Stefan Frank / 28.09.2020 / 16:00 / 8 / Seite ausdrucken

Wollte Theodor Herzl Palästinenser aus Argentinien vertreiben?

Die Süddeutsche Zeitung hat einen Text ihres israelischen Autors Omri Boehm gedruckt, in dem Boehm Theodor Herzl etwas in den Mund legt, das Herzl nie geschrieben hat.

Boehm behauptet, Herzl habe „von Anfang an“ die „Umsiedlung“ von „Palästinensern“ im Sinn gehabt. Daran fällt zuerst der Anachronismus auf: Die „Palästinenser“ wurden bekanntlich erst Ende der 1960er Jahre von Jassir Arafat erfunden. Das Wort „Palästinenser“ ist bei Boehm zwar nicht durch Anführungsstriche als ein direktes Zitat gekennzeichnet; nichtsdestoweniger behauptet Boehm, Herzl habe von Palästinensern gesprochen, deren Umsiedlung er angeblich befürwortet habe. In seinem am 6. September veröffentlichten Beitrag schreibt Boehm:

„Der Gedanke einer Umsiedlung begleitete das zionistische Denken von Anfang an. Theodor Herzl schrieb in sein Tagebuch, die Palästinenser ‚trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen’, indem man ihnen ‚jederlei Arbeit’ verweigern werde.“

Boehm hat diese falsche Behauptung schon in seinem Buch Israel – eine Utopie verbreitet, das im Frühjahr im Propyläen Verlag erschienen ist.

Was schrieb Herzl wirklich?

Theodor Herzls Tagebucheintrag, aus dem Boehm zusammenhanglos zehn Wörter entnommen hat, stammt vom 12. Juni 1895 und lautet:

„Bei der Landnahme bringen wir dem Aufnahmestaate gleich Wohlfahrt zu. Den Privatbesitz der angewiesenen Ländereien müssen wir sachte expropriieren. Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Lande jederlei Arbeit verweigern. Die besitzende Bevölkerung wird zu uns übergehen. Das Expropriationswerk muss ebenso wie die Fortschaffung der Armen, mit Zartheit und Behutsamkeit erfolgen. Die Immobilienbesitzer sollen glauben, uns zu prellen, uns über dem Wert zu verkaufen. Aber zurückverkauft wird ihnen nichts.“

Halten wir fest: Herzl spricht nicht von Palästina, sondern von „angewiesenen Ländereien“ – auf welchem Erdteil die liegen könnten, dazu gleich mehr.

Nirgendwo ist von einer aktiven Umsiedlung die Rede, sondern lediglich davon, einer „armen Bevölkerung“ durch lukrative Beschäftigungen an anderen Orten einen Anreiz zu geben, dorthin zu ziehen. Wenn das eine „Umsiedlung“ wäre, dann wäre jeder, der schon einmal aus beruflichen Gründen umgezogen ist – denken wir an Omri Boehm, der seinen Wohnsitz des Jobs wegen von Israel nach New York verlegen musste –, Opfer einer „Umsiedlung“.

Im folgenden Eintrag, der ebenfalls vom 12. Juni stammt, betont Herzl im Übrigen:

„Selbstverständlich werden wir Andersgläubige achtungsvoll dulden, ihr Eigenthum, ihre Ehre und Freiheit mit den härtesten Zwangsmitteln schützen. Auch darin werden wir der ganzen Welt ein wunderbares Beispiel geben.“

„Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen?“

Das zu zitieren, kommt Boehm freilich nicht in den Sinn. Doch zurück zu den „Palästinensern“. Über sie habe Herzl 1895 in seinem Tagebuch geschrieben, behauptet Boehm. Boehm sollte wissen, dass Herzl in dieser frühen Phase seiner Idee „einer neuen Souveränität“ für die Juden keineswegs auf Palästina festgelegt war. Das ist schon daran ersichtlich, dass die im folgenden Jahr veröffentlichte Schrift „Der Judenstaat“, über die Herzl just in jenen Tagen im Juni 1895 begann nachzudenken, ein Kapitel mit der Überschrift „Palästina oder Argentinien?“ enthält. Herzl schreibt dort:

„Ist Palästina oder Argentinien vorzuziehen? Die Society wird nehmen, was man ihr gibt und wofür sich die öffentliche Meinung des Judenvolkes erklärt. Die Society wird beides feststellen.“

Argentinien, so Herzl, sei

„eines der natürlich reichsten Länder der Erde, von riesigem Flächeninhalt, mit schwacher Bevölkerung und gemäßigtem Klima. Die argentinische Republik hätte das größte Interesse daran, uns ein Stück Territorium abzutreten.“

Palästina wiederum sei „die unvergessliche historische Heimat“ der Juden.

„Dieser Name allein wäre ein gewaltig ergreifender Sammelruf für unser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln.“

Während Herzl in Der Judenstaat beide Optionen anspricht, geht es in dem Tagebucheintrag, den Boehm als Beleg für Herzls angeblichen Plan einer „Umsiedlung“ von „Palästinensern“ präsentiert, einzig und allein um Südamerika. Und das weiß jeder Leser des Tagebuchs sofort, ein Missverständnis ist ausgeschlossen.

Herzl und die Kolonisation in Argentinien

Wieso schrieb Herzl in seinem Tagebuch überhaupt etwas über einen nicht existierenden Staat? Er benutzte sein Tagebuch auch als Gedankenstütze, anstelle eines separaten Notizbuchs. Herzls Situation, als er den Eintrag schrieb, war die folgende: Von 1891 bis 1895 war er der Pariser Korrespondent der Neuen Freien Presse, einer in Wien erscheinenden liberalen Tageszeitung. In seinem letzten Pariser Jahr – bevor er nach Wien zurückkehrte und Feuilletonredakteur wurde – dachte Herzl über seine berufliche Zukunft nach.

Im Herbst 1894 hatte er ein Drama verfasst: Das neue Ghetto. Er interessierte sich aber auch für die Politik, die er als Korrespondent in Paris aus der Nähe beobachtet hatte. Und er hatte angefangen, sich konkrete Gedanken über den Antisemitismus und einen möglichen Ausweg für die Juden zu machen. Darin bestand für ihn die „Judensache“ beziehungsweise „Judenfrage“.

Die französische Dreyfus-Affäre um den zu Unrecht des Verrats von Militärgeheimnissen an Deutschland bezichtigten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus hatte gerade begonnen; im Februar 1895 war Dreyfus auf die Teufelsinsel deportiert worden. Antisemitismus sah Herzl aber auch in Deutschland, Österreich und Rumänien und vor allem in Russland (wozu damals auch die Ukraine, die baltischen Länder und Polen gehörten). Tausende russische Juden flohen vor Pogromen und vor der Armut, in die die 1882 beschlossenen antijüdischen Gesetze der russischen Regierung (Mai-Gesetze) sie gestürzt hatten.

Nun, im Juni 1895, hatte Herzl Gelegenheit, den damals wichtigsten Förderer jüdischer Amerika-Auswanderung persönlich zu treffen: Baron Maurice de Hirsch, einen der reichsten Bankiers Europas.

1891 hatte Hirsch in London die Jewish Colonisation Association (JCA) gegründet – das offensichtliche Vorbild der Kolonisierungsgesellschaft Jewish Company, über die Theodor Herzl in Der Judenstaat schreibt. In Argentinien gab es damals bereits mehrere von Baron Hirsch unterstützte jüdische Kolonien. Die erste war die 1889 gegründete Siedlung Moisés Ville, die eigentlich Kiryat Moshe hatte heißen sollen. Hirsch hatte geholfen, sie zu gründen, nachdem er von einem Arzt erfahren hatte, dass eine Gruppe russischer Juden, die 1889 von Bremen aus in Argentinien angekommen war, dort mittellos und in schlechtem Gesundheitszustand umherirrte.

Es gibt an der Stelle des Tagebuchs kein Palästina

Herzl betrachtete die jüdische Auswanderung nach Argentinien mit Sympathie, sah aber realistisch, dass es Hirsch niemals gelingen würde, Hunderttausende oder gar Millionen russischer Juden nach Argentinien zu bringen. Herzls Idee war, einen jüdischen Staat zu gründen, der eine solche Anziehungskraft für Juden aus aller Welt haben würde, dass diese sich aus eigenem Antrieb – und auf eigene Kosten, wie Herzl in Der Judenstaat schreibt –  auf den Weg dorthin machen würden.

Um Hirsch zu überzeugen, bat ihn Herzl um ein Treffen, das ihm schließlich gewährt wurde, als der Baron für 48 Stunden in Paris weilte. Am Pfingstsonntag, den 2. Juni 1895 um 10.30 Uhr betrat Theodor Herzl die Pariser Wohnung von Maurice Hirsch an den Champs-Élysées. Das Gespräch mit Hirsch verlief für Herzl enttäuschend. Der Philanthrop hatte kein Interesse an Politik oder utopischen Gesellschaftsplänen. Er habe nur sechs seiner 22 Seiten vortragen können, schrieb Herzl gleich am nächsten Tag in einem Brief an Hirsch.

Die Tagebucheinträge zwischen dem 11. und dem 16. Juni, aus denen Omri Boehm einen winzigen Fetzen „zitiert“ hat, sind Gedanken Herzls, die dieser offenbar niederschrieb, um bei einem zukünftigen Gespräch mit Hirsch – zu dem es nie kam – besser auf Fragen und Einwände antworten zu können. Zudem dienten sie Herzl später als Gerüst für seine Schrift Der Judenstaat (insofern war das Treffen mit Hirsch nicht ergebnislos).

Zu betonen ist: Es gibt an der Stelle des Tagebuchs kein Palästina, nirgends. Immer wieder ist von Argentinien und Südamerika die Rede. Einige Beispiele:

  • 11. Juni.: „Wenn wir nach Südamerika gehen, was wegen der Entfernung vom militarisierten und versumpften Europa viel für sich hätte, müssen unsere ersten Staatsverträge mit südamerikanischen Republiken sein.“
     
  • 11. Juni. „In Südamerika können wir anfänglich nach den Gesetzen, Auslieferungsverträgen etc. des Aufnahmestaates leben (Europa gegenüber).“
     
  • 12. Juni: „Diese südamerikanischen Republiken müssen für Geld zu haben sein.“
     
  • 14. Juni: „Anfangs werden wir keine oder wenig lohnende Rückfracht haben für unsere Schiffe (höchstens von Chile, Argentinien und Brasilien).“

Omri Boehm aber will seinen Lesern verklickern, dass Theodor Herzl in seinem Tagebuch darüber geschrieben habe, wie er „Palästinenser“ loswerden wolle. Boehm suggeriert seinen Lesern, es habe von Anfang an einen Geheimplan zur Vertreibung von Palästinensern gegeben. Boehms Ziel ist es, die Geschichte des Zionismus als ein Kontinuum von Verbrechen darzustellen.

Auf die selbst gestellte Frage: „Wann wurden die Juden schuldig?“ antworten die gemäßigten Israelhasser: 1967 (mit dem Sechstagekrieg), die linken „Antiimperialisten“ sagen: 1948 (mit der Staatsgründung). Aus Sicht der PLO war der Sündenfall die Balfour-Deklaration von 1917. Boehm ist extremer als sie alle: Für ihn begann die Geschichte der Schuld im Juni 1895, als Theodor Herzl in seinem Pariser Hotelzimmer Gedanken über einen jüdischen Staat in sein Tagebuch schrieb.

Einer schreibt vom andern ab

Hat Boehm den betreffenden Tagebucheintrag Herzls überhaupt je gelesen? Das können wir nicht wissen. Doch beweisen können wir, dass das, was Boehm in seinem Buch und dem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung schreibt, eine von jenen Sagen ist, die einer von dem anderen abschreibt.

Die gefälschte Herzl-Aussage taucht seit Jahrzehnten immer wieder auf. Die älteste Quelle für die Fälschung, die ich finden konnte, ist ein Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Malcolm Kerr von 1975 mit dem Titel: „The Elusive Peace in the Middle East“. Auch Kerr behauptet darin, dass den „Palästinensern“ angeblich von den Juden zugefügte Unrecht habe bereits mit der Geburt des Zionismus begonnen. Kerr nennt den ersten Zionistenkongress in Basel 1897 und fügt daran an:

„Zwei Jahre zuvor hatte Theodor Herzl, der Förderer des Kongresses und Vater des politischen Zionismus, in seinen Tagebüchern über die Notwendigkeit geschrieben, ‚die mittellose Bevölkerung’ der armen Palästinenser ‚über die Grenze’ ‚in Transitländer’ ‚verschwinden’ zu lassen und das Land der Notabeln zu expropriieren.“

Der israelische Historiker Benny Morris wärmte diese Behauptung 2002 wieder auf, in einem Beitrag in der britischen Tageszeitung The Guardian (anders als Boehm sprach Morris allerdings von „Arabern“ statt von „Palästinensern“).

Ob Kerr, Morris oder Boehm: Wer auch immer behauptet, Herzl habe davon gesprochen, „die Palästinenser“ (beziehungsweise die Araber) „über die Grenze zu schaffen“, der täuscht seine Leser. Würde das wider besseres Wissen geschehen, wäre es böswillig. Ist es gedankenloses Abschreiben, dann ist es ein Maß an Ignoranz und Fahrlässigkeit, das ebenfalls nicht hinzunehmen ist.

Übrigens hat Omri Boehm als seine Quelle weder den Artikel von Morris noch das Buch von Kerr angegeben, sondern die Tagebücher Theodor Herzls. Er behauptet also, das vermeintliche Zitat dort gefunden zu haben. Entweder aber hat Boehm Herzls Tagebucheintrag gar nicht gelesen – oder er hat ihn gelesen und verbreitet absichtlich die Unwahrheit darüber, was Herzl geschrieben hat.

In jedem Fall haben der Propyläen Verlag und die Süddeutsche Zeitung, die Boehms falsche Behauptung gedruckt haben, etwas zu erklären.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

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Leserpost

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Reinhold Schmidt / 29.09.2020

Antisemiten aller Länder vereinigt euch, wenn ihr nicht schon vereinigt seid, könnte man sagen. Die ach so guten Freiheitskämpfer tun heute so, als wenn Israelis irgendwem Land weggenommen hätten. Hier mal ein paar Fakten zur Klarstellung. Im Gegensatz zu den Grenzverschiebungen in Europa nach 1815, nach den ersten WK und dem zweiten WK trifft dies auf Israel nicht zu. Im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhundert verfestigte sich die Meinung der Weltöffentlichkeit, einschließlich Völkerbund und später der Vereinten Nationen, den Juden eine eigene Heimstatt zu geben. Vor allem vor dem Hintergrund des zweiten WK wurde ein durch arabische Bauern und Nomaden dünn besiedeltes Gebiet im Bereich des riesigen Britischen Mandatsgebiets Palästina durch die Vereinten Nationen ausgewählt und festgelegt. Aus diesem landwirtschaftlich nahezu nutzlosen Streifen Land zwischen Mittelmeer und Jordan schufen sich die Juden in wenigen Jahrzehnten einen wirtschaftlich erfolgreichen Agrar- und Industriestaat. Die arabischen Nachbarn haben das von Anfang an nie akzeptiert. Zu Beginn haben sie ihre arabischen Landsleute sogar aufgefordert dieses Gebiet zu verlassen und sie in Lagern auf ihrem Territorium untergebracht. Allerdings mit dem Versprechen der Rückkehr, sobald sie die Juden ins Mittelmeer gejagt hätten. Diese Absicht konnte auch nach mehreren Angriffskriegen nicht erfolgreich umgesetzt werden. Daher vegetieren die heute neumodisch Palästinenser genannten Araber auf den Territorien ihrer Brudervölker immer noch eingepfercht in Flüchtlingslagern, weil diese Staaten diese Menschen nicht in ihre Staaten hinein lassen wollen. Man stelle sich mal vor, DEU hätte nach dem zweiten WK die Vertriebenen aus den DEU Ostgebieten und dem Sudentenland in großen Lagern entlang der neuen Grenzen konzentriert und sie dort über Jahrzehnte nicht freigelassen.

Hjalmar Kreutzer / 28.09.2020

Was sich nicht wegdiskutieren läßt, ist aber Herzls Wort Landnahme und Enteignung, wenn auch „sachte“ und die mehr oder weniger Vertreibung der armen Bevölkerung durch Entzug der Existenzmöglichkeiten, egal ob Palästina oder Argentinien. Man kann Herzl zugute halten, ein Zeitgenosse der weißen Europäer zu sein, deren Ausbreitung über die Jahrhunderte mittels der Kolonisation anderer Kontinente stattgefunden hatte und weiter stattfand - es gab zu dieser Zeit kein anderes existierendes Verhaltensmuster. Die Dekolonialisierung Amerikas war im Norden knapp über hundert, in Lateinamerika noch nicht einmal fünfzig Jahre her. Zwei furchtbare Weltkriege und weitere fünfzig Jahre später war klar, dass dieses Modell zur Zeit der Staatsgründung Israels längst ausgedient hatte und erst in Asien, dann in Afrika für die Europäer die Aufrechterhaltung ihrer Kolonien schlicht zu teuer wurde und sie diese aufgeben mussten. Diese Vorgeschichte kann man den heutigen Israelis aber nicht mehr anlasten. Diese Sicht entspricht m.E. der der Emanzen, die ihr heutiges Frauenbild von Goethes Werken verletzt sehen und sein Gartenhaus mit Klorollen bombardieren. Die aktuelle traurige Entwicklung gerade in Westeuropa scheint die erneute Notwendigkeit eines starken Israel als Rettungsboot der europäischen Juden vor der muslimischen Masseneinwanderung zu bestätigen.

Johannes Schuster / 28.09.2020

Ganz ehrlich: Wenn ich ein gelobtes Land zu nehmen hätte, tief im Herzen, würde ich eine krebsrote deutsche Schreiturbine neben mir dulden ? Wenn ich mich Gott nähern wollte, wollte ich ungehobeltes Geschrei, oder wenn ich improvisiere, will ich den Besenstiel am Boden pochen hören ? Wenn ich ich sein will, durch und durch, dann muß ich wollen, daß dieses Ich leben kann. Ich will ja nicht bloß unter rauhen Planken weilen, ich will leben - und das geht nun mal nicht mit jedem. Das ist immerhin eine Ehrlichkeit, die ich sehr sehr schätze, und die ich verteidigen würde, müsste es sein, nur um einen zu retten, der tiefer seine Seele schöpft als es das Geschrei nach Bier und Wurst würde. Ich sehe in Herzl hier überhaupt keinen Punkt, den ich beanstanden würde.

Ralf Pöhling / 28.09.2020

Wenn man dem Herrn Boehm ein wenig hinterher googelt, wird klar, wo der Hase im Pfeffer liegt: Der Herr Boehm gehört offenkundig zu den Vertretern jüdischen Glaubens, die mit dem Zionismus auf Kriegsfuß stehen und einen jüdischen Staat von vornherein ablehnen. Also in etwa so, wie unsere links-rot-grünen kartoffeldeutschen Ökofetischisten Deutschland als Nationalstaat ablehnen. Womit sich einmal mehr die eigentliche Frontlinie aufzeigt: Religiös-sozialistisch geprägter Internationalismus gegen pragmatisch geprägtes Nationalstaatsdenken. Ersteres ignoriert die religiösen und kulturellen Konflikte in blinder Realitätsverleugnung komplett. Die Menschen sind weltweit nicht gleich. Sie sind unterschiedlich. Und in ihren Unterschieden ist der Konflikt vorprogrammiert. Wer diese Unterschiede einfach ignoriert, die schützenden Nationalstaaten rasiert und alles und jeden einfach ineinander fließen lässt, ist ein kurzsichtiger, von Wunschdenken geprägter Träumer. Die Weltgeschichte zeigt, was zusammen nicht harmoniert, sollte getrennt bleiben. Sonst wird die Welt nicht friedlicher, sondern tödlicher. Der Nationalstaat ist nicht das Problem, er ist die Lösung. Er begrenzt die Konflikte. Durch Grenzen. Grenzen zwischen denen, die sich nicht leiden können und sich deshalb bis aufs Blut bekämpfen. Wenn sie sich denn zu nahe kommen. Was genau dann passiert, wenn man alle Nationalstaaten und damit alle Grenzen einreißt.

Alex Micham / 28.09.2020

Ich habe zwar nichts über die SZ gelernt, was nicht alle längst wussten, aber einiges über Geschichte. Sehr schön.

Harald Unger / 28.09.2020

Selbsthassende Juden zu finden, die den Bedürfnissen von westlichen Antisemiten nachkommen, über gleich meinende ‘jüdische Freunde’ zu verfügen, ist kein Problem. Ein Problem ist das Lektorat des Propyläen Verlag, von dem ich so ein krasses Versagen nicht erwartet hätte. Ausgerechnet Propyläen. Man kann sich förmlich die breiigen Gesichter á la Bernd Zeller vorstellen, mit ihren peinlichen Spießerbrillen, die dort ihr Unwesen treiben. Es sind die Gesichter des Niedergangs einer Kultur.

alexander a. dellwo / 28.09.2020

So lang noch ein Leyendecker für die SZ tätig ist, werde ich keinen einzigen Blick mehr in dieses zu einem Revolverblatt heruntergekommene Medium werfen. Hinzugesellen sich noch weiter Stamm- sowie Gastautoren, die sich beileibe nicht den israelkritisch- bis feindlichen Positionen der Linken anbiedern, sondern es geradezu selbst sind. Dieser moralverkommene Haufen wäre selbst zu dunkelsten Sowjetzeiten für die Prawda untragbar gewesen. Das jeder der seine geistige Verleumdungs-Diarrhö mittels Tastatur in der SZ verbreiten darf, sollte eigentlich ein Fall für den Presserat sein, doch diese satt- und fettgefressene Institution ist seit jeher ein zahnloses Schmusekätzchen, deren Rügen erst dann erfolgen, wenn sich der Restbestand der Anständigen in dieser Republik schon bereits wieder mit dem übernächsten Ausfall beschäftigt.

Jörg Nestler / 28.09.2020

Die Existenz des Staates Israel kann man nur begrüßen, nicht aus Gründen einer deutschen Staatsräson, sondern aus tiefster innerster Überzeugung. Was Theodor Herzl anbelangt, mögen sich Historiker darüber streiten, was er geschrieben oder nicht geschrieben hat. Für falsch halte ich es, den Eindruck zu gewinnen, als hätte es bei der Geschichte der Besiedlung und Gründung des Staates Israel nicht damit verbundenes Unrecht gegeben. Empfehlen kann ich in diesem Zusammenhang den Film „Censored Voices“, der das Wälzen von Geschichtsbücher nicht ersetzen kann, aber einen sehr intensiven Eindruck vermittelt, wie israelische Soldaten selbst Ihren Einsatz mit den damit verbundenen Vertreibungen ortsansässiger Bevölkerung empfunden haben.

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