Zuckerbergs Kehrtwende sagt eine Menge aus über die Bedeutung, die er und Meta dem Gebrüll unserer Politiker und dem Markt Deutschland in seinem aktuellen Zustand noch beimessen.
Eine Grafik wurde vor einiger Zeit viel geteilt und belächelt auf den sozialen Medien. Sie zeigte eine Übersicht über die weltweit wichtigsten Innovationstreiber in Zukunftstechnologien im Wettbewerb. Drohnentechnologie etwa. Klare Führung für China. Im Quantencomputing haben die Amerikaner die Nase vorn. Bei der KI ist das Rennen zwischen China und den USA noch nicht entschieden. Irgendein Scherzkeks hatte die Grafik um einen „Wettbewerb“ ergänzt, den die EU haushoch dominiert: die Regulierung. Darin kann uns wirklich niemand das Wasser reichen!
Das im Hinterkopf, schaue man sich Mark Zuckerbergs Videobeichte an, in der er den vielen Millionen Benutzern seiner Produkte mitteilt, es künftig wieder mit der Meinungsfreiheit und ohne Bevormundung versuchen zu wollen. Zuckerberg nannte explizit drei Weltgegenden außerhalb der USA, in denen es die Meinungsfreiheit heute schwer hat. In China ist sie für Firmen wie Meta praktisch nicht existent, in Lateinamerika (speziell Brasilien) hängt sie von der Laune allmächtiger Großrichter ab, und in der EU nagen die emsigen Mäuse einer von der Realität entkoppelten Bürokratie an jeder Idee, sobald deren erste zaghafte Blättchen aus der Erde sprießen.
Buchstäblich nichts, was an technologischen Großthemen Investitionen anzieht, fühlt sich in der EU gerade besonders willkommen, und die Drohungen, welche die Politik dem „abtrünnigen“ Zuckerberg nun hinterherbrüllt, schlagen krachend weitere Türen zu.
„Gebt uns ein Schwert, mit dem wir uns die Kritiker vom Leib halten können"
Man muss, glaube ich, noch mal beleuchten, wie die Faktenchecks eigentlich eingeführt wurden. Kurz und in Märchenformat erzählt sich die Geschichte so: Es begab sich zu einer Zeit, als die Öffentlichkeit nicht mehr an die Verlautbarungen ihrer Medien glaubte und begann, an den Motiven der Journalisten zu zweifeln, die zwar unaufhörlich Preise für ihre Arbeit überreicht bekamen, deren Artikel jedoch immer weniger zu tun hatten mit der Realität, wie sie von Bürgern, Lesern und Zuschauern erlebt wurde.
Die Bürger wurden darüber sehr zornig, und sie schufen sich ein Gegengewicht zu diesen Medien, nannten sie „Neue Medien“ und dank Plattformen wie Twitter oder Facebook verbreiteten sich deren Inhalte, ohne dass die Journalisten ihren Löffel im Brei hatten. Die Preise verwelkten, die Sender und Verlage brauchten die vielen Journalisten nicht mehr, die „Reputation“ dieser Journalisten sank noch unter die von Politikern und musste mühsam von Gänsefüßchen zusammengehalten werden.
Da gingen die Journalisten, die ob ihres Bedeutungsverlusts sehr zornig waren, zu den Politikern und forderten „Gebt uns ein Schwert, mit dem wir uns die Kritiker vom Leib halten können und gebt uns einen Turm über den Wolken, in dem wir ungestört schreiben und euch lobpreisen können.“ Und die Politiker erhoben die Journalisten zu Faktencheckern und machten Gesetze, dank derer Facebook und Twitter dafür bezahlen mussten, wenn schon die Leser und Zuschauer es nicht mehr tun wollten. Das Gänsevolk hatte zwar die Fütterung verweigert, musste sich nun jedoch als Stopfgänse zwangsernähren lassen.
Und so schrieben viele Journalisten nicht mehr in den Ebenen, sondern faktencheckten – natürlich ganz unvoreingenommen und neutral – glücklich über den Wolken bis an ihr En… doch halt! Erst Twitter und dann auch noch Facebook weigerten sich plötzlich, die Faktenchecker zu privilegieren und ihren Turm über den Wolken zu bezahlen! Das machte nun die Journalisten und die Politiker wütend, und voller Zorn riefen sie im Chor: „Na, das wollen wir doch mal sehen!“
Rechnungen an Facebook schreiben
Der Sturm der Entrüstung, den Mark Zuckerberg in Deutschland ausgelöst hat, soll dem Publikum vorgaukeln, dass es im Begriff ist, etwas Wertvolles bei seinem täglichen Medien-Konsum zu verlieren: Vitamin „W“ wie Wahrheit nämlich, welches nur in den Köpfen der Faktenchecker gebildet werden kann. Andere meinen – und diese Theorie widerspricht der ersten – das Publikum werde unerhörterweise zu geistiger Bewegung gezwungen, indem es sich in „Community Notes“ nach Vorbild von X demnächst auch auf Facebook selbst an der Vitaminbildung wird beteiligen müssen. Wieder andere fragen, ob das, was da von den Faktencheckern verabreicht wurde, wirklich „Vitamin W“ war, oder doch nur Angst, geistige Indolenz und Gehorsam erzeugte. Mit „Nebenwirkungen“, die für die Plattformen ebenso desaströs ausgefallen waren wie einst die Markteinführung von Lipobay für Bayer.
Das Eingeständnis Zuckerbergs, dass die Faktenchecks eben gerade nicht politisch neutral waren, ganz gleich, wie oft das von den Akteuren behauptet wird, sondern dass entlang politischer Narrative, pharmazeutischer Produkte oder Laptops von Präsidentensöhnen munter gelöscht, gesperrt und gelogen wurde, dürfte so manchen Prozess, den User gegen die Zensurmaßnahmen von Facebook führen, als Schuldeingeständnis stark beschleunigen. Und es ist ja jetzt schon so, dass Anwälte wie Joachim Steinhöfel in Serie gegen Löschung, Zensur und die parasitären Faktencheck-Misteln gewinnen, mit denen Beiträge zwangsweise verunziert wurden. Steinhöfel kann dank dieser Kapitulation Zuckerbergs wohl viele Prozessakten schließen und mit Verweis auf das Video Zuckerbergs anfangen, Rechnungen an Facebook zu schreiben.
Es ist eben nicht die Wahrheit, die von der Zensur geschützt wird, sondern die Macht. Ist immer so gewesen. Autoritäre Staaten haben mit dieser Tatsache kein Problem, demokratisch verfassten Staaten steht diese Waffe aber nicht zur Verfügung, weshalb man sie verbrämt, sich zur Ausführung Hilfskräfte sucht und ihnen klingende Namen gibt. Ein ganzer Zirkus aus Initiativen, NGOs und Kollektiven hat sich als Filter „gesellschaftlich relevante Gruppen“ über den trägen Westen gelegt. Mit den Kosten dafür belastet man die Unternehmen, die diese einfach nicht mehr tragen wollen.
Höchste Zeit für die EU, ein paar Knoten zu lösen
Man sollte Zuckerbergs Sinneswandel aber nicht mit Mut verwechseln. Es war eine opportunistische Risikoabwägung in verändertem Marktumfeld, und diese Veränderung resultiert aus der Wahl Trumps und dem Ausgang der Kämpfe, die Elon Musk gegen Boykottaufrufe weit mächtigerer Gegner als deutsche C-Prominenz geführt hat, die auf X dramatische Abgänge üben. Zuckerberg ist ja weder dumm noch naiv, und wir dürfen annehmen, dass in seinen Auftritt auch die wütenden Reaktionen deutscher und europäischer Politiker sowie der Anblick von Folterinstrumenten wie dem „Digital Services Act“ DSA, dieser autoritären Missgeburt der EU, mit einkalkuliert war. Das sagt eine Menge aus über die Bedeutung, welche Zuckerberg und Meta dem Gebrüll unserer Politiker und dem Markt Deutschland in seinem aktuellen Zustand noch beimessen.
Höchste Zeit für die EU, ein paar Knoten zu lösen, die Folterwerkzeuge der Zensur wegzuwerfen und auch den Heerscharen des übermotivierten aktivistisch-akademischen Prekariats in den Löschkommandos wieder etwas Bewegung an der frischen Luft freier Ideen zu verschaffen, statt nach verbotenen Emotionen, falschen Pronomen und Mikroaggression zu forschen. Wer weiterhin Fakten checken will, kann das ja tun. Aber nicht mehr im Turm über den Wolken, sondern hier bei uns, in der Ebene, wo es laut ist, manchmal geschubst wird, aber Privilegien nicht existieren.
Roger Letsch, Jahrgang 1967, aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, als dieses noch in der DDR lag und nicht so hieß. Lebt in der Nähe von und arbeitet in Hannover als Webdesigner, Fotograf und Texter. Sortiert seine Gedanken in der Öffentlichkeit auf seinem Blog unbesorgt.de, wo dieser Text zuerst erschien.
Beitragsbild: ffreepik

Die Realität setzt sich immer durch, auch und gerade gegen Pfründnisschranzler jeglicher Couleur, deren Scheinriesenhaftigkeit immer auf Projektion beruht. Es ist ein bisschen wie beim (wahrhaft lesenswerten!) Kinderbuch „The Wizard of Oz“. Das war ja auch bloß „a very ordinary man“ aus der Provinz, der eben nicht zaubern, aber dafür nette Geschichten erzählen, markige Sprüche machen und wohlfeile Ratschläge verteilen konnte (ich md das auch nur mithilfe einer Schar unzähliger Helferlein, die für ihn auch Bilder an die Wand warfen und jedem permanent von der Grossartigkeit des Großen Zauberers erzählten, der sich aber eigentlich ständig vor dem einfachen Volk versteckte, weil er selbst wusste, dass er ihre realen Probleme nicht lösen konnte!) Ein kleiner, aufgeweckter Hund zog dem Zauberer schließlich den Stecker (fast wie das Kind dem nackten Kaiser in Andersens Märchen) und die ganze Macht- und Überwältigungskulisse fiel daraufhin krachend in sich zusammen. Vor aller Augen! Und die vier jungen Leute, die an jenem Tag seine dienende Anführerschaft gesucht hatten, um ihre als übermenschlich empfundenen persönlichen Lebensprüfungen zu bestehen ? Die mussten ihr jeweils vorhandenes Potenzial in dem Moment annehmen und sich ihres eigenen Verstandes bedienen, um mutig und geistig frei zu werden, sich von Gefühlen nicht mehr blockieren, sondern daran wachsen zu zu lernen und ihre Heimat, den persönlichen Platz in der Gesellschaft (wieder-) zu finden. Krise als Chance.
„Man sollte Zuckerbergs Sinneswandel aber nicht mit Mut verwechseln.“ --> Ganz genau. Zuckerberg ist ein ordinärer Wendehals und feiger Mitläufer, während Musk ein Rebell ist. Im Sprücheklopfen sind aber auch Leute wie Zuckerberg ganz groß.
Herr Letsch, in 2017 war ich 1 Jahr lang auf Facebook (seinerzeit nannte ich es Hatebook) virtuell beheimatet & wurde in diesem einen Jahr 5x gesperrt. Da ich sowas, wie einen Kropf brauche, kündigte ich mein Facebook-Konto wieder. Denn, es sind ja nicht nur die Sperren, die unser neuer Freund, Herr Kandishügel, zuließ, sondern auch sein Geiz. Im Grunde müßte der Mann die Nutzer an seinen Gewinnen beteiligen, aber die Facebook-Nutzer sind eher strunzdumm & fordern das nicht ein. Da ich vordergründig in historisch politischen Themen interessiert bin, waren zB die Nennung historischer Fakten ein Sperrungsgrund. ZB die Erwähnung, daß Griechenland (& Belgien) bereits schonmal eine Gemeinschaftswährung, die Lateinische Münzunion, gecrasht hätten, führte zur Sperrung. Auch die politische Forderung, Griechenland aus der Euro-Zone zu schmeißen, führten zur Sperrung. Hätte nie gedacht, so ein übler Teufel zu sein. Larry Page, Sergey Brin, Sundar Pichai & Blackrock als größter Anteilseigner von Alphabet/Google sind wesentlich mächtiger als der arme Mark. Der Abschied von Google & Youtube fällt wesentlich schwerer als der von Facebook. Gerade wenn man auf Historien-Kanälen die Heldentaten von irgendwelchen Mörder-GIs, die weltweit auf dem Planeten herumballerten & Bomben abwarfen, in Zweifel zieht, setzt die Kritik an diesem imperialistischen Gehabe Sperren. Von Europäischen Politikern würde ich mir hier ein freiheitliches Engagement erwarten, aber Pustekuchen. Natürlich zensieren alle Medien, eine menschliche(s) Krankheit, Eigenschaft, Recht, was auch immer. Ellen Kositza nennt Beiträge, die zur Zensur führen, Kopfschuß-Rhetorik. Aber gerade Katholiken, im weiteren Sinne Christen, auf alternativ konservativen Medien, mutieren gerne zu antik-bolschewistischen Zensur-Apparaten im Falle von schriftgelehrter Kritik. Der Kommentar fliegt raus zB, wenn man die Bibel zitiert. Schon interessant, was mir wiederum sagt, Religion? Afuera.
Der Autor scheint zu glauben, die EU verfüge über die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis und gar Reformbereitschaft. Der Autor wird enttäuscht werden.
Um es in der neudeutschen Manager-Sprache zu sagen: Sogenannte ‚Fakten-Checker‘ sind ein vom Staat outgesourcstes Wahrheits-Ministerium. Aber die GEnossen sind erfindungsreich und innovativ – bei Orwell haben Staat und ‚großer Bruder‘ aller noch selber/direkter gemacht.
Es sind nicht nur autoritäre Länder, die Zensur benötigen, es sind vor allem totalitäre Länder. Ist der ehemals liberale Westen nun totalitär? Sicher nicht, noch nicht. Aber dabei sollte bedacht werden, daß bei den heutigen Überwachungsmöglichkeiten totalitäre Entwicklungen nicht erst dort beginnen, wo Stasi oder Gestapo in der Nacht Personen abholt.
Top! Das Unwort „Faktencheck“ hat bei mir von Anfang an, also vor gefühlt 20 oder mehr Jahren bei Plasberg, Unwohlsein ausgelöst. Da wurde jede ‚umstrittene‘ Position ans Wahrheitsteam im Hintergrund delegiert. Wie das heute bei „Hart aber unfair“ gehandhabt wird, kann ich mangels direkter Teilnahme nicht mehr beurteilen.