Wie jede Zeit fragt auch die unsrige nach den Erfolgreichen und Gelifteten. Man will wissen, wer sie sind. Jene, die das Sagen haben. Besser noch, die Strippen ziehen. Denen man dies und jenes zu verdanken hat. Und auch ankreiden kann. Kurz, die Verantwortlichen.
Und nicht zuletzt ihre Umtriebe in den Informationslücken.
Nein, man sucht nicht nach Vorbildern. Man sucht nach dem Glücksfall. Man will wissen, wie der Glückspilz zu seinem Glück gekommen ist, und der Pechvogel trotzdem sein Auskommen findet. Das ist alles, was wir im Grunde wissen wollen, und was diverse Fernsehreporter aus der coolen Nachbarschaft zum Besten geben. Ob es nun um japanische Zierfische geht oder um die „Lindenstraße“ und ihre Rolle in der Bundesrepublik.
Früher waren es die Illustrierten, und noch früher die Philosophen, die uns in Form hielten. Seit aber die Philosophie selbst zum Gegenstand der Reportage geworden ist, und ihre uns bekannten Exponenten sich nicht mehr mit dem Denken beschäftigen, sondern mit dem Reden, dem „Talk“ ist alles anders. Anders?
Mit den Philosophen ist es wie mit den Schauspielern. Sie spielen schon lange nichts mehr außer sich selbst, alles andere wäre zu teuer. Frage: Was unterscheidet sie dann noch von uns? Dass sie dafür bezahlt werden, damit sie ausplaudern, wo sie angeblich einkaufen gehen?
Sie sind die Idole und wir sind die Fans. Oder: Weil wir die Fans sind, sind sie die Idole. Wir haben sie gewählt. Per SMS. Alles, was wir haben, alles, über das wir verfügen, ist Gegenstand der Unterhaltung und vor allem der Kurzweil. „Fun“, wie es im neuen Vulgärlatein heißt.
Das Entertainment nämlich beinhaltet nicht nur unsere Welt, sondern auch ihre Ausweglosigkeit. Man kann das halbe Leben vor dem Fernseher verbringen, und doch alles kennen, was sich vor der Haustür abspielt. Nie hat es mehr Wissen über uns gegeben als heute. Nie hat uns dieses Wissen weniger beeindruckt.
Die Wahrheit ist, wir beschäftigen uns mit Nebensächlichkeiten, und die Wahrheit ist auch, wir tun es nicht ungern. Zum Ergebnis: Wir meinen, dass wir schlecht bezahlt sind, das aber sei noch lange kein Grund die Gewerkschaft in Marsch zu setzen. Wir wissen zwar noch gut genug, wozu es die Gewerkschaft gibt, aber es gibt sie schon zu lange, als dass wir noch etwas von ihr erwarten könnten. Es gibt sie länger schon als die Lindenstraße. Sie steht im Grimmschen Wörterbuch.
Wir erwarten überhaupt nichts. Von keinem. Weder von Precht noch vom Bahnchef, wir rechnen bloß mit dem einen oder anderen Verunsicherungsfaktor. Ansonsten werden wir nicht müde, zu erklären, dass wir an nichts mehr glauben, schon lange nicht. Dass dies am großen Ganzen nichts ändert, ist uns ebenso bekannt. Frau Kässmann beispielsweise trägt jetzt in Bochum vor. Schlafmützenprosa. Über Multikulti, wenn ich nicht irre. Man assistiert ihr mit Toccata und Xavier Naidoo. Wir nicken, während wir dem Twitter folgen.
„Traumschiff von Piraten überfallen“, heißt es plötzlich. Ist das eine Nachricht? Warum ist es eine? Und vor allem für wen? Das Vorteilhafte an diesen beiden Fragen ist, das jede Antwort darauf, eine gültige Aussage über unsere Zeit enthält. Sie glauben es nicht? Probieren Sie es doch einfach!