Die Peinlichkeiten und der Irrsinn (stetig wechselnd) erreichen nun auch den Bereich der Barockmusik, bisher eher Tummelplatz biederer, aber dennoch oder gerade deshalb begeisterter Freunde der Kompositionen von Antonio Vivaldi über Georg Friedrich Händel bis hin zur Gottheit schlechthin – Johann Sebastian Bach. Dessen Rang werden die Händel-Fans (der Autor dieser Zeilen ist hier nicht ganz unbefangen) zugunsten ihres Idols bestreiten, aber das ist nicht der Kriegsschauplatz, der hier im Fokus stehen soll.
Beginnen wir dennoch mit Händel. Die diesjährigen Festspiele für den Meister in Halle (Saale) waren mitunter dermaßen schlecht besucht, dass man sich Sorgen über ein Weiterbestehen der Veranstaltung machen muss. An den – sündhaft niedrigen (ausnahmsweise mal ohne jede Ironie) – Eintrittspreisen kann es nicht gelegen haben und erst recht nicht an der musikalischen Qualität dessen, was auf der Bühne geboten wurde. Gerade einmal knapp halb voll war etwa eine hervorragende Aufführung von Händels „Aci, Galatea e Polifemo“ am 12. Juni, geleitet von René Jacobs, der am Ende den Händelpreis der Stadt Halle erhielt. In Anbetracht der Bedeutung von Jacobs war es eher ein Auszeichnung für die Stadt, dass er den Preis entgegengenommen hat, den er im Übrigen schon längst hätte erhalten müssen.
Neben dem ungeschickt gewählten Veranstaltungsort – die 1998 eröffnete Händelhalle wäre als Kulisse eines CDU-Parteitages perfekt – kamen die kleinen, aber für den langjährigen Besucher umso schmerzlicheren Peinlichkeiten hinzu. Die mitunter üppigen und schönen (und sicher auch nicht ganz billigen) Blumensträuße, die am Ende einer Vorstellung üblicherweise an die Chefs und die Solisten überreicht wurden, scheinen nicht mehr angesagt zu sein. Stattdessen wurde nach „Aci, Galatea e Polifemo“ den sichtlich irritierten Künstlern jeweils eine Playmobilfigur in die Hand gedrückt. Ein kleiner Händel. Die Kreation an sich ist zweifelsfrei eine neckische (und vielleicht auch gewinnbringende) Idee der fränkischen Klicky-Firma. Als – alleinige – repräsentativ-sichtbare Anerkennung nach einer anspruchsvollen Aufführung unter einer der Größen der Barockszene ist das Plastikmännchen eine Zumutung. Nicht traurig, sondern erbärmlich.
Mit Sorgfalt geprüft?
Die Grenze von der Peinlichkeit zum Irrsinn wurde nun am Dienstag letzter Woche in Leipzig überschritten. Und zwar deutlich. Beim dortigen Bachfest, das sich zeitlich mit den Händelfestspielen im nahen Halle ein wenig überschneidet (die von weit her angereiste Kundschaft kann gleich vor Ort bleiben), sollte Sir John Eliot Gardiner (dem Barockfreund auch nicht so ganz unbekannt) am Ende einer Aufführung ebenfalls etwas bekommen. Keine Blumen, das ist vorbei. Auch keine Playmobil-Figur, obwohl es Bach schon seit längerem gibt. Nein, eine „Papierrolle“! Dem Vernehmen nach handelte es sich um eine Baumpatenschaft, aber das kann auch ein Gerücht sein. Im MDR-Bericht ist von einer „Dankesurkunde“ die Rede.
So recht wusste der britische Weltklassedirigent wohl nichts damit anzufangen und gab sie der Überreicherin („zu diesem Zeitpunkt eindeutig als Mitarbeiterin des Bachfestes zu erkennen gewesen“) zurück. Und hier beginnt das Drama: „Die Betroffene nannte es bei MDR KULTUR einen Übergriff, bei dem der 83-jährige Dirigent ‚seine Dankesurkunde in den Ausschnitt meines T-Shirts‘ habe stecken wollen.“ Von „einem grenzüberschreitenden Verhalten“ spricht die Festivalleitung. „Am Tag nach dem Vorfall soll es laut Bach-Archiv ein Gespräch in Anwesenheit von Gardiner gegeben haben. Gardiner soll sein Fehlverhalten eingeräumt und um Entschuldigung gebeten haben. Auch die Festivalleitung habe das Verhalten verurteilt. Die Betroffene sei bei dem Termin nicht persönlich anwesend gewesen, sondern habe sich von zwei Vertrauenspersonen vertreten lassen.“ Der „Betroffenen“ sei „psychologische Hilfe angeboten“ worden. „Wie schnell und in welchem Umfang, ist nicht klar.“
Ein Video von der Angelegenheit soll es geben, öffentlich zugänglich ist es bisher anscheinend nicht. Das Bach-Archiv will „den Vorfall mit Sorgfalt prüfen – etwa, indem das Video von unbeteiligten Personen begutachtet werden solle. Als Konsequenz werde auch erwogen, Gardiner in Zukunft nicht mehr zum Festival einzuladen. Außerdem soll ein neues Awareness- und Schutzkonzept erarbeitet werden. Die Betroffene hat nach eigener Aussage inzwischen Strafanzeige gestellt.“
Vorschlag: Einfach beim nächsten Mal lediglich Playmobilfiguren aufstellen. Machen halt keine Musik, dafür sind sie absolut harmlos. Das „Awareness- und Schutzkonzept“ kann man einsparen, und Sir John schmachtet zu dieser Zeit ja wohl ohnehin noch in einem sächsischen Kerker.

Es gab mal eine Zeit, da hat man die alten Leute mit Respekt behandelt. Etwa durch Anerkennung der Sitten, die in ihrer Lebenszeit die Norm waren. Jetzt wollen die ach so „toleranten“, „weltoffenen“, „kultursensiblen“ Jüngeren den Alten ihre neuen Sitten aufzwingen, völlig ohne Kenntnis von oder Respekt für die Kultur der Alten. Das geht halt manchal schief.
Meine Sympathie hat der hier Beschuldigte John Eliot Gardiner.
Der deutsche Kulturbetrieb, ein Hochamt der linksgrünen Wohlstandsverwahrlosung und Political Correctness. BTW: In einer nicht allzu weit entfernten Großstadt erfährt man von den im Artikel genannten Veranstaltungen gar nichts.
Sehr geehrter Herr Dr. Lommatzsch, ich hoffe, es war ein ironischer Beitrag und nicht bitterer Ernst. Die Mitarbeiterin ist jetzt wahrscheinlich bis an ihr Lebensende traumatisiert, das scheue Reh……
Mfg
Nico Schmidt
Das Video ist in der „Leipziger Volkszeitung“ noch zu sehen. Groupi-Dampfwalze mit der Rückennummer 14 und reichlich Fülle hatte den Auftrag, Röllchen zu verteilen. Das kommt dabei raus, wenn sich jemand für den Nabel der Welt und mal eben wie eine alte Freundin ganz lässig Herrn Gardiner auf die Schulter tippt. Außerdem hätte man der Guten auch ein Tütchen für die blöden Röllchen mitgeben können, bevor man sie als ungelenken Packesel in das Gewusel auf der Bühne schickt. Einfach köstlich und geistesgegenwärtig die Reaktion von Gardiner, nix mit antatschen und Röllchen aufzwingen. Um die Komödie noch amüsanter zu gestalten, stellt T-Shirt-Nummer-14 Strafanzeige wegen sexueller Belästigung.
Wessen Playmobil-Figuren gibt es bei den Festspielen in Bayreuth?
Ohne Video, möglichst auch in Zeitlupe und aus mehreren Perspektiven kann ich die Tat nicht strafrechtlich angemessen bewerten. Eine Vollendung liegt offenbar nicht vor, wobei interessant wäre, ob der Täter die übergriffige Handlung von selbst unter Anzeichen von Reue abbrach, an ihr quasi technisch scheiterte, warum auch immer, oder durch die Gegenwehr ( der Dame) daran gehindert wurde. In den Varianten 2 und 3 wird ihn nicht nur eine Bewährungsstrafe nebst einem Besserungskurs treffen, sondern auch der Bannstrahl. Mit diesen alten weissen Herren gibt es nur Ärger. Da lobe ich mir doch den bekannt pfleglichen Umgang unserer virilen Gäste mit dem weiblichen Geschlecht.
Waren da jetzt idiot*sche Woke oder woke Idiot*n am Werk? Welche Blitznirne kommt auf die abstruse Idee, ernsthaften Künstlern als Dank für ihr Können ein Playmobil-Männeken auszusuchen, schätzungsweise von einer woken Dame überreicht, die wiederum losgeschickt wurde von woken Veranstaltern, die stolz sind auf ihre noch nie dagewesene Eingebung, statt Blumen … – an dieser Stelle kommt eine gute Portion Fremdschämen ins Spiel. Und Leipzig? Da schicken die Veranstalter ein wokes Mimöschen zu einem Star-Dirigenten, um ihm eine nichtssagende (äußerlich, warum keine gerahmte Urkunde?) Papierrolle zu überreichen. Ich hätte die Rolle wieder ‚rausgezogend, dem Dirigenten lachend mit einer Erläuterung wieder zurück gegeben. Ich garantiere, Karajan hätte noch ganz anders reagiert, und dass Sir Gardiner sich in Leipzig noch mal blicken lässt, wage ich zu bezweifeln!