Anhängern der Black-Lives-Matter-Bewegung erschienen, die Denkmäler zerstörten. Es dauerte nicht lange, bis ich dann in meiner Nachbarschaft, in Berlin-Zehlendorf, fassungslos vor einem Werk ihrer deutschen Gefolgsleute stand: Dort hatten fanatische Bilderstürmer einer hundertjährigen Skulptur mit dem überkommenen Titel „Hockende Negerin“ den Kopf abgeschlagen.
Bücher waren im „Leseland DDR“ so begehrt wie „blaue Fliesen“
Nun gut. Mit der DDR endeten die bezahlten Gedenkveranstaltungen. Damals nahm uns der Gewerkschaftsverband der westdeutschen Schriftsteller auf, und wenn uns jemand einlud, was immer seltener geschah, lasen die Kolleginnen weiterhin aus dem Tagebuch der Anne Frank. Die Männer sah man kaum noch. Mich auch nicht, denn mir war klar, dass ich als Autor über Nacht zu einem nutzlosen Menschen geworden war und sofort einer Lohntätigkeit nachgehen musste, weil der Markt höchstens drei Dutzend von uns ein nennenswertes Einkommen bescheren würde. Überdies kam ich nun häufiger mit Rechtsanwälten als mit Kollegen zusammen, von denen ohnehin nur zu hören war, dass ihre Briefkästen leer blieben, weil Verlage Manuskriptsendungen aus dem Osten nicht beantworteten. Das mag erklären, weshalb ich erst am Ende der 90er Jahre vom Schicksal der Bücher hörte, die im niedersächsischen Katlenburg in einer ehemaligen Zinsscheune lagen.
Es sollen ursprünglich 800.000 Bücher gewesen sein: Romane, Erzählungen, Sachbücher, Bildbände aus der DDR – geborgen vom „Bücherpfarrer“ Martin Weskott und seinen Helfern. Bücher, die auf Müllkippen und in Tagebaugruben in der Leipziger Umgebung aufgelesen wurden, nachdem Pfarrer Weskott 1991 in der Süddeutschen Zeitung ein Foto von weggeworfener DDR-Literatur gesehen hatte, die wie Unrat zusammengekehrt worden war. Damit begann ein Achtung gebietendes Vorhaben, in dessen Verlauf mehr als hundertfünfzig Kombi- und Lastwagenladungen die besagte Scheune erreichten und dem Geistlichen künftig etwas sehr Schönes gelang: Er verwandelte geschändete Bücher in Brot. Denn bis heute können Besucher an Sonntagen nach dem Gottesdienst Bücher heraussuchen und mitnehmen, wenn sie eine Spende für das Hilfswerk „Brot für die Welt“ zurücklassen. Inzwischen sind hunderttausende „Müllbücher“ von glücklichen Findern davongetragen oder von Weskott in alle Weltteile versandt worden, während Nachlässe sowie Gaben von Verlagen und Bibliotheken den Bestand fortwährend ergänzen.
Was war geschehen? Zur Erinnerung: Die 78 Verlage der DDR veröffentlichten 1989 nahezu 7.000 Titel, drei Viertel davon waren Neuerscheinungen. Damals wurden jährlich etwa 146 Millionen Exemplare gedruckt, also rund neun für jeden Einwohner, die gewöhnlich auch sofort verkauft wurden, ohne die Nachfrage stillen zu können: Bücher waren im „Leseland DDR“ wohl ebenso begehrt wie „blaue Fliesen“ – eine zeitweilig in Verkaufsanzeigen gebrauchte Umschreibung für die D-Mark. Noch 1990, obwohl die Verlage längst von wirtschaftlichen Schwierigkeiten gebeutelt oder von westdeutschen Häusern übernommen wurden, erschien noch eine große Anzahl von Titeln, nachdem endlich Zensur und Selbstzensur, die Papierkontingentierung sowie andere Beschränkungen fortfielen. Aber die Bürger des ehemaligen Leselandes interessierten sich nunmehr, sofern sie überhaupt Bücher kauften, für westliche Autoren, deren Bücher die Zollbeamten der DDR jahrzehntelang aus Postsendungen beschlagnahmten oder heimkehrenden Rentnern wegnahmen, für die verrufene „Schund- und Schmutzliteratur“, für Reiseführer, Versandhauskataloge, Orgasmus- und Steuerratgeber.
Von wegen „altlastige“, wertlose Schriften
In eine besonders missliche Lage geriet damals der Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel, ein Vertriebsmonopolist für die in der DDR hergestellten Bücher mit einem jährlichen Umsatz von 1,2 Milliarden Ostmark. Dieser Koloss saß nun hilflos auf einem Bücherberg, dessen Lagerung oder Makulierung die Verlage nicht mehr bezahlen konnten. Stattdessen bemühten sich Getränkefirmen und andere Interessenten um die Lagerräume, Papiermühlen boten zunächst verlockende Ankaufpreise, und so wurde marktwirtschaftlich entschieden: Es gibt Schätzungen, dass mindestens 80.000 Tonnen der in jenen Jahren hergestellten Bücher vernichtet worden sind. Gewiss eine maßvolle Schätzung, denn Bücher brannten in Heizkraftwerken, wurden von den Reißwölfen deutscher, niederländischer und ungarischer Papiermühlen zerrissen, verfaulten auf Müllkippen und wurden in Tagebaugruben geschüttet. Martin Weskott fand weggeworfene, oft noch in Kartons verpackte, in Folie eingeschweißte oder auf Paletten gezurrte Bücher auf Lagerflächen des Altstoffhandels in Plottendorf. Auf der Deponie Kömmlitz moderten tausend Paletten, etwa fünfhundert Tonnen Bücher, auf der Müllhalde Hainichen waren es wohl nahezu fünfzigtausend Tonnen – von Erde bedeckt, vermischt mit Bauschutt und Abfällen, auf künftige Archäologen wartend, die den barbarischen Anblick unerklärlich finden werden.
Andere Lösungen wären möglich gewesen, es gab Anfragen aus Moskau und Prag. Kasernen, Flugzeughallen, Erholungsheime, Kulturhäuser, Scheunen der aufgelösten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, Lagerräume der staatlichen Handelsorganisation standen leer. Aber als zum Beispiel Hans-Georg Mehlhorn, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft e.V. Sachsen, den sächsischen Bildungsminister Ortleb aufforderte, die verstoßenen Bücher für deutsche Minderheiten und Schulen im Ausland zu retten, verließ der Minister sich auf das Urteil des Geschäftsführers des Insel-Verlages, der behauptete, es handele sich um „altlastige“, wertlose Schriften. Kurz darauf entdeckten Jenaer Studenten auf der Mülldeponie Hainichen zwischen faulenden Kartoffeln unter anderen folgende altlastige Autoren: Adelbert von Chamisso, Ludwig Feuerbach, Theodor Fontane, Johann Wolfgang von Goethe, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Seume, William Shakespeare.
Fraglos hätte ein in kultureller Hinsicht verantwortungsvolles Staatswesen Entscheidungen treffen können, ohne damit in deutsche Wettbewerbsverhältnisse einzugreifen. Das galt vor allem für Veröffentlichungen zeitgenössischer Autoren – deren Verlagsverträge übrigens eine Makulierung ohne ihr Einverständnis untersagten – sowie für jene, für deren Werke die devisenschwache DDR Drucklizenzen erworben und mit harter Währung bezahlt hatte: Tucholsky etwa oder Böll und Hemingway, Autoren aus allen Erdteilen, vor allem aus Skandinavien, West- und Südeuropa.
Wahre, meist noch druckfrische Schätze in des Pfarrers Scheune
Was einheimische Schriftsteller anbelangt, also jene, die in der DDR noch verlegt und nicht von der Regierung verfemt worden waren, so gerieten vor allem auch sie auf die Müllkippen, denn in den Bänden war außer der Herkunft auch der geringe Preis ersichtlich. In des Pfarrers Scheune sah man sie zuhauf, meist noch druckfrisch in glänzenden Schutzumschlägen und sauberer Leinenbindung, darauf die Namen Biskupek, Bobrowski, Braun, Bruns, de Bruyn, Cibulka, Fries, Fühmann, Günther, Heiduzczek, Hein, Hermlin, Kant, Köhler, Kohlhaase, Körner, Laabs, Müller, Nowotny, Otto, Plenzdorf, Reimann, Sasse, Scherzer, Schuder, Schütz, Stade, Walther, Wander, Wellm, Wolf – was weiß ich. Und selbst zuvor verbotene oder im Hinblick auf die bevorstehende Vereinigung eilig in die Verlagsprogramme aufgenommene Titel – zum Beispiel solche von Stefan Heym oder Richard von Weizsäcker – waren im Abfall verstreut gefunden und gesammelt worden.
Auch das bleibt ein Verdienst von Martin Weskott, der selbst Verfasser Dutzender Bücher und PEN-Mitglied ist: Seit 1991 erforscht er mit literaturwissenschaftlicher Sorgfalt die Werke von Autorinnen und Autoren der DDR und begegnet dabei sicherlich hin und wieder dem darin verborgenen Geist, der Menschen auf die Straßen und an die runden Tische trieb. Zudem organisierte er zweimal hundert Lesungen, Begegnungen mit Schriftstellern, die weggeworfene Bücher geschrieben hatten. Ein wahrhaft christliches Werk, insbesondere für jene, die nicht Schritt halten konnten mit den zahlreichen Bewerbern auf dem Literaturmarkt und während solcher Gelegenheiten Würde, Stolz auf das Geschaffene und vielleicht sogar Zuversicht zurückgewannen.
Als ich das erste Mal nach Katlenburg kam, schenkte Pfarrer Weskott mir zwei Bücher. Es waren Exemplare meiner Entdeckungsgeschichte Afrikas, gefunden auf einer Müllkippe. Die Schutzumschläge mit dem schönen Kupferstich von Dapper waren beschmutzt und zerrissen, das Gesicht der Dame aus Ife, das die Leineneinbände zierte, wurde von Schimmelpilzen zerfressen, Wasserflecke hatten die Seiten verfärbt. Diese Bücher, dachte ich, wird nun niemand lesen. Ich habe früher einem Berufsstand angehört, von dem Gleichmütigkeit erwartet wird, bis der letzte Mann im Boot sitzt. Aber der Anblick dieser Bücher erschütterte mich, weil ich etwas über ihre Geschichte und die anderer Bücher wusste, die damals entstanden. In meinem Fall waren das viele Wochen Arbeit mit verstaubter geographischer Literatur in der Staatsbibliothek: Folio-, Quart- und Oktavbände, aus denen ich ganze Passagen der Berichte von Afrikaforschern abschrieb. Denn die Anfertigung von Kopien musste begründet und genehmigt werden, an das Kopiergerät kam man nicht heran – es hätte dort ja jemand Flugblätter vervielfältigen können. Meinetwegen, das Abschreiben schärfte das Gedächtnis und den Blick für Wesentliches.
Es gibt sie wieder: Verleumdete Autoren und „Schund- und Schmutzliteratur“
Dann zwei Jahre im Kämmerchen: schreibend, abwägend, nachdenkend, während das wirkliche Leben draußen dahinging, auch korrigierend, die immer wieder zusammengeklebten Manuskriptblätter erneut zerschneidend. Was übrigblieb, schrieb meine Frau mit drei Durchschlägen ab – zwei für die Gutachter, einen für das Ministerium, also für den Zensor, das Original bekam der Verlag. Gab es kein Durchschlagpapier, was oft vorkam, mussten Freunde im ganzen Land auf die Suche nach Luftpostpapier gehen, das nur in begrenzter Menge verkauft wurde. Meine Lektorin, eine Germanistin, befreite den Text von meinen übelsten Unarten aus der Trödelkiste der Substantivierungen und Partizipialkonstruktionen.
Ein geschätzter Grafiker brachte mit seinen Zeichnungen Ruhe in die als Bildvorlagen dienenden Stiche, Fotografien und Skizzen, ein zweiter gestaltete Schutzumschlag und Einband, die Folge der Abbildungen und die Typografie, ein dritter die Karten, bevor eine Korrektorin nochmals den gesamten Text besah. Mit allen habe ich oft gestritten und nicht selten gelacht, bis wir zum Schluss in Auerbachs Keller auf einem Weinfass neuen Vorhaben entgegenritten. Die Gutachter, ein Historiker und ein Afrikanist, urteilten wohlwollend, das Ministerium erteilte die Druckgenehmigung, und somit kamen der Satz, die Korrektur der Druckfahnen mit einem Einblick in die Welt der Fliegenköpfe, Hurenkinder, Speckjäger und Zwiebelfische – der Sprache der Setzer und Drucker. Es folgten Drucken, Binden, Packen und die Ankündigung im Börsenblatt; eine Werbung war überflüssig. Und nun verfaulte zumindest ein Teil der Auflage, ein Ergebnis der Arbeit vieler Menschen, in die Welt gestellt mit großen Erwartungen und geringem Preis, auf einer Müllhalde.
Leseland ist seit langem abgebrannt, aber mir geht es heute dennoch gut. Ich hatte in den folgenden Jahren Glück bei der Wahl meiner Lohnarbeiten, und die Bücher, die ich künftig schreiben sollte, sind von einem Schweizer Verlag hervorragend betreut worden. Den gewerkschaftlichen Schriftstellerverband habe ich verlassen und feiere nun meine eigenen Gedenktage. Aber es gibt da dennoch Unbehagen: Das Neue kommt immer häufiger mit der Fratze des Alten daher. In Verlagen und Medien herrschen eilfertige Selbstzensur und Verlogenheit. Zum Beweis ihrer völligen Unterwürfigkeit verderben Mitarbeiter von Redaktionen, Behörden und Bildungseinrichtungen unsere Sprache und versuchen dabei einander zu übertreffen. Bekennende Schriftsteller wie Jörg Bernig, Monika Maron oder Uwe Tellkamp werden verleumdet. Es gibt wieder „Schund- und Schmutzliteratur“, die auf Buchmessen tagsüber begeifert und nachts zerrissen und beschmutzt wird, während man die Auseinandersetzung mit missliebiger Literatur anderenorts mit Buttersäure und Brandsätzen führt. Links, zwei, drei, vier, links, zwei, drei, vier. Selbst die „staatsfeindliche Hetze“ gibt es wieder, und sie hat ihren Namen kaum verändert. Wieder werden Fürsprecher von Bürgerrechten geächtet und Demonstranten zusammengeschlagen, während andere, die den Tod aller Juden fordern, unbehelligt durch Berlin marschieren. Und wieder bekunden uns die Mächtigen ihre Verachtung, indem sie sich feiern.