Wolfram Ackner / 19.03.2018 / 06:28 / Foto: Pixabay / 85 / Seite ausdrucken

Wolfram Ackner, Schweißer, an Durs Grünbein, Dichter

Manchmal reibe ich mir verblüfft die Augen. Durs Grünbein sagte in der Süddeutschen Zeitung, dass „dieselben Leute, die in die Sozialsysteme des Westens eingewandert seien (also die Ostdeutschen) sich heute über den Zuzug aus anderen Erdteilen beklagen“. Ist das tatsächlich derselbe Durs Grünbein, der sich über Uwe Tellkamps Behauptung beklagt, dass 95 Prozent der Flüchtlinge nur zu uns kommen, um in unser Sozialsystem einzuwandern?

Diejenigen Journalisten und Politiker, die Tellkamp jetzt der Verbreitung von „fake news“ zeihen – kommt mir das nur so vor oder sind das nicht dieselben Leute, die uns auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise tagtäglich mit Jubelmeldungen traktierten? Darüber, um wie viel gesünder und besser ausgebildet als der Durchschnittsdeutsche doch die Flüchtlinge sind, was sie für einen Segen für die Zukunft unserer Renten und die Stabilisierung unserer finanziell darbenden Krankenkassen darstellen, die uns diesen damals schier endlosen Strom von hauptsächlich jungen Männern als „Frauen, Kinder und Familien" zu verkaufen suchten und den Umstand, das viele zehntausende ohne Pass kamen, damit erklärten, dass das traumatisierte Menschen aus Kampfgebieten sind, die keine Zeit fanden, mehr als das lebensnotwendigste einzustecken? Also ihre Handys? Ich frag ja nur …

Einige der progressiven ostdeutschen Kultur- und Politikgrößen fühlen sich offenbar berechtigt, ihre konservativeren Landsleute vorsätzlich auf das heftigste zu provozieren. Wie neben Grünbein beispielsweise auch schon die damalige Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt, die in einer Bundestagsdebatte sagte: „30 Prozent der Kinder und Jugendlichen heute haben bereits einen Migrationshintergrund und dabei habe ich die Ossis jetzt noch nicht mitgerechnet.“

Als Filmjunkie beschleicht mich da immer der leise Verdacht, dass die Ewigmorgigen durch den Film „Monster AG" dazu motiviert wurden, durch ihr provokatives, faktenfreies Dampfgeplauder die mögliche Erzeugung emissionsfreier Kreisch-Energie zu erforschen. Und als nutzbringendes Beiprodukt, sozusagen als Fernwärme, produziert man wütende Zuschriften, die man dann mit besorgtem Gesichtsausdruck in die Kameras halten kann, um sich über „Hetze“ und den „schwelenden Hass“ in der Gesellschaft zu sorgen und mehr Geld und Einfluss für politisch nahestehende Vereine und Organisationen zu fordern, welche die Gesellschaft in die erwünschte Richtung treiben.

90 Wochenstunden und 200.000 Kilomerter

Ich bin ein in Leipzig geborener Deutscher mit „zwei deutsche Eltern, vier deutsche Großeltern, da weiß man gleich, woher der braune Wind weht“ (na, erinnern Sie sich noch, von wem diese nächste Provokation kam? Kleiner Hinweis: „zwei Bier, vier Messwein, da weiß die Verkehrskontrolle gleich, woher die Fahne weht").

Lassen Sie mich Ihnen kurz meine „Einwanderung“ in das Sozialsystem meines eigenen Landes schildern. Seit 1989 arbeite ich ununterbrochen im Rohrleitungs- und Anlagenbau, davon 17 Jahre auf Montage und Auslandsmontage. In den 90er Jahren war für mich die 50-Stunden-Woche die Norm, die 60-70-Stunden-Woche keine Seltenheit. Ich weiß nicht, wie viele Sonntagnächte und Freitagabende ich stundenlang im Stau hockte, weil hunderttausende ostdeutsche Pendler und Monteure auf dem Weg zu ihren westdeutschen Baustellen und Büros die Autobahnen verstopften.

Ich hatte Zeiten, in denen ich dreihundert Stunden im Monat arbeitete, oder alle vier, fünf Wochen mal für ein verlängertes Wochenende nach Hause kam. Ich hatte Zeiten, in denen ich es schaffte, in vier Jahren beruflich 200.000 Kilometer runterzureißen – mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Wiederverkaufswert meines privaten PKWs, in dem ich oft genug noch Firmenwerkzeug mitnehmen musste. Bei Havarien oder Abstellungen in industriellen Großanlagen kam es auch schon vor, dass ich zwanzig Stunden am Stück in Dreck, Staub und Hitze durcharbeitete. Aber ich will mich nicht beschweren.

Zumindest konnten wir uns als Familie in den diesjährigen Winterferien das erste Mal seit drei Jahren wieder einen Urlaub leisten. Vier Tage auf einem Bauernhof in der Rhön. Und außerdem bin ich weiß Gott kein Extremfall. Ostdeutsche Kollegen von mir standen auch schon 25-30 Stunden am Stück auf der Baustelle, solange eben, bis die Havarie beseitigt war. Schon peinlich, mit welcher Selbstverständlichkeit wir „Migranten im eigenem Land“ es uns in der sozialen Hängematte bequem gemacht haben. Deswegen sind wir auch immer heilfroh, dass solch gesalbte grüne Großdenker uns Dunkeldeutsche noch nicht komplett abgeschrieben haben als bornierten, latenzfaschistoiden Menschenmüll, der nichts von seinem Wohlstand abzugeben bereit ist, sondern versuchen, uns durch das Vorhalten des Spiegels die Chance auf Läuterung und Bewusstseinserweiterung einzuräumen.

Nach der Geburt des zweiten Kindes ins Berufsleben

Bei meiner Frau ist es ähnlich. Nach der Geburt des zweiten Kindes und dem Babyjahr wieder ins Berufsleben eingestiegen, allerdings gezwungenermaßen in den ersten Monaten auf 450-Euro-Basis ... und zwar nicht, wie bei Stuttgarter Bekannten, verteilt auf zehn Stunden und drei Tage die Woche, sondern über siebzehn Wochenstunden von Montag bis Freitag. Der Job am entgegengesetzten Ende der Stadt, das eine Kind zum Tagesvater, das andere Kind zur weit entfernten Kita, summa summarum dreieinhalb Stunden täglich mit der Straßenbahn unterwegs, um zwanzig Euro am Tag nach Hause zu bringen, und zwar mit etwas in der Tasche, was eine Katrin Göring-Eckardt nicht vorzuweisen hat – einem Universitätsabschluss.

Doch der Einsatz lohnte sich, schon bald winkte ein echter Dreißig-Stunden-Vertrag und ein fast schon vierstelliges Gehalt, so dass sich auch meine Frau dank Oma-Sponsoring ein winziges gebrauchtes Auto kaufen konnte, um nicht mehr jede Woche zwanzig Stunden in der Straßenbahn verbringen zu müssen. Nur für eine reguläre Durchsicht in der Werkstatt hat es seit mittlerweile 100.000 km bei uns beiden nie gereicht, aber toi toi toi, Daumen drücken, liebe Leser. Das Fahrverbot kommt hoffentlich schneller als die unbezahlbare Großreparatur.

Schließlich ist es für uns wichtiger, die noch offen stehenden 360 Monatsraten für unsere Doppelhaushälfte abzuzahlen. Wohlgemerkt, unsere bis ins Rentenalter hinein zu finanzierende Doppelhaushälfte, die wir ohne die Beinahe-Unmöglichkeit, eine gute, bezahlbare 4-Raum-Wohnung in Leipzig zu finden, und ohne die durch die „Eurorettung“ verursachte Unmöglichkeit, auf einem anderem Weg noch für das eigene Alter vorzusorgen, niemals gekauft hätten. Und, glauben Sie mir, es macht mir keinen Spaß, hier rumzujammern, zumal wir uns trotzdem noch als privilegiert empfinden.

Es macht einen halt nur stinksauer, wenn man als ein Mensch, der sein ganzes Leben lang immer nur sehr hart arbeitete, um sich aus eigener Kraft über Wasser zu halten und nicht zum Mündel der Betreuungsindustrie zu werden, nun ausgerechnet von Leuten mit idiotischen, beleidigenden Behauptungen diskreditiert wird, die vermutlich eher selber nicht unbedingt auf der Seite der Wertschöpfung zu finden sind. Denn, wie drückte es ein befreundeter Regisseur so schön süffisant aus: „Ein Dichter von, sagen wir es milde, genial weltfremder Lyrik kann heute gar nicht überleben ohne den fast komplett verstaatlichten Literaturbetrieb, ohne diese spezielle Tafel, an der Stipendien, Preise, Goethe-Reisen, pop-ups in den elektrischen Medien verteilt werden.“

Die Hälfte meiner Kollegen sind Osteuropäer

Grünbeins zweiter pauschaler Vorwurf, wir Ostdeutschen wehren uns gegen den Zuzug aus anderen Erdteilen, ist genauso völlig daneben. Noch nicht einmal in den Programmen von Pegida und der AfD wird Grünbein Passagen finden, die sich generell gegen Zuwanderung aussprechen, geschweige denn, dass sich der Rest der ostdeutschen Bevölkerung gegen Zuwanderung sperrt. Ich arbeite seit etwa zwanzig Jahren für Menschen, die als Migranten nach Deutschland kamen und hier Firmen aufbauten, Leute wie mich in Lohn und Brot brachten. Die Hälfte meiner Kollegen sind Osteuropäer, die hart arbeiten und viele Entbehrungen auf sich nehmen, um ihren Familien ein besseres Leben zu ermöglichen. Als ob es da irgendwelche Respekt- und Akzeptanzprobleme geben würde!

Und Herr Grünbein macht wirklich einen Fehler, wenn er denkt, Leute wie er wären die Fürsprecher dieser Menschen. Es gibt nämlich einen Grund, warum beispielsweise der Anteil der AfD-Wähler unter den Russlanddeutschen überproportional hoch ist. Ich habe auch ausländische Kollegen, die seit 25 Jahren hier leben, gut Deutsch sprechen, gut verdienen, gut integriert sind und denen es in der Vergangenheit nicht vergönnt war, ihre Familien nachzuholen und ihre Kinder aufwachsen zu sehen, obwohl sie Familienzusammenführung und Lebensunterhalt ohne jede staatliche Unterstützung auf die Reihe gekriegt hätten.

Bildet sich Herr Grünbein tatsächlich ein, diese Menschen, denen nichts geschenkt wurde, würden diesen generösen, alles hinnehmenden Harakiri-Kurs der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik unterstützen? Die, die ich kenne, greifen sich alle nur fassungslos an den Kopf. Oder bildet sich Herr Grünbein ein, das es die integrierten, laizistischen Zuwanderer aus dem islamischen Kulturkreis gut finden, wie sich jetzt als Folge der „Willkommenspolitik“ der politische Islam – und damit die Zustände, vor denen sie geflohen sind – immer weiter in Deutschland ausbreiten?

Wie sie selbst, die jahrelang nie oder kaum Probleme ob ihres optischen Andersseins in Deutschland erfahren hatten, plötzlich auf der Straße auch ängstliche oder ablehnende Blicke ernten, weil es immer mehr Menschen gibt, die – aus Gründen – großes Unbehagen bis hin zur Furcht vor „südländischen“ Männern entwickelt haben? (In England schreibt man übrigens statt „Südländer“ von der „asian community“, um das mit einem Tabu belegte „M-Wort“ nicht in den Mund nehmen zu müssen).

Wenn Herr Grünbein wissen möchte, wie ein durchaus relevanter Teil der Zuwanderercommunity tickt, dann empfehle ich zur Lektüre die Artikel „Das Korrektiv der Migrantenkinder“ von Sofia Taxidis und „Seit gestern bin ich Nafri“ von Karim Dabbouz.

Der Sound der privilegierten Staatskünstler

Weitere Äußerungen Grünbeins in diesem SZ-Interview fand ich eher unfreiwillig erheiternd. Etwa, dass er den Umstand, dass es plötzlich im Jahre 2018 viele Menschen gibt, die laut Meinungen äußern, für die man im Jahre 2015 noch ans Kreuz genagelt wurden wäre, damit erklärt, dass ihn diese Menschen an die Mitläufer der Montagsdemos in der DDR erinnern: „Als es kein Risiko mehr war, auf die Straße zu gehen, waren sie plötzlich alle dabei – und marschierten dem Begrüßungsgeld entgegen.“ 

Dieser Sound der privilegierten Staatskünstler ist mir aus Wendetagen noch allzu gut im Ohr geblieben. Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym, einer, der schon zu Ostzeiten in die glitzernde Warenwelt des Westens reisen durfte, ließ sich 1990 vom SPIEGEL 3.000 Mark für einen Essay bezahlen, in dem er – so wie heute Durs Grünbein – aus Enttäuschung über den Mangel an utopistischem Idealismus unter der einfachen Bevölkerung diese auf das heftigste beleidigte: 

„Aus dem Volk, das nach Jahrzehnten Unterwürfigkeit und Flucht sich aufgerafft und sein Schicksal in die eigenen Hände genommen hatte und das soeben noch edlen Blicks einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, wurde eine Horde von Wütigen, die, Rücken an Bauch gedrängt, Hertie und Bilka zustrebten auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef. Welche Gesichter, da sie mit kannibalischer Lust in den Grabbeltischen, von westlichen Krämern ihnen absichtsvoll in den Weg plaziert, wühlten.“

Nun, es ist Grünbeins gutes Recht, uns Andersdenkenden an den Kopf zu werfen, dass wir ihn an die Mitläufer von damals erinnern, die dem Begrüßungsgeld zustrebten (obwohl ich persönlich erstmalig schon am gewalttätigen Samstag des 07.10.89 gegen den SED-Staat demonstrierte und danach jeden Montag, bis auch mir die „Deutschland, einig Vaterland“-Rufe zu laut wurden, weswegen ich mich den winzigen Gegendemonstrationen der Leipziger Anarchoszene anschloss und das Begrüßungsgeld zwar als toll empfand und komplett in Schallplatten umsetzte, aber garantiert nicht wegen der hundert Mark auf die Straße gegangen bin, genausowenig wie die anderen Demonstranten.

Wir wollten einfach nicht mehr unter der eisernen Knute der roten Dummschwätzer leben, aber zum ersten gibt er damit unfreiwillig zu, dass es früher für die eigene Karriere und Reputation gefährlich war, solche Sichtweisen öffentlich zu äußern (Beispiele gibt es weiß Gott genug), und dann nehme ich mir im Gegenzug auch das Recht heraus, zu sagen, dass mich Herr Grünbein an die DDR-Funktionäre und Journalisten von einst erinnert, die phantastische Geschichten von der Stärke, Friedlichkeit und Güte des Sozialismus fabulierten, während das ganze Land unterdrückt, militarisiert und runtergewirtschaftet wurde.

„Konstruktiver Dialog mit der Partei- und Staatsführung“

Nur mit dem Unterschied, dass heute eben nicht mehr dieser oder jener Wirtschaftsplan „um 328,5 Prozent übererfüllt“ wurde, sondern uns Tag für Tag mitgeteilt wird, dass wir im „sichersten, besten, reichsten, tolerantesten“ Deutschland aller Zeiten leben, Dass es „uns“ so „unfassbar gut geht“, während in Wahrheit die Gutmeinenden sich mit immer intoleranteren Methoden an ihre schwindende Deutungshoheit klammern, unzählige Menschen wirklich strampeln müssen, um den Kopf über Wasser zu halten, und es hinter vorgehaltener Hand bei vielen Menschen gar kein anderes Thema mehr zu geben scheint als die durch die unkontrollierte Massenmigration hervorgerufene Kriminalitätssteigerung und die Angst vor einer weiteren Ausbreitung des politischen Islam.

Auch mit seiner Äußerung, dass ihm nach der Diskussion mit Tellkamp die tiefe Spaltung in Deutschland bewusst geworden ist („Die einen bedauern dies und sind der täglich sich ausweitenden Spannungen müde“, andere aber „begrüßen die Spaltung und versprechen sich vom offenen Streit eine reinigende Wirkung“) erinnert er mich sehr an die einstigen Bannerträger des Sozialismus, welche die wankende DDR dadurch zu stabilisieren suchten, indem sie der Bevölkerung erzählten, dass jetzt aber nun wirklich genug demonstriert sei, die Regierung habe die Botschaft vernommen und verstanden, aber jetzt sei es Zeit, die Straßen wieder freizugeben und in einen konstruktiven Dialog mit der Partei- und Staatsführung zu treten. 

Aber so ist das halt in einer lebendigen Demokratie, Herr Grünbein. Die Anti-AKW-Bewegung hat sich vom offenen Streit eine Änderung der Politik versprochen, genauso wie die gegen die Nachrüstung protestierende Friedensbewegung und viele andere linke Organisationen. „Kohl muss weg!“ war in den Neunzigern ein gängiger Slogan bei Demonstrationen, ohne dass Journalisten auf den Gedanken gekommen wären, düster und unheilvoll darüber zu raunen, dass dieses „muss weg“ nicht die Forderung nach Rücktritt meint, sondern in Wahrheit etwas ganz ganz anderes.

Und heute nehmen wir Andersdenkenden uns eben das Recht heraus, „Merkel muss weg“ zu rufen und unser Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit wahrzunehmen, um sichere Grenzen und die Einhaltung von Recht und Ordnung zu fordern, auch wenn ihr uns diese verfassungsmäßigen Rechte – oft mit Gewalt und Nötigung – zu verwehren sucht, und ihr diesen Protest mit ähnlichen Methoden zu delegitimieren versucht, die im Herbst 89 die DDR-Führung anwandte, um die Dissidentenszene wieder klein zu kriegen. Denn Demokratie bedeutet eben nicht, dass automatisch das passiert, was die selbsternannten Fortschrittlichen für richtig halten, und es das Ende der Demokratie bedeutet, wenn ein anderer Kurs eingeschlagen wird, den man jederzeit bei wechselnden Mehrheitsverhältnissen auch wieder korrigieren kann. 

Ich bin die Nebelwolken leid

Ich persönlich unterstütze in der Flüchtlingspolitik den Kurs der Osteuropäer und Österreicher, den unsere veröffentlichte Meinung als undemokratisch geißelt, und wünsche mir denselben Kurs für mein eigenes Land. Denn was genau ist an der Haltung dieser Länder undemokratisch? Es gibt in Europa die einen, die wollen alle Grenzen einreißen, die Nationalstaaten abschaffen und es gibt die anderen, die das ablehnen und ihre Identität und Kultur erhalten wollen. Für mich bedeutet Demokratie, die Optionen und den Weg klar zu benennen und sie dem Wähler zur Entscheidung vorzulegen. Und genau das geschieht nicht in Europa, wo eine kleine Elite alles hinter Nebelwolken verschwinden lässt, bis sie ihren Willen hat, wie es selbst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit bemerkenswertem Stolz zugab:

"Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt" und „Wenn es Ernst wird, muss man lügen!“

Ist dies tatsächlich eure Vorstellung von der „liberalen Demokratie“, liebe Gutmeinenden? Dass diejenigen, die über die tieferen Einsichten und das größere Herz verfügen (also ihr), die einfach gestrickten Leute (also uns) an die Hand nehmen und ab und zu etwas flunkern müssen, um das Boot auf dem Kurs zu halten, den sie für den richtigen halten? Damit wir uns nicht unseren niedersten Trieben hingeben? 

Denn wenn ja, dann hoffe ich tatsächlich, dass diese in den letzten Jahren eingerissene, sehr spezielle Sorte „Demokratie“ tatsächlich an ihr Ende kommt, denn, um ein Zitat von Stefan Heym aus dem Winter 89 abzuwandeln: Für mich und sehr viele andere ist es momentan, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der geistigen und politischen Stagnation, den Jahren von Phrasengewäsch, von amtlicher Blindheit und Taubheit! Denn in unseren Augen benehmt ihr euch, als wolltet ihr ein legendäres Zitat („in order to protect the village we had to destroy it“) eines US-Offiziers aus dem Vietnam-Krieg abwandeln: „In order to protect democracy we have to destroy it“

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Leserpost

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Hans Mayer / 19.03.2018

Vielen Dank Herr Ackner, sehr schöne Zustandsbeschreibung. Da fehlt nur noch der Hinweis, dass all die Belastungen aus Wiedervereinigung, Spätheimkehrer (Rußlanddeutsche) und jetzt die Migranten immer schön auf die gut gefüllten Sozialkassen gelegt werden, statt sie aus dem allgemeinen Steueraufkommen zu bezahlen. So bleiben diese “selbsternannten Eliten” von den Kosten ihres Tuns auch noch weitgehend unbelastet und können so schön jammern, wenn dann die Sozialkassen leer sind und die Beitragssätze angehoben werden müssen. Dann war es wieder der demografische Wandel. Die Steuergelder lassen sich ja viel besser ins Ausland verschleudern - “Deutsch- land ist ein reiches Land” - als zur Entlastung der eigenen Leute, Infrastruktur oder Schuldenabbau zu verwenden.

Thomas Götze / 19.03.2018

Lieber Herr Ackner, vielen Dank! Ihr Text hat mir den Tag gerettet. Th. Götze

Andreas Vauh / 19.03.2018

Danke für die erheiternden und faktenreichen Sätze am frühen Morgen!!

U. Unger / 19.03.2018

Toll Herr Ackner, eine sehr guet und persönliche Beschreibung der Situation. Auch ich strampele, ähnlich Ihrer Frau mit Hochschulabschluß, wie auch viele andere. Es wird geflissentlich übersehen, wie viele Leistungsträger und Leistungswillige durch Arbeitsplatzverluste und “Wiedereingliederung” degradiert wurden. Die, ich nenne sie mal Gesinnungsprominenz, a la Grünbein haben einfach zu viel Sendezeit. Auch bemängeln Sie richtigerweise die zu hohe Abhängigkeit der Künstler von Staatsknete. Das Künstler meistens links wirken ist m.E. noch das geschäftstüchtigste an Ihnen. Sie wollen möglichst keinen Kunden vergraulen, hart gesagt, leben Sie in vorauseilendem Opportunismus. Auch hier gibt es die Spaltung Staatskünstler und freischaffende, produktive Kunstunternehmer. Ginge es nach mir, flögen die Staatskünstler samt Politikern aus den Kuckucksnestern und wir hätten Volksabstimmungen ähnlich der Schweiz und GB. Ihrer Forderung nach einer Regierung ähnlich der von Kanzler Kurz ist vernünftig.

Hjalmar Kreutzer / 19.03.2018

Sehr geehrter Herr Ackner, ich will keine Co-Referate halten, alles gesagt, zu allem Zustimmung. Deswegen einfach Respekt, Hochachtung und Dank!

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