Vera Lengsfeld / 20.09.2013 / 12:54 / 3 / Seite ausdrucken

Wohn-Haft

Leider erscheinen wichtige Bücher oft in kleinen Verlagen, die es nicht in die Buchhandlungen schaffen. „Wohn-Haft“ von Manfred Haferburg gehört in diese Kategorie. Der heute in Paris lebende Autor beschreibt sein Leben in der DDR. Das Leben eines Menschen, der sich anpassen, Karriere machen und ein bisschen genießen will.
Wenn man aber ein wenig Eigenwilligkeit bewahrte, wie Manni Gerstenschloss, Haferburgs Hauptheld und Alter Ego, gerät man in Kollision.

In der Schule, weil die Band, in der man spielt, nicht die vorgeschriebenen 60%:40% von DDR-Titeln und Westsongs einhält, beim Studium, weil man Schwierigkeiten hat, die geforderten Lippenbekenntnisse zum Marxismus-Leninismus abzuliefern und auf der Arbeit, weil man mitdenkt, statt lediglich Anweisungen zu folgen. Gerstenschloss hatte sich im DDR-Insassenleben eingerichtet, sogar nicht schlecht. Er bekleidet eine leitende Ingenieursstelle im größten AKW der DDR, Lubmin, er bewohnt ein reizendes Häuschen in Greifswald-Wieck am Hafen und besitzt ein Segelboot, sowie eine Erlaubnis, damit auf der Ostsee zu schippern.

Alles könnte so schön sein, ist es aber nicht. Das romantische Häuschen für die Familie bewohnbar zu machen, braucht es jahrelange Kämpfe, um das benötigte Material und Handwerker zu bekommen. Im Atomkraftwerk wird er Zeuge grässlicher Unfälle, die durch bekannte Unzulänglichkeiten verursacht, dann aber vertuscht werden.
Dem Unfallopfer verweigert das Regierungskrankenhaus in Berlin ein dringend benötigtes Hauttransplantat, was zu dessen Tod führt. Der Familie des verunglückten Elektrikers wird keine Hinterbliebenenrente bezahlt, weil der Mann angeblich selbst schuld gewesen sein soll. Die Unfallquelle wird erst beseitigt, als es zum zweiten Mal zum selben Unglück kommt.

Im „Katastrophenwinter“ 1978/79 , als in vielen Landstrichen der DDR die Lichter ausgehen, arbeitet die von Gerstenschloss geleitetet C-Schicht im AKW 72 Stunden hintereinander. Damit ist das AKW das einzige Kraftwerk der DDR ohne Ausfälle. Der produzierte Strom wird aber vorrangig dafür genutzt, die Mauer in Berlin taghell erleuchtet zu lassen.

Eine dramatische Wende nimmt das Dasein von Gerstenschloss, als er ablehnt, Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit zu werden. Von da an ist er Ziel der „Zersetzungspläne“ der Stasi. Berufliche Misserfolge werden organisiert, der denkmalpflegerische Zuschuss für die Rekonstruktion seines Hauses wird gestrichen, was ihn fast mittellos macht, weil er gleichzeitig sein gutes Gehalt als leitender Mitarbeiter verliert. Es werden Gerüchte gestreut, die bewirken, dass Freunde und Kollegen einen Bogen um ihn machen.

Als der Druck zu groß wird, beschließt Gerstenschloss, über Prag in den Westen zu fliehen.Er wird erwischt und ins Gefängnis in Plzen-Bory gebracht, wo er ohne Haftbefehl und ohne Anklage Monate festgehalten wird. Die Zustände dort sind so grauenhaft, dass ihm das Stasigefängnis in Berlin Hohenschönhausen später fast paradiesisch erschien.
In Plzen sitzt er mit fünf Schwerverbrechern in einer Zelle für zwei. Das Essen, das gereicht wurde, war knapp für drei Personen. Gerstenschloss magerte um 20 Kilo ab, wurde krank und entging dem Tod nur, weil er mit hunderten Anderen in die DDR abgeschoben wurde. Per Flugzeug, das auf dem Flughafen Schönefeld auf dem Terminal für Staatsgäste landete. Diese Flüge fanden offenbar statt, sobald alle Plätze mit Flüchtlingen besetzt werden konnten.

In Hohenschönhausen war Gerstenschloss die ganze Zeit im Haftkrankenhaus, in dem aber höchstens Notbehandlungen stattfanden. Seinem Zellengefährten wurde der Verband seines zerschossenen Knies, das nicht operiert wurde, so selten gewechselt, dass sich die Wunde böse entzündete und der Mann in einen Schockzustand geriet. Die Versuche, die Wache auf den Notfall aufmerksam zu machen endeten damit, dass Gerstenschloss zusammengeschlagen wurde. Der Arzt kam erst am nächsten Tag.
Erst kurz vor dem Mauerfall wurde Gerstenschloss erst aus der Haft und dann aus der DDR entlassen. Nach der Stasiaktenöffnung musste er feststellen, dass Menschen, die er für enge Freunde gehalten hatte, auf ihn angesetzt gewesen sind.Ein mit seinem Fall beschäftigter Stasioffizier macht in der PDS Karriere und zieht in den Bundestag ein. Gerstenschloss gelingt es erst in Paris, seiner Wahlheimatstadt, sein DDR-Trauma hinter sich zu lassen.

Das Buch von Haferburg ist ein wichtiges Zeugnis dafür, wie es in der DDR wirklich war und damit ein unverzichtbarer Beitrag gegen die „Es war nicht alles schlecht“- Propaganda der SED-Linken.

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Albert Krause / 21.09.2013

Liebe Frau Lendsfeld, Man sollte den Buchtitel unbedingt als “Wohn-Haft” lesen, so wie auf dem Schutzumschlag. Denken Sie an die Nebengeschichte der Sigi! Mit besten Grüßen  

Albert Krause / 21.09.2013

Ein schönes Buch! Nicht nur durch das adelnde Vorwort von Wolf Biermann. Wer in der Industrie der DDR gearbeitet hat, wird es verschlingen, weil er ähnliches auch in seiner Branche erlebt hat. Den “außenstehenden”, industriefernen Leser mag die Ausführlichkeit nerven. Aber von ihr lebt das Buch, es ist ein Teil seines Wertes, seiner Authentizität. Dazu gehören auch die fast wörtlich übernommenen Zitate aus den Stasi-Akten - der jüngere Leser könnte sonst kaum glauben, wozu Papier in der deutschen Geschiche auch schon mißbraucht worden ist. Als “Beitrag gegen die Es-war-nicht-alles-schlecht-Propaganda der ehemaligen SED-Leute” taugt es sehr wohl. Dafür kann es gar nicht schwer genug sein. Es gehört für spätere Generationen unbedingt in den Fundus der Berichten aus einem untergegangenen Land. Schade, daß es so spät nach dem Absterben der DDR kommt, das Interesse der gegenwärtigen deutschen Leserschaft wird sich leider in Grenzen halten. Auch die Erinnerung von Autor Haferburg beginnt schon zu verblassen: Die Minister der DDR dankten nach dem Katastrophenwinter von 1978/79 noch nicht “den Genossinnen und Genossen”(im Buch Seite 166). Sie beschränkten sich auf die Genossen; der heutige Gender-Gerechtigkeitsfimmel entstand erst später. Danke, liebe Frau Lengsfeld, für diesen Lese-Tip!

Thomas Oberhäuser / 21.09.2013

Nicht der »kleine Verlag« ist das Problem. Sicherlich sollten wichtige Mitteilungen von möglichst vielen Menschen gelesen werden. Aber nicht bei 30 Euro Buchpreis (bindung). - 10, maximal 20 Euro wären in Ordnung gewesen. - Wenn das eBook wenigstens preiswerter verkauft würde, aber ich könnte wetten, es wird so viel kosten, wie das gedruckte.  

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