Ende 1973 standen wir, eine Gymnasiasten-Clique in Frankfurt am Main, kurz vor dem Abitur. Und wie das so ist bei achtzehnjährigen Jungs: Wir glaubten, eigentlich schon alles zu wissen über Gott und die Welt. Andererseits waren wir unsicher angesichts einer undurchschaubaren Zukunft. Und dann konfrontierte uns auch noch die neue Frauenbewegung völlig unvorbereitet mit dem frisch entdeckten Delikt des „fixierenden männlichen Blicks“.
Abends gingen wir in die „Lupe 2“ im Großen Hirschgraben, gleich neben dem Geburtshaus von Goethe, wo neue Filme liefen, die zunächst keinen Blockbuster versprachen, wie der „Schulmädchenreport 2 – Was Eltern den Schlaf raubt“.
Eines Tages saßen wir im Kino und sahen, wie ein kleiner, quirliger New Yorker, den seine Freundin, gespielt von der jungen Diane Keaton, verlassen hat, verzweifelt nach einer Frau sucht: „Mach’s noch einmal, Sam!“, Regie: Herbert Ross. Auch wenn er sein großes Vorbild Humphrey Bogart im geistigen Zwiegespräch mehrfach um Rat bittet – auf der Suche nach einer neuen Liebschaft vermasselt es der junge leidenschaftliche Filmkritiker immer wieder, weil er glaubt, den coolen Film-Macho aus „Casablanca“ imitieren zu müssen. Dabei war er doch nur der kleine Woody, Woody Allen aus Brooklyn. Ein Cineast, ein Purist der Filmkunst, ein gläubiger Jünger des Kinos. Das Leben war anders, chaotisch, oft hässlich und gemein.
Ein unruhiger, ein nervöser Geist
Allen spielte stets den verwuschelten Intellektuellen, der Rilke und Lord Byron zitieren konnte und unermüdlich nach der Transzendenz des Daseins forschte. Am Ende aber war dem jungen Woody Sex stets wichtiger als Schopenhauers tiefer Gedanke von der Welt als „Wille und Vorstellung“. Das chercher la femme wurde zum unabdingbaren Teil seiner Erkundungen darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie eine Flipperkugel kullerte er durch New York, während er das Leben unablässig kommentierte wie ein Sportreporter das Baseball-Spiel.
Im Handumdrehen wurde er unser Held. Im Grunde durchlitt er auch unsere Kämpfe um die Frau des Lebens und den Sinn des Universums. Mit sarkastischem Witz und ironischen Ausweichmanövern begegnete er dem Irrsinn des Alltags, der ihm furchtbare Peinlichkeiten und bittere Niederlagen bescherte – wie jenen Augenblick, da er sich, ungelenk tanzend, eher schon ranwanzend, einer schönen Frau nähert, die ihn im Bruchteil einer Sekunde gnadenlos abweist, worauf er kleinlaut in der Menge unterkriecht wie ein geprügelter Hund.
Ja, er war einer von uns, Pechvogel, Unglücksrabe, dann aber auch wieder Glückskind, das jubelnd eine Straßenlaterne umarmt, nachdem im Krankenhaus zweifelsfrei festgestellt wurde, dass es doch kein Gehirntumor war, der die Kopfschmerzen und den Schwindel verursacht hatte.
Klar, dass Woody immer auch Hypochonder war, ein unruhiger, ein nervöser Geist, der auch in der Warteschlange vor der Kinokasse noch Unwissenheit und Dummheit bekämpfte, wenn jemand hinter ihm lautstark Unsinn daherredete, der von der Geschichte der Kinematografie keine Ahnung hatte und Hitchcock nicht von Truffaut unterscheiden konnte. Er war die wandelnde Aufklärung in Person, literarisch, philosophisch, politisch. Nur sich selbst verstand er nicht.
„Religionen sind mir keinen Pfennig wert.“
Dabei leistete er sich Bemerkungen, die heute umgehend bei der Meldestelle „Hessen gegen Hetze“ landen würden – etwa, wenn sexuelle Unpässlichkeiten in einem Atemzug mit dem Holocaust thematisiert wurden. Nach Auschwitz im Film Orgasmus-Schwierigkeiten beklagen – das konnte, das durfte nur Woody aus der Bronx, geboren im Eden Hospital, Sohn jüdischer Eltern, aufgewachsen in Brooklyn, wo er acht Jahre auf eine hebräische Schule ging. Jiddisch waren neben Englisch in der Familie noch geläufig, die Großeltern kamen aus Russland und Österreich-Ungarn.
2021 bekannte Woody Allen in der NZZ kategorisch: „Religionen sind mir keinen Pfennig wert. Ich erziehe auch meine Kinder nicht in der jüdischen Tradition. Ich glaube nicht an Gott und finde ohnehin alle Religionen dumm.“
Das entsprach exakt unserer Haltung von 1973. Auch wir waren allenfalls Freizeit-Protestanten und Gelegenheits-Katholiken gewesen, eher kulturell als religiös vom Christentum geprägt. In der Hauptsache sahen wir uns als freiheitsliebende Vollzeit-Anarchisten. Das passte.
Auch Woody Allen war dies- und jenseits seiner Filmrollen der Repräsentant einer westlich aufgeklärten säkularen Kultur, deren jüdischer Einschlag nicht zuletzt dafür sorgte, dass unentwegt geredet und diskutiert, argumentiert und gestritten wurde, auch und erst recht an „Thanksgiving“, wenn der Truthahn auf den Tisch kam. Emblematischer Höhepunkt war freilich das „Beziehungsgespräch“ im Central Park zwischen zwei Terminen beim Psychoanalytiker, dem „Shrink“, der stets erreichbar sein musste.
Einer von uns
Binnen kurzem wurden Filme wie der oscarpreisgekrönte „Stadtneurotiker“, aber auch „Manhattan“, „Stardust Memories“, „Hannah und ihre Schwestern“, „Radio Days“ und „Zelig“ Teil unserer geistigen und emotionalen Heimat, eine Art seelischer Innenausstattung, die man nicht zu erklären brauchte. Womöglich wurde damals schon der Keim unserer späteren Entwicklung vom Anarchismus zum Individualismus gelegt, vom politischen Radikalismus zu einer liberalen Grundhaltung, die besonders empfindlich auf jede Art von Fanatismus reagiert, vor allem dem, der sich im Zeichen des Islam weltweit ausgebreitet hat.
Die Lower East Side von Manhattan war Woodys natürliches Habitat, ein schier unendlicher Kosmos des einzig wahren Lebens. New York wurde zur Großmetapher einer Welt, in der jene „westlichen Werte“ galten, die Salman Rushdie nach den islamistischen Terroranschlägen vom 11. September 2001 bündig zusammengefasst hat: „Küssen in der Öffentlichkeit, Schinken-Sandwiches, offener Streit, scharfe Klamotten, Kino, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe.“
Fehlten nur Ironie, Satire, Zynismus und Polemik. Manchmal auch Verzweiflung ohne Hoffnung auf Erlösung. Dafür aber der nächste Super Bowl, Skifahren in den Rocky Mountains und die Penne Arrabbiata beim Lieblings-Italiener.
Woody Allen hat über 50 Filme gedreht, freilich nicht alles Meisterwerke, allzuoft waren sie mittelmäßig. Jahrelang musste er sich gegen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs seiner einstigen Adoptivtochter wehren, die nie erhärtet wurden und schon gar nicht vor Gericht landeten. Die Rufschädigung blieb. Dennoch drehte er stoisch weiter, jedes Jahr einen neuen Film. Er wurde 24-mal für einen Oscar nominiert, vier Mal gewann er ihn. Nie hat er die begehrte Trophäe persönlich entgegengenommen, weil er sein New York nicht verlassen wollte. Lieber schrieb er Theaterstücke, Erzählungen und Zeitungskolumnen. New York war seine Stadt, die auch die Stadt der legendären Fernseh-Serie „Sex and the City“ wurde. Nun hat New York einen woken, muslimischen Bürgermeister, der die Hamas lieber nicht allzu scharf angehen will und sicher kein Freund Israels ist. Für die eine Million New Yorker Juden, die die Stadt, die niemals schläft, so sehr geprägt haben, ist das keine wirklich erfreuliche Botschaft.
Es sieht so aus, dass Woody Allens New York, das Manhattan des ewigen Stadtneurotikers, der nirgendwo anders in der Welt leben wollte, Geschichte geworden ist. Wir vier Frankfurter Abiturienten von 1973 aber werden nie vergessen, was Woody Allen uns über all die Jahre bedeutet hat, auch wenn wir nur noch selten ins Kino gegangen sind. Er war einer von uns, er ist einer von uns, mit allen Stärken, Schwächen und Verfehlungen.
Am Sonntag wird er neunzig Jahre alt. Hoffentlich dreht er im kommenden Jahr seinen nächsten Film. Wir gratulieren und sagen: Mach‘s noch einmal, Woody!
Beitragsbild: ABC Films - eBay, Lester Glassner Collecction, Domínio público, via Wikimedia Commons

Fand es widerlich, wie Woody Allen im Interview Twiggy vorführen und demütigen wollte.
Dass er dann Nacktfotos von einer Minderjährigen (oder war sie schon 18?) gemacht hat, hat meine Meinung von ihm nicht gerade verbessert. Ganz abgesehen davon, dass es sich um seine Adoptiv-Tochter gehandelt hat. Und Monate lang hat er seine Frau (für die ich sonst keine Sympathien hatte), auch noch mit ihr betrogen. Er ist schlicht ein Charakterschwein.
Seine pseudo-intellektuellen Filme fand ich einfach nur langweilig
Woody Allen…völlig überbewertet.
Woody Allen wird 90 und die Achse würdigt dieses Ereignis mit einer sehr persönlichen Hommage. Die Reaktion? Vornehmlich missbilligende und miesepetrige Anmerkungen von Lesern, die glauben, ihre Verachtung unbedingt in die Öffentlichkeit tragen zu müssen. Armselig.
Mir ist ein mittelmäßiger Woody-Allen-Streifen allemal lieber als das Gros dessen, was sonst so gedreht wird – schon gar im Filmförderungs-Deutschland. Happy Birthday, Mr. Königsberg!
Ja Woody war einfach schräg, das machte ihn aus.
@L. Luhmann--- Guter Kommentar, das mit dem Nachruf;)
„Religionen sind mir keinen Pfennig wert. Ich erziehe auch meine Kinder nicht in der jüdischen Tradition. Ich glaube nicht an Gott und finde ohnehin alle Religionen dumm.“
Das entsprach exakt unserer Haltung von 1973.„--- Das Resulatat dieser Einstellung kann man heute bewundern: Klimagott, Genderidiotie und Alle-Willkommen-Neurose. Trotzdem empfehle ich meinen Film-Favoriten: “Die letzte Nacht des Boris Gruschenko„. Und auch noch “Der Schläfer„. Das Foto von Woody oben ist genial. Ein Bild sagt mehr als alles Andere. Schon der Blick. Aber alles ab den 1970ern konnte ich nicht mehr schauen. Zu platt.
Woody Allen ertrage ich schon sehr lange nicht mehr
Wenigstens klingt der Artikel wie ein Nachruf