Henryk M. Broder / 11.11.2011 / 18:57 / 0 / Seite ausdrucken

Wohl selten so sehr

Der Soziologe Werner Bergmann, Professor am Zentrum für Anti semitismusforschung der Technischen Universität Berlin, schreibt in einem kürzlich erschienenen Beitrag für eine wissenschaftliche Publikation: «Im historischen Vergleich mit der Zeit vor 1945, aber auch mit den letzten 60 Jahren in Deutschland oder den meisten anderen europäischen Ländern, war Antisemitismus gesamtgesellschaftlich wohl selten so sehr an den Rand gedrängt wie heute.»

Das ist zweifellos richtig. Verglichen mit der Zeit vor 1945, geht es den Juden in Deutschland richtig gut. Sie müssen keinen gelben Stern tragen und nicht befürchten, deportiert zu werden; sie können sich ihren Sitzplatz im Zug selbst aussuchen; und wenn sie zum Beispiel auf der Nordseeinsel Borkum Ferien machen, werden sie nicht mehr, wie zu Anfang des 20.?Jahrhunderts, von der Kurkapelle mit dem «Borkum-Lied» begrüsst: «An Borkums Strand nur Deutschtum gilt, nur deutsch ist das Panier. Wir halten rein den Ehrenschild Germanias für und für! Doch wer dir naht mit platten Füssen, mit Nasen krumm und Haaren kraus, der soll nicht deinen Strand geniessen, der muss hinaus, der muss hinaus!»

Insofern hat sich in der Tat vieles zum Guten gewendet. Nicht nur für die Juden, sondern auch für die deutschen Antisemitismusforscher, die sich inzwischen im Zuge eines «Paradigmenwechsels» mit der «Islamophobie» beschäftigen. Wobei sie den Umstand ignorieren, dass der Antisemitismus nach wie vor pumperlgesund ist und seine Protagonisten nicht mehr auf den Stürmer und den Völkischen Beobachter angewiesen sind. Sie haben das Internet.

«An den Rand gedrängt», lassen sie dort die Sau raus. «Der hinterlistige Jude, der sich grad die Hände reibt und dabei grinst, so stell ich mir Sie gerade vor», teilt mir ein Leser mit. «Sie sind einfach nur widerlich, Broder?.?.?. Sie bestätigen wirklich jedes jüdische Klischee perfekt!» Aber das sind – im historischen Vergleich mit der Zeit vor 1945 – nur Zärtlichkeiten, die das Prädikat «antisemitisch» nicht verdienen. Es ist eben alles relativ, auch der deutsche Anti semitismus und sein Begleiter, die wissenschaftliche Antisemitismusforschung.

© Die Weltwoche, 11.11.11

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