Gunnar Heinsohn / 03.11.2013 / 11:14 / 3 / Seite ausdrucken

Zum Stand der Deflation oder: Ein welthistorisch einmaliges Tun

Die Bekämpfung der Deflation, deren unkontrolliertes Zulassen Eigenkapitale quer über den Globus auslöschen und für Kredit gestellte Pfänder entwerten, also die meisten Banken vertilgen würde, hat eine manipulative und eine hoffende Seite.

Die manipulative Seite arbeitet mit:
(1)Zinsnullung bei Zentralbankgeld (zuerst 1996 in Japan), was Käufe von Vermögenspositionen mit Erträgen von – sagen wir – 4%  profitabel macht, die bei einem Zentralbankzins von ebenfalls 4 % nicht gekauft würden. Es geht also um das künstliche Schaffen von Märkten für das Treiben von Preisen. Verdoppelt sich beispielsweise der Preis jener Vermögenspositionen, fällt ihr Ertrag zwar auf 2%, was aber bei einem Zins von 0,1 % immer noch als märchenhaft empfunden werden darf.
(2)„Forward guidance“ (zuerst 1999 in Japan), also das öffentliche Versprechen einer langjährigen Zinsnullung, damit beim Preistreiben auch sorglos mitgemacht, die Deflation also in Schach gehalten wird.
(3)„Quantitative easing“ (zuerst 2001 in Japan), also das Ankaufen von Staatspapieren und Hypotheken durch Zentralbanken, damit deren Preis über Marktniveau bleibt, sie daraufhin auch von anderen Anlegern gekauft werden und so das Abstürzen der Eigenkapital- und Pfandpreise unterbleibt.
(4)„Qualitative easing“, also das Akzeptieren zum Nennwert unverkäuflicher Papiere als Pfänder, für die Geschäftsbanken bei nationalen Zentralbanken frisches Geld in Nennwerthöhe erhalten (Spezialität der NZBs der Euro-Südschiene zwischen Paris und Athen).
Seit 2009 schickt man durch diese Maßnahmen rund 9 Billionen Dollar Liquidität auf Anlagesuche, also ins Preistreiben (Bank of America Merrill Lynch /Michael Harnett-Team). Das erfolgt jenseits des Leistungssektors aus Firmen und Arbeitskräften in dem Dreieck aus Regierungen, Zentralbanken und Geschäftsbanken.
Dieses Trio rechtfertigt ihr welthistorisch einmaliges Tun mit der hoffenden Seite der Deflationsbekämpfung. Die setzt darauf, dass eines Tages der Leistungssektor Produktivität und Output so stark gesteigert haben wird, dass die jetzt durch Manipulation geschwellten Preise aufgrund neuer „echter“ Werte auf der jetzigen Höhe auch dann verharren, wenn die Manipulationen aufhören.
Der Inflationswunsch hat sich durch Einsatz der 9 Billionen US-Dollar tatsächlich erfüllt. Die Deflation ist zumindest an Aktienmärkten unterblieben. Im knappen halben Jahrzehnt legt nämlich die globale Börsenkapitalisierung um stolze 35 Billionen Dollar zu.

Unerfüllt hingegen bleibt bislang die Hoffnung, dass der Leistungssektor unter dem Liquiditätsschirm nachziehen würde, also die künstlich erhöhten Preise auch ohne Hilfe manipulierter Märkten erzielen könnte. Denn die globale Wirtschaftsleistung legt in den fünf Jahren nicht um 35, sondern nur um 14 Billionen Dollar zu (Harnett). 
Immer noch lauert eine Deflation, die das globale Preisniveau um eine zweistellige Billionensumme drücken will und in der Panik noch weit mehr schaffen könnte. Ihre Stunde schlägt, wenn der Leistungssektor auch weiterhin das Preisniveau nicht mit entsprechenden Zuwächsen legitimieren kann. Dass ihm eben das unmöglich ist, zeigt die in den fünf Jahren sich immer weiter öffnende Schere zwischen Börsenkapitalisierung (= Vermögenspreisinflation) und Umsätzen.  Vergreisung, wachsende Nachwuchsanteile ohne Ausbildungskompetenz und ein merkliches Nachlassen bei den Patenten sprechen dafür, dass die Konkurrenzfähigkeit des Westens weiter nachgibt, eine substanzielle Aufholjagd in Zukunft also noch unwahrscheinlicher wird als zwischen 2009 und 2013.
Da die hoffende Seite der Deflationsbekämpfung nur Enttäuschungen erlebt, muss ihre manipulative Seite weitergehen; denn die Angst vor den Auswirkungen des Runterpreisens von Eigenkapitalen und Pfändern ist schon vom Volumen her heute viel größer als 2009.

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Leserpost

netiquette:

Manuel Bauer / 04.11.2013

Aus einer vollständig fremdfinanzierten Investition über 100 GE würden in der Totalperiode im Deflationsszenario bspw. 90 GE Abschreibungen verdient. Die Differenz der 10 GE zu den nominal zurückzuführendem 100 GE Fremdkapital dürfen Sie solange mit Eigenkapital kompensieren wie vorhanden.

Winfried Kellmann / 03.11.2013

Es fällt bei dem beschriebenen Prozeß in’s Auge, daß es sich um eine gigantische Vermögensumverteilung handelt, die ironischerweise von den Gewerkschaften als praktizierter Keynesianismus im Prinzip unterstützt wird. Die Hoffnung der Kapitalanleger (wer auch immer das im einzelnen ist),  der Leistungssektor könne nachziehen und durch höhere Leistung höhere Preise erzielen, damit der Nachfrage nach Assets eine nachhaltige Basis geben und dadurch ihren Vor-Inflations-Gewinn (Cantillon-Effekt) verstetigen, wird durch den Aufholprozeß der Schwellenländer genährt. Im Westen ist diese Karte ausgereizt, denn nachhaltiges Wachstum ist hier nur noch durch technologische Revolutionen erzielbar, während die Schwellenländer mit rasant übernommener, ursprünglich westlicher Technik und niedrigen Löhnen und wachsender Konsumentenschicht noch vielversprechend sind. Die Umverteilung besteht in der Asset-Inflation, die sich von Gebrauchsgüterinflation wesentlich unterscheidet. Da Assetts nicht konsumiert werden (insbes. Grundbesitz) erfreut die Preissteigerung den Assett-Halter: Er muß ja nicht, wie bei Kosumgütern,  ständig nachkaufen. Er wird im Verhältnis zu den Nicht-Assett-Haltern reicher. Er kann potentiell (das Wesen des Reichtums besteht in der Potenz, nicht im Konsum) mehr Leistungsträger für sich springen lassen. Durch unaufhörlich nachgeschobenes billiges Geld wird die Assett-Inflation genährt, die Habenichtse werden im Verhältnis ärmer. (Sie können sich z.B. weniger Hausbesitz leisten, es sei denn, sie erhalten Subprime-Darlehen). Zuwächse der großen Vermögen von 20% jahrlich sprechen Bände. Das ganze ist höchst wackelig, da der Nachschub an frischem Geld irgendwann (wann das sein wird, ist das große Geheimnis) ausbleiben muß. Die spannendste ungelöste Frage ist, wann die Leistungsträger, d.h. die Realwirtschaft unmißverständliche Signale senden, daß das Ende der Fahnenstange erreicht ist. D.h wann der Zeitpunkt erreicht ist, zu dem bei allerbestem Willen keine Phantasie mehr in Aktien steckt, weil niemand mehr den Leistungsträgern zutraut, den aufgeblähten Kursen enstsprechende Gewinne zu erarbeiten. Es scheint bisher alles so glatt zu gehen. Die ZBs erzeugen schlecht besichertes Kreditgeld und die Assett-Preise erhöhen sich. Der Zusammenhang zwischen Assett-Preisen und Realwirtschaft scheint nicht zu existieren.

Karl Schlunz / 03.11.2013

In wiefern würde eine Deflation eine Entwertung von Eigenkapitalen bewirken? Deflation = Reduktion der Geldmenge. Es verändert sich also nur der relative Wert des Geldes im Vergleich zu Gütern und Dienstleistungen, betrifft also direkt nur Geldvermögen, die durch Deflation aber künstlich an Wert gewinnen und nicht verlieren. Noch dazu: wo lauert überhaupt die Gefahr einer Deflation? Die Geldmengen werden doch seit Ewigkeiten immer und überall nur ausgeweitet, nie reduziert.

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