Rainer Bonhorst / 02.03.2013 / 09:19 / 0 / Seite ausdrucken

Wohin mit Steinbrück?

In der Clown-Affäre um Peer Steinbrück, Silvio Berlusconi und Beppe Grillo wird stillschweigend davon ausgegangen, dass der Begriff des Clowns eine Beleidigung darstellt. Bernhard Paul, der Chef des Circus Roncalli, hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass Clown ein ehrenwerter, ja sogar ein schwerer und sensibler Beruf ist. Wen also hat Peer Steinbrück mit seiner vorlauten Bemerkung beleidgt - die beiden italienischen Wahlgewinner oder den ehrbaren Berufsstand der Clowns? Und haben, wie Steinbrück behauptet, in Italien wirklich zwei Clowns die großen Wahlerfolge erzielt?

Man sollte bei der Beantwortung dieser Frage differenziert vorgehen. Denn Beppe Grillo und Silvio Berlusconi sind in der Clown-Frage nicht gleich zu behandeln.

Grillo ist immerhin ein berufsmäßiger Komiker. Er ist kein Berufsclown, aber die Schnittmenge beider Professionen ist relativ groß. Der Komiker bringt sein Publikum durch Wort und Mimik zum Lachen, wobei die Worte im Allgemeinen den größeren Anteil am komischen Erfolg haben. Der klassische Clown hingegen erzeugt seine Komik überwiegend mit seiner Mimik, seinem Kostüm und einer clownspezifischen, gewöhnlich roten und runden Nase. Er verzichtet weitgehend auf Worte, gibt allenfalls kleine, merkwürdige Laute von sich oder ein gesäuseltes „Akrobat schööön“. Trotz dieser Unterschiede gilt aber im Prinzip, dass beide, der Clown und der Komiker, sich von Berufs wegen damit befassen, die Leute zum Lachen zu bringen.

Silvio Berlusconi hingegen ist hauptberuflich Unternehmer, Medienmogul und Politiker. Als einen Clown könnte man ihn nur bezeichnen, wenn man einer bloß nebenberuflichen, überwiegend freizeitlichen Clownerie diese Berufsbezeichnung zugestehen will. Davon sollte man jedoch aus standes- und tarifrechtlichen Gründen Abstand nehmen. Berlusconi ist als Clown bestenfalls eine 400-Euro-Kraft.

Erschwerend kommt hinzu, dass seine größten Erfolge im Bereich der Clownerie meist unfreiwilligen Charakter haben. Berlusconi ist sich der Komik seines Verhaltens und seiner Äußerungen zunächst gar nicht bewusst und trägt im Brustton ernsthafter Überzeugung das vor, was beim Publikum zu seiner – Berlusconis – Überraschung dann oft das schallende Gelächter auslöst.

Nehmen wir als Beispiel nur die sorgsam auf seiner ehemaligen Glatze eingepflanzten Haare: Sie unterscheiden sich von der roten Clownsnase darin, dass die Clownsnase gezielt auf Komik setzt, während Berlusconis Implantat dies nicht tut. Das Gelächter, das es auslöst, ist nicht professionell erzeugt. Es handelt es sich um ungewolltes, also passives Gelächter.

Mit anderen Worten: Wir haben es bei Berlusconi nicht mit einem Clown zu tun sondern – unter Gesichtspunkten der Komik-Erzeugung - bestenfalls mit einer lächerlichen Figur.

Was bedeutet das mit Blick auf Peer Steinbrück? Das ist nicht eindeutig zu beantworten. Als Privatperson müsste sich Steinbrück für seine unglückliche Äußerung selbstverständlich bei den Clowns entschuldigen, die er in ihrer Professionalität verunglimpft hat, indem er sie auf eine Stufe mit – vor allem – Berlusconi stellt. Als Politiker und Spitzenkandidat der SPD, kann er eine solche, im Prinzip angebrachte Entschuldigung nicht wagen, da sie zu weiteren diplomatischen Verwerfungen führen würde. Schließlich verstehen die betroffenen italienischen Politiker ihre Einstufung als Clowns nicht als Kompliment sondern als Beleidigung. Und genau genommen hat Steinbrück sie ja auch so gemeint. Der Politiker Steinbrück sollte sich aus Gründen der Diplomatie also nicht bei den Clowns sondern bei den italienischen Politikern entschuldigen, obwohl es umgekehrt sachgerechter wäre.

Ideal wäre natürlich, wenn Steinbrück sich bei beiden, den Clowns und den italienischen Politikern entschuldigen würde, und zwar so, dass jeweils die andere Berufsgruppe nichts davon erfährt, also nicht neuerlich beleidigt sein kann. Es ist allerdings zu bezweifeln, das dies gelingen kann.

Für die SPD stellt sich die ebenfalls nicht leicht zu beantwortende Frage, ob sie Peer Steinbrück in Deutschland behalten soll oder ob sie ihn besser zu seinen Kollegen nach Italien schickt. 

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