„Danke, Yannick!“, „Warum der Dirigent des Neujahrskonzertes der Klassikwelt so gut tut“. „Dirigent des Neujahrskonzertes setzt Zeichen für Frieden und Diversität.“ So bejubelte Mainstream-Feuilletonisten das diesjährige Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im Goldenen Saal des Musikvereins, das mit Fug und Recht wichtigste Konzertereignis der Welt. Mit (bislang) unsterblichen Ritualen wie dem spontan aufbrausenden Beifall vor dem obligatorischen „Donauwalzer“, dem vom Dirigentenpodium herab huldvoll gespendeten Neujahrsgruß sowie dem Radetzkymarsch als effektvollem Rausschmeißer, zu dem der jeweilige Dirigent (eine Dirigentin gab es zum allseitigen Verdruss der Wokisten in dieser Position noch keine) das Publikum rhythmisch mitklatschen lässt.
Geschunkelt wie im Bierzelt wird im noblen Auditorium bislang nicht, wobei es dieses Jahr fast so weit gekommen wäre. Denn der kanadische Dirigent Yannick Nézét-Séguin, verließ erstmals die Bühne zum politisch unkorrekten Radetzkymarsch (Josef Wenzel von Radetzky (1766-1858) war ein Militarist und Monarchist erster Güte und dürfte wohl in absehbarer Zeit der Cancel Culture verfallen), mischte sich fuchtelnd unters Volk im Parterre und ließ dabei seine grau lackierten Fingernägel und seinen blitzenden Ohrschmuck zur Geltung kommen.
Showtalent hat der Mann, das muss man ihm lassen. Nicht umsonst ist er in den Ostküsten-USA mit seiner ostentativen „Queernes“ eine Ikone zeitgemäßer Klassikvermittlung und als Musikchef der New Yorker Metropolitan Opera (MET) so etwas wie das Gegenstück zu den Aktivitäten des Washingtoner Trump-Kennedy-Centers, dessen Interimsdirektor Richard Grenell vor einem Jahr programmatisch verlauten ließ, dass es dort in Zukunft „keine Transenshows und andere antiamerikanische Propaganda“ mehr geben werde.
Feuilletonistische Blasen-Debatten
Auch die Programmfolge des diesjährigen Neujahrskonzertes aus Wien zollte dem Zeitgeist Tribut wie selten. Die Polka "Sirenen-Lieder“ von Josephine Weinlich, einer Musikerin, die im Wien des 19. Jahrhunderts wirkte, sollte ebenso „Diversität“ demonstrieren wie der „Rainbow Waltz“ von Florence Price (1887-1953), der angeblich ersten Afroamerikanerin, die als Komponistin hervortrat. „Titelgemäß bunt wie der Regenbogen, dem internationalen Zeichen für Toleranz und Vielfalt. So politisch war das prestige- und finanzträchtige Unternehmen „Wiener Neujahrskonzert“, das in gut 150 Länder übertragen und von 50 Millionen Menschen gesehen wird, im Verlauf seiner mittlerweile über 80-jährigen Geschichte lange nicht mehr“, jubelte ein Rezensent. „Wohlgemerkt im guten, menschenfreundlichen Sinne.“ Ja, auch das musste gesagt werden, denn Politik kann ja so schrecklich böse und menschenunfreundlich sein.
Für die Wiener Philharmoniker war Nézét-Séguins Verpflichtung der erhoffte mediale Befreiungsschlag. In den Feuilletons, namentlich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), war das Traditionsorchester, das neben den Berliner Philharmonikern lange Zeit als das beste der Welt galt, regelrecht heruntergeschrieben worden. „Weltrang hält man nicht, wenn man sich ausruht, weil man glaubt zu wissen, wie die Musik geht“, mäkelte der FAZ-Musikberichterstatter Jan Brachmann und ein Kollege aus der rheinischen Provinz sekundierte“: „So darf man wohl sagen, dass die Arroganz der Wiener Philharmoniker nicht jederzeit durch Qualität legitimiert scheint.“
Um solch feuilletonistischen Blasen-Debatten richtig einordnen zu können, sollte man wissen, dass Kunstrezensenten gerade Frust schieben. Seit das einstige Rezensions- auf breiter Front von einem politischen Debattenfeuilleton abgelöst wurde und „Kritikerpäpste“ gestorben sind oder abgehalftert wurden, dringen die einst Ton angebenden Damen und Herren thematisch kaum noch durch. Und den konservativen Wiener Philharmonikern mal so richtig ans Zeug zu flicken, sagt den Redaktionsleitungen weitaus mehr zu als die hundertste Besprechung einer „Fidelio“-Premiere. Deswegen sollte man auch Klagen anderer Musikschreiber, wonach die Philharmoniker „schlampig“ und uninspiriert spielten, nicht allzu viel Beachtung schenken. Auf diesem Niveau künstlerischer Performance fällt es selbst Spezialisten schwer, signifikante Qualitätsunterschiede herauszuhören. Das Publikum bleibt davon völlig unbeeindruckt.
Konstant schlechte Presse bleibt nicht ohne Folgen
Im Kern geht es darum, eine der letzten konservativen Musikbastionen sturmreif zu schießen. Dass die Wiener Philharmoniker in Sachen Klang, Organisation und Programmgestaltung allzu großen Veränderungen eher abhold sind, an den letzten, echten Pultmatadoren wie Riccardo Muti, Zubin Mehta, Franz Welser-Möst und Christian Thielemann ebenso festhalten wie an ihrem romantischen, von Komponisten wie Schubert, Brahms und Bruckner verkörperten Klangideal, ist kein Geheimnis und es wurde bislang auch nicht skandalisiert oder gar die Existenzfrage gestellt. Doch eine konstant schlechte Presse bleibt natürlich nicht ohne Folgen vor allem auf die Wahrnehmung durch die Kulturpolitik. Und wenn dann sogar den Wiener Philharmonikern als kulturelles Aushängeschild der Alpenrepublik Zuschüsse gestrichen werden, müssen im Vorstand des Orchesters die Alarmglocken läuten.
Deswegen hat man sich jetzt offenbar eine Offensive in Sachen Diversität verordnet. Vergangenes Jahr konnte mit Mirga Gražinytė-Tyla erstmals eine Frau ein reguläres Abonnementkonzert der Philharmoniker leiten, was auch Voraussetzung dafür ist, einmal in die engere Wahl für die Leitung des Neujahrskonzertes gezogen zu werden. Und Ende Februar steht bei zwei Gastkonzerten in Salzburg und im Tiroler Festspielort Erl wieder eine Frau am Pult: : die US-Amerikanerin Karina Canellakis, erste Gastdirigentin des London Philharmonic Orchestra und des Radio Symphonie Orchesters Berlin (RSB).
Doch das Engagement des schrillen Yannick war ein Coup, mit dem sich die Musiker eine Atempause verschafft haben dürften. Nächstes Jahr geht es gleich weiter mit der politisch korrekten Offensive wenn der russische Dirigent Tugan Sokhiev das Prestige trächtige Neujahrskonzert leiten darf, der aus Protest gegen Putins Einmarsch in die Ukraine seinen Posten als Musikchef des Moskauer Bolschoi-Theaters aufgab. Da muss man fast hoffen, dass der Krieg bis dahin nicht zu Ende ist.

Dass Tugan Sokhiev, wie Herr Etscheid schreibt, „aus Protest gegen Putins Einmarsch in die Ukraine seinen Posten als Musikchef des Moskauer Bolschoi-Theaters aufgegeben“ habe, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Es trifft zwar zu, dass Sokhiev nach dem russischen Angriff auf die Urkraine sein Amt als Chefdirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters niedergelegt hat. Wahr ist aber ebenfalls, dass er auch Musikdirektor des Orchestre National du Capitole de Toulouse war und dass er dieses Amt zugleich mit seinem Posten in Moskau aufgegeben hat. Begründet hat Sokhiev die zeitgleiche Aufgabe beider Ämter damit, dass er zu der „untragbaren Wahl“ zwischen seinen russischen und seinen französischen Musikern genötigt worden sei. Und das klingt für mich mindestens auch nach einer deutlichen Kritik an dem vor allem auf westlicher Seite an manche Musiker – man denke nur an Anna Netrebko oder Valery Giergiev – gerichteten ultimativen Verlangen, sich öffentlich politisch zu positionieren.
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Er hatte auch die Fingernägel lackiert und die Haare gefärbt.
Aber darauf kommt es nicht an.
Schauen Sie es sich an, Frau Grimm.
Ich sah ihn ehedem, als er sich noch nicht derart outete – und war schon damals begeistert.
Die Abkehr von der „Klassik“ ist aber keine Erscheinung der Neuzeit, das gab es schon vor gut 40 Jahren an einigen Stadttheatern – sogar in der Provinz. Mein Konzert-Abo lief über einige Jahre zufridenstellend: 2 x Klassik, 1 x Moderne (und mit modern meine ich nicht Strawinsky, Mussorgsky oder Orff). Dann der Wechsel: 2 x Moderne, 1 x Klassik und Umstieg auf Theater. Da war die moderne Zeit aber schon vor mir da: Ein seltsamer „Zerbrochener Krug“ und ein „modernes“ Ballett, bei dem ich bis heute rätsele, worum es eigentlich ging. Das war schon der „musische“ Vorgeschmack auf heutige Zeiten. Nein danke!
Queerness hin, Queerness her:
Es war ein sehr schönes Konzert, dem meine Frau und ich am Fernseher gerne zugesehen und
zugehört haben. Und die Nahaufnahmen des Orchesters und des Dirigenten haben immer wieder die Begeisterung und Freude der Musiker an ihrer „Arbeit“ bezeugt.
Das letztjährige Konzert mit Riccardo Muti war auch sehr schön, aber da hatte ich mir in der zweiten Hälfte doch immer mehr Sorgen gemacht, ob der Maestro gesundheitlich bis zum Ende durchhält.
Weißer Strampelanzug, goldenes Kettchen und schwarzes LSGBTQX*?$%&-Täschchen.
Mehr muss ich nicht wissen.