Rainer Grell / 18.02.2018 / 12:57 / Foto: Danbu14 / 3 / Seite ausdrucken

„Zivilisierte Verachtung” – kann es das geben?

Diesen Titel hat der schweizerisch-israelische Autor Carlo Strenger einem knapp hundert Seiten umfassenden Essay gegeben, der „Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“ enthält, wie der Untertitel ankündigt. Ein ohne Wenn und Aber lobenswertes Unternehmen.

Bei der Lektüre wurde ich allerdings abwechselnd zwischen Zustimmung und Widerspruch hin und her gerissen. Dies lag daran, dass der Autor sich auf keinen Fall bei den Rechten die Hände schmutzig machen wollte, dagegen keine Scheu hatte, dies bei den Linken zu tun. Doch der Reihe nach.

Im Zentrum von Strengers Kritik steht der „Imperativ der politischen Korrektheit“, deren Ideologie „eine groteske Verzerrung des aufklärerischen Toleranzprinzips“ darstellt. Denn die Grundprinzipien der politischen Korrektheit „sind die Gleichberechtigung aller Kulturen, Glaubenssysteme und Lebensformen sowie das prinzipielle Verbot, andere Kulturen moralisch oder erkenntnistheoretisch zu kritisieren“. Doch: „Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.“

Mit dieser knappen und präzisen Beschreibung bringt Strenger die verdienstvollen Ausführungen von Dieter E. Zimmer auf den Punkt (ohne ihn allerdings zu erwähnen), der von den „inquisitorischen Umgangsformen der Political Correctness“ spricht, sich dabei allerdings stark auf den sprachlichen Bereich konzentriert.

Politischer und gesellschaftlicher Träger dieser Haltung war und ist die politische Linke, was laut Strenger im Endeffekt darauf hinaus läuft, „ dass die Verteidigung unserer Kultur an die politische Rechte outgesourct wird.“

Geistige Akrobatik

Hier sehe ich den ersten Mangel in der Gedankenführung Strengers; denn er stellt an keiner Stelle die Frage, was denn die politische Mitte in dieser Situation getan hat. Man kann nur mutmaßen, dass sie der „hochproblematischen intellektuellen Einschüchterung“ (Zimmer spricht von einem Klima der „Einschüchterung und Beklommenheit“) nicht standhalten konnte, die von der politischen Korrektheit ausgeht. Auf der anderen Seite steht aber dieser Appell:

„Wir müssen lernen, darauf so zu reagieren, dass am Ende nicht die politische Rechte mit ihrer Tendenz zu Fremdenhass, Rassismus und der Abwertung bestimmter nationaler, religiöser und kultureller Gruppen profitiert. Verhindert werden kann dies nur, wenn sich die Linke und die Mitte gemeinsam für die Grundwerte der freien Welt engagieren.“

Wow! Was für eine geistige Akrobatik! Ausgerechnet von den Verursachern der Misere und denjenigen, die den Widerstand dagegen verpennt haben, erwartet Strenger die Rettung. Nun mag das vielleicht nicht so abwegig sein, wie es zunächst klingt. Aber dann wüsste man doch gerne, wie es denn zu dieser Verwandlung von Wasser in Wein kommen soll, ist doch ein Messias weit und breit nicht in Sicht.

Auf die näher liegende Idee, die Mitte aus ihrer Lethargie wachzurütteln und sie zu animieren, die Rechte von ihren negativen Attributen zu befreien und auf ihre Seite zu ziehen, kommt Strenger leider nicht. Immerhin galt mal für die Unions-Parteien, die vor der Merkel-Ära die Mitte für sich gepachtet hatten, der Satz von Franz-Josef Strauß, rechts von der Union dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben.

Dem verderblichen Einfluss der politischen Korrektheit setzt Strenger sein „Konzept der zivilisierten Verachtung“ entgegen. Dabei definiert er dieses Konzept „als eine Haltung, aus der heraus Menschen Glaubenssätze, Verhaltensweisen und Wertsetzungen verachten dürfen oder gar sollen, wenn sie diese aus substanziellen Gründen für irrational, unmoralisch, inkohärent oder unmenschlich halten.

Zivilisiert ist diese Verachtung unter zwei Bedingungen: Sie muss erstens auf Argumenten beruhen, die zeigen, dass derjenige, der sie vorbringt, sich ernsthaft darum bemüht hat, den aktuellen Wissensstand in relevanten Disziplinen zu reflektieren; dies ist das Prinzip der verantwortlichen Meinungsbildung. Zweitens muss sie sich gegen Meinungen, Glaubensinhalte oder Werte richten und nicht gegen die Menschen, die sie vertreten.“ Kurz gesagt: „Zivilisierte Verachtung ist die Fähigkeit, zu verachten, ohne zu hassen oder zu dehumanisieren. Dies ist das Prinzip der Menschlichkeit.“

Warum "Verachtung"?

Nach der mehrfachen Lektüre dieser Sätze habe ich mich gefragt, warum Strenger derart auf dem Begriff der „Verachtung“ beharrt und sich nicht einfach mit „Ablehnung“ begnügt. Über die Antwort kann ich nur rätseln. Vermutlich suchte er nach einem einprägsamen Begriff, dem er dann offenbar durch das an sich kontradiktorische Adjektiv „zivilisiert“ zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen wollte.

„Verachtung“, so lesen wir bei Wikipedia, „entsteht durch die Bewertung einer anderen Person als minderwertig.“ Wer eine seriösere Quelle sucht, den verweist Wikipedia auf Meyers Enzyklopädie von 1905, wonach Verachtung „das Gefühl [ist], das der Voraussetzung persönlichen Unwertes bei sich selbst (Selbstverachtung) oder bei anderen (Verachtung anderer) entstammt“. Das Gegenteil von Verachtung ist Achtung, die auch nur Menschen entgegen gebracht wird.

Durch die Verwendung des personenorientierten Begriffs der Verachtung begibt sich Strenger völlig unnötig auf vermintes Gelände, das er nur unter Schwierigkeiten wieder verlassen kann. Ist das der Begriff „Zivilisierte Verachtung“ wirklich wert?

Wenn es das unschätzbare Verdienst der Aufklärung ist „Die Mentalität der Unterwerfung ... durch den Geist der Kritik abgelöst“ zu haben, dann reicht es doch völlig aus, „unmoralische Denkformen, unmenschliche Praktiken, irrationale Überzeugen oder unzivilisiertes Verhalten“ „auf der Ebene kultureller Diskurse oder der Kunst“ zu kritisieren oder auch durch den Kakao zu ziehen. Ich jedenfalls habe in diesem Zusammenhang noch nie das Bedürfnis verspürt, „sorgfältig begründeter Verachtung unverhohlen Ausdruck zu verleihen“.

"Erfahrung der Unterlegenheit"

In seinem Bemühen, „den Rechten“ auf keinen Fall zu nahe zu kommen, weil sein Herz für die „Linksliberalen“ schlägt, kommt Strenger zeitweise der eigene Kompass abhanden. So kritisiert er an der Anti-Minarett-Kampagne der Schweizerischen Volkspartei, dass sie auf ihren Plakaten die Minarette (angeblich waren es seinerzeit „ganze drei“ in der Schweiz) als Raketen darstellten. Offenbar waren ihm die Verse des von Erdoğan gerne zitierten türkischen Dichters Ziya Gökalp nicht bekannt: „Die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme // Die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten // Diese göttliche Armee ist bereit // […] // Gott ist groß, Gott ist groß."

Als ich die Hoffnung beinahe schon aufgegeben hatte, hinter das treibende Motiv Strengers zu kommen, stieß ich auf Seite 65 auf diese erhellenden Ausführungen. Nachdem er die Nivellierungsbestrebungen der politischen Korrektheit und die ambivalente Ablehnung von Eliten offen gelegt hatte, kommt er zu dem Schluss: „Komplexe moderne Gesellschaften funktionieren ohne Spitzenleistungen nicht, daher müssen wir alle in einem gewissen Ausmaß mit der Erfahrung der Unterlegenheit zurechtkommen. Gleichzeitig wird aber permanent der krampfhafte Versuch unternommen, Qualitätsunterschiede und Hierarchien zu vertuschen, um so die Anlässe zum Neid zu minimieren.“ Und weiter: „Die Fähigkeit, diesen Neid auszuhalten, ist ein Element einer Kultur der zivilisierten Verachtung.“

An dieser Stelle war ich drauf und dran, das Buch beiseite zu legen und mir den Rest zu schenken. Denn ich hatte zumindest erwartet, dass hier ein wenigstens kurzer Rückgriff auf das grundlegende Werk von Helmut Schoeck „Der Neid“ (Untertitel „Die Urgeschichte des Bösen“) folgen würde. Nichts dergleichen. Dann siegten aber doch die Neugier und eine gewisse intellektuelle Redlichkeit; denn ein Buch zu besprechen, ohne es (ganz) gelesen zu haben, bleibt Satirikern wie Ephraim Kishon vorbehalten. Und ich las ein paar Zeilen später: „Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass auch diese Fähigkeit den Schmerz darüber, dass andere etwas besser können als man selbst, nicht zum Verschwinden bringen wird.“

Das Geschäft mit der Angst

In diesem Moment wurde mir klar, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte. Denn diesen Schmerz habe ich noch nie empfunden. Vielmehr habe ich von diesem Phänomen erstmals durch diese Ex-Cathedra-Sentenz Strengers (der Mann ist ja nicht nur Professor für Philosophie, sondern auch für Psychologie) Kenntnis erlangt. Bisher hat mich das Bewusstsein, dass es jede Menge Leute gibt, die alles Mögliche besser können als ich (und viele andere), immer mit tiefer Genugtuung und Zufriedenheit erfüllt. Gibt es mir doch die Gewissheit, dass da, wo ich mit meinem Latein am Ende bin, genügend kluge und fähige Menschen stehen, die wissen, wie es weiter geht.

Strenger selbst scheinen auch Zweifel gekommen zu sein, wenn er gegen Ende schreibt: „Möglicherweise klingen meine Überlegungen für den ein (sic) oder anderen Leser auch nach Paranoia oder reaktionär-konservativer Nostalgie. Doch dies ist keineswegs meine Motivation.“ Wieder etwas dazu gelernt, dachte ich: Paranoia als mögliche „Motivation“ kann der von diesem Wahn Befallene gegebenenfalls selber ausschließen.

Als Psychologe wendet sich Strenger verständlicherweise gegen Angstmacher; denn Angst ist, wie wir von unserer Kanzlerin wissen, „ein schlechter Ratgeber“. Allerdings unterscheidet er zwischen „Rechtspopulisten“ wie Marine Le Pen und Geert Wilders, die „auf das Geschäft mit der Angst spezialisiert“ sind, und solchen, bei denen es „sich keineswegs um rechte Angstmacher“ handelt, „sondern um tendenziell linksliberale Wissenschaftler“. Zu diesen zählt Strenger, man hat es schon geahnt, sich selbst, wie er ganz zum Schluss offenbart.

Dabei wird er, ohne es selbst zu merken, seinem Prinzip der „verantwortlichen Meinungsbildung“ untreu; denn diese unterscheidet sich ja von einer „von Ressentiments getriebenen Tendenz zu Nivellierung“ dadurch, dass sie ausschließlich mit Argumenten arbeitet. Ähnliches kann man bei der kritiklos wiederholten Behauptung feststellen, „die Volkswirtschaften der meisten Staaten werden ohne Zuwanderung mittelfristig zusammenbrechen“, wobei an keiner Stelle die Auswirkungen der Informationstechnologie auch nur angesprochen werden.

Auch die These von den anthropogenen Ursachen des Klimawandels muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Hier erachtet Strenger es schon als „Argument“, „dass 97 Prozent aller Klimaforscher diese Ansicht teilen“. Mehrheit ist aber ein Prinzip der Demokratie, nicht der Wissenschaft, sonst hätte es niemals Erkenntnisfortschritte gegeben. Oder wie Norbert Lammert (Seite 1 l. Sp. a. E.) es einmal formuliert hat: „Mit Mehrheiten lassen sich Wahrheiten weder ermitteln noch vermitteln.“

Insgesamt handelt es sich um ein Buch, das durchaus wertvolle Gedanken enthält und zum Nachdenken anregt. Und das hat es für mich auf jeden Fall lesenswert gemacht. Um unsere Freiheit bleibt es allerdings nach wie vor schlecht bestellt.

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Leserpost (3)
Werner Arning / 18.02.2018

Ist es nicht so, dass immer mehr klugen Köpfen, die sich eigentlich dem „links-liberalen“ Lager zurechnen, immer klarer wird, dass sie sich verrannt haben. Das ist ihnen unangenehm, denn sie wollen natürlich jetzt auch nicht plötzlich den „Rechten“ Recht geben. Also müssen sie eine Zwischenlösung finden, sie winden sich und suchen nach der richtigen Formulierung, die hilft, sie unter Bewahren ihres Gesichtes, auf den Weg der Vernunft zurückzuführen. Das kann aus ihrer Sicht natürlich nur geschehen bei gleichzeitiger, betonter Distanzierung von Rechts und Rechtspopulisten. Wünschenswert wäre, wenn eine, sich der Vernunft verpflichtet fühlende große Anzahl von Menschen, die aus allen politischen Lagern kommen können, trauen würde, sich ihrer Vernunft nicht zu schämen. Die diese, auch mit dem Risiko als „rechts“ bezeichnet zu werden, artikuliert. Auch Linke könnten Merkels Flüchtlingspolitik ablehnen, auch Linke könnten offene Grenzen ablehnen, auch Linke könnten die propagierte Europapolitik und auch die Energiewende ablehnen. Es läge darin überhaupt kein Widerspruch. Ein Blick über unsere Landesgrenzen würde ihnen möglicherweise die Augen öffnen. Es ist ihre Deutschlandbezogenheit, die sie blind macht.

Gabriele Schulze / 18.02.2018

Ich habe das Buch gelesen - gerade wegen der angesprochenen Verachtung. Finde selbige gar nicht mal so verdammenswert, wenn sie als Instrument gegenüber Zudringlichkeiten und Blödheiten jeglicher Art genutzt wird. Dann allerdings stieß ich auf die von Ihnen beschriebenen Punkte und war abgetörnt. Schade, bin aber inzwischen allergisch gegen Diskurse von Linken.

Wilfried Cremer / 18.02.2018

Ich möchte auf eine Asymmetrie hinweisen. Der Begriff Achtung ist immer personenbezogen, der Begriff Verachtung kann sich jedoch auch auf Eigenschaften oder Unpersönliches beziehen.

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