Rainer Bonhorst / 01.04.2021 / 16:00 / Foto: Sandro Halank / 34 / Seite ausdrucken

Wozu brauchen wir eigentlich Berlin?

Mein letzter Besuch in Berlin ist schon eine Weile her. Ich fand Berlin arm, aber sexy. Also keine Überraschung hier. Doch anders als John F. Kennedy möchte ich nie sagen müssen: „Ich bin ein Berliner.“ Warum nicht? Das hat mit der deutschen Teilung zu tun. Mit der deutschen Teilung von heute. Ost und West? Nein, die meine ich nicht.

Dass Deutschland auch noch ein bisschen in Ost und West geteilt ist, soll nicht bestritten werden. Aber die eigentliche Teilung von heute ist: Berlin und Nicht-Berlin. Das ist mir in zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die das Schicksal dauerhaft nach Berlin verschlagen hat, jetzt wieder einmal klar geworden. Wie bei einem nicht buddelnden Archäologen, der die Funde der Kollegen vor Ort umso sorgfältiger auswertet, hat sich meine Analyse verfestigt: Deutschland ist in Berlin und Nicht-Berlin geteilt.

Bevor ich zu der, wie ich meine, unausweichlichen Konsequenz dieser Analyse komme, hier erst einmal ein paar Worte zur Analyse selbst. Berlin hebt sich vom übrigen Deutschland als Primadonna der political correctness ab, als Vortänzerin der deutschen Woke Community. Ob Genderei, ob Klo-Diversität, ob Sprach-Antirassismus, ob moralgetriebene Bilderstürmerei, ob Cancel Culture in Academia: Berlin ist in Deutschland die Quelle und zugleich der Hauptstrom dieser Phänomene.

Man hat sich auseinandergelebt

Der Rest des Landes greift das eine oder andere schon mal auf, spielt ein bisschen mit im Woke-Reigen. Aber das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Schauen wir uns doch die Großstadt-Konkurrentinnen mal an: Während Berlin arm, aber wokey ist, pflegt Hamburg die feine englische Art mit einer Prise viktorianischer Erotik-Schmuddelei. Woke läuft unter ferner liefen. München ist damit beschäftigt, reich und schickimicki zu sein, und hat als Stadt der Biergärten neben der Maß und dem Radi keinen Platz für an g'scherten Woke. Köln ist wie Berlin arm und auf diverse Art sexy, aber viel zu rheinisch, um irgendetwas ernst zu nehmen. Frankfurt ist reich und unsexy und woke ist an der Börse nicht vertreten. Schließlich das riesige Ruhrgebiet. Es ist arm wie Berlin, aber auf ganz eigene Weise selbstbewusst, gemäß der wunderbaren Selbsteinschätzung: „Woanders is‘ auch scheiße.“ Woke? Wat soll dat denn?

Der Rest ist das, was die Berliner Provinz nennen, also das, was man besser den flächendeckenden gesunden Menschenverstand nennen sollte. Es tröpfelt zwar überall ein bisschen woke herein, aber nicht genug, um ein vernünftiges Leben zu beeinträchtigen. Selbst wenn sich in meinem schönen Augsburg nach jugendlichen Protesten ein Hotel namens „Drei Mohren“ sprachbereinigend in „Maximilian's“ umbenannt hat, so war das vor allem eine Business-Entscheidung. Vielleicht will man so Besucher aus Woke City, also aus Berlin anlocken. Der Rest der Stadt pflegt die landesübliche Normalität.

Nun also Punkt zwei: Was folgt aus dieser Analyse? Ich meine, die Teilung Deutschlands in Berlin und Nicht-Berlin wirft die Frage auf: Wozu brauchen wir eigentlich Berlin? Und wozu braucht Berlin die restliche Republik? (Also gut, das Geld aus der unwoken Provinz ist schon willkommen.)

So oder so: Man hat sich auseinandergelebt und wird immer mehr zu einem Fall, der im Interesse aller auf eine Scheidung hinauslaufen sollte. Als Wahl-Bayer kenne ich seit langem die beim Bier ausgesprochenen Scheidungswünsche der Bajuwaren von den „Preußen“. Aber diese Sache ist gegessen. Der Freistaat hat die Entscheidung zu lange verschleppt. Inzwischen kann es nur noch heißen: Zähne zusammenbeißen und das gemeinsame Leben so gut wie möglich über die Bühne zu bringen.

Bexit oder informelle Trennung auf Zeit?

Es sei denn, es bietet sich eine zweite, anders strukturierte Chance. Eine von den Alpen bis an die nördlichen Meere gemeinsame Separierung vom woke gewordenen historischen Zentrum Preußens. Tatsächlich scheint im Fall Berlin und Nicht-Berlin der Zeitpunkt für eine Scheidung vergleichsweise günstig zu sein. Mitten in einem Super-Wahljahr sollte es kein Problem sein, als ein Stück unmittelbarer Demokratie noch eine Volksbefragung dazu zu schalten. Das Referendum könnte folgendermaßen formuliert werden: „Soll Berlin ein Bestandteil der Bundesrepublik bleiben oder soll Berlin ein selbstständiger Stadtstaat und der Rest der Republik von Berlin befreit werden?“

Sollte sich für eine solche Scheidung eine Mehrheit finden, käme also nach dem Brexit nun auch der Bexit, so wären natürlich – wie nach dem Brexit – einige Folgemaßnahmen notwendig. Die Bundesregierung würde am besten wieder nach Bonn ziehen, an diesen kleinen Ort, der trotz seiner großen Geschichte der Selbstüberschätzung regierender Häupter natürliche Grenzen setzt. Die in letzter Zeit besonders spürbare Levitation der Bundesregierung im Raumschiff Berlin mit seiner woken Schlagseite wäre am Rhein kaum möglich. Die rotrotgrüne Berliner Landesregierung wiederum könnte es sich – nun zur Staatsregierung erhoben – im Reichstag und im Kanzleramt auf klassische Weise sozialistisch-pompös gemütlich machen.

Der freie Verkehr von Menschen und Waren könnte – anders als im Fall Brexit – unbehindert weiterlaufen, da auch nach einem Bexit beide Staaten Mitglieder der Europäischen Union blieben. Allerdings sollte der Scheidungsvertrag eine Klausel enthalten, der der verbleibenden Republik das Recht einräumt, allzu aufdringliche Woke-Missionare aus Berlin des Landes zu verweisen und notfalls im Stil einer Luftbrücke zurück an die Spree zu verfrachten.

Sollten diese Überlegungen zu verwegen oder der Zeitplan zu knapp berechnet sein, so böte sich auch übergangsweise eine informellere Trennung auf Zeit an. Mit der Option, eine formelle Scheidung folgen zu lassen oder – fair ist fair – mit der Option, sich wieder zusammenzufinden. Sollte sich aber eine Mehrheit gegen einen Bexit aussprechen, so müsste wohl das gleiche gelten, das auch für den nicht vollzogenen bayerischen Austritt aus dem Bund gilt: Zähne zusammenbeißen und für den Rest der Tage eine Vernunftehe führen, auch wenn man sich gegenseitig auf die Nerven geht. 

Foto: Sandro Halank CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Bernhard Maxara / 01.04.2021

Bexit wäre gut, ist aber die kompliziertere Lösung, obgleich es mir eigentlich wurscht wäre, wie - Hauptsache nichts mehr hören davon; es tut schon weh genug, sich im Ausland unter vernünftigen Menschen für D entschuldigen zu müssen, aber als einstmals dort ungefragt Hingeborener noch außerdem für B…. jedesmal schrecklich! Also zurück ins Bundesdorf Bonn, ich war sowieso gegen den Umzug.

Jörg Themlitz / 01.04.2021

Herrliche Formulierungen: Platz 1: “...und der Rest der Republik von Berlin befreit werden?“, Putin: Okay wir schicken ein paar Mann [sic] umstellen den Campingplatz und nehmen den Lagerleiter fest.  Platz 2: “Der freie Verkehr von Menschen und Waren könnte – anders als im Fall Brexit – unbehindert weiterlaufen…” Genau! Ich sehe deutlich vor mir, wie die an der Stadt-, Staatsgrenze den Container vom 36 Tonner auf das Lastenfahrrad hieven. Platz 3: “Zähne zusammenbeißen und für den Rest der Tage eine Vernunftehe führen…”, Das wäre wohl eher, Familiengericht, Jugendamt, Alleinerziehend und Unterhalt nach der Düsseldorfer Tabelle!

Sam Lowry / 01.04.2021

Damals, bei Fußball-WM, zog plötzlich die Bierdosenszene, in der ich mich auch befand, mit dem Ruf “Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin” an mir vorbei. Als man mich erkannte, schämte man sich laut deren Gesichtsausdruck, weil ich ja wusste: “Ihr Penner fahrt nirgendwohin. Und am wenigsten nach Berlin.” (Satire)

B. Dietrich / 01.04.2021

Der dümmste und folgenreichste Fehler in der jüngeren Geschichte der (noch) Republik war der Umzug von Bonn nach Berlin. Die Bescheidenheit Bonns erstickte jeden Größenwahn im Keim. Dass die prollige Hybris der “großartigsten Hauptstadt weltweit” wie schon einmal nur Unheil gebiert, war klügeren – aber leider nur wenigen – Köpfen schon damals klar. Heute hülfe nur ‘ne neue Mauer. Aber nicht durch, sondern um Berlin!

Wilhelm Hübner / 01.04.2021

Geehrter Herr Bonhorst, ich kann Ihnen leider nicht zustimmen. Der Riss geht m.A. durch Stadt und Land. Bremen, Hannover, Hamburg, München, Nürnberg, Frankfurt , Leipzig Dresden, Potsdam und Stuttgart sind doch wie Berlin. Die Menschen auf dem Land leben, dort geboren sind,  denken und handeln anders.  Stadtluft macht frei, hieß es einst. Heute wird man in Städten verblödet, radikal, kriminell und faul.

Petra Wilhelmi / 01.04.2021

Der Artikel macht klar, dass es eine klare Teilung zwischen Ost und West gibt. Keine ostdeutsche Stadt war der Erwähnung wert. Um Berlin sollte man eine Mauer bauen und nicht nur das, auch den Finanzausgleich haben diese Berliner nicht verdient. Man streiche ihn. Dann sollen sie mal sehen, wie sie mit ihren Geschwätzleuten einen Stadtstaat aufrecht erhalten können.

Daniel Oehler / 01.04.2021

Wir brauchen Berlin als gutes schlechtes Beispiel, damit jeder sieht, was aus einer Stadt wird, in der sich rot-grüne Politiker austoben. Bremen als Beispiel für jahrzehntelange Dominanz der SPD ist genauso irrelevant wie diese Partei. Und mit dem grünen Klima-Fanatismus wird Deutschland bald der ganzen Welt als gutes schlechtes Beispiel dafür dienen, was passiert, wenn man ein Land nach den Ideen von Öko-Freaks und KlimahüpferInnen umbaut. Wie in der zweiten Hälfte der 30er Jahre: Über Italien lacht die Sonne, über grüne EU-besoffene Deutschland und seine Hauptstadt lacht die ganze Welt.

E. Sommer / 01.04.2021

Lach. Ohne den Finanzausgleich wäre Berlin ein Dritter-Welt-Staat und noch 2021 konkursreif. Da wäre es ganz schnell vorbei mit den degenerativen Wohlstandserscheinungen der linksgrünen Khmer und der Vorstadtbobos.

John Brunswick / 01.04.2021

Berlin ist verloren. Gut, passiert halt. Die alten Preußen werden zwar in der Gruft rotieren angesichts der völligen Inkompetenz ihrer Nachkommen, aber ist halt nicht zu ändern. Lasst uns mal wieder ne Mauer bauen, aber dieses Mal um die ganze Stadt! Und das sage ich als gebürtiger Ostdeutscher mit preußischem Migrationshintergrund, der für die Kommunisten rein gar nichts übrig hat. Aber nur so lässt sich noch einigermaßen verhindern, dass die Berliner Beklopptheit auch noch hier in der Elbtalaue ankommt.

Uta Buhr / 01.04.2021

Warum gleich Bexit? Man sollte dem Hauptslum der res publica einfach den Geldhahn zudrehen und die vielen Schmarotzer dazu “bewegen”, mal zur Abwechslung etwas Wertschöpfendes zu tun statt ständig Krawalle zu veranstalten. Leider wird niemand auf meinen weisen Vorschlag hören. Statt dessen wird man diese failed capital weiter mit dem sauer verdienten Geld der Steuerzahler zuscheißen, das für total irrsinnige Projekte zum Fenster rausgeschmissen wird. Früher fand ich Berlin mal richtig dufte. Heute ist mir die dicke Berliner Luft so was von zuwider.,,

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