von Christoph Spielberger
Präsident Obama hielt am 13. August im Weißen Haus ein Iftar, ein Abendessen zur Eröffnung des Ramadan. In seiner Ansprache vor Vertretern der islamischen Organisationen sagte er, der Ramadan erinnere uns, dass, seit der Gründung der USA, der Islam immer ein Teil Amerikas gewesen sei. Thomas Jefferson hätte vor mehr als 200 Jahren das erste Iftar –Essen gehalten, für den tunesischen Botschafter. Historiker haben diese Bemerkungen anschließend als einen Versuch bezeichnet, die amerikanische Geschichte umzuschreiben. Denn der Mann aus Tunesien war kein Botschafter, das Essen kein Iftar, und Islam und Muslime waren an der Gründung und Frühzeit der U.S.A. nicht beteiligt. Obama wollte mit seiner Geschichte gute Stimmung für die Muslime in den USA machen, denn die Stimmung war am Kippen. Das geplante Bauprojekt einer Moschee in unmittelbarer Nähe von Ground Zero ließ immer mehr Amerikaner schlecht über den Islam denken.
Wenn jetzt Christian Wulff bei seiner Rede zur 3. Oktober Goethe zitiert, um den Staatsbürgern den Islam schmackhaft zu machen, geht es auch um Stimmungsmache und um Geschichtsschreibung: “Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.” Doch Goethes Auseinandersetzung mit den „Mosleminen“ im West-östlichen Divan war eine rein literarische. Sein lyrisches Ich trat in ein Zwiegespräch mit dem persischen Dichter Hafis, dessen religiöse Dichtkunst des 14. Jahrhunderts kurz zuvor ins Deutsche übersetzt worden war. Ansonsten hat Goethe niemals einen Fuß auf islamisches Terrain gesetzt. Als Gewährsmann für eine politische Aussage kann Goethe somit nicht herhalten.
Doch das Zitat passt so irgendwie trotzdem so schön. Der deutsche Nationalheld steht, als quasi Superstar der Aufklärung, für Weltgeist und Modernität. Und was Goethe vor fast 200 Jahren schon erkannt hat, dazu sollte der deutsche Normalbürger nun auch in der Lage sein: der erste Teil des Gedichtes, das „Wer sich selbst und andere kennt…“, beschwört die aufklärerische Tradition, die man heute, im Sinne der Gleichwertigkeit aller Kulturen, „Diversität“ nennt; der zweite Teil, das „nicht mehr zu trennen“ weist auf die Unausweichlichkeit hin, die nun Einjeder wie eine logische Schlussfolgerung zu akzeptieren hat. Denn wer mag widersprechen, wenn die gewählten Eliten Europas überall und andauernd die kulturelle Kompatibilität des Islam preisen? Bei Wulff heißt das dann: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. Wobei das „auch“ die Differenz zwischen 1200 Jahren christlich- jüdischer Identität und 40 Jahren geduldeter Einwanderung beschreibt. Doch, doch, Bundespräsident Wulff hat auch über die deutsche Einheit gesprochen, Ostdeutschland, Bürgerrechtler und so. Aber mehr als die Hälfte seiner Rede kreiste um das Thema Integration, als eine Art Kuschelversion von Sarrazin. Denn auch Wulff sprach, wenn es Probleme mit der Integration gäbe, nur von Muslimen, er möchte aber nicht, kuschel, dass sie bei den notwendigen Debatten „verletzt werden“. Aua.
Am 3. Oktober 2010 also wurde die Integration des Islam die neue Herausforderung der nationalen Einheit. Die Muslime sind die neuen Ossis. Spürt der Bundespräsident, dass seine Schäfchen mit dieser Aufgabe überfordert sind? Könnte es sein, dass die Stimmung gegenüber Muslimen gerade kippt?
Dass Wulff „mit Leidenschaft“ der Präsident aller deutschen „Musliminnen und Muslime“ sein will ist schön, und es war, volkspädagogisch gesehen, vielleicht gut, dass er es gesagt hat. Politisch aber war es ungefähr so bedeutsam, wie wenn er gesagt hätte, er wolle auch „mit Leidenschaft“ der Präsident aller deutschen Brillenträger und Angler sein, pardon Anglerinnen und Angler. Er ist halt der Präsident aller Deutschen. Warum er es aber nicht dabei belassen hat, und zudem sagte, dass „der Islam“ - nicht: „die Muslime“- inzwischen zu Deutschland gehören, bleibt rätselhaft. Denn der Islam, das ist der Islam der frommen Funktionäre, die mit ihren Forderungen nach Einführung ihrer eigenen Parallelwelt- Gesetzgebung (Schari’a), taktisch in Salamischeibchen, Deutschland noch viel Desintegration bescheren werden. Glaubt Herr Wulff daran, dass man die Reformkräfte stärkt, indem man jetzt die Funktionäre herzt? Oder dass der Islam auf dem Weg in die deutsche Gesellschaft seinen politischen, sprich: totalitären Charakter verliert? Am deutschen Wesen soll Islam genesen?
Schon jetzt kümmern sich ein Heer von Integrationshelfern mit Integrationsprogrammen, und wenn es nach Herrn Wulff geht, müssen das noch mehr werden. Einschließlich „Unterrichtsangeboten in den Muttersprachen“. Karamba! Vielleicht wird bald ein Solidaritätszuschlag Nah-Ost eingeführt. Aber mehr noch als Geld bedarf es, so Wulff, eines „neuen Zusammenhaltes in der Gesellschaft“, und es gelte „Verschiedenheit auszuhalten“. Will Wulff uns auf den demographischen Wandel vorbereiten? Jens Orback, der schwedische Minister für Demokratie, Städtische Angelegenheiten, Integration und Gender- Gleichheit, drückte das einmal so aus: „Wir sollten jetzt nett zum Islam und den Muslimen sein, damit sie, wenn sie in der Mehrheit sind, nett zu uns sind.“ Anschmiegsame Selbstabschaffung. Vielleicht ist der Bundespräsident ja die politisch korrekt lächelnde Variante von Thilo Sarrazin.