I. Der Sarg der Konservativen. Im Oktober 2025 versammelte sich die ehrwürdige Conservative Party in Manchester zu einem Parteitag, der weniger einer politischen Konferenz als einem Aufbahrungsritual glich. Die Partei, die das 20. Jahrhundert Großbritanniens wie keine andere dominiert hatte, ist zur politischen Randerscheinung geworden: In Umfragen liegt sie weit hinter der regierenden Labour Party von Keir Starmer – und zugleich hinter Nigel Farages rechtspopulistischer Reform UK. Das britische Mehrheitswahlrecht, das über Jahrhunderte das Duopol von Tories und Labour garantiert hatte, könnte die Konservativen schicksalhaft treffen: Ein dritter Platz in der Gunst der Wähler lässt sich im Westminster-System kaum überleben.
Parteiveteran David Davis, den es nach Jahrzehnten im Politikbetrieb immer noch nach Anekdoten gelüstet, meinte beim Parteitag, Margaret Thatcher würde sich kurz vor ihrem 100. Geburtstag im Grabe umdrehen. Das ist eine bequeme Erzählung für eine Partei, die sich um ihre eigene Geschichte drückt. Denn das Scheitern der Tories ist kein Unglück, das über sie hereinbrach – es ist das konsequente Ergebnis einer politischen Kultur, die Rory Stewart in seinem Buch Politics on the Edge mit diagnostischer Schärfe seziert hat.
II. Stewarts Diagnose: Die hohle Demokratie. Rory Stewart ist ein unwahrscheinlicher Zeuge. Diplomat, Abenteurer, Tory-Abgeordneter von 2010 bis 2019, Minister unter Cameron und May, Kandidat im Rennen um die Nachfolge Theresa Mays – jenem Verfahren, das Boris Johnson ins Amt brachte. In Politics on the Edge, einem der meistgelesenen politischen Bücher Großbritanniens der letzten Jahre, beschreibt er aus der Innenperspektive, wie die britische Demokratie verflachte, welche Substanz aus der Politik wich und was zurückblieb.
Stewarts Kernbefund ist vernichtend: Die britische Politik der Cameron-May-Johnson-Ära war von Grund auf hohl geworden. Karrierismus hatte die politische Substanz verdrängt. Statt echten Lösungswillen herrschte der Reflex, mediales Echo zu erzeugen. Die Ministerialbürokratie – der Civil Service – reagierte auf inhaltlich ambitionierte Minister mit einer Mischung aus passivem Widerstand und verdeckter Steuerung, weil sie gelernt hatte, dass politische Projekte meist eher auf Symbolwirkung als auf realem Wandel ausgerichtet waren.
Die Conservative Party selbst, so Stewart, sei zu einer Partei geworden, die er kaum noch wiedererkannte: Günstlingswirtschaft grassierte, Inkompetenz wurde durch Arroganz übertüncht, und die intellektuelle Basis, auf der konservatives Regieren einst ruhte, wurde durch populistische Reflexe ersetzt. Vetternwirtschaft, Ignoranz und schiere Unfähigkeit hätten das Fundament des Vertrauens zerstört, das eine Regierungspartei braucht.
Diese Diagnose erweist sich rückblickend als prophetisch. Die historische Niederlage der Tories bei der Unterhauswahl im Juli 2024 – ein Verlust von rund 20 Prozentpunkten gegenüber 2019, der Zusammenbruch auf ein historisches Tief von rund 120 Sitzen – war kein Zufall. Es war die Quittung für eine Partei, die unter dem Gewicht ihrer eigenen Entleerung kollabierte. Bis zu 15 Prozent der Tory-Wähler wanderten direkt zu Reform UK ab – nicht weil Farage besser wäre, sondern weil die Tories aufgehört hatten, das zu sein, wofür sie standen.
III. Starmer: Der Ernüchterungspremier. Keir Starmer gewann im Sommer 2024 die größte parlamentarische Mehrheit der Labour Party seit 1997. Ein Erdrutsch. Mehr als 400 Sitze. Und doch: Weniger als zwei Jahre später liegt Labour in Umfragen bei gerade einmal 17 Prozent. Starmers Zustimmungswerte sanken bis November 2025 auf durchschnittlich minus 46 Prozent. Der Mann, der als das Gegenbild zu Johnsons Populismus antrat – solide, juristisch präzise, unspektakulär vernünftig –, hat das Vertrauen der Öffentlichkeit in einem Tempo verloren, das selbst für britische Verhältnisse ungewöhnlich ist.
Die Gründe sind struktureller Natur. Die Lebenshaltungskosten bleiben hoch, das Wirtschaftswachstum ist ausgeblieben, und Starmer hat sich als unfähig erwiesen, die akkumulierten Frustrationen der britischen Bevölkerung zu adressieren, die bis zur Finanzkrise 2008 zurückreichen. Skandale häuften sich: Angela Rayner trat als Vizepremierministerin zurück, nachdem sie den Ministerial Code gebrochen hatte. Peter Mandelson, als Botschafter in Washington eingesetzt, musste nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten entlassen werden. Über 90 Labour-Abgeordnete forderten nach den verheerenden Kommunal- und Regionalwahlen im Mai 2026 Starmers Rücktritt – Labour verlor fast 1.500 Gemeinderatssitze, wurde aus der walisischen Regierung verdrängt und erzielte in Schottland das schlechteste Ergebnis aller Zeiten.
Starmer hält durch. Er hat „jeden Kampf gewonnen, in den er je gegangen ist", sagt er. Das mag juristisch stimmen. Politisch ist es eine Selbsttäuschung. Die Krise seiner Regierung ist nicht primär eine Krise der Person, sondern eine Krise des Versprechens: Labour hatte Erneuerung versprochen, liefert aber Verwaltung des Status quo.Auch hier klingt Stewarts Diagnose nach. Die Hohlheit der Politik ist kein Tory-Problem. Sie ist ein systemisches Problem der modernen Demokratie.
IV. Henry Nowak und die Frage nach dem gleichen Recht. „I can’t breathe.“ Diese Worte sagte am 3. Dezember 2025 der 18-jährige Henry Nowak, Erstsemester für Wirtschaftsprüfung und Finanzen an der Universität Southampton. Nach einem Abend mit seinen Fußballkameraden wurde er auf dem Heimweg von einem 23-jährigen Mann namens Vickrum Digwa mehrfach mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Als die Polizei eintraf, saß Nowak an einer Wand und sagte wiederholt, er sei erstochen worden und könne nicht atmen. Die eintreffenden Beamten legten ihm auf Betreiben von Digwas Familie Handschellen an, die behauptete, Nowak habe rassistische Bemerkungen gemacht. Ein Polizist antwortete auf Nowaks Worte, er sei erstochen worden, mit: „Das glaube ich nicht, Kumpel." Nowak verlor das Bewusstsein und starb. Er war 18 Jahre alt.
Der laufende Mordprozess gegen Digwa am Southampton Crown Court hat den Fall ins Rampenlicht gerückt. Elon Musk, der auf X eine Kampagne startete und anbot, Klagen gegen die beteiligten Polizisten zu finanzieren, hat den Fall mit George Floyds Tod in Minneapolis verglichen. Das ist eine politisch aufgeladene Analogie, die die komplexen Umstände des Falles verzerrt – Nowak war betrunken, die genauen Abläufe sind Teil laufender Gerichtsverhandlungen, und der Angeklagte bestreitet die Anklage. Doch der Kern des öffentlichen Aufruhrs enthält einen legitimen Kern: Wenn eine Behörde im Angesicht eines offensichtlich verletzten Menschen die Verhaftung priorisiert statt die Lebensrettung, dann ist etwas fundamental schiefgegangen.
Die politische Frage, die der Fall aufwirft, ist die nach dem „Two-Tier Policing" – einem Behördenverhalten, das nach Wahrnehmung vieler Bürger unterschiedliche Maßstäbe je nach ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit anlegt. Ob diese Wahrnehmung den konkreten Umständen des Nowak-Falles gerecht wird, entscheidet das Gericht. Aber dass Premierminister Starmer den Namen Henry Nowak wochenlang öffentlich nicht nannte, während sein Regierungsapparat mühsam schwieg, ist bezeichnend. Reform UK's Robert Jenrick stellte die Frage im Parlament; die Regierung duckte sich weg. Genau diese Unfähigkeit, auf berechtigte Sorgen der normalen Bevölkerung zu reagieren, beschreibt Stewart in Politics on the Edge als charakteristisches Merkmal der modernen britischen Politik: Sie operiert in einer Blase, in der die Sorgen der Menschen draußen als populistisch abgetan werden, während das System selbst seine Legitimität verschleißt.
V. Der Spiegel für Deutschland. Der Rezensent Konstantin Bätz schrieb über Stewarts Buch: „Was verkehrt läuft in der britischen Politik – das verheißt nichts Gutes für Deutschland.“ Es ist ein Satz, der sich mit jedem Monat tiefer in die Realität einbrennt.
Deutschland erlebt seit Jahren einen strukturell ähnlichen Erosionsprozess. Die Große Koalition der letzten Dekade reproduzierte vieles, was Stewart für die britischen Tories beschrieb: Verwaltung statt Gestaltung, Karrierepolitiker statt politischer Charaktere, ein Medienbetrieb, der eher auf symbolische Gesten als auf substantielle Politik reagiert. Das Ampel-Experiment endete im Koalitionsbruch und in gegenseitigen Schuldzuweisungen. Friedrich Merz gewann die Bundestagswahl 2025, tritt nun als Bundeskanzler mit dem Versprechen an, Verantwortung endlich ernstzunehmen – doch die strukturellen Herausforderungen, die ihn erwarten, sind dieselben: ein überforderter Staatsapparat, eine erschöpfte Öffentlichkeit, ein Vertrauensdefizit, das sich über eine Generation angesammelt hat. Merz hat genau wie Starmer die Hoffnungen im unglaublicher Geschwindigkeit enttäuscht und damit den letzten Rest Vertrauen vieler Bürger in die etablierte Politik.
Die AfD hat ihre Entsprechung in Reform UK. Beide Parteien profitieren nicht primär von der Zustimmung zu ihren Programmen, sondern von der Erschöpfung der Etablierten. Wenn Farage in Großbritannien auf dem Weg ist, der nächste Premierminister zu werden – wie viele Beobachter heute nicht ausschließen –, dann nicht weil seine Antworten besser wären. Sondern weil die anderen aufgehört haben, echte Antworten zu geben.
Der Nowak-Fall hat in Deutschland kaum Beachtung gefunden. Das ist ein Fehler. Er illustriert etwas Grundsätzliches: Wenn der Staat das Vertrauen verliert, dass er seine elementarste Aufgabe erfüllt – Menschen unabhängig von ihrer Herkunft gleich zu schützen –, dann öffnet sich ein Vakuum, das Populisten jeder Couleur nur allzu gerne füllen. Deutschland hat seine eigenen Versionen dieser Erschütterungen erlebt, von Messerangriffen bis hin zu Debatten über selektive Strafverfolgung. Die Frage, die Stewart aufwirft, ist dieselbe hüben wie drüben: Ist unsere Politik noch substanziell genug, um auf diese Realitäten zu antworten? Oder verwalten wir nur noch das Scheitern?
VI. Was bleibt. Rory Stewart hat die Konservative Partei verlassen und sitzt heute als parteiloser Beobachter in seinem Podcast-Studio, analysiert Weltpolitik mit Alastair Campbell und lehnt die Zumutungen des Systems ab, in dem er jahrelang tätig war. Das ist ein komfortabler Platz. Er hat sich ihn verdient. Was er hinterlässt, ist eine Frage, die keine bequeme Antwort hat: Kann Demokratie funktionieren, wenn die Menschen, die in ihr tätig sind, primär an ihre Karriere denken? Wenn Ministerien Projekte aussitzen, weil sie gelernt haben, dass auf medialen Lärm kein echter Wandel folgt? Wenn Parteiführer durch Prozesse gewählt werden, die bestenfalls Mittelmaß fördern, statt dem Land zu dienen?
Für Großbritannien lautet die Antwort im Mai 2026: nein. Die Tories sind eine Partei, die ihre Seele im Brexit-Populismus verloren hat und nun zwischen einer Kemi Badenoch, die bewunderswert kämpft, und Nigel Farage zerrieben wird. Starmer ist ein Premier, der die Erschöpfung der Bevölkerung unterschätzt hat und nun von ihr davongespült zu werden droht. Und Henry Nowak – ein 18-Jähriger aus Essex, der im Dezember einfach nach Hause gehen wollte – ist zum Symbol für all das geworden, was passiert, wenn Institutionen ihre eigene Legitimität verspielen. Deutschland schaut hin. Oder sollte es tun. Dringend.

„ein 18-Jähriger aus Essex, der im Dezember einfach nach Hause gehen wollte – ist zum Symbol für all das geworden, was passiert, wenn Institutionen ihre eigene Legitimität verspielen“ – Da war doch nach „Rotherham, Telford“ u. Co. schon lange nichts mehr zu verspielen. Und daß einer der dafür verantwortlichen Haupt-Strafvereiteler in GB auch noch den RegierungsChef mimen darf, setzt dem Ganzen ohnehin nur noch die Krone des völligen Systemversagens auf.
Blair arbeitet sich ja seit gestern an Starmer und Labour ab. Hat das einen Grund? Ist in Großbritannien etwa gerade der teutonische Blitz eingeschlagen? *lach*
Anhänger einer Religion, die zum Tragen von Messern verpflichtet, die hierzulande unter § 42a Waffengesetz und analoge Gesetze in Europa fallen, sind aus Deutschland und Europa wegen zivilisatorischer Inkompatibilität auszuweisen. Samt den Frauen. Vorher zu entwaffnen, wenn sie ihre Waffen nicht freiwillig abliefern, gerne mit Schusswaffengebrauch. Da könnte die britische Polizei sich sogar mal nützlich machen. Sikh Religion is Sick Religion. Bad Religion.
Gibt es da nicht auch eine Religion, die die Vernichtung der ungläubigen Sikhs zur Pflicht macht, „wo immer ihr sie antrefft“?
Nowak war nicht betrunken, nachweislich. Und selbst wenn?
Ausbildung Police UK laut Grok eher dünn (wie so vieles in UK): 18 bis 22 Wochen Unterricht. Leider hat die Police dioe Lage falsch eingeschätzt. Dass betroffene Kolonial-UK-Gäste lügen können – auch geschenkt. Nachher hat der Nowak eben auch Böses gesagt … Idee: On die den Buntenkanzler haben wollen ?
„ Statt echten Lösungswillen herrschte der Reflex, mediales Echo zu erzeugen. Die Ministerialbürokratie – der Civil Service – reagierte auf inhaltlich ambitionierte Minister mit einer Mischung aus passivem Widerstand und verdeckter Steuerung, weil sie gelernt hatte, dass politische Projekte meist eher auf Symbolwirkung als auf realem Wandel ausgerichtet waren.“ Das trifft hundertpro zu. Auch auf uns. Schmerzel ist das prominenteste Beispiel
„Nowak war betrunken, …“ War er nicht. Können Sie nicht korrekt recherchieren. Er hätte noch Autofahren dürfen!
„Wenn Farage in Großbritannien auf dem Weg ist, der nächste Premierminister zu werden – wie viele Beobachter heute nicht ausschließen –, dann nicht weil seine Antworten besser wären.“ Wie sind denn seine Antworten. Wenn Sie es nicht wissen, dann sagen Sie es, anstatt sowas zu raunen! Trotzdem: Ich schätze Sie sehr, Frau Heinisch
Der Tod Henry Nowaks und George Floyds Tod: das lässt sich nicht vergleichen, denn „der Nowak-Fall hat in Deutschland kaum Beachtung gefunden.“ Vermutlich auch sonst nirgends im Messerstecher mit oder ohne ihre toxischen Mütter importierenden Europa. Und kein deutscher Oberpfaffe hat sich vor Nowak niedergekniet und wird sich vor ihm niederknien.
Im Übrigen dürfte die Farage-Partei durchaus eine Antwort auf zweierlei Maß im Polizeiapparat oder gar kein Maß wie in den Rotherham-Fällen haben, und zwar eine deutlich bessere Antwort. In der Politik geht es immer um Präferenzen für die kleineren Übel, nur so ist Mächtigenkontrolle und nicht korrumpierte Demokratie möglich.
PS: ein hübsches Szenario wäre eines, in dem alle feststehenden und mit einer Hand feststellbaren Messern mit einer Klingenlänge über 12 cm (§ 42a Waffengesetz) der kriminell öffentlich Messertragenden explodieren würden wie die Pager der Palinazis im Libanon. Durch Mikrobots, die mit KI-Anwendung Messer im öffentlichen Raum aufspüren und mit Explosivstoffen versehen. Zündung folgt.