Wer am Sonntagabend fernsieht, schaltet besser nicht das ZDF ein. Dann nämlich fährt das Zweite als Konkurrenzprogramm zum quotenstarken „Tatort“ der ARD regelmäßig das Übelste auf, was an Kitsch & Quatsch überhaupt denkbar erscheint. Etwa Herzschmerz aus der Feder der erfolgreichen Unterhaltungsschundwarenproduzentin Christiane Sadlo, die sich Inga Lindström nennt. Dafür ist die gängige Programmie-Kategorie „TV-Schmonzette“ ein glatter Euphemismus.
Aber neulich, in einem Hotel auf Djerba, ausgeliefert einem Dutzend europäischer Sender für die Generation Arschgeweih, bin ich mal schwach geworden. Das Erste nicht zu kriegen und BBC-World mit Schneegestöber, tat ich mir den „Zauber von Sandbergen“ aus der Lindström-Serie an. Der 90-Minüter übertraf meine verwegensten Erwartungen.
Die Plotte ging so: in der Nähe eines verträumten schwedischen Bullerbü-Örtchens, wie es ihn nicht mal gab, als Astrid Lindgren noch in den Windeln lag, entdeckt ein junger, aber nach einer schweren Enttäuschung schwermütig gewordener Bäcker eine angeschwemmte, gleichwohl bildschöne Schärenbraut. Sie ist nur leicht lädiert, hat aber nach dem Untergang ihrer flotten Segelyacht das Gedächtnis verloren. Dieses findet sie zunächst auch nicht wieder, entdeckt dagegen in der Backstube des Beziehungsgeschädigten ihre Neigung zur kreativen Backwarenproduktion. Auch der Backmann hat es ihr angetan. Doch der sträubt sich trotzig gegen die naturgesetzlich aufkeimende Liebe. Nie wieder will er eine Enttäuschung erleben! Die Schiffbrüchige ohne Namen scharwenzelt beharrlich um ihn herum, denn keiner will sie zurück haben, noch findet man ihre zerschellte Yacht. Südschweden ist ja ein Land am Rand unserer Galaxis, wo man jederzeit spurlos verschütt gehen kann.
Es gibt allerlei Irrungen und Wirrungen, die Mitternachtssonne illuminiert schwedische Gewässer, Schilf raschelt, es wird auch nackt gebadet, wie es dort oben bekanntlich Usus ist. Was noch fehlt, ist höchstens die Einblendung: Sie sehen eine Dauerwerbesendung des schwedischen Fremdenverkehrsverbandes. Der hat die Produktion des Groschenfilms sicherlich großzügig gefördert.
Dann die Wendung. Der Verlobte der Erinnerungslosen kreuzt auf, der für einen skrupellosen Backwarenkonzern in Stockholm arbeitet. Er eröffnet ihr, dass sie die Tochter des Firmenbosses ist, welcher das Knäckebrotland mit zweifelhaftem Backzeug überschwemmt, eine Art schwedischer Kamps mithin. Sie will das erst gar nicht wahrhaben, doch dann dämmert ihr die schreckliche Wahrheit: sie selbst war bis vor kurzem im Konzern ihres Alten als Powerfrau tätig, soll mal die Erbin des Profitgeierhortes werden. Die Amnesie hat nun ihre wahre, verschüttete Berufung freigelegt – nämlich, in der hintersten Provinz, wo der Elch nie untergeht, kleine, aber total leckere Brötchen zu backen und nebenbei noch einen wackeren Nordmann von seinem Beziehungstrauma zu erlösen. Bis dahin gluckert aber noch einiges Wasser um die Schären herum.
Man kann es gar nicht glauben. Wie können Profis aus dem TV-Geschäft so etwas abliefern? Gegen diesen Gau der Fernsehunterhaltung, unfassbar dilettantisch geschrieben, inszeniert und gemimt – beyond belief, würde Michael Winner sagen - ist der Bastei-Sylvia-Heftchenroman Nr. 68 („Abschied und Neubeginn“), den ich in meinen tunesischen Hotel fand, große Literatur. Alle, die an diesem Machwerk beteiligt waren, sollten sich in den tiefsten Grund der skandinavischen Granitfelsen hineinschämen. Ihr jungen (zugegeben nicht gerade prominenten) Schauspieler, die ihr Sätze aufsagtet wie „Sie ist die Frau, mit der ich mein Leben verbringen will, und das kann niemand verhindern“ oder „Ich hatte fast vergessen, was für ein wundervoller Mensch du bist“, ohne dem Regisseur danach vor die Füße zu reihern und die nächste Fähre nach Kiel zu nehmen, ihr müsst wissen: bei solchem Trash mitzuwirken, kann Karrieren schon im Ansatz vereiteln. Nie werdet ihr loswerden, was ihr da verbrochen habt. Noch ewig und drei Tage wird man euch damit aufziehen, was ihr da für eine Handvoll Euro in die Mikros gestammelt habt.
Vor allem aber du, ZDF, mit deinem Antennenwald, deiner angemaßten Nachrichtenkompetenz, du mit deinen vorgetäuscht unabhängigen Ankermenschen, die ohne Problem von heute auf morgen kündigen und als Regierungssprecher weiterschnattern; du, der du diesen elenden Bockmist bestellt, bezahlt und am Ende gar ausgestrahlt hast, statt den stinkigen schwedischen Hüttenkäse nach dem ersten internen Angucken in die Tonne zu treten, à fond perdu zu schreiben und den Mantel des Schweigens darüber zu decken - wie kannst du, ZDF, ernstlich Geld von uns Zuschauern verlangen, ohne knallrot zu werden? Gebühren, die du auch noch mit dem irrsinnigen Spruch „Mit dem Zweiten sieht man besser“ einforderst? Schadenersatz müsstest du leisten, an jedermann, der am Sonntagabend zufällig auf deine Frequenz gerät! Noch der einfältigste Gratissender, sagen wir Sat1, kann blöde besser. Halbmast hättest du flaggen sollen auf dem Lerchenberg, nach der nunmehr zweiten Versendung eines solchen Unterhaltungsmülls (die Erstausstrahlung von “Der Zauber von Sandbergen” lief schon 2008). Das ZDF einen Tag lang abschalten hättest du müssen, zum Zeichen der Buße. Vielleicht der Reue, der Einkehr?
Aber nein, nichts davon! Heute Abend, Sonntag, den 12. 9., geht es weiter im Fernsehspiel für Menschen, die du, ZDF, offensichtlich für gehirnamputiert hältst. Da bringst du, das selbsternannte Qualitätsfernsehen, zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr eine Folge der Serie „Kreuzfahrt ins Glück“. Es handelt sich dabei um eine Billig-Version des “Traumschiffs”. Wie, das ginge nicht? Weil das ZDF-“Traumschiff“ schon das Billigste vom Billigen und von nachgerade ozeanischer Blödheit sei? Natürlich geht das! Und natürlich ist auch die heutige Folge von „Kreuzfahrt ins Glück“ eine Wiederholung.
(...und wenn das nächste Mal ein GEZ-Schnüffler seine Nase dreist in Ihre Tür steckt: knallen Sie dieselbe zu. Aber ruckartig. So, dass die Nase was davon hat.)