Die US-Serie „Yellowstone“ wird von Stadt-Wokies gehasst. Grob gesagt, geht es um die Bewahrung von Bestehendem. Von Werten, Überliefertem, Essenziellem. Und Menschen vom Land.
Filmthemen widme ich mich ja selten ausführlich – aber in diesem Fall juckt es mich schon seit Wochen in den Fingern. Da gerade wieder winterliches Filmwetter auf unabsehbare Zeit die Abende bestimmt, die einschlägigen Staatsfunk-Kanäle ihr Verfallsdatum allerdings längst überschritten haben, hier mal ein paar Gedanken zu diesem „Yellowstone“-Phänomen, nebst eindringlicher Empfehlung desselben. Stoff noch unbekannt? Das will ich nachfolgend versuchen, zu ändern.
„Eine Serie spaltet Amerika“ las ich Anfang des Jahres irgendwo. Oder: „Konservative Redneck-Saga aus dem Wilden Westen brüskiert die liberalen Städter“, etc. Das klang jedenfalls vielversprechend. Also das Schauen begonnen. Angesiedelt ist der fünfstaffelige Streifen mit (bis jetzt) ca. 50 Folgen auf der (fiktiven) „Yellowstone Dutton Ranch“ – einem riesigen Familienanwesen in der 7. Generation, im nordwestlich gelegenen Montana, dem viertgrößten aber drittleersten Bundesstaat der USA. Zwar größer als Deutschland, aber nur von etwa einer Million Einwohnern besiedelt, gibt es dort vor allem viel Platz, viel Freiheit und viel berauschend schöne Landschaft. Kein Wunder – denn der angrenzende, tatsächlich älteste Nationalpark der Welt (gegründet 1872) ist der namensgebende Yellowstone Nationalpark.
Verstoß gegen Regeln, die es nicht geben sollte
Worum geht es überhaupt? Grob gesagt um die Bewahrung von Bestehendem. Von Werten, Überliefertem, Essenziellem. Sogenannter „Fortschritt“ – insbesondere, wenn er sich als Vernichter traditioneller Lebensweisen, als Naturzerstörung, Freiheitseinschränkung und Bevormundung der einheimischen Bevölkerung geriert, ist weder bei den Duttons, noch bei ihren Nachbarn und ebensowenig bei den nativen Bewohnern der angrenzenden Indianerreservate gern gesehen. Getragen wird die Saga von einem sehr glaubwürdigen und souveränen Kevin Costner, dem als Familienpatriarch der Erhalt und die Verteidigung seiner riesigen Ranch sowie der Schutz seiner Lieben, Freunde und Anvertrauten innerste Herzensangelegenheit ist.
Dass dieser permanente Selbsterhaltungskampf zumeist nicht politisch korrekt, nicht gesetzkonform und schon gar nicht mit Samthandschuhen erfolgt, wird dem in der heutigen, westlichen Wattebällchen-Ära sozialisierten, entwaffneten, entzahnten Stadtneurotiker ziemlich schnell klar. „Was du heute gemacht hast, war gut. Du hast gegen Regeln verstoßen, die es nicht geben sollte“, höre ich John Dutton auf der abendlichen Veranda sagen – und fühle mich beruhigend verstanden. Wer nun irgendwo hier, etwa nach der zweiten Staffel abgeschaltet hat, wird möglicherweise den mieseren der Kritiken à la „Spiegel“ und Co. gern zustimmen. Allen anderen empfehle ich jedoch nachdrücklich, bis zum Ende weiterzuschauen.
Starke Charakter, starke Emotionen – und viel starker Whiskey
Allein die sagenhafte Beth ist es wert, sie hier leidenschaftlich agieren, fluchen, streiten und kämpfen zu sehen. Ihre Monologe und Pointen sind ohnegleichen. Sie ist klug, sexy, gnadenlos – dabei weich und herzig in einer Person. Ein zutiefst liebenswertes – und exzessiv Whiskey becherndes Miststück. Amerikanischem Bourbon wurde hier jedenfalls ein würdiges Denkmal gesetzt. Begleiteffekt: Als langjähriger Liebhaber diverser schottischer Single Malts habe ich mich, dank der Serie, nun komplementär zum Bourbon-Experten gemausert (wer diesbezüglich wertvolle, conaisseurische Tipps benötigt, darf sich gern an mich wenden). Die Serie ohne das eine oder andere Glas Whiskey zu konsumieren wäre in der Tat ein nur höchst rudimentärer Genuss.
Auch jenseits von John und Beth finden wir durch die Bank sehr individuell gezeichnete Charaktere. Rip – der loyale, aufrechte Bär; Kayce – stets hin und hergerissen, aber ein Fels in der Brandung; die manchmal nervige, aber immer idealistische und unbeugsame Indianerin Monica; die treue, ehrliche Haut Jimmy, der eine herzerwärmende Entwicklung vollzieht.
Geerdete Redneck-Welt als Gegenpol zu Haifisch-Kapitalismus, Öko-Kult und Wokeness
Klar, die Serie ist ein großkalibriger Testosteron-Angriff. Bad language, Prügelstrafen, Rodeos, Bombenexplosionen, privater Hubschrauber, „Dodge Ram 3500“ Pickups mit süffisanten 400 PS unter der Widerrist-hohen Haube. Aber: Wir finden hier ebenso die stärksten, toughesten, unabhängigsten Frauencharaktere – die noch dazu ihren männlichen Pendants mehr als nur Wasser und Whiskey reichen können. Auch hier: Ausgewogenheit – aber eben gänzlich ohne woken Quoten-Mist. Genau diese bärbeißige Redneck-Szenerie ist ein wohltuender Kontrast zu all den gewohnten (und zumindest von mir umgehend abgeschalteten) Hochglanz-Filmchen aus einer artifiziellen Bürohochhaus-Welt mit ihren geleckt-beliebigen Plastik-Protagonisten a la Barbie & Ken.
Anachronistische, eindimensionale Schwarzweiß-Denke im Sechzigerjahre-Westernstil gibt es im Yellowstone-Universum jedenfalls nicht. Dagegen viel Ambivalenz und Selbstreflexion, Eingeständnisse von Schwäche, Unvollkommenheit sowie harte, aber helfende Hände. Die Misere der Native Americans in den Reservaten ist ein großes Thema; es geht um deren verlorenes Land, um ihre Scham, ihren Stolz und ihre Ehre – aber eben nicht in schulmeisternd-plakativem Tenor, sondern sensibel, realistisch und auf Augenhöhe.
Darüberhinaus: Mehr glaubwürdige, wahrhaftige Globalismus-, Imperialismus- und Großkonzern-Kritik sieht man gegenwärtig eigentlich kaum irgendwo. Weil diese allerdings antiwoke, traditionsbasiert und beseelt konservativ herüberkommt, haben viele offenbar ein Problem mit dem Serienstoff. Vielleicht begreifen deshalb ganz besonders die urbanen, linksgrünen Wokies das Phänomen „Yellowstone“ nicht. Hier gibt es nämlich echtes Umweltbewusstsein statt grüne Märchen; echte, tiefe Naturliebe statt Öko-Kitsch; Verantwortlichkeit statt Ideologie. Ich sage nur: Wolfsjagd, Bärenjagd, Herdenschutz. Die Verbalschlacht bei Tisch mit der veganen, kalifornischen Öko-Aktivistenschnepfe Summer Higgins als Counterpart zur geerdeten Beth Dutton: zum Niederknien. Dabei gleitet die Gesamtaussage jedoch nie komplett ins Moralisierende, Platte und Schulmeisterhafte ab, stattdessen bewahrt sie fair jeder Seite ihre Kritik- als auch Sympathiepunkte.
Cowboy-Alltag statt Cowboy-Kitsch; gebrochene Knochen statt Rodeo-Romantik; harte, eintönige, hierarchische Ranch-Arbeit; simples, amerikanisches Landleben. Dieser Neo-Western, der kein Western ist, hat, wie gesagt, nichts mit irgendwelchem Wildwest-Pathos alter Filmtage zu tun. Ja, die „Four Sixes Ranch“ in Texas gibt es wirklich. Ja, auch das rauhe Leben der Cowboys, dieser auch heute noch knallharten, außergewöhnlichen Künstler mit Pferd, Hut, Bluejeans und Lasso, gibt’s ebenso wirklich (Freunde aus South Dakota, dem Nachbarstaat von Montana, beschrieben mir schon vor Jahren zahlreiche Details und Interna aus jener Welt – die ich hier nun filmisch auf’s Treffendste bestätigt finde).
Naturschönheit statt Wellnes-Kitsch
Die Landschaftseindrücke Montanas: berauschend schön und voller Erhabenheit – und das eben so gänzlich ohne Schmalz und Pathos. Man riecht, schmeckt und spürt das Land. Man will seine Siebensachen packen und hinfahren, lernt aber, etwa als (verhasster) Kalifornier, als (missliebiger) New Yorker oder als (öko-verklärter) Allerweltsstädter bereits unmittelbar beim Hinschauen, dass man dort, außer im gepamperten Ressort-Urlaub, nicht lange überleben würde. In „Yellowstone“ heißen zugezogene Städter nicht umsonst „Transplantierte“.
Auf einem Ausritt zum Viehtrieb in die Berge gibt es ein Zwiegespräch zwischen John und Sohn Kayce, in dem John konstatiert: „Dieses Gefühl könnte man verkaufen. In Flaschen abfüllen und verkaufen. Es gibt aber keinen, dem man es verkaufen kann. Jeder, der weiß, was es wert ist, fühlt es schon.“ Wie oft ich genau diese Gedanken schon hier, in meinen eigenen, thüringischen Hügeln hatte, vermag ich nicht zu sagen.
Musikalische Schätzchen fürs Ohr – auch für Nicht-Country-Fans
Apropos Authentizität: Da ist natürlich die Musik von „Yellowstone“. Als Liebhaber der verschiedensten musikalischen Genres habe ich hier, gänzlich ohne ein ausgewiesener Country-Fan zu sein, etwas recherchiert (wobei ganz nebenbei ein inzwischen elfstündiger Soundtrack entstanden ist). Wer‘s nicht weiß: Bei Cowboy, Knastbruder und Gitarrenheld „Walker“ handelt es sich im realen Leben um den sehr begabten Singer/Songwriter Ryan Bingham. Alle seine Auftritte in den verschiedenen Folgen sind authentisch, die Songs sind von ihm selbst geschrieben und gesungen. Das großartige „Wolves“ kann ich nur empfehlen. Selbst Luke Grimes (als Sohn „Kayce Dutton“ und einer der 10 Hauptprotagonisten) darf mit „No Horse To Ride“ auch einen feinen Song abliefern. Wir hören zudem Shane Smith & The Saints; Cody Johnson; William Wild, Bad Flamingo oder Scott Whyte. Whiskey Myers sehen wir sogar live on stage; ebenso Southern Rock/Country Musikerin Laney Wilson, die (als „Abby“) in einer Szene mitspielt. Ohne diese Serie hätte ich musikalische Perlen wie „The Killer“ von Jaida Dreyer; „Slow Burn“ von Kacey Musgraves; „Lady May“ von Tyler Childers; „Ain‘t Gonna Drown“ von Elle King; „Mercy Now“ von Mary Gauthier und „The Humbling River“ von Puscifer möglicherweise nie entdeckt. Es bleibt also auch etwas im Ohr, von „Yellowstone“.
Das Böse bekämpfen – und den Sonnenaufgang genießen
Was wäre abschließend noch zu sagen? Es gibt tatsächlich manchmal Momente im richtigen Leben, in denen wünscht man sich jenen berüchtigten „Bahnhof“ an der Klippe in Wyoming (Erklärung und Spoiler dazu fallen hier aus); man wünscht sich die Winchester im Schrank; den Colt im Handschuhfach; Wege durch endlose Täler und Wälder, die nur auf dem Pferderücken zu finden sind. Man wünscht sich lange Sommer ohne Handy-Empfang, draußen am Fluß, fern der Städte. Man wünscht einfach nur, sich und seine Lieben vor der alles überrollenden Walze einer kranken, woken, kalten und böswilligen Ideologie, die sich als „Fortschritt“ geriert, zu bewahren. Denn (um diese mittlerweile reichlich lang gewordene Filmschau mit einem letzten John Dutton-Zitat aus der Serie ausklingen zu lassen):
„Das Böse kennt keine Vernunft. Es tut, was es will und es hört nicht auf – bis es entweder gewinnt, oder du es tötest. Um es zu töten, mußt du gemeiner sein als das Böse. Du kannst gemeiner sein als das Böse – und trotzdem deine Familie lieben und den Sonnenaufgang genießen.“
Fazit: Lange nicht mehr so begeistert von einer Serie gewesen. Allen „Greenhorns“ wünsche ich viel Kurzweil mit „Yellowstone“. Lasst Euch einen guten Bourbon dazu munden – und bleibt im richtigen Leben Waffen wie Beth und Plätzen wie dem „Bahnhof“ fern. YEE-HAW!
Jörg Schneidereit, geb. 1968 in Jena, ist seit rund 25 Jahren freiberuflich als Schmuckdesigner, Fotograf sowie Restaurator ehrwürdiger, historischer Gebäude in Irland und Deutschland tätig. Nach 15 Jahren auf der grünen Insel lebt er nun auf einem 600 Jahre alten, selbst restaurierten Hof nahe Jena.

Lieber Herr Schneidereit, wenn Ihnen Yellowstone Freude bereitet hat empfehle ich „1883“ und „1923“ also chronologische Vorläufer der Familie Dutton.
@Gregor Horn: In Montana gibt es nun einmal kaum „Schwarze/Latinos“ die sich zum Fiesling eignen. Überhaupt sind in vielen der Flächenstaaten Schwarze im ländlichen Kontext selten anzutrreffen (schon der US-Durchschnitt ist viel niedriger, als es der deutsche Michel glaubt). Wenn Sie „Cowboyromatik“ und „Country“ nicht mögen. sollten Sie vielleicht nicht über Serien urteilen, in denen beides zentrale Elemente sind. Schauen Sie einfach etwas anderes – es gibt ja so viele gute Alternativen hierzulande, nicht?
jochem bruder – „ich freu mich schon auf Yellowstone!“ – Auch nicht schlecht „The Son“ mit Pierce Brosnan, eine Rancher-Familiensaga, angesiedelt in Texas.
@Gregor Horn: Danke, da sind Sie mir zuvorgekommen. Wer nur einen Whiskey als „echter Kenner“ für trinkenswert hält, ist ein armer Tropf.
@ Sybille Eden – Sehr ansprechend und interessant in Scene gesetzt auch Tom Selleck als „Jesse Stone“ als (nur kurz) Polizeichef im fiktiven Städtchen „Paradise“
in der Region Boston. Ganz nebenher sein Wirken auf dem Weg zum Erreichen von „Gerechtigkeit“ trickreich nicht rechtskonform.
@Ralf.Michael: Sie sollten vielleicht Ihren Whiskey-Horizont etwas erweitern, und das bereits in Schottland. Ich habe vor über 30 Jahren mit den Insel-Whiskeys begonnen, aber nach und nach auch solche aus anderen Regionen mit ihrem ganz anderen Charakter kennen- und schätzengelernt. „Den einzigen Whisky welchen ich trinke ist… Kenner werden mir hier zustimmen.“ – Über die Logik dieses Satzes sollten Sie noch einmal nachdenken.
Mit Verlaub, aber das ist einfach nur eine sehr langweilige Serie. Analog ‚unsere kleine Farm’. Gucken Sie mal The Boys….