Während Russland und China ihre Strategien konsequent entfalten, rüstet Europa für einen Krieg, den es wahrscheinlich nie geben wird. Die eigentliche Gefahr ist eine Führung, die Moskaus und Pekings Absichten nicht erkennt.
Die Nacht vom 9. auf den 10. September markiert eine neue Zäsur in Europas Sicherheitsordnung. Neunzehn russische Drohnen verletzten den polnischen Luftraum. Einige wurden abgeschossen, sieben Wracks und die Trümmer einer Rakete landeten auf polnischem Boden. Der Kreml dementierte jede Absicht. Für Warschau war es dennoch ein Tabubruch. Erstmals wurden über einem NATO-Staat russische Flugkörper neutralisiert. Premierminister Donald Tusk sprach von einer „groß angelegten Provokation“.
Der Zeitpunkt wirkt kalkuliert. Nur zwei Tage später starteten in Belarus die Manöver „Zapad 2025“ – jene Serie russisch-belarussischer Großübungen, die nie bloße Routine waren. 2021 diente sie als Auftakt zur Invasion der Ukraine: Truppen, die nach der Übung in Belarus blieben, marschierten im Februar 2022 auf Kiew. Die Parallele drängt sich auf. Hat Moskau diesmal mehr im Sinn als eine Machtdemonstration?
Europäische Nachrichtendienste sehen die Gefahr einer direkten Konfrontation wachsen. Schon im März 2025 urteilten Bundeswehr und BND in einer gemeinsamen Lagebewertung: Ein Waffenstillstand in der Ukraine bringe keinen Frieden in Europa. Russland habe trotz hoher Verluste nicht nur seine Arsenale erneuert, sondern treibe die Aufrüstung voran. Artilleriegranaten, Raketen und Munition würden in wachsenden Stückzahlen produziert, die Militärausgaben 2025 rund 120 Milliarden Euro erreichen.
Nach Einschätzung westlicher Analysten ist Moskau bereits heute fähig, begrenzte Operationen gegen NATO-Staaten zu führen. Bis Ende des Jahrzehnts – so die Befürchtung – könnte es die Voraussetzungen für einen großangelegten Krieg geschaffen haben. Zwar sind drei Viertel der russischen Truppen an der Grenze zum Baltikum in der Ukraine gebunden. Doch Luftwaffe und Marine bleiben einsatzfähig.
Die größte Rüstungsinitiative seit dem Zerfall der Sowjetunion
Die Verteidigungspolitik Moskaus spricht eine eindeutige Sprache. Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstchefs Kyrylo Budanow plant der Kreml bis 2036 Investitionen von rund 1,1 Billionen Dollar – die größte Rüstungsinitiative seit dem Zerfall der Sowjetunion. Budanow spricht von einer „totalen Mobilisierung“ von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Bereits umgesetzt sind die Bildung der neuen Militärbezirke Moskau und Leningrad sowie die Aufstellung zusätzlicher Divisionen.
Am 11. Juni 2025 bestätigte Putin persönlich die Vorbereitung des neuen Rüstungsprogramms 2027–2036. Es solle das „wichtigste Instrument der Qualitätsbildung unserer Streitkräfte im vierten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts“ werden. Priorität habe die nukleare Triade, deren Modernisierungsgrad er mit 95 Prozent angab – „der höchste aller Atommächte“. Hinzu kommen der Ausbau von Heer, Luftwaffe und Marine, eine bis 2050 reichende Marinedoktrin sowie eine Rüstungsindustrie, die Waffen anbietet, „die sich in realen Gefechten hoher Intensität bewährt haben“. Bis 2026 sollen die Streitkräfte auf 1,5 Millionen Soldaten anwachsen.
Die Produktionszahlen unterstreichen das Tempo. 2024 stieg die Auslieferung von Kampfflugzeugen und Panzertechnik um das 2,5-Fache, die von leicht gepanzerten Fahrzeugen vervierfachte sich, einzelne Artilleriekategorien verzeichneten gar einen 15-fachen Zuwachs. Parallel präsentierte Moskau neue Systeme: die Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ und die Hyperschallrakete „Zirkon“.
Für 2025 liegen präzise Produktionspläne vor: 57 Suchoi-Kampfflugzeuge, rund 250 Kampfpanzer T-90M, etwa 1.100 Schützenpanzer und Transportfahrzeuge, 365 Artilleriesysteme und rund 2.500 Raketen aller Reichweitenklassen. Das ist ein klarer Anstieg gegenüber den maximal 1.800 Raketen im Vorjahr. Neue Fabriken, bis zu 2.000 Kilometer von der Ukraine entfernt, sollen zusätzliche Kapazitäten sichern. Zugleich erprobt Moskau im Hinterland neue Systeme zur Anti-Drohnen-Abwehr.
Von Januar bis Juli 2024 190.000 neue Soldaten
Finanziert wird der Aufschwung über die staatlich gestützte Promswjasbank. Sie wickelte 2024 täglich bis zu 70.000 Transaktionen im Rahmen des Rüstungsauftrags ab, erhöhte ihre Kreditlinien für Forschungsbetriebe um 60 Prozent und leitete hunderte Milliarden Rubel in die Modernisierung der Werke. Parallel treibt die Branche die Diversifizierung voran: Das Passagierflugzeug MS-21 und schwere BAZ-Lastwagen sollen die Abhängigkeit vom Rüstungskern abmildern – ab 2025 zunächst 200 Stück pro Jahr, bis 2028 rund 1.400, mit einer Lokalisierungsquote von über 90 Prozent. Damit wird die Industrie zunehmend zum Rückgrat Russlands – und zu einem Instrument strategischer Machtprojektion.
Auch personell rüstet der Kreml auf. Im September 2024 unterzeichnete Präsident Putin ein Dekret zur Erhöhung der Sollstärke auf 2,39 Millionen Angehörige, darunter 1,5 Millionen Soldaten – ein Plus von 180.000. Zwei neue Armeen und 30 Verbände (14 Divisionen, 16 Brigaden) sollen gebildet und vor allem im Norden stationiert werden. Schwerpunkte: Artillerie, Marine, Luftabwehr, Luftwaffe. Rekrutiert wird fast ausschließlich über Vertragsdienste – derzeit rund 1.000 Neuverträge pro Tag; allein von Januar bis Juli 2024 kamen so 190.000 neue Soldaten hinzu.
Aber auch die seit Januar 2024 gültige Anhebung des Wehrpflichtalters auf 30 Jahre ist wichtig. Damit erschließt sich Moskau mehrere hunderttausend zusätzliche Rekruten. Experten erwarten, dass neue Verbände von kampferfahrenen Veteranen der Ukraine-Front geführt werden – ein Faktor, der ihre Schlagkraft weiter erhöht.
Bis 2030 könnte Russland so eine Streitmacht aufbauen, die in Zahlen und Struktur wieder an sowjetische Dimensionen anschließt. Der parallele Ausbau von Personal und Industrie erlaubt es, Verluste in der Ukraine zu kompensieren und zugleich Kapazitäten für eine mögliche Konfrontation mit der NATO zu schaffen. Besonders stark dürfte die Armee in Artillerie, Luftabwehr und Raketenwaffen zulegen – Bereiche, in denen Moskau traditionell Vorteile hat.
Wer in Moskau etwas kategorisch ausschließt, plant es womöglich gerade
Damit stellt sich die Frage: Was ist das strategische Ziel? Geht es primär um Abschreckung – ein Hebel, um den Westen in eine neue Rüstungslogik zu zwingen? Oder bereitet Moskau konkrete Offensivoptionen vor?
Offiziell gibt sich der Kreml beschwichtigend. Putin wies die Warnungen vor einem Angriff auf die NATO mehrfach als „Irrsinn“ zurück. Auf dem Petersburger Wirtschaftsforum sprach er von einer „unglaublichen Lüge“, die Europa in Angst versetzen solle. Kritiker erinnern jedoch: 2019 bestritt er mit denselben Worten jede Kriegsabsicht gegenüber der Ukraine.
Politologen wie Ivan Preobrazhenski sehen darin ein Muster: Wer in Moskau etwas kategorisch ausschließt, plant es womöglich gerade. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Putins zentrale Botschaften erscheinen oft nachts – weniger für das heimische Publikum, sondern für einen Adressaten in Washington. Der Gesprächskanal zu Donald Trump bleibt damit offen.
Auch „Zapad 2025“ zeigt die Doppelbödigkeit. Noch im August kündigte der belarussische Verteidigungsminister Viktor Chrenin den Einsatz von Atomwaffen und Oreschnik-Raketen an. Wenige Wochen später hieß es plötzlich, die Übung sei „rein defensiver Natur“ und weit ins Landesinnere verlegt – eine Reaktion auf die Nervosität der NATO nach dem Drohnenvorfall.
Die Zahlen sprechen allerdings gegen eine bevorstehende Offensive. Offiziell beteiligen sich 8.000 bis 13.000 Soldaten, Litauen nennt 30.000. Zum Vergleich: „Zapad 2021“ wurde mit 12.800 angegeben, tatsächlich aber standen rund 200.000 Mann bereit. Für eine Operation gegen Polen oder die baltischen Staaten bräuchte es erneut Kräfte dieser Größenordnung – samt Depots, Luftüberlegenheit und Logistik. All das fehlt Russland derzeit. Der Krieg in der Ukraine hat Personal gebunden, Material verschlissen und die strukturellen Defizite der russischen Logistik offengelegt.
Die NATO reagierte ungewöhnlich schnell
Doch wenn die Voraussetzungen für einen Angriff fehlen – worauf zielt Moskau dann? Seine Strategie entfaltet sich auf drei Ebenen.
Erstens: Drucktests. Drohnenüberflüge oder Raketenreste auf litauischem Gebiet dienen dazu, die Reaktionsgeschwindigkeit und Geschlossenheit der NATO auszuloten. Der jüngste Drohnenschwarm passt in dieses Muster: Moskau blockierte zeitweise polnische Flughäfen und setzte Warschau politisch unter Druck – ausgerechnet während des Besuchs von Donald Trumps Sondergesandtem Keith Kellogg.
Zweitens: psychologische Abschreckung. Moskau signalisiert, dass jede weitere westliche Unterstützung für die Ukraine unkalkulierbare Folgen haben könnte. Die Stärke liegt weniger in realer Angriffsbereitschaft als in der bewussten Pflege von Unschärfe. Ein Drohnenschwarm über Polen ist schwerer als „Kriegshandlung“ zu klassifizieren als ein Panzerverband an der Grenze.
Drittens: Verhandlungstaktik. Putin will zeigen, dass er trotz der Verluste in der Ukraine handlungsfähig bleibt – und sich so gegenüber Washington Gewicht verschaffen. Dass er „Zapad 2025“ nutzt, um die Streitkräfte demonstrativ zu integrieren, ist zugleich eine Botschaft an die USA: Russland bleibt ein Faktor, den man nicht ignorieren kann.
Die NATO reagierte ungewöhnlich schnell. Am 12. September kündigten Generalsekretär Mark Rutte und US-General Alexus Grynkewich die Operation „Eastern Sentry“ an: Luft- und bodengestützte Verteidigungssysteme, Anti-Drohnen-Technik, dazu ein verstärkter Informationsaustausch. Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Dänemark beteiligen sich. „Was einen Verbündeten betrifft, betrifft uns alle“, erklärte Grynkewich – eine Formel, die Solidarität auch unterhalb der Schwelle von Artikel 5 verdeutlichen soll.
Moskau strebt die Fragmentierung der EU an
Ob sich Moskau durch europäisches Verhalten noch beeinflussen lässt, bleibt fraglich. Der entscheidende Hebel liegt nicht mehr in Brüssel oder Berlin, sondern in Peking. Die Partnerschaft zwischen Russland und China ist inzwischen so eng, dass eine globale Verzahnung ihrer Politik wahrscheinlich erscheint. In dieser Optik wird der Krieg in der Ukraine zum Instrument, das Peking für seine Ziele in Südostasien nutzt.
Daraus ergibt sich ein brisanter Schluss: Eine schrittweise Eskalation des Krieges – wie zuletzt durch die vorsätzliche Verletzung polnischen Luftraums, die Europas und Amerikas Einbindung erzwang, ohne die Schwelle zur direkten NATO-Konfrontation zu überschreiten – hätte weitreichende Folgen.
Sie würde erstens westliche Ressourcen in einem Konflikt binden, der durch Ressourcen allein kaum entschieden werden kann. Zweitens drohten erhebliche politische Spannungen in Europa, wo die Kritik an der Unterstützung der Ukraine wächst. Drittens könnte so ein Riss in die westliche Phalanx getrieben werden – innerhalb Europas ebenso wie im Verhältnis zu den USA.
Das Ergebnis wäre eine spürbare Schwächung des Westens – ein Szenario, das Moskau und Peking nutzen könnten, um die geopolitische Landkarte in Osteuropa und Südostasien neu zu ordnen. Russlands Ziel ist nicht, die NATO auf dem Schlachtfeld zu besiegen. Der Kreml will ein Europa, dessen Staaten Russland wirtschaftlich und politisch offenstehen. Überspitzt gesagt: Moskau strebt die Fragmentierung der EU an, um ihre Erbmasse politisch und ökonomisch zu absorbieren.
Die Europäische Union spielt dabei eine Schlüsselrolle. Einerseits gilt sie Moskau als Konstrukt, das den russischen Einfluss auf einzelne Staaten bislang gebremst hat – der Widerstand Polens gegen Nord Stream 2 war dafür exemplarisch. Andererseits erscheint sie als Hindernis, das überwunden werden muss. Ihre Schwächung oder gar Auflösung wäre zugleich der Hebel, um auch die NATO zu erodieren – jenes Bündnis, das der Kreml als Bollwerk gegen seine Vormachtstellung in Osteuropa betrachtet. Dieses Ziel lässt sich nicht durch offenen Krieg erreichen, wohl aber durch systematische Destabilisierung und Spaltung.
Nicht mehr Panzer gegen Panzer, sondern Resilienz gegen Zersetzung
Wie Moskau will auch Peking keinen Flächenbrand. Xi Jinping strebt nach Dominanz im Indo-Pazifik, nach Druck auf Taiwan und nach der Aushöhlung westlicher Allianzen – im Grunde ein Spiegelbild der russischen Strategie in Europa. Ziel ist es, durch militärische Stärke und wirtschaftliche Macht Einflusszonen zu schaffen, denen die Region ohne US-Präsenz nicht standhalten kann.
Paradoxerweise ist das kein originär chinesischer Ansatz, sondern die Übernahme eines westlichen Konzepts: der Geoökonomie. Schon in den 1990er Jahren beschrieb Edward Luttwak, dass wirtschaftliche Instrumente zunehmend die klassische militärische Konfrontation verdrängen. Peking setzt diesen Gedanken heute mit bemerkenswerter Konsequenz um – während der Westen Milliarden in kurzsichtige Aufrüstung bindet. Statt ökonomische Hebel systematisch einzusetzen, reagiert Europa mit Panzerbestellungen und Munitionspaketen.
Offenbar haben westliche Regierungen noch nicht verstanden, welches Ziel Moskau und Peking eint: Die militärische Drohkulisse soll von der eigentlichen Strategie ablenken – der schrittweisen Zersetzung der alten Ordnung. Die Gefahr für Europa liegt darin, diese Logik zu übersehen. Wer sich auf Panzerbestellungen und Munitionspakete konzentriert und damit die eigene Bevölkerung belastet, schwächt sich selbst – politisch, ökonomisch und gesellschaftlich.
Gefragt ist nicht mehr Panzer gegen Panzer, sondern Resilienz gegen Zersetzung: integrierte Luft- und Drohnenabwehr, robuste Energie- und Lieferketten, schnelle Attributionsfähigkeit, politische Geschlossenheit. Wer die Kosten hybrider Angriffe asymmetrisch erhöht, die Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen senkt und zugleich die gesellschaftliche Kohäsion stärkt, entzieht dem russisch-chinesischen Kalkül die Grundlage.
Nur so ließe sich verhindern, dass Europa sich im Schatten eines fiktiven Krieges ruiniert. Denn die wachsende Stärke Russlands ist weniger Ausdruck eigener Potenz als Spiegel europäischer Schwäche. Dass Europa diese Logik nicht erkennt, hat denselben Grund wie die Eskalation, die den Krieg erst möglich machte: die Unfähigkeit des politischen Spitzenpersonals, über kurzfristige Reflexe hinaus strategisch zu denken. Genau diese Unfähigkeit droht Europa nun blind in die nächste Falle zu führen.
Dr. Christian Osthold ist Historiker mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte Russlands. Seine Monographie über den russisch-tschetschenischen Konflikt ist in der Cambridge University Press rezensiert worden. Seit 2015 ist Osthold vielfach in den Medien aufgetreten.