Die brutalste Kritik an meinem letzten Text zur englischen Monarchie lautete: Das hätte so auch in der Süddeutschen Zeitung stehen können. Um eine solche Schmähung diesmal zu vermeiden, hier etwas völlig anderes. Oder, wie englische Komödianten sagen: Something completely different. Nämlich ein Stück über Europas überflüssigsten Fußball-Wettbewerb: die Uefa Nations League, unter besonderer Berücksichtigung der Liga A, Gruppe 3. In dieser Vierer-Gruppe tritt ein Verein mit Woke-Etikett, nämlich unserer, gegen zwei unwoke Vereine an und gegen einen, der auf dem besten Weg ist, der unwokeste von allen zu werden.
Woke ist natürlich die deutsche Nationalmannschaft als Vertreterin eines Landes, das zeitgeistgetreu von einer kuscheligen rotgrüngelben Koalition geführt wird. Unwoke sind die Ungarn mit ihrem EU-Rebellen und auch sonst dem Zeitgeist gegenüber unbotmäßigen Viktor Orbán an der Spitze der Regierung. Kaum weniger unwoke sind die Engländer. Nicht nur, dass sie die wunderbare Europäische Union verlassen haben, sie erschüttern unter Liz Truss den Zeitgeist auch mit massiven Steuersenkungen. Und hier und da sogar mit der Behauptung, dass Bio-Frauen und Trans-Frauen nicht hundertprozentig deckungsgleich sind. Zur Strafe haben sie gerade gegen Italien verloren und steigen wohl eine Stufe tiefer in dem überflüssigen Wettbewerb ab.
Sieger Italien ist ein Sonderfall. Dort ist eine gewisse Giorgia Meloni gerade dabei, ihre französische Kollegin Marine Le Pen zu übertrumpfen und – zusammen mit Matteo Salvini und Silvio Berlusconi – eine konservativ-rechte und entschieden unwoke Regierung zu versuchen.
Dass Giorgia Meloni als Schwester ihre Fratelli d'Italia, also ihre Brüder Italiens, soweit vorangebracht hat, ist ein italienisches Unikat. Aber kein europäisches. Der rechte Flügel des konservativen Anti-Zeitgeistes scheint eine Vorliebe für das weibliche Geschlecht an der Spitze zu haben. Denn neben Marine Le Pen (Frankreich spielt in einer anderen Gruppe der überflüssigen Nations League) und Giorgia Meloni soll Liz Truss nicht vergessen werden. Sie fährt – obgleich oder gerade weil ehemalige Liberale und also Konvertitin – einen so scharfen konservativen Kurs, dass selbst ihrem Vorgänger Boris Johnson die Haare zu Berge stehen würden, wenn sie es nicht ohnehin schon täten. Aber – wie gesagt – ihre Fußballmannschaft ist von Giorgia Melonis Fußball-Brüdern abgestraft worden. Der Sport kennt nun mal keine politischen Verwandtschaften.
Wir Neudemokraten hatten Sepp Herberger
Und er belohnt auch keinen braven Wokismus in der Auseinandersetzung mit unzeitgeistigen Nationen. Womit wir beim Spiel der Deutschen gegen die Ungarn wären. Es gab kein Wunder von Bern sondern eine Pleite von Leipzig. Ein gewisser Adam Szalai versetzte mit einem Hackentrick den Deutschen eine Null-zu-Eins-Niederlage. Es war eine späte Rache für 1954. Damals siegte der Demokratie-Neuling Westdeutschland gegen den kommunistischen Favoriten mit einem wunderbaren Drei-zu-Zwei. Damals war die Welt noch nicht in woke und unwoke unterteilt sondern in kommunistisch und westlich demokratisch. Wobei der westliche, in Bern siegreiche Teil Deutschlands, wie gesagt, gerade erst taufrisch in der Demokratie-Gruppe mitspielen durfte. Dieser Einstig ließ ahnen, welches Primus-Potenzial in dem bekehrten Neuling steckte.
Den Kommunisten half kein Grosics, kein Puskás und kein Hidegkuti, denn wir Neudemokraten hatten Sepp Herberger, Fritz Walter, den Fußballgott Toni Turek und Helmut Rahn. Wer durch Rahns Geburtsstadt Essen fährt, kommt heute noch durch drei Unterführungen mit Rahn-Sprüchen des damaligen Reporters Herbert Zimmermann. Erste Unterführung: „Rahn müsste schießen“. Zweite Unterführung: „Rahn schießt“. Dritte Unterführung: „Tooor!“ So bleibt die inoffizielle Geburtsstunde der Bundesrepublik lebhaft in Erinnerung.
Aber das war einmal. Heutzutage, da uns kein eiserner, aber ein fein gesponnener Vorhang in woke und nicht woke spaltet, fuhren Orbáns widerborstige Mannen siegreich nach Hause. Während die Mannschaft aus Wokistan ihr Ziel, mal wieder Primus, also Tabellenführer zu werden, verpasst hat.
Sollte in diesem Text der Eindruck entstanden sein, dass er Politik und Fußball auf ungebührliche Weise vermischt – so kann ich dem nichts entgegensetzen. Meine Hoffnung ist allerdings, dass dieses Stück so nicht in der Süddeutschen Zeitung erscheinen könnte.